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Wenn alternative Fakten die Welt erklären

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Dirk Walbrühl

Wenn alternative Fakten die Welt erklären

6. Februar 2017

Chemtrails, 9/11 und die Mondlandung – Immer mehr Menschen erklären sich die Welt durch angebliche Verschwörungen. Frei nach dem Motto: Wenn schon »postfaktisch«, dann aber richtig. Ein Interview mit einem Ehepaar, das skeptisch bleibt und in Podcasts aufklärt.

Alexanders und Alexas Motivation: Menschen dabei zu helfen, die Welt so zu sehen, wie sie ist. – Quelle: Hoaxilla copyright

Ist die Erde eine Scheibe? Wahrscheinlich beantwortest du die Frage mit »Nein« und denkst an einen Globus, Christopher Kolumbus und Google Earth. Das zu überprüfen ist einfach, und sicher gibt es kein internationales Komplott, wie die »Flacherdler« behaupten. Die »Flat-Earth-Theory« gilt als eine der obskursten Verschwörungsideen. Sie geht auf die Schriften des englischen Erfinders und Autors Samuel Rowbotham zurück, der die Zetetic Society gründete. Seine Idee: Die Erde sei eine flache Scheibe mit dem Nordpol im Zentrum, die im Süden von einem Eiswall umgeben ist. Rowbothams Verschwörungstheorie wurde in den USA von kreationistischen Religionsgemeinschaften aufgenommen und gewann erst wieder durch das Internet an Bekanntheit.

Tatsächlich wurde die Kugelgestalt der Erde vom griechischen Gelehrten Eratosthenes im 3. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen – er verglich den unterschiedlichen Schattenwurf eines Stabes zur Mittagszeit an 2 Orten in Ägypten und errechnete daraus recht präzise den Erdumfang (knapp 40.000 Kilometer). Dass die Erde eine Kugel ist, war seitdem in der Wissenschaft anerkannt – auch durch das Mittelalter hindurch. Die Annahme, dass gebildete Christen früher von einer flachen Erde ausgegangen seien, ist ein »historischer Irrtum«.
Doch was ist mit dem Einsturz des World Trade Centers am 11. September 2001 in New York? War das das Werk von Terroristen – oder hatte der amerikanische Geheimdienst CIA die Finger im Spiel? Zu dieser und anderen Verschwörungstheorien lassen sich unzählige Bücher, Videos und Blogs im Internet finden – und auch Hoaxilla, Hoaxilla beschäftigt sich nicht nur mit Verschwörungstheorien, sondern allgemein mit Pseudowissenschaften und modernen Sagen (Urban Legends) aus einer wissenschaftlich-kritischen Sicht. Zielgruppe sind auch unentschlossene Hörer, die sich zum ersten Mal über eine Verschwörungstheorie informieren. Begonnen hat das Projekt vor 7 Jahren, als erster wissenschaftlich-kritischer Podcast auf Deutsch. das Podcast-Projekt von Alexander Waschkau und seiner Frau Alexa.

Gemeinsam gehen der Psychologe und die Volkskundlerin seit 2010 obskuren Theorien im Internet auf den Grund. In Zeiten, in denen der US-Präsident Donald Trump die Erderwärmung als In diesem Text erklärt Felix Austen, welche Auswirkungen Trumps Leugnung der Erderwärmung tatsächlich haben könnte »Erfindung der Chinesen« abtut, ist es höchste Zeit für ein Gespräch mit den Verschwörungsprofis. Bevor wir damit beginnen, müssen wir sichergehen, dass wir über das Gleiche sprechen.

Verschwörung:
Das heimliche Verbünden von Personen mit einer gemeinsamen Absicht, vor allem, um politische Ziele durchzusetzen. Häufig soll dabei eine Regierung gestürzt werden. Beispiel: Die Ermordung Julius Caesars Der damalige römische Diktator Gaius Julius Caesar wurde 44. v. Chr. von einer Gruppe Senatoren in Rom während einer Senatssitzung angegriffen und ermordet. Grund dafür war eine allgemeine Ablehnung seiner weitreichenden politischen Veränderungen der römischen Gesellschaft. An der Verschwörung waren etwa 60 Personen beteiligt, darunter sein enger Vertrauter Marcus Iunius Brutus. resultierte aus einer Verschwörung.

Verschwörungstheorie:
Das Wort bezeichnet den Versuch, ein Ereignis, einen Zustand oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären. Der Historiker Richard Hofstaedter schlug in seinen Essays (englisch) stattdessen den Begriff »Verschwörungsfantasie« vor und machte ein apokalyptisches, paranoides Weltbild als Teil vieler Verschwörungstheorien aus.
Der deutsche Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber kritisiert den Begriff dafür, dass er den Begriff der »Theorie« verwende, der in der Wissenschaft für »breit entwickelte, rational begründete Aussagen« stehe. Er schlägt daher eine weitere Differenzierung vor: »Verschwörungshypothese«: Eine falsifizierbare Aussage über die Wirkung einer denkbaren Verschwörung, die aber offen für Korrekturen durch empirische Gegenbelege bleibt. »Verschwörungsideologie«: Eine nicht-falsifizierbare Aussage über eine angebliche Verschwörung. Diese wird monokausal und stereotyp als sicher vorausgesetzt. »Verschwörungsmythos«: Eine übersteigerte Verschwörungsideologie, die auch Gegenargumente und empirische Gegenbeweise nicht zur Kenntnis nimmt (oder als Beleg für die Verschwörung umdeutet) und sich gegen jede Widerlegung immunisiert.
Der Begriff wird häufig abwertend In diesem Buch beschreibt der Philosoph Karl Popper Verschwörungstheorien als Gefahr für eine offene Gesellschaft (1945) verwendet. Beispiel: Die Flache-Erde-Theorie.

Hoax:
Das englische Wort steht für scherzhaft gemeinte Falschmeldungen, die in Medien verbreitet und dann für wahr gehalten werden. Beispiel: die Kornkreise. Die beiden Künstler Doug Bower und Dave Chorley schufen 1978 die ersten Kornfeldkreise. Im Verlauf der 80er-Jahre betrieben sie es in Süd-England als Hobby und schufen Hunderte dieser Gebilde. Als die Medien auf sie aufmerksam wurden, fanden sich Nachahmer auf der ganzen Welt. Erklärungsversuche umfassten UFO-Zeichnungen oder spontane Wirbelstürme – bis die beiden älteren Herren ihren Hoax im Jahr 1991 aufdeckten.

Moderne Sagen:
werden auch »Großstadt-Legenden« oder »Urban Legends« genannt und sind meist schaurige oder skurrile Geschichten, deren Ursprung sich nicht zurückverfolgen lässt. Darunter fallen auch Geistergeschichten oder Erzählungen »von einem Freund eines Freundes«. Beispiel: Das Krokodil im Kanal. Nach dieser modernen Sage gibt es Krokodile in den Abwasser-Kanälen in vielen Großstädten. Die Sage wird immer wieder von Einzelfällen bestärkt – und wurde sogar einmal wirklich bestätigt! So wurde tatsächlich 2012 ein Krokodil in der Kanalisation im Gaza-Streifen eingefangen.

Für viele Mondlandungs-Verschwörungstheoretiker stammt dieses Bild aus einem Filmstudio in Hollywood. Der angebliche Regisseur: Stanley Kubrick. – Quelle: NASA CC0

War die NASA wirklich auf dem Mond?

Beginnen wir mit der »Mutter aller Verschwörungstheorien«: Der Hoaxilla-Podcast zur Mondlandungs-Verschwörung der Mondlandung. Ist sie damals in einem Ein ZEIT-Faktencheck von 10 Punkten der Verschwörungstheorie Filmstudio entstanden?

Alexander Waschkau: Man findet tatsächlich viele Internetseiten, die viele Einzelbeweise dafür besitzen wollen: von seltsam wehenden Fahnen über merkwürdige Schatten bis zu Auf solchen Internetseiten werden diese angeblichen Fakten gesammelt (englisch) versagenden Filmdosen. Jeder einzelne dieser angeblichen Beweise lässt sich wissenschaftlich widerlegen. Außerdem: Warum haben die Russen die Landung nicht angezweifelt, wenn es auch nur den kleinsten Zweifel gegeben hätte? Ausgerechnet Russland goss 2015 neues Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker: Als Retourkutsche für die FBI-Ermittlungen gegen die FIFA und die Diskussion über die Rolle Russlands als Veranstalter forderte Vladimir Markin, Sprecher des Untersuchungskomitees der russischen Regierung, eigene Ermittlungen über den Verbleib von Videomaterial der Mondlandung. Was Verschwörungstheoretiker dabei überlesen, ist die Klarstellung Markins: »Wir glauben nicht, dass die Amerikaner nicht zum Mond geflogen sind und nur einen Film darüber gedreht haben.«

Ein Verschwörungstheoretiker würde jetzt vielleicht antworten: »Die steckten da mit drin!«

Alexander Waschkau: Das verkennt einfach die politischen Realitäten der Zeit damals. Außerdem hätten dann nicht Tausende, sondern Millionen von Menschen an der Verschwörung beteiligt sein müssen.

Alexa Waschkau: Verschwörungstheorien sind auch nicht neu. Man muss schon sehr weit zurückgehen, um eine Zeit ohne sie zu finden. Zum Beispiel sind die Brunnenvergifter-Legenden Aufgrund vieler Krankheiten im Mittelalter wie z.B. die Pest suchten Menschen einen Sündenbock und fanden ihn in jüdischen Mitbürgern. Die ersten Verurteilungen für »Brunnenvergiftung« fanden am Genfer See im Jahre 1348 statt. Die Angeklagten wurden gefoltert, bis sie gestanden und die Verschwörungstheorie damit scheinbar bestätigten. Obwohl sich etwa Papst Clemens VI. in gleich 2 päpstlichen Bullen gegen eine Schuld der Juden aussprach, verbreitete sich die Verschwörungstheorie in Briefen in Europa. Es folgten Pogrome wie das Straßburg-Massaker im Jahre 1349, bei dem die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt, etwa 900 Menschen, lebendig verbrannt wurde.

Heutzutage wissen wir natürlich, dass diese Krankheiten aus Zentralasien über Gewässer und Flöhe nach Europa kamen und sich auch so verbreiteten. Auch knapp 650 Jahre später bedienen sich noch Menschen dieses Narrativs der »Brunnenvergifter«, etwa der palästinensische Politiker Mahmoud Abbas in einer Rede vor dem Europäischen Parlament im Juni 2016.
im Mittelalter im Prinzip auch eine Art Verschwörungstheorie.

Nun ist die Mondlandung ja gut dokumentiert. Millionen verfolgten das Ereignis live im Fernsehen. Warum reicht das manchen Menschen trotzdem nicht als Beweis?

Alexander Waschkau: Das hat auch etwas mit Enttäuschung zu tun. Die US-amerikanische Gesellschaft war zerrissen. Junge Menschen starben im Kriegseinsatz in Vietnam, das eigene Land hinterfragte die Politik. Was die USA damals zusammengehalten hat, Diese Rede von US-Präsident John F. Kennedy war der Startschuss für das Space-Race (englisch, 1962) war der Traum, durch Technologie über die Probleme auf der Erde hinauszuwachsen. Das hat auch geklappt – ein Moment, der Generationen bewegt hat. Aber für den normalen Bürger auf der Straße ging es einfach nicht weiter.

Da drängen sich ja Parallelen zur heutigen Zeit auf, oder?

Alexander Waschkau: Stimmt. Doch heute kommt noch etwas hinzu. Wir leben in einer spannenden Dichotomie: Einer Zweiteilung, die sich gegenseitig ergänzt. So teilt das deutsche Strafrecht etwa Delikte in Verbrechen und Vergehen auf (§ 12 StGB). Einerseits glauben wir dank Forschung und Technik, dass wir alles wissen könnten. Andererseits entsteht in einer zunehmend komplexen Welt das Problem, dass es niemanden mehr gibt, der alle Antworten liefern kann. Das macht unruhig und lässt Zweifel zu. Und wenn unbekannte Phänomene auftauchen, greifen Menschen zu alternativen Erklärungen.

Wie bei den Anschlägen am 11. September 2001 …

Verschwörungstheorien zu 9/11 formierten sich nur Tage nach den Ereignissen im Internet. – Quelle: Wally Gobetz CC BY

Alexander Waschkau: Mehr noch als die Mondlandung ist der 11. September (oder wie die Amerikaner kurz sagen: Der Hoaxilla-Podcast zu 9/11 9/11 ) eine Zeitenwende für moderne Verschwörungstheorien. Da kamen mehrere Dinge zusammen: Eine wissenschaftliche Arbeit zu Kohärenz von Erinnerungen an 9/11 (englisch, 2003) Ein prägendes Ereignis, das eine sehr starke Erinnerung Viele Menschen können sich heute genau erinnern, wo und wie sie von den Anschlägen des 11. Septembers 2001 erfahren haben. Die Psychologie nennt diese detailgenauen Erinnerungen an Weltereignisse »Blitzlicht-Erinnerung« (Flashbulb memories). Allerdings gibt es auch wissenschaftliche Zweifel an der Stimmigkeit dieser Erinnerungen. auslöst. Dazu gab es eine Erklärung, die so einfach war und gleichzeitig so unglaublich schien: 4 Terroristen, die das geplant und durchgeführt hatten. Hinzu kam dann noch Misstrauen gegenüber der Bush-Administration und natürlich das damals noch recht neue Internet. Das Internet existierte natürlich bereits länger. Relativ neu im Jahr 2001 waren soziale Medien und damit die Möglichkeit, sich mittels Blogs, Foren oder Chats über das Weltereignis auszutauschen und die eigene Version der Realität einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen. Das Internet sah damals ohne Facebook und Twitter natürlich noch ganz anders aus.

Es war also einfacher, eine alternative Wahrheit zu suchen, als sich der Realität zu stellen?

Alexa Waschkau: Die Realität ist nicht immer einfach oder eindeutig. Das ist etwas, was viele Menschen gerade heutzutage Wir sind es zunehmend gewohnt, sehr schnell und von überall aus an Informationen zu kommen. Stellen wir uns eine Frage, führt der erste Weg meist zu Wikipedia oder Google. Nicht umsonst existiert im Internet das beliebte Meme: »The Internet knows everything.« (Das Internet weiß alles). Auch deshalb sprechen Psychologen und Soziologen vom »Informationszeitalter.« nur schwer ertragen können, vor allem wenn diese Aussage von Wissenschaftlern kommt. ›Das können wir aktuell noch nicht erklären‹, ist zwar häufig die ehrliche Einschätzung, verunsichert manche Menschen aber derart, dass sie es mit dem ergänzen, was sein könnte.

Wie sähe denn eine bessere Kommunikation aus, die Entstehung von Verschwörungstheorien vorbeugt?

Alexander Waschkau: Wertfrei – das ist der wissenschaftliche Weg. Man wendet beispielsweise Eine ausführliche Erklärung des Prinzips bei Howstuffworks (englisch) Ockham’s Razor an: Man wählt die einfachste Erklärung, für die möglichst wenige zusätzliche Annahmen nötig sind. Sobald eine schlüssige Erklärung vorliegt, kann man von allen anderen Erklärungen Abstand nehmen – wer nicht loslässt, steckt wahrscheinlich in einer Verschwörungstheorie fest.

Dabei könnten wir theoretisch auch auf echte Verschwörungen stoßen, oder?

Alexander Waschkau: Das ist möglich. Nicht alles ist fake. Das zeigen uns reale Verschwörungen wie Watergate oder die angeblichen Atomwaffen im Irak. Aber die fliegen schnell auf.

Ein ganz gewöhnliches Löschflugzeug bei der Arbeit. – Quelle: Aaron Barnaby CC0

Wie viel Facebook steckt in den Chemtrails?

Ein Theoretiker allein macht noch keine Verschwörung. Wie genau funktioniert die Vernetzung in sozialen Medien?

Alexander Waschkau: In den sozialen Medien versammeln sich Verschwörungstheoretiker zu teilweise Auf Blogs wie diesem etwa tauschen sich Verschwörungs-theoretiker aus abgeschlossenen Communities – von Mondlandungs-Zweiflern bis zu 9/11-Truthern. Anhänger der Verschwörungstheorien rund um 9/11 verfolgen durchaus unterschiedliche Ideen: Einige glauben daran, die US-Regierung wäre an den Anschlägen beteiligt gewesen (»Inside Job« Theory) oder hätte sie sogar selbst geplant (»Make it happen on purpose« Theory). Andere gehe davon aus, die US-Regierung habe die Pläne gekannt, aber nicht eingegriffen (»Let it happen on Purpose« Theory). Sie beeinflussten sich gegenseitig und wurden in den USA zu einer Bürgerbewegung, der »Wahrheitsbewegung zum 11. September« (engl. auch »Truther«). Viele Aspekte der unterschiedlichen Theorien stammen aus dem Blogpost »Muslims Suspend Laws of Physics!« vom Oktober 2001. Auch US-Präsident Donald Trump zeigte im Wahlkampf Sympathie für diese Verschwörungstheorie.

Anders als bei der flachen Erde ist es natürlich schwierig, die Verschwörungstheorie eindeutig zu widerlegen. US-amerikanische Medien klären aber immer wieder über zentrale Argumente der Truther und ihre Widersprüche auf.
Wer dann wagt, von der vorherrschenden Meinung abzuweichen, wird meist rausgeworfen. Das immunisiert gegenüber Kritik und führt dazu, dass sich alle in In diesem Text beleuchte ich, wie sich dieser Echokammer-Effekt auch auf politische Meinungen auswirkt derselben Meinung bestärken. Dann wird auch gerne Quantität mit Wahrheit verwechselt: Nur, weil es Tausende Internetseiten oder Gruppen zu einer Verschwörungstheorie gibt, muss diese noch nicht wahr sein.

Alexa Waschkau: Gerade beim Austausch in sozialen Medien findet auch das sogenannte »Rosinen picken« statt. Das heißt, Informationen werden nicht neutral ausgewertet. In diesen Communities herrschen bereits bestimmte Grundannahmen Dabei spielen auch sogenannte Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) eine Rolle. In der Psychologie beschreibt das die menschliche Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass die eigenen Erwartungen bestätigt werden. Die erste Studie zum Confirmation Bias ist schon fast 40 Jahre alt. vor und jeder sucht nach Daten, die dazu passen.

Kommt am Ende dann eine gemeinsame Verschwörungstheorie dabei heraus oder überbieten sich auch die Verschwörungsgläubigen mit immer neuen Ideen?

Alexa Waschkau: Beides. Menschen erzählen einfach gerne Geschichten; das liegt uns in der Natur. In solchen Communities dient das dazu, die Gemeinschaft zusammenzuschweißen und das eigene Weltbild abzugleichen. Dabei findet natürlich derjenige besonderen Zuspruch, der die Verschwörungstheorie besonders gut verteidigt oder weiterspinnt.

Das heißt, es geht auch um Anerkennung in der Peergroup? Eine »Peergroup« ist eine Gruppe von Menschen mit bestimmten Ähnlichkeiten, zum Beispiel gemeinsamen Interessen, ähnlichem Alter, gleicher Herkunft oder vergleichbarem sozialen Status. Sie bietet den einzelnen Individuen soziale Orientierung und stellt einen Bezugsrahmen dar. Eine Peergroup, die sicher jeder erlebt hat, ist die Gruppe der Schulfreunde aus Kinder- und Jugendtagen.

Alexa Waschkau: Da muss man natürlich genau hinschauen und unterscheiden. Es gibt ja nicht eine, sondern mehrere Arten von Verschwörungstheoretikern.

  1. Konsumenten: Diejenigen, die Verschwörungstheorien nur konsumieren und auf solchen Seiten mitlesen.
  2. Weiterverbreiter: Diejenigen, die Verschwörungstheorien weiterverbreiten und andere überzeugen wollen.
  3. Ideologen: Diejenigen, die sich an Verschwörungstheorien beteiligen, um etwa eine bestimmte Ideologie mitzuliefern oder diese für ihre Ideologie ausnutzen.

Und wer beteiligt sich dort aktiv? Sind das alles Menschen, die zum Beispiel aufgrund von Arbeitslosigkeit viel Zeit haben?

Alexa Waschkau: Nein. Eher Menschen, die durch diese alternativen Erklärungen ein Stück Verantwortung von sich weisen können. Schuld daran, warum es einem gerade vielleicht schlecht geht, ist man dann nicht selbst, sondern zum Beispiel die Chemtrails. »Chemtrails« besteht als Verschwörungstheorie seit den 1990er-Jahren und geht davon aus, dass Regierungen absichtlich Chemikalien durch die Kondensstreifen (englisch »Contrails«) von Flugzeugen ausbringen. Als angeblicher Beweis werden meist Fotografien von seltsamen Streifen am Himmel herangezogen. Die angeblichen Chemikalien sollen, so die Verschwörungstheoretiker, geochemische Eingriffe vornehmen – etwa zur Wettermanipulation oder um die eigene Bevölkerung zu vergiften.

Die Verschwörungstheorie führte bereits zu einem offiziellen Statement der US-Airforce und des Bundesumweltamtes, die Beobachtungen der Chemtrail-Gläubigen erklären und ihren Deutungen wissenschaftlich widersprechen.
Verschwörungstheorien bieten dazu häufig auch ein vages Feindbild an.

Krebsgeschwüre in unserer Gesellschaft – und ihr Gewaltpotenzial

Viele Menschen hinterfragen ja erstmal Der Hoaxilla-Podcast zu Chemtrails (2011) skeptisch die Welt und landen dann bei Chemtrails. Was ist denn der Unterschied zwischen Verschwörungstheorie und »gesunder Skepsis«? Der Begriff »Skeptiker« (z.B. Klimaskeptiker, Mondlandungs-Skeptiker) ist irreführend, da Skepsis eine wichtige Eigenschaft von Wissenschaftlern ist, die wissenschaftliche Ergebnisse hinterfragt und so zu neuen Erkenntnissen führt. Verschwörungstheoretiker und »Klimaskeptiker« sind jedoch nicht skeptisch, sondern leugnen (bestimmte) wissenschaftliche Erkenntnisse. Im Englischen wird auch der Begriff »denier« (Leugner) genutzt.

Alexa Waschkau: Skepsis ist prinzipiell gut, nützt aber genau dann nichts mehr, wenn sie ohne Quellenkritik stattfindet. Wer nicht mehr nachprüft, wo Informationen herkommen, lässt sich von Skepsis in die Irre führen.

Grundsätzlich gefragt: Was spricht denn gegen alternative Erklärungen, die nicht dem aktuellen Wissensstand entsprechen?

Alexa Waschkau: Vergleichen wir Verschwörungstheorien mit Esoterik. Einige Menschen glauben zum Beispiel, dass Geister und Engel sich um sie kümmern. Wenn das privat hilft, hat das keine weiteren Folgen. Verschwörungstheorien sind aber nicht privat, sondern politisch. Wenn man anfängt, sie für bare Münze zu nehmen, wird man anfällig für Demagogen. In der Antike war der Begriff noch positiv besetzt und meinte »guter Redner«. Nach den Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts hat der Begriff an Wert verloren: Ein Demagoge ist nun mehr ein Volksverführer, der ideologische Hetze und Lügen ausnutzt, um Politik zu betreiben. Er schürt Emotionen und Vorurteile, um an Macht zu gewinnen. Nach dieser Definition ist auch Donald Trump ein Demagoge.

Alexander Waschkau: Denken wir an die Reichsbürger. Reichbürger ist keine einheitliche Verschwörungstheorie, fußt aber auf einem sehr ähnlichen Kern: Die Ablehnung der Bundesrepublik Deutschland als Staat. Dabei werden blumige Vergleiche von Satirikern (Etwa Volker Pispers: »Sie haben ein Dokument, das belegt, dass sie zum Personal der BRD gehören«) oder Politikern (z.B. Sigmar Gabriel: »Wir haben gar keine Bundesregierung.«)) zweckentfremdet und für bare Münze genommen.

Die dazugehörigen Bewegungen konkurrieren miteinander und verorten sich im Umfeld der rechtsextremen Szene in Deutschland – mit starken Überschneidungen. Allerdings ziehen sie durch eine radikale Kapitalismuskritik auch Menschen anderer politischer Ausrichtung an. Seit 2010 treten sie verstärkt auf und geraten durch die Anwendung von Gewalt und durch die Ablehnung von Beamten und Behörden immer wieder in die Schlagzeilen.
Die Ideologie der Reichsbürger im Faktencheck bei Mimikama Diese wehren sich nicht nur juristisch gegen die Bundesrepublik. Sie können tatsächlich gefährlich werden, wenn das erzählte Bedrohungsszenario in Die Hoaxilla-Folge zur BRD-GmbH (2014) bewaffneten Widerstand übergeht. So wurden letztes Jahr 4 Polizisten in Franken Bericht der F.A.Z. (2016) niedergeschossen. Verschwörungstheorien sind wie Krebsgeschwüre in einer Gesellschaft. Wir wissen nie, wen bestimmte Theorien erreichen und wie diese sich dann radikalisieren.

»Verschwörungstheorien sind wie Krebsgeschwüre in einer Gesellschaft.« – Alexander Waschkau

Also kann prinzipiell jede Verschwörungstheorie gefährlich werden?

Alexa Waschkau: Alle Verschwörungstheorien basieren auf In diesem Text erklärt Maren Urner, was wir von unserer Neurobiologie über Furcht und Angst lernen können Angst. Die ist nie ein In diesem Text erklärt David Ehl, warum Angst häufig ein Scheinriese ist gutes Fundament fürs Zusammenleben. Gerade in einem politischen Klima, das zunehmend auf Angst und Abgrenzung aufbaut, schafft das nur zusätzliche Probleme.

Gibt es auch eine Vernetzung mit politischen Parteien?

Alexa Waschkau: Politische Gruppen am rechten Rand nutzen gern viele Vehikel, um ihre Ideologie unterzubringen. Sie signalisieren dann den Verschwörungstheoretikern: Wir nehmen euch ernst. Dort findet dann tatsächlich eine Politisierung Alexander Waschkau fügt jedoch hinzu, dass der Aufstieg neuer rechter Parteien wie der AFD kaum etwas mit Verschwörungstheorien zu tun habe. »Da geht es um gesellschaftliche Ressentiments, und wir werden auch ohne Verschwörungstheorien akzeptieren müssen, dass einige Menschen in unserem Land politisch so ticken.« statt.

In den USA dreht der Präsident gerade sogar den Spieß um und zieht wissenschaftliche Theorien wie Erderwärmung als Verschwörungstheorie in Zweifel.

Alexa Waschkau: Das funktioniert nur deshalb, weil Donald Trump bereits vorher Misstrauen in Wissenschaft und Medien geschürt hat. Was wir aktuell in den USA sehen, ist eine Vermischung von Propaganda, Ideologie und Verschwörungstheorie auf institutioneller Ebene. So hat er etwa den Bürgern eingeredet, die USA seien am Boden. Auf diese Ideen kann er jetzt In diesem Text erklärt David Ehl, wie Populismus funktioniert und was wir dagegen tun können aufbauen.

Die Balken zeigen, wie populär die Suchbegriffe relativ zueinander sind. So wurde Flacherde im Jahr 2016 in den USA mehr als zweimal so viel gesucht, wie Chemtrails. Etwas überraschend auch für uns: Die 9/11-Truther verlieren gegen die Flacherdler. –

So kannst du Verschwörungstheoretiker beim Ausstieg unterstützen

Wechseln wir die Perspektive: Ihr bekommt selbst In diesem Artikel erklärt Larissa Schwedes, wie man Hatespeech im Internet begegnen kann Hassbriefe und Drohungen. Warum fühlen sich Verschwörungstheoretiker durch Aufklärungsarbeit wie euren Podcast angegriffen?

Alexa Waschkau: Aus der Perspektive der Verschwörungstheoretiker stützen wir halt ein absolutes Unrechtsregime. Man darf eines nicht vergessen: Die Menschen haben reale Ängste, dass ihnen jemand etwas Böses will. Dabei sind sehr viele Emotionen im Spiel.

Alexander Waschkau: Da gibt es auch einen Unterschied zwischen den Gesprächen im Internet und Begegnungen im echten Leben. Ich frage dann häufig: »Was müsste ich Ihnen denn sagen, damit Sie aufhören, an Chemtrails zu glauben?« Dann kommt meistens keine Antwort mehr. Da spüre ich als Psychologe häufig eine tiefe Verzweiflung.

Das Logo der Flat-Earth-Society. – Quelle: Created by Blanko CC BY-SA

Ist ein konstruktiver Austausch da überhaupt noch möglich?

Alexa Waschkau: Wir machen das nicht für jeden Einzelnen. Manchmal gehen wir aber auf harsche Kritik ein und spielen die Argumente der Verschwörungstheoretiker logisch durch; auch für die, die gerade vielleicht mitlesen und sich möglicherweise zum ersten Mal über das Thema informieren.

Alexander Waschkau: Manche Menschen biegen einmal falsch ab und verwenden dann Jahre ihres Lebens und viel Energie auf solche Verschwörungstheorien, recherchieren viel selbst und lesen viele Bücher dazu. Je länger sie sich mit den Verschwörungstheorien beschäftigen, desto schwerer wird auch der Ausstieg. Das bedeutet ja auch: Diese Menschen haben in ihrem Leben einen Fehler gemacht. Und das können sie nur ganz schwer akzeptieren.

Ist Aufklärung gegen Verschwörungstheorien, also auch euer Podcast, automatisch politisch?

Alexander Waschkau: Wir hatten uns tatsächlich lange das Ziel gesetzt, unpolitisch zu sein – bis wir gemerkt haben, dass das, was wir tun, hochpolitisch ist. Gerade jetzt geht es um einen Realitätsabgleich und darum, hinaus in die Welt zu rufen: Das ist nicht die Wahrheit! Da sind nicht nur wir gefragt, sondern wir alle. Es geht um demokratische Verantwortung.

Zum Schluss die Preisfrage: Wie kann man Menschen wirklich helfen, die in Verschwörungstheorien feststecken?

Alexa Waschkau: Was du auf keinen Fall tun solltest, ist in die Falle zu tappen und die Beweislast umzukehren. Wer eine Verschwörungstheorie aufstellt, der ist auch in der Pflicht, sie mit Belegen zu untermauern.

Alexander Waschkau: Der Königsweg ist es, die Person durch beharrliches Nachfragen auf Widersprüche im Weltbild zu stoßen. Warum hätten die Amerikaner das machen sollen mit dem Mond? Hätte es keine kostengünstigere Möglichkeit gegeben als 9/11? Allein eine meinungsstarke Position (»Das ist nicht wahr!«) zu vertreten und dabei konsistent zu sein, führt manchmal schon zu einem Denkprozess beim anderen.

Titelbild: NASA - CC0

 

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