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Unsere Technik geht unter die Haut

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Unsere Technik geht unter die Haut

8. Februar 2017
Themen:

Intelligente Kontaktlinsen, Gehirn-Implantate und Computer, die wir mit unseren Gedanken lenken – all das kommt auf uns zu. Aber macht es uns zu besseren Menschen?



Der Wecker klingelt und du schlägst die Augen auf. Eine Grafik mit deinen Blutwerten erscheint unter der Zimmerdecke. Blutzucker, pH-Wert , Insulin – alles im grünen Bereich. Du drehst dich noch einmal um. »Was ist in den Nachrichten heute?«, murmelst du und klickst dich mit einem Augenzwinkern durch die Schlagzeilen, die über die weiße Wand fliegen. Während du Kaffee aufsetzt, scrollst du mit dem Blick durch deine Kontaktliste, und als du dich an den Tisch setzt, sitzt deine Freundin dir schon gegenüber. Sie lacht dich an und beißt genüsslich in ihr Käsebrötchen. Dabei sitzt sie in einer anderen Küche, 500 Kilometer entfernt.

Das klingt nach Science-Fiction? Dabei sind wir heute gar nicht mehr so weit von diesem Szenario entfernt. Technologien sind schon jetzt fester Bestandteil unseres täglichen Lebens. Google Maps erweitert unseren Orientierungssinn, Assistenzsysteme wie Siri oder Cortana organisieren unseren Alltag. Jede erdenkliche Frage beantwortet uns das Internet in Sekundenschnelle. Dabei profitieren wir vom gesammelten Wissen der Menschheit. Wir nutzen Whatsapp oder Skype, um digital zu kommunizieren, und Hier schreibt Dirk Walbrühl über das Potenzial von Übersetzungssoftware Übersetzungsprogramme, um fremde Sprachen zu verstehen.

Wollen wir, dass Mensch und Maschine weiter miteinander verschmelzen?

Der Moment, in dem unsere Interaktion mit Technologie die nächste Grenze überschreitet – unsere Haut – ist nicht mehr weit. Wissenschaftler auf der ganzen Welt forschen mit Hochdruck an Technologien, die in den menschlichen Körper integriert werden: »Smarte« Kontaktlinsen, die Informationen in unser Sichtfeld projizieren, Gehirnimplantate, durch die wir Roboterarme steuern können, oder »Hirnschrittmacher«, die unsere geistige Fitness erhöhen. Diese Technologien könnten die Art, wie wir leben, nachhaltig verändern. Gleichzeitig bringen sie ethische Bedenken mit sich, mit denen wir uns auseinandersetzen sollten, bevor die neuen Produkte über die Ladentheke in unser Leben geschwemmt werden.

Zeit, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: Wollen wir, dass Mensch und Maschine weiter miteinander verschmelzen? Sind wir bereit, zu Cyborgs »Cyborg« ist die Kurzform für »cybernetic organism« (kybernetischer Organismus) und bezeichnet ein Lebewesen, das technisch ergänzt oder erweitert ist. zu werden?

4 bevorstehende technologische Entwicklungen zeigen beispielhaft all das Potenzial, das in der Verschmelzung von Mensch und Technologie steckt – aber auch die Herausforderungen, auf die unsere Gesellschaft wird reagieren müssen.

Google Glass und Co: Bedroht Technik unsere Privatsphäre?

Was passiert, wenn in Zukunft digitale und analoge Wirklichkeit verschwimmen und eins werden?

Das Smartphone begleitet viele von uns heute auf Schritt und Tritt, es ist immer nur einen Handgriff entfernt. Mit demütig gebeugtem Nacken treten wir ein in eine digitale Parallelwelt, in der ganz eigene Gesetze gelten. Ein Forschungsteam der Uni Bonn untersucht in einer Studie die tägliche Smartphone-Nutzung von Deutschen anhand einer App (englisch, 2016) 2 bis 3 Stunden am Tag verbringen wir dort im Schnitt. Aber was passiert, wenn in Zukunft digitale und analoge Wirklichkeit verschwimmen und eins werden?

Augmented Reality (»Erweiterte Realität«) heißt die Technologie, die diese Vision real werden lässt. Alles, was du auf dem Display deines Smartphones siehst, erscheint direkt in deinem Sichtfeld. Nicht nur Informationen, sondern auch digitale 3D-Objekte, sogenannte Hologramme, werden in den analogen Raum projiziert. Als Architekt kannst du so durch das Modell eines geplanten Gebäudes in Echtgröße laufen und als Arzt das Gehirn eines Patienten untersuchen, das vor dir im Raum schwebt. Oder eben mit deiner Freundin am Küchentisch sitzen, ganz egal wo sie gerade ist.

Das erste Augmented-Reality-Produkt, welches im Frühjahr 2014 auf den Markt kam, war die berüchtigte Datenbrille Google Glass. Mark Hurst warnte im Februar 2013: Mark Hurst, Geschäftsführer von Creative Good, warnte vor den Risiken von Google Glass (englisch, 2013) »Von heute an […] könnte alles, was du tust, aufgenommen, in die Google Cloud hochgeladen und dort bis zum Ende deines Lebens gespeichert werden. Du wirst nicht wissen, ob du aufgenommen wirst oder nicht, und selbst wenn du es weißt; es wird keinen Weg geben, das zu stoppen.« Der öffentliche Protest hat im Januar 2015 dazu geführt, dass der Konzern das Produkt wieder vom Markt nahm.

Doch die Reise geht weiter »The journey doesn’t end here« – das prophezeite auch Google nach dem gescheiterten Projekt Google Glass. und der Hype um Augmented Reality ist neu entflammt. Datenbrillen wie die Hololens von Microsoft sind zu klobig, um alltagstauglich zu sein. Bald soll die Technologie jedoch durch Das Online-Magazin »Computerworld« über »smarte« Kontaktlinsen (englisch, 2016) »smarte« Kontaktlinsen in den Körper integriert werden – und damit unsichtbar werden.

Die Größen der Tech-Branche forschen aktuell an solchen Datenlinsen. Einige Modelle sollen Daten aber nicht nur anzeigen, sondern auch erheben: Googles Kontaktlinse soll beispielsweise Blutwerte aus der Tränenflüssigkeit des Nutzers ermitteln und diese automatisch an ein Smartphone senden. Sony forscht an einer Kontaktlinse mit eingebauter Kamera und Videoprojektion (2016) Sony dagegen plant eine Anwendung mit integrierter Minikamera und Display, um Videos direkt aufs Auge zu projizieren. Der Nutzer soll die verschiedenen Funktionen über Blicke und Augenzwinkern steuern können. Schon heute ist es möglich, Chips zum Senden und Empfangen von Daten zu produzieren, die nur Mikrometer groß sind und somit in der Größenordnung einer Haaresbreite liegen. Kameras und Displays in diesem Format stellen noch technische Herausforderungen dar. Doch die Entwickler gehen schon lange davon aus, dass es Ex-Google-Entwickler Babak Parviz über die Zukunft von Datenlinsen (englisch, 2012) nur eine Frage der Zeit ist, bis auch diese Hürden überwunden werden. Die Sorge, wir könnten permanent gefilmt oder aufgenommen werden, ohne es auch nur zu merken, scheint also Die ZEIT über Amazon Echo – die persönliche Assistenzbox hört jederzeit mit und sendet jeden Sprachbefehl an den Hersteller (2014) aktueller denn je.

Was bedeutet Privatsphäre in einer Welt, in der es Alltag wird, dass unsere Blicke und Worte aufgezeichnet werden?

Was können wir tun, um unsere Daten zu schützen? Was tun, um unsere Privatsphäre zu schützen? Als Nutzer können wir Konzerne durchaus unter Druck setzen, das Thema Datenschutz bei ihren Produkten zu berücksichtigen. Das kann entweder, wie bei Google Glass, durch öffentliches Aufbegehren passieren oder indem wir zu sichereren Anbietern wechseln. Es steht jedoch zur Debatte, ob wir das Konzept Datenschutz und Privatsphäre in Zukunft nicht völlig neu denken müssen. Was bedeutet Privatsphäre in einer Welt, in der es Alltag wird, dass unsere Blicke und Worte aufgezeichnet werden? Und in der technische Anwendungen nur deshalb so gut funktionieren, weil sie an gigantischen Datenmengen lernen – unseren Daten?

Hirn-Computer-Schnittstellen: Wer ist schuld, wenn etwas schiefgeht?

Stelle dir vor: Du sitzt aufrecht, weiße Krankenhauswände umzingeln dich. Du spürst den Druck von vertrauten Händen auf deinen Schultern. Du willst dich umwenden, willst etwas sagen, doch deine Muskeln gehorchen dir nicht. Seit dem Unfall vor 3 Monaten bist du gefangen in deinem eigenen Körper. Du heftest den Blick an den Monitor vor dir, über den eine endlose Folge von Buchstaben flimmert, und konzentrierst dich. Nach langer Anstrengung erscheint ein E auf dem Bildschirm. Wenn auch langsam, beginnst du Buchstabe für Buchstabe zu sprechen – und trittst wieder mit der Außenwelt in Kontakt.

Diesen Zustand einer vollständigen Lähmung bei vollem Bewusstsein nennt man Locked-in-Syndrom. Die Ursache ist meist eine Verletzung des Hirnstamms, der die Brücke zwischen den Nervenbahnen im Körper und dem Gehirn darstellt.

Über Kommunikation über Hirn-Computer-Schnittstellen – so funktioniert’s Hirn-Computer-Schnittstellen können gelähmte Menschen ein Stück ihrer Handlungsfreiheit zurückerlangen. Der Patient trägt dazu eine Haube mit Elektroden auf dem Kopf, die elektrische Signale in verschiedenen Hirnbereichen aufzeichnet und an einen Computer weiterleitet. Dieser vergleicht Muster in den Hirnströmen mit erlernten Referenzmustern. So identifiziert er Signale, die etwa charakteristisch für den Gedanken an einen Buchstaben oder für eine Bewegungsrichtung »hoch« oder »runter« sind. Diese Signale wandelt der Computer in Befehle um. So kann der Patient über Gedanken einen Cursor auf dem Bildschirm bewegen oder Wie 3 paralysierte Menschen kommunizierten, dass sie weiterleben wollen (englisch, 2017) über Sprache kommunizieren, wie in unserem Gedankenspiel oben. Komplexe Gedankengänge zu »lesen« ist durch diese Technik jedoch (noch) nicht möglich.

Unsere Umwelt manipulieren durch die Kraft unserer Gedanken – das bietet vollkommen neue Möglichkeiten zu handeln.

Auch gesunde Menschen könnten in Zukunft von dem Verfahren profitieren. In einem Ein Forschungsteam an der HU Berlin machte es möglich: ein Schachspiel mit Gedanken (2012) Experiment der Forschungsgruppe »Maschinelles Lernen« der Technischen Universität Berlin spielte im Mai 2012 zum erstem Mal ein Proband eine Schachpartie, ohne einen Finger zu rühren oder auch nur einen Mucks von sich zu geben. Eine Hirn-Computer-Schnittstelle analysierte seine Blicke und steuerte so die virtuellen Figuren. Doch bei Spielen wird es nicht bleiben. Unsere Umwelt manipulieren durch die Kraft unserer Gedanken – das bietet vollkommen neue Möglichkeiten zu handeln. Wir könnten Nachrichten über unsere Gedanken verschicken. Einen Roboterarm steuern, als wäre er unser eigener. Oder gleich einen kompletten Roboterkörper. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Doch was passiert, wenn das Resultat nicht der Absicht des Denkers entspricht? Der Gelähmte fällt die Treppe hinunter, weil der Computer die Hirnsignale fehldeutet. Du führst eine Banktransaktion über Gedanken aus und der Computer überweist die Million auf das falsche Konto. Wer ist für die Konsequenz der Handlung verantwortlich? Du? Der Hersteller? Oder der Computer? Je mehr wir uns auf Technologien verlassen, desto schwieriger wird es, rechtliche Verantwortung festzulegen, wenn etwas schiefläuft. 2016 kam ein Mann ums Leben, als sein selbststeuernder Tesla einen Unfall verursachte. Wer trägt die Schuld? Höchste Zeit, darüber zu sprechen.

Gehirnstimulation: Kann ich noch mithalten?

Jetzt stelle dir vor: Die Welt um dich herum existiert nicht mehr. Da sind nur du und ein weißes Blatt vor dir, das du mit geschliffenen Wörtern füllst. Es ist dir immer schwergefallen, dich in Klausuren auf deine Aufgabe zu fokussieren. Ein Rascheln hier, ein flüchtiger Gedanke da. In dieser Reportage berichtet ein Student von seinen Erfahrungen mit den Verlockungen von Ritalin (2009) Seitdem du Ritalin nimmst, ist das Problem mit der Aufmerksamkeit passé.

Ist es fair, durch Medikamente die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern? Ähnliche Fragen könnten sich auch bei Zukunftstechnologien stellen, wie bei der Tiefen Hirnstimulation. Dieses Verfahren wird heute vor allem Die Parkinson Foundation erklärt, wie Tiefe Hirnstimulation die Symptome der Krankheit verschwinden lässt (englisch) bei Parkinson-Patienten angewandt. Parkinson ist eine Krankheit, bei der Nervenzellen in gewissen Bereichen des Gehirns langsam absterben. Die Symptome sind Bewegungsstörungen wie Muskelzittern, Versteifung, Verlangsamung von Bewegung oder Haltungsstörungen. Für viele Betroffene erschwert die Krankheit das alltägliche Leben immens. In einem chirurgischen Eingriff werden Elektroden in das Gehirn implantiert. Diese entsenden elektrische Signale, die die Gehirnaktivität beeinflussen und so die Bewegungsstörungen verschwinden lassen. Das Implantat im Gehirn ist mit einem Gerät verbunden, an dem der Patient per Knopfdruck die Stimulation ein- und ausschalten kann. Der »Hirnschrittmacher« ermöglicht ihm, wieder zu laufen, zu schreiben, zu tanzen – ein »normales« Leben zu führen. Zweifellos eine gute Sache.

Tiefe Hirnstimulation ermöglicht einem Parkinson-Patienten, kontrollierte Bewegungen auszuführen.

Zählen auch Bildung, gute Ernährung und Sport, die alle nachweislich die geistigen Fähigkeiten erhöhen, als unnatürliche Eingriffe?

Denken wir etwas weiter, tun sich Fragen auf, die weniger leicht zu beantworten sind: Das Institut für Technikfolgen-Abschätzung über den nicht-therapeutischen Einsatz von neuronaler Verbesserung Was könnte Tiefe Hirnstimulation für gesunde Menschen bedeuten? Theoretisch ist es möglich, durch Stimulation der richtigen Hirnbereiche die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen. Die Konsequenzen wären weitreichend. Kann ich noch mithalten mit jemandem, der dank einer teuren Operation mit einem Druck auf den Knopf seine Leistungsfähigkeit steigern kann? Auf der anderen Seite ist fraglich, ob hier ein qualitativer Unterschied besteht zu jemandem, der leistungssteigernde Medikamente einnimmt. Und gehen wir noch einen Schritt weiter: Zählen auch Bildung, gute Ernährung Maren schreibt über die heilsamen Wirkungen von Sport und Sport, die alle nachweislich die geistigen Fähigkeiten erhöhen, als unnatürliche Eingriffe?

Werden unsere erlernten Fähigkeiten überflüssig?

Zur ausführlichen Anleitung geht es hier Zuerst mit einem sauberen Hieb den Kopf abtrennen und nach dem Ausbluten das Tier für etwa 30 Sekunden in 90 Grad Celsius heißes Wasser tauchen. Mit dem Brustbereich beginnen und mit Daumen und Zeigefinger vorsichtig die Federn entfernen. Im Anschluss werden die Kniegelenke eingeschnitten, um die Beine leichter vom Körper trennen zu können.

Kaum jemand kann heute noch ein Huhn rupfen, einen Teppich knüpfen oder eine Vase töpfern. Im Laufe der Geschichte haben Menschen sich immer wieder Fertigkeiten angeeignet, die durch neue Technologien obsolet wurden – und denen wir nicht unbedingt hinterhertrauern.

Dennoch ist die Gefahr, Fähigkeiten zu verlieren, in der aktuellen Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung für unser Bildungssystem? Debatte um Digitalisierung ein heiß diskutiertes Thema. Stichwort Digitale Demenz: Dem Psychologen Manfred Spitzer zufolge führt der Gebrauch von digitalen Medien dazu, dass unsere geistige Leistungsfähigkeit nachlässt. Handschriftlich schreiben, auswendig lernen, uns orientieren: Das sind Talente, die wir immer weniger brauchen und nutzen – und an denen wir doch hängen. Sollte Informatik als Schulfach schon in der Grundschule eingeführt werden? Natürlich wollen wir, dass unsere Kinder schreiben lernen, mit Füller und Papier, nicht bloß mit 2 Daumen auf dem Touchscreen! Aber ist das nicht bloß Nostalgie? Oder gibt es rationale Gründe, warum wir an diesem Können festhalten sollten?

Die Mensch-Maschine-Philosophie

Neben all diesen Argumenten, die für oder gegen die Verschmelzung von Mensch und Computer sprechen, bleibt ein gewisses Unwohlsein bestehen. »Das ist nicht natürlich!« oder »Das ist nicht so gewollt!« waren Reaktionen, auf die ich bei Diskussionen mit Freunden und Verwandten in der Recherche zu diesem Artikel häufig gestoßen bin. Sie enthalten eine wichtige Frage: »Verändert es unsere Identität als Mensch, wenn die Technik immer tiefer in unser Leben eindringt?«

Werden wir immer technischer, wenn unsere Interaktion mit Technologien enger wird? Und gibt es einen Punkt, ab welchem wir mehr Maschine sind als Mensch? 2 populäre Theorien gibt es dazu. Eine stammt von dem amerikanischen Unternehmer Ray Kurzweil. Die andere vertritt Nick Bostrom, Professor für Philosophie an der Universität Oxford.

»Die technologische Evolution ist eine Fortsetzung der biologischen Evolution.« – Ray Kurzweil

»The Law of Accelerating Returns« – Ray Kurzweils Zukunftsvision (englisch, 2001) Ray Kurzweil hat eine umstrittene Vision: In Zukunft werden wir super-intelligente Maschinen erschaffen, deren Rechenleistung die unseres Gehirns um ein Vielfaches übersteigt. Kurzweil geht davon aus, dass wir schließlich in der Lage sein werden, unser eigenes Bewusstsein auf eine solche Maschine »hochzuladen«. Diesen hypothetischen Vorgang nennt man Mind uploading. Dabei sollen die Verknüpfungen zwischen den Neuronen in einem Gehirn 1 zu 1 auf einen Computer übertragen werden. Der Computer habe dann dieselben Erinnerungen, Gedanken und Gefühle wie sein biologisches Äquivalent. Schließlich, so die Theorie, werden wir uns durch diesen Prozess von unserem lästigen Körper mit all seinen Macken und Bedürfnissen trennen können. Unsere Identität wird auf eine Festplatte übertragen. Wir werden zum Computer. Oder: Der Computer wird zu uns.

»Das vielleicht Klügste, was die menschliche Spezies tun könnte, ist daran zu arbeiten, sich selbst klüger zu machen.« – Nick Bostrom

Nick Bostroms Essay »Superintelligence« (englisch, 2009) Nick Bostrom vertritt einen anderen Standpunkt. Für ihn bedrohen die von Kurzweil ersehnten super-intelligenten Maschinen die Existenz der Menschheit, Das Verhältnis von Computern und Menschen könnte in Zukunft, so Bostrom, ähnlich zu dem Verhältnis von Menschen und Schimpansen heute sein. Unser Schicksal könnte ganz und gar vom Wohlwollen der Computer abhängen – schwierig, wenn man bedenkt, dass Artenschutz nicht unbedingt zu ihren Werten gehören wird. da sie so mächtig sein werden, dass sie sich unserer Kontrolle entziehen. Daher ist der Mensch der Ausgangpunkt seiner Zukunftsvision. Bostrom verfolgt die Philosophie des Transhumanismus: Unser Körper und unser Gehirn sind biologisch gegebene Grenzen, die einschränken, was wir wahrnehmen, verstehen und tun können. Wir sollten unseren Körper durch Technologie immer weiter selbst optimieren, um uns über diese Grenzen hinaus entwickeln zu können. Diese Optimierung des Menschen nennt man Human enhancement. (englisch für »Menschliche Verbesserung«). Der Transhumanismus sieht sich mit diesem Bestreben in einer direkten Fortsetzung des Humanismus des 19. Jahrhunderts. An die Stelle von Optimierung durch Bildung tritt heute Optimierung durch Technologie.

Die Visionen von Kurzweil und Bostrom sind verwandt. Beide streben eine Verschmelzung von Mensch und Maschine zu einer neuen, überlegenen Spezies an. Sie sehen den Menschen als eine Art »Prothesengott«. In seinem Essay Das Unbehagen in der Kultur (1930) prägte Sigmund Freud den Begriff Prothesengott: »Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.« Technologien seien unsere Hilfsorgane, durch die wir immer besser, intelligenter und schöner werden, eines Tages vielleicht sogar unsterblich. Die Technik ist unser Fahrschein, um dem dunklen Loch menschlichen Daseins zu entfliehen.

Janina Loh, Philosophin an der Universität Wien, Janina Loh sieht sich selbst als »kritische Posthumanistin«. Sie will die Kategorien hinterfragen, durch die wir Menschen uns definieren, wie die traditionelle Gegenüberstellung zwischen Natur und Kultur, deren uneingeschränkte Gültigkeit – so Loh – mehr als fraglich ist. kritisiert diesen Willen zur Optimierung des Menschen: »Es wird von Intelligenz, Schönheit und Glücklich-Sein in einer Weise gesprochen, als gäbe es dafür objektive Maßstäbe und als wäre ausgemacht, dass ein ›Mehr‹ von all diesen Fähigkeiten ein ›besseres‹ Leben garantiert.« Bedeutet es, dass wir klüger werden, weil wir über Informationen verfügen? Und führt ein klügerer Mensch ein besseres Leben?

Auch gegen Kurzweils Überzeugung, dass wir unseren biologischen Körper durch eine Maschine ersetzen können, wendet Janina Loh sich entschieden. Die Vorstellung, dass Geist und Körper getrennt werden könnten, sei falsch Der Frage, wie Körper und Geist (englisch: mind) zusammenhängen, widmet sich ein ganzer Zweig der Philosophie. Begründet auf den Überlegungen von Réné Decartes, gehen Dualisten davon aus, es handle sich um 2 voneinander trennbare Dinge: ein materieller Körper und ein immaterieller Geist. Der Monismus dagegen behauptet, unsere Gedanken seien nichts anderes als die Gehirnströme, die mit ihnen einhergehen. und der Wunsch, den Körper zu »überwinden«, somit aussichtslos.

Für Janina Loh sind Technologien keine »Hilfsorgane«, die wir anlegen. Die Kernthese ihrer Philosophie: »Technik gehört per se zum Menschen dazu.«

Wir Menschen haben schon immer Werkzeuge verwendet, um unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu erweitern und Schwächen auszugleichen. Wir machten uns Steine zunutze, um Feuer zu machen, wir entwickelten das Rad und die Dampfmaschine, den Computer und das Smartphone.

»Ich kann mir gar nicht vorstellen, die Welt in einer romantisierten Form ohne Technik wahrnehmen zu können.« – Janina Loh

Ebenso sehr wie unser Handeln bestimmen menschliche Erfindungen unser Verständnis von der Wirklichkeit. Trinken wir Cola oder nehmen die Pille, so verändert das unsere Hirnaktivität. Virtuelle soziale Netzwerke ändern die Art, wie wir Beziehungen führen. Werbung verändert unsere Bedürfnisse. Definiert man Technik so weit, dass es all diese Dinge einschließt, sind wir alle »geborene Cyborgs«. Der Begriff »natural born cyborg« wurde vom renommierten Kognitionswissenschaftler Andy Clark geprägt.

Wenn wir als Gesellschaft aktiv an der Technikentwicklung teilhaben und diskutieren, was wir wollen und was nicht, können kommende Technologien unser Leben bereichern. Denn Technik und Mensch – das gehört zusammen.

Iris Proff studiert Cognitive Science in Amsterdam und hat von November 2016 bis Ende Januar 2017 ein Praktikum in der Redaktion von Perspective Daily gemacht.

Mit Illustrationen von Lukas Oleschinski für Perspective Daily

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