Reportage 

Unterwegs im feuchten Traum der Ökos

Es war einmal ein ganz normaler Landkreis, in dem Bürger, Politiker und Unternehmen gemeinsam die Energiewende stemmten. Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage? Wir sind im Märchenland vorbeigefahren.

30. Januar 2017  13 Minuten

Das Auto klingt wie ein Raumschiff. Statt eines zündenden Motors hören wir einen freundlichen Akkord, als wir den Startknopf hinterm Lenkrad drücken. Und dann, fast geräuschlos, Unser Wagen ist mit einem »akustischen Fußgänger-Warnsystem« ausgerüstet – weil er bei geringer Geschwindigkeit sonst wirklich lautlos wäre und damit eine Gefahr für unachtsame Menschen auf dem Gehweg. rollen wir los. Noch schnell »Steinfurt« ins Navi eingeben, dann beginnt unser Recherchetag im Elektroauto.

Da fließt der Strom: Unser Auto veranschaulicht den Stromfluss vom Akku zu den Rädern – Quelle: David Ehl copyright
Eigentlich hat das Elektroauto, mit dem wir an diesem Tag unterwegs sein wollen, einen »Range Extender« – einen Zusatzakku, der die Reichweite auf etwa 240 Kilometer erhöhen soll. Kälte ist jedoch der natürliche Feind des Felix Austen über moderne Akkus Lithium-Ionen-Akkus und so starten wir an diesem sonnig-kalten Januarmorgen mit Strom für 162 Kilometer. Und ganz ehrlich: Es macht großen Spaß, das Gaspedal (heißt das bei einem E-Auto überhaupt so?) durchzudrücken und am eigenen Leib zu erleben, wie kraftvoll der Wagen beschleunigt. Ohne Schalten, ohne schlechtes CO2-Gewissen.

Wir verlassen Münster auf der A1 gen Norden und als die ersten Windräder am Horizont auftauchen, fahren wir ab. Nach gut 30 Kilometern sind wir in Steinfurt – einer beschaulichen Stadt, über die Robert Habeck, stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Der Grünen-Politiker ist Umweltminister in Schleswig-Holstein. Im Januar war er in einer parteiinternen Urwahl für die Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl angetreten – dabei unterlag er knapp Cem Özdemir. am Telefon sagt: »Gemessen an dem, was ich so erlebe, gehört Steinfurt wegen der politischen Aufgeschlossenheit zu den absoluten Spitzenreitern der Energiewende-Kreise.« Der Grünen-Politiker hat den Landkreis im Sommer 2015 besucht und Inspirationen für Schleswig-Holstein gesammelt, wo es laut Habeck »vergleichsweise leicht ist, Freund der Energiewende zu sein, weil alle unmittelbar von den Wertschöpfungsketten profitieren, aber in Steinfurt ist es wirklich politisch gemacht worden. Das ist echt großartig.«

Was ist das für eine Gegend, die weitgehend unbeachtet zum Vorreiter in Sachen Energiewende und Transformation wird? Und was passiert dort überhaupt? Wir sind einfach mal klimaneutral hingefahren und haben uns ein Bild davon gemacht.

Roadtrip! David Ehl und Felix Austen im Elektroauto – Quelle: David Ehl copyright

Der Kreis Steinfurt existiert in dieser Form seit 1975, als im Rahmen einer Gebietsreform Das Münster-Hamm-Gesetz bestimmte zum 1. Januar 1975 die neuen Verwaltungsstrukturen in großen Teilen Westfalens, unter anderem wurde der Kreis Münster aufgelöst und einige Gebiete der Stadt zugeschlagen.

Der Kreis Steinfurt ging aus den Landkreisen Burgsteinfurt und Tecklenburg hervor; außerdem wurden die vormals zu Münster gehörigen Gebiete Saerbeck und Greven angeschlossen.
das halbe nördliche Münsterland zusammengelegt wurde. Mit knapp 1.800 Quadratkilometern ist er so groß wie zwei Drittel des Saarlands. Er beherbergt auf dieser Fläche etwa 430.000 Einwohner, ist also wesentlich Detaillierte Infos des Kreises Steinfurt zur Bevölkerungsstruktur dünner besiedelt. Nennenswerte Städte sind Steinfurt (33.000 Einwohner), Rheine (73.000 Einwohner) und Greven (36.000 Einwohner), das den Flughafen Münster-Osnabrück beheimatet; David Ehl hat für seinen ersten Text bei Perspective Daily, »City-Lofts für alle!«, schon einmal den Kreis Steinfurt besucht: Im Städtchen Laer hat ihm der Architektursoziologe Lefteris Roussos am fertigen Objekt gezeigt, wie intelligente Quartiersentwicklung aussehen kann, wenn Bauherren und Bauamt an einem Strang ziehen. insgesamt umfasst der Kreis 24 Gemeinden. Es gibt viel Handwerk, Landwirtschaft, ein bisschen Spitzentechnologie, eine letzte Kohlegrube und viele Dienstleistungen; die CDU wird meist stärkste Kraft. Klingt solide, aber unspektakulär. Was hat der gar nicht so außergewöhnliche Kreis Steinfurt gemacht, um an die Nachhaltigkeits-Spitze zu kommen?

Der neue Mann im alten Elektrizitätswerk

Diese Frage kann am besten Ulrich Ahlke beantworten: Wir haben von vielen Seiten aus dem Kreis immer wieder gehört, dass er seit Ende der 1990er-Jahre Visionär, Triebfeder und Botschafter der Transformation im Kreis ist. Das Elektroauto ruckelt sanft über das Kopfsteinpflaster in der Steinfurter Innenstadt, bevor wir das denkmalgeschützte ehemalige Elektrizitätswerk erreichen. Als wir den gefliesten Vorraum betreten, kommt uns bereits ein schmaler, grauhaariger Mann mit runder Nickelbrille entgegen: Hausherr Ulrich Ahlke. »Das Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit sitzt in dem Gebäude, wo vor 100 Jahren der erste Strom der Region erzeugt wurde«, erklärt er uns. »Insofern ist das ein symbolträchtiger Ort für das, was heute hier geschieht.« Mit dem Amtsleiter koordinieren hier insgesamt 18 Frauen und Männer die Energiewende im Kreis – Ahlke fügt hinzu, das sei in Deutschland das größte Team auf Kreisebene, das sich nur um die Nachhaltigkeit kümmert.

Vom Vorraum aus betreten wir einen klassenzimmergroßen Saal, der regelmäßig auch für Infoveranstaltungen genutzt wird. Hinter den Aufstellern und Plakaten, die die kreisweite Initiative Website der Steinfurter »Energieland 2050«-Kampagne »Energieland 2050« vorstellen, springt sofort ein Spruch an der gegenüberliegenden Wand ins Auge:

Infos zum Brundtland-Bericht auf Nachhaltigkeit.info Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Lebensqualität der gegenwärtigen Generation sichert und gleichzeitig zukünftigen Generationen die Wahlmöglichkeit zur Gestaltung ihres Lebens erhält. – Brundtland-Bericht, 1987

Zu Filterkaffee und Plätzchen unterhalten wir uns am Besprechungstisch in Ahlkes Büro: »Join the Revolution / support Uli / save our planet« steht auf einer bunten Collage, an einer anderen Wand hängt ein Landschaftsgemälde mit Windrädern und ein Kalender mit einem Merkel-Porträt. Auf dem Schreibtisch stehen eine Schalke-Tasse und eine kleine Buddha-Statue zwischen Aktenordnern und Unterlagen.

Selbst ein überzeugter Grüner, beschäftigt sich Ahlke seit Jahrzehnten mit Nachhaltigkeit, zitiert den Nachhaltigkeitspapst und Soziologen Auch Felix Austen beruft sich in seinem Essay über Suffizienz auf Harald Welzer Harald Welzer und lobt die Klima-Enzyklika des echten Papst Franziskus. »Laudato si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus« lautet der Titel einer Enzyklika (deutsche Textversion hier) von Papst Franziskus, in der er zu nachhaltigem Verhalten aufruft, christlich begründet mit dem Appell, Gottes Schöpfung zu bewahren. Seine Arbeit in Sachen Transformation geht zurück auf das Jahr 1997, als Ulrich Ahlke das erste Konzept zu nachhaltiger Regionalentwicklung schrieb. Ahlke, von Haus aus Bauingenieur, arbeitete damals in der Umweltbehörde des Kreises. Er wollte ihren Ruf als »Verhinderungsbehörde« aufpolieren und beschloss deshalb: »Wir müssen zusätzlich zu dieser ordnungsbehördlichen Arbeit auch Projektarbeit machen, um als konstruktiv arbeitende Behörde wahrgenommen zu werden.«

Ulrich Ahlke sagt, er finde wichtig, Maren Urner fragt: »Macht deine Arbeit Sinn?« sinnerfüllt zu arbeiten. »Mir ist es nie darum gegangen, durch Arbeit reich zu werden.« Wobei Geld von Anfang an ein zentrales Thema bei seinen Transformationsprojekten im CDU-geführten Landratsamt war: »Wir haben berechnet, dass jährlich 1,35 Milliarden Euro Klingt extrem viel? Das fanden wir auch. Das Institut von Christof Wetter, der später in diesem Text eine Rolle spielt, hat errechnet, dass im Kreis jährlich 1,5 Milliarden Euro für Energie ausgegeben werden: Also von Privathaushalten, Unternehmen und Behörden. Dazu zählt nicht nur Strom, sondern auch Wärme oder Treibstoff für Mobilität. Zu Beginn von Ahlkes Tätigkeit mussten davon 90%, also 1,35 Milliarden Euro, von außerhalb des Kreises zugekauft werden – lediglich das Kohlekraftwerk Ibbenbüren stand für Energie-Wertschöpfung innerhalb der Kreisgrenzen. an Kapital aus dem Kreis herausfließen für Energie.« In Ibbenbüren, einer Stadt im Norden des Kreises, steht ein Kohlekraftwerk, ansonsten bezog die Region hauptsächlich Atomstrom aus Grohnde in Niedersachsen. Das Bergwerk Ibbenbüren ist bis zu seiner Schließung 2018 einer von 2 verbliebenen Orten in Deutschland (neben Bottrop), wo unterirdisch Kohle abgebaut wird. Weitere fossile Energieträger (Öl, Gas) wurden und werden nach wie vor in den Kreis Steinfurt »importiert«, tragen also entscheidend zu diesem Kapitalabfluss bei. Also begann Ahlke, den Geldstrom aus dem Landkreis hinaus einzudämmen und sich für regionale Energiegewinnung stark zu machen. Die Energiewende, so sein Tenor, müsse sich auch finanziell für die Bürger und Unternehmen auszahlen, »denn man kann nicht erwarten, dass die Menschen ehrenamtlich ein Millionenprojekt stemmen.«

Ulrich Ahlke in seinem Büro – Quelle: David Ehl copyright
Viele Projektanträge, Infoveranstaltungen und Entscheidungen später stehen so viele Windturbinen und Photovoltaikanlagen in der Gegend, dass beispielsweise die Offiziell ausgewiesener Strom-Mix der Stadtwerke Steinfurt Stadtwerke Steinfurt daraus 100% ihres Stroms gewinnen. Da der Strom jedoch nicht direkt beim Verbraucher ankommt, sondern einen Umweg über die Börse macht und von dort wieder zurückgekauft wird, verkaufen die Stadtwerke offiziell Graustrom – also Elektrizität aus verschiedenen Quellen, darunter auch Kohle und Kernkraft. Der Zusatz »Unser Strom kommt zu 100% aus Steinfurt« zeigt jedoch auf, dass diese Information über den Mix nicht allzu wörtlich zu nehmen ist: Wer im Stadtgebiet ein Kohle- oder Atomkraftwerk besuchen will, wird zwischen den Windrädern lange suchen müssen. Am Horizont steht das Ziel, bis 2050 komplett energieautark zu sein, also auch keinerlei fossile Brennstoffe mehr in den Kreis zuzukaufen.

Um dorthin zu kommen, hat Ulrich Ahlke abseits der Behördenstrukturen ein eigenes Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Kreis Steinfurt Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit aufgebaut: »Wir arbeiten ressortübergreifend und interdisziplinär, dafür sind kurze Dienstwege wichtig.« Ein langfristiges Integriertes Klimaschutzkonzept des Kreises Steinfurt Klimaschutzkonzept greift seit 5 Jahren und erspart dem Amt die jährliche Ungewissheit kommunaler Haushaltsplanung.

Landkreise stehen als Verwaltungsebene in Deutschland zwischen Kommunen und Bundesländern und haben für sich genommen ziemlich wenig zu sagen – umso wichtiger ist die Koordination, die Ahlkes Amt wahrnimmt. Es hilft den 24 Kommunen des Kreises bei Projektanträgen – zum Beispiel hat das Amt Steinfurt und Rheine zu Karte der aktuellen Klimaschutzkommunen des Bunds »Klimaschutzkommunen« des Bundesumweltministeriums gemacht –, bündelt und verstärkt die Interessen, gibt der Transformation ein Gesicht.

Gerade berät Ahlke den Landkreis München zu der Frage, wie die Energiewende dort gestemmt werden könnte. Mit 20 Jahren Erfahrung hat Steinfurt einen gewissen Entwicklungsvorsprung. »Was Landkreise oder auch große Städte angeht, sagen andere von uns, spielen wir mit in der Champions League«, sagt Ahlke.

Windräder, so weit das Auge reicht

Zu Fuß im Stadtzentrum von Steinfurt unterwegs, haben wir nicht unbedingt das Gefühl, gerade durch das Epizentrum der ländlichen Energiewende zu laufen. Normal und unscheinbar wirkt das Städtchen mit seinen Backsteinhäusern, kleinen Läden und Restaurants. Wir wollen sehen, wo wirklich etwas passiert, also setzen wir uns in unser E-Auto (gönnen uns ein bisschen Sitzheizung, der Akku ist schließlich noch mehr als halb voll) und fahren in Richtung Rheine aus dem Stadtkern hinaus.

Windräder, Photovoltaik, eine Straße und viel Land: So sieht’s im Kreis Steinfurt aus – Quelle: David Ehl copyright

Nach dem Ortsausgangsschild wird das Land weit und hinter den winterkahlen Bäumen rücken eine Photovoltaik-gedeckte Scheune und einige turmhohe Windräder ins Bild. Sie gehören zum Windpark Hollich, dessen 35 Anlagen 77,5 Megawatt Leistung Das bringt genug Strom, um mehr als 42.000 Haushalte zu versorgen – also fast 40% aller Wohnungen im Kreis. Verglichen mit dem niedersächsischen Atomkraftwerk Grohnde ist der Windpark jedoch ein Zwerg: Der Reaktor erzeugt fast 20 Mal so viel Strom. Website des Windparks Hollich bringen. Wir wollen uns eine der neuesten Anlagen anschauen, die gut 130 Meter hoch ist, den Rotor nicht eingerechnet. Also biegen wir nach links auf einen holprigen Landwirtschaftsweg ab und parken auf einem dick vereisten Parkplatz, der bei Plusgraden ein matschiger Morast wäre.

Als wir aussteigen, kommt uns aus dem Windrad ein Mann in schwarzer Goretex-Jacke entgegen: Friedhelm Dennemann vom Windpark Hollich, der hier gerade nach dem Rechten gesehen hat. Was er erklärt, passt gut zur Idee von Ulrich Ahlke, dass sich die Energiewende für die Menschen finanziell lohnen muss: Der Windpark gehört den Bürgern – jeder Bewohner der Region kann für 1.000 Euro Anteilsscheine erwerben. Für die zweite, wesentlich leistungsstärkere Hälfte des Windparks, die zwischen 2011 und 2016 aufgestellt wurde, fanden sich mühelos über Die Energieagentur NRW zur Beteiligung von 1.000 Kommanditisten in Hollich 1.000 Kommanditisten. Die Kommanditisten, also Anteilseigner, werden an der Rendite des Windparks beteiligt und haften maximal in Höhe ihrer Einlage. In der Finanzierungsphase bekundeten Menschen von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen ihr Interesse, letztendlich wurden nur Bewohner von Steinfurt und den direkten Nachbarkommunen berücksichtigt. »Wir hätten sofort Investoren für weitere Anlagen«, sagt Dennemann. Trotzdem wolle der Bürgerwindpark zunächst nicht weiter expandieren – in der näheren Umgebung sei kaum noch Platz für Windkraftanlagen.

Heute ist es fast windstill, deshalb summen die grauen Technikschränke im Windrad nur leise vor sich hin. In der 3-Megawatt-Anlage ist es spürbar kälter als draußen, der hohle Turm aus Stahl und Beton gewährt einen Blick bis ganz nach oben, über 130 Meter. Wer ein spezielles Klettertraining absolviert hat, kann hier mit dem Aufzug zur Nabe hochfahren. Die Wartung ist nicht aufwendig und wird von einem externen Dienstleister übernommen, trotzdem schaut Dennemann oder einer seiner Kollegen hin und wieder vorbei. »Die Windenergieanlage ist betriebsbereit«, bestätigt ein DIN-A4-großes Schild in grüner Druckschrift.

Elektroauto on ice: Im Winter hält der Akku nicht so lang wie im Sommer – Quelle: David Ehl copyright

Mit im Boot: Die Wissenschaft

Vom Erzeuger zum Verbraucher: Zurück im Auto drehen wir das Schalträdchen hinterm Lenkrad auf »R« und wenden auf der Eisfläche vor dem Windrad. Wir sind etwas spät dran, also drücken wir aufs Gaspedal. Der linke Bordcomputer zeigt die restliche Reichweite an: 89 Kilometer.

Wir sind mit Professor Christof Wetter verabredet, der die Transformation im Landkreis wissenschaftlich begleitet und an der Fachhochschule Münster, Außenstelle Steinfurt, den Fachbereich »Energie Gebäude Umwelt« leitet. Das Hochschulgelände ist größer, als man es bei einer 33.000-Einwohner-Stadt erwarten sollte, und damit nicht genug: Auf dem Außengelände sind einige Hauscontainer aufgestellt, die weitere Unterrichtsräume beherbergen.

Christof Wetter begrüßt uns in seinem Büro im Dachgeschoss eines lang gezogenen, zweistöckigen Baus. Wer wissen will, wie vielfältig die Projekte im Landkreis sind, erhält einen kleinen Einblick aus einer seiner Grafiken: Darin sind die bislang 20 Kooperationen des Kreises mit der FH nach Themengebieten geordnet; Unter den Punkt Bioenergie fallen unter anderem ein Bioenergie-Leitfaden (2002–2004), eine Perspektivanalyse Biogas (2009), Bioenergie-Fachtagungen in allen Jahren seit 2006 oder eine AG Energieholz (2010 bis heute). ein Zeitstrahl markiert die Spannen. Mehr als die Hälfte der Projekte läuft noch; die E-Mobilität ist das kleinste und jüngste Feld.

Christof Wetter erklärt die Kooperation zwischen Fachhochschule und Landkreis – Quelle: David Ehl copyright

Wir fragen Christof Wetter, ob sich daraus eine Vorreiterrolle ergibt. »Soweit ich das beurteilen kann, spielt Steinfurt eine herausragende Rolle. Wenn ich Vorträge in anderen Regionen Deutschlands halte, ist man beeindruckt, wie weit wir hier sind. Einen sensationellen Unterschied zu anderen Regionen gibt es hier erst mal nicht.« Entscheidend war, was die Steinfurter in den vergangenen 20 Jahren aus ihren durchschnittlichen Grundvoraussetzungen gemacht haben.

Besonders ist die Beteiligung der Bevölkerung: Bei Infoveranstaltungen füllen sich mühelos die größten Hallen des Kreises. Wetter schätzt, dass sich Hunderte, peripher Tausende Menschen einbringen. »Die Akteure kennen sich untereinander, das hat was von Klassentreffen.« Von Menschen, die sich gegen die Transformationsprozesse stellen, weiß Wetter spontan nichts.

Windrad und Windmühle: Im Kreis Steinfurt wird schon seit Langem Energie aus der Luft gegriffen – Quelle: David Ehl copyright

Die Streber vom Kreis Steinfurt

Unseren letzten Termin an diesem Tag haben wir bei einer Gemeinde, die sich sogar überdurchschnittlich stark engagiert: In Saerbeck, einem Ort von 7.200 Einwohnern. Die Wintersonne steht tief über dem gefrorenen Münsterland. Hinter dem Beifahrerfenster tauchen eine alte Windmühle und ein modernes Windrad auf; während wir fahren, verschieben sich die Perspektiven gegeneinander. Der Fahrspaß weicht langsam dem Blick auf die Reichweiten-Anzeige. Wir ärgern uns, dass wir erst beim Abschied erfahren haben, dass vor Christof Wetters Institut eine Ladesäule für unser Elektroauto gewesen wäre. Die Sonne klettert hinter kahlen Laubhainen den Horizont hinunter.

Der Himmel ist abendrot, als wir in Saerbeck ankommen. »NRW-Klimakommune«, heißt uns das Ortsschild willkommen. Die Gemeinde will schon Kurzskizze der Klimakommune Saerbeck des Deutschen Instituts für Urbanistik bis 2030 klimaneutral werden, 20 Jahre vor dem übrigen Landkreis. Im Ortskern, schräg gegenüber von Lidl, steht das Rathaus: Ein urtümliches, sauber saniertes Landhaus aus grobem Sandstein, in dem man anders als bei den meisten Rathäusern dieser Republik auf Anhieb den Weg zum Büro des Bürgermeisters findet. Wir werden in den behaglichen Konferenzraum gebeten, dessen Giebelwand im selben grob gehauenen Sandstein gearbeitet ist wie die Fassade. Nach ein paar Minuten betritt Bürgermeister Wilfried Roos den Saal.

Wilfried Roos, der parteilose Bürgermeister der Gemeinde Saerbeck – Quelle: David Ehl copyright
Die Einstiegsfrage, was aus seiner Sicht die wichtigsten Meilensteine in Sachen Nachhaltigkeit seien, ist keine, die der Amtschef in wenigen Sätzen beantworten kann. Die ersten Schritte datiert der parteilose Wilfried Roos auf 2002, als die Schulen begannen, Turnhallen und Räume anhand der Belegungspläne automatisiert zu beheizen und zu beleuchten. Auch die Folgen der Erderwärmung waren früh Thema: »Wir haben in Saerbeck 2 Bäche, die potenzielle Gefahrensituationen bei Starkregen-Ereignissen darstellen«, sagt Roos. Seit 2004 gibt es einen »Retentionsraum mitten im Ort«, also eine beckenartige Freifläche, die statt der Keller volllaufen kann.

Als Vorbereitung auf einen NRW-weiten Wettbewerb reichten die Bürger 150 Vorschläge ein, wie die Gemeinde nachhaltiger werden kann. Einige fanden Eingang in ein Konzept, das der Gemeinde vor 60 Kontrahenten 2009 zum Titel »NRW-Klimakommune« verhalf. Jetzt startete Bürgermeister Roos eine Kampagne, die die Bürger zur energetischen Sanierung ihrer Häuser motivieren sollte: Er beauftragte einen Leistungskurs der Gesamtschule, Infoschreiben zu formulieren. »Die enorm hohe Rücklaufquote von 40% zeigte, die Leute haben es kapiert«, sagt Roos heute. Viele Haushalte beauftragten Handwerker, mittlerweile gibt es auch ein Nahwärme-Netz, die »gläserne Heizzentrale«. Auf den Dächern der Saerbecker liegen so viele Photovoltaik-Anlagen, Die Saerbecker Solarzellen bringen es laut Roos auf bis zu 11 Megawatt. dass sie keine weiteren mehr bauen dürfen: Sonst ist das Netz überlastet. Und die Windräder innerhalb der Gemeinde produzieren fast 4 Mal so viel Strom, Aktuell liegt die Quote laut Wilfried Roos bei 375% – wenn im Laufe des Jahres 6 weitere 3-Megawatt-Generatoren aufgestellt werden, sollen es sogar 500% werden. wie die Saerbecker selbst verbrauchen.

Elektrizität und Wärme sind in Saerbeck also schon lange vor 2030 ziemlich nachhaltig, in Sachen Mobilität sieht Roos noch Nachholbedarf: »Da haben wir dieselben Probleme wie überall im Land.« Die Autoindustrie sei in der Pflicht, Roos selbst fährt einen Hybrid-BMW, »aber wenn ich da einen größeren Kofferraum will, bleibt mir bei dem Hersteller kaum eine Wahl.«

Ein Großprojekt der Gemeinde ist der Bioenergie-Park – ein in Folge des Nato-Doppelbeschlusses Auf einem der Höhepunkte des Kalten Kriegs beschloss die NATO 1979, Pershing-Raketen – Marschflugkörper mit Atomsprengköpfen – als militärisches Bollwerk gegen die Sowjetunion in Westeuropa zu stationieren. Gleichzeitig forderte sie bilaterale Abrüstungsverhandlungen. Wegen dieser 2 gegensätzlichen Ideen ging diese Politik als Doppelbeschluss in die Geschichte ein. Der erste Teil holte viele tausend Demonstranten auf die Straßen. angelegtes Munitionslager der Bundeswehr, das Anfang der 2000er-Jahre aufgegeben wurde. Der Bebauungsplan hängt großformatig im Konferenzzimmer aus. Heute sind die Betonbunker mit Solarzellen bedeckt, auf dem bewaldeten Gelände stehen mehrere Windräder. Roos sagt, bislang hätten sich 10.000 Menschen durch den Energiepark führen lassen. Am Tag vor uns hatte der Bürgermeister eine Delegation aus der japanischen Präfektur Fukushima zu Gast, die nach der Havarie ihres Atomkraftwerks auf Erneuerbare Energien umschwenken will und dafür ausgerechnet in Saerbeck Inspiration sucht.

Für den Bioenergie-Park investierten die Saerbecker Bürger in eine Genossenschaft, gemeinsam mit weiteren lokalen Trägern sammelten sie 70 Millionen Euro ein. Wilfried Roos sagt, die Unterstützung aus dem Kreis sei nicht allzu groß – andererseits wurde zum Beispiel die »gläserne Heizzentrale« aus Steinfurter Fördermitteln finanziert.

Ende eines Recherchetags: Auf der Fahrt nach Saerbeck geht die Sonne unter – Quelle: David Ehl copyright

Abfahrt, zur Ladestation

Als wir uns von Roos verabschieden, hat unser Elektroauto nichts von einer gläsernen Heizzentrale: Ehrlich gesagt, trauen wir uns auf den verbleibenden 64 Kilometern Reichweite erst gar nicht, die Heizung anzudrehen. Bis Münster sind es zwar nur gut 30 Kilometer, aber man weiß ja nie. Liegen bleiben mit einem E-Auto ist bestimmt nicht schön und es nützt auch nichts, wenn der ADAC mit einem Kabel überbrückt. Wir sind erleichtert, als wir die Redaktion erreichen und den Wagen an die 220-Volt-Steckdose hängen. Es ist noch einiges zu tun in Sachen Energiewende. Schön, wenn es Vorbilder gibt.

Dies ist der erste Teil unserer Doppelreportage aus dem Landkreis Steinfurt. Welche Faktoren zum Erfolg beigetragen haben und was davon auf andere Regionen übertragbar ist, liest du morgen bei Perspective Daily.

Besten Dank an das BMW Autohaus Hakvoort in Münster, das uns das Elektroauto für diese Recherche kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Titelbild: David Ehl - copyright

von David Ehl 

Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.


von Felix Austen 

Der Physiker Felix mag Hafermilch und fährt gern Rad. Er weiß aber auch, dass noch etwas mehr dazugehört, um die Welt vor der Klimakatastrophe und dem Ökokollaps zu bewahren. Deshalb schreibt er über Menschen, Ideen und Technik, die uns und der Umwelt eine Zukunft sichern können. Davon gibt es zum Glück jede Menge!

Themen:  Energie   Klima   Gesellschaft  

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