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Von einem, der auszog, um ihr Geschlecht zu leben

17. Februar 2017
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17. Februar 2017

Stell dir vor, du kannst dich nicht entscheiden. Links oder rechts. Für manche Menschen bedeutet diese Frage mehr als die richtige Toilettentür.

Links ist die Figur mit Rock, rechts ohne. Die Blase drückt und du hast Angst, hinter der Tür jemandem zu begegnen, der denkt, du seist da »falsch«. Eigentlich weißt du selbst nicht so genau, wo du »richtig« bist.

Unvorstellbar? Für Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen können öffentliche Toiletten zum Ort der Ausgrenzung werden.

Die Gesellschaft scheint gespalten, wenn es um das Thema Transsexualität geht. Von einigen werden Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen als So zum Beispiel im Grundsatzprogramm der AfD (2016, S. 39) »laute Minderheit« gesehen, der nicht zu viel Gehör geschenkt werden sollte. Dennoch ziehen jedes Jahr beim Christopher Street Day Am Christopher Street Day werden die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender, Intersexuellen und Queeren (LSBTTIQ-Menschen) gefeiert und es wird gegen Ausgrenzung und Diskriminierung gekämpft. Der Name geht auf den Aufstand sexueller Minderheiten gegen Polizeigewalt 1969 in der New Yorker Christopher Street zurück. Hunderttausende Menschen durch Berlin und andere Städte.

Du glaubst, geschlechtliche Vielfalt sei nur ein Randthema? Irrtum …

Wahl zwischen 60 Geschlechtern

Du hast die Möglichkeit, diesen Text in 3 verschiedenen Schreibweisen zu lesen: Du kannst deine Auswahl jederzeit verändern. Klicke dazu in der Leiste am unteren Bildschirmrand auf »Varianten«.

Nach dem Geschlecht gefragt, bietet Facebook bei der Anmeldung die Wahl zwischen 60 Optionen. Zum Beispiel: genderqueer, intersexuell, trans, Transmensch, androgyn, bigender. Darunter auch: »trans«.

Das steht meist für »transsexuell« und meint Menschen, die sich nicht ihrem angeborenen Geschlecht zugehörig fühlen Also Menschen mit männlichen Körpern, die sich als Frauen fühlen und umgekehrt. und ihren Körper operativ dem anderen Geschlecht anpassen wollen.

Unter »trans« fallen aber auch andere Begriffe wie Transgender oder Crossdresser. Transgender wollen keine Operation und leben einfach in der anderen Geschlechterrolle. Crossdresser kleiden sich wie das andere Geschlecht.

Nicht alle Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen sehen sich als Mann oder Frau – viele möchten sich keiner Kategorie zuordnen. Hier schreibt Dirk Walbrühl über geschlechtersensible Sprache Darum meint »trans« alle, die sich mit dem Begriff identifizieren. Trotz einer Entschließung des Europäischen Parlaments zur Lage der Grundrechte in der Europäischen Union, Empfehlung 98 (2012) Empfehlung des Europaparlaments, dies zu ändern, wird Trans-SeinTrans-SeinTrans*-Sein in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) noch immer ICD-10 zu Störungen der Geschlechtsidentität als psychische Störung eingestuft.

»Die meisten, denen ich von meinem Outing erzählt habe, haben mich sofort unterstützt – hatten aber keine Ahnung, was Trans-SeinTrans-SeinTrans*-Sein ist.« – Felicia

Felicia hat in ihrem Facebook-Account nicht »trans«, sondern »weiblich« ausgewählt. Geboren wurde sie in einem männlichen Körper. Der Aussage »Geboren wurde sie als Mann.« stimmt sie nicht zu. Heute ist sie 22, studiert in Berlin und hat »irgendwie schon immer gewusst«, dass sie eine Frau ist. Manchmal erzählt ihre Großmutter, wie sie als kleiner Junge auf Familienfeiern den Mädchen hinterhergerannt sei, weil sie unbedingt mit ihnen spielen wollte. Später, erinnert sich Felicia selbst, habe sie sich immer Frauen zugehörig gefühlt.

Seit letztem Sommer reist sie von Universität zu Universität und gibt Workshops zum Thema Trans-SeinTrans-SeinTrans*-Sein. Sie möchte mehr Menschen wissen lassen, dass sie nicht die einzige ist. Die TeilnehmerTeilnehmerinnenTeilnehmer*innen können sie dabei alles fragen: Wie fühlt sich das an? Wie hat deine Familie reagiert?

Es hat sich immer angefühlt, als würde irgendetwas nicht stimmen. Ich spürte, dass etwas nicht ›richtig‹ war. Mit der Transition passen Körper und Geist dann plötzlich besser zusammen. Meine Familie hat zum Glück gut reagiert. Meine Mutter hatte zwar länger daran zu knabbern. Aber meine Tante ist lesbisch und meine Familie hatte sich darum schon mit einem ähnlichen Thema auseinandergesetzt. – Felicia

Felicia ist gerade mitten im Prozess der Transition, also der Anpassung an das weibliche Geschlecht. Seit einem Jahr nimmt sie weibliche Hormone, die ihren Körper verändern. Das Östrogen lässt ihre Brüste wachsen und verringert ihre Körperbehaarung. Um das Testosteron zu unterdrücken, nimmt sie Anti-Androgene. Das Stimmtraining hat sie bereits hinter sich; einmal monatlich geht sie zur Bartentfernung. In etwa einem Jahr will sie sich einer Operation der Geschlechtsorgane Bei der geschlechtsangleichenden Operation von Mann zu Frau werden Penisschwellkörper und Hoden entfernt und aus eigener Haut eine Vagina gebildet. Bei einer Operation von Frau zu Mann können Brüste, Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden. Es besteht auch die Möglichkeit, eine Penisplastik und Hodenprothesen einzusetzen. unterziehen. Sie lebt bereits unter ihrem weiblichen Namen. Nur wenn sie ihren Ausweis vorzeigen muss oder ihre Bankverbindung angibt, guckt mal jemand verwundert. »In Berlin juckt das fast niemanden«, meint sie.

In ihrem Heimatdorf in Baden-Württemberg sei das anders.

(K)eine Gesellschaft für alle

In der 5.000-Seelengemeinde wird Felicia häufig angestarrt, besonders von älteren Menschen.

»Sind die Brüste echt? Darf ich die mal anfassen?«

Auch doofe Sprüche gehören dazu. Körperlich hat sie noch nie jemand angegriffen. Sie weiß auch, dass sie bisher Glück hatte, denn selbst in Berlin ist das nicht selbstverständlich. Trans-FreundeTrans-FreundinnenTrans-Freund*innen von ihr trauen sich selten in einem Kleid auf die Straße, in bestimmten Randbezirken der Hauptstadt sei es zu gefährlich. Im September wurde im Kleinen Tiergarten ein 33-jähriger Trans-MenschTrans-MenschTrans*-Mensch von 3 Jugendlichen Der Tagesspiegel über den Überfall im Kleinen Tiergarten (2016) niedergeschlagen und ausgeraubt. Bereits seit 5 Jahren gibt es in der Hauptstadt ein Hier geht es zur Beauftragten für homophobe Hasskriminalität Dezernat für Hasskriminalität gegen Homo- und Transsexuelle.

Die Zahlen sprechen für sich: Studie »Being Trans in Europe« (englisch, 2014) Über die Hälfte aller Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen in Europa sah sich in den Jahren 2007–2012 diskriminiert, etwa 1/3 wurde Opfer von tatsächlicher oder angedrohter physischer Gewalt. Das Projekt »Transrespect versus Transphobia Worldwide« dokumentierte 2008–2016 2264 Morde an Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen. Studie »Being Trans in Europe« (englisch, 2014) Kaum einer zeigte die Übergriffe an – aus der Erwartung heraus, es würde nichts ändern.

Vorurteile gegen geschlechtliche Vielfalt finden auch öffentlich statt, wenn bei der »Demo für alle« Die »Demo für alle« wurde anfangs (2014) von der »Initiative Familienschutz« koordiniert. Vorsitzende des Trägervereins der »Initiative Familienschutz« ist die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch. regelmäßig um die 5.000 Menschen auf die Straße gehen. »Für alle« meint dabei alle, die für ein traditionelles Familienbild stehen. Felicia wäre nicht willkommen.

Ich kann verstehen, dass man sich von diesem neuen Gedanken der geschlechtlichen Vielfalt bedroht fühlt. Viele haben sich nie gefragt: Abgesehen von deinem Körper und deiner sozialen Rolle – warum bist du ein Mann? Sie reagieren gestresst, weil sie keine Antwort haben. – Felicia

Einschüchtern lässt sich Felicia davon nicht. Sie will ihre neue Identität offiziell machen, inklusive Namens- und Geschlechteränderung.

Auf dem Weg dahin muss sie einige staatliche Hürden meistern.

Gutachten, Hormontherapie und Amtsanträge

Seit 1981 erlaubt das deutsche Transsexuellen-Gesetz jedem, das Geschlecht und den Namen offiziell zu ändern. Seit 5 Jahren ist dafür keine Sterilisation mehr nötig. Erst 2011 entschied das Bundesverfassungsgericht, diese Pflicht verstoße gegen das Grundgesetz. Zunächst braucht es die Diagnose eines Arztes. Dann folgt eine verpflichtende Psychotherapie, parallel dazu kann mit der Hormontherapie und – bei der Umwandlung von Mann zu Frau – mit Bartentfernung und Stimmtraining begonnen werden. Nach 1-jähriger Hormontherapie lässt sich eine Operation der Geschlechtsmerkmale beantragen; auch Namens- und Geschlechtsänderung sind dann erlaubt. Unterschieden wird im Transsexuellen-Gesetz zwischen der kleinen und der großen Lösung: Kleine Lösung bzw. Änderung des Vornamens: Auch wenn die Person privat bereits mit einem selbstgewählten Vornamen lebt, muss sie ihren amtlichen Vornamen angeben, wenn sie beispielsweise ein Bankkonto eröffnet oder sich bei einer Polizeikontrolle ausweisen muss. Nach einer rechtlichen Änderung des Namens können unter anderem Personalausweis, Sozialversicherungsnummer und Führerschein geändert werden. Große Lösung bzw. Personenstands-Änderung: Dabei wird zusätzlich der Eintrag »männlich/weiblich« im Geburtenregister geändert und alle amtlichen Papiere können angepasst werden.

Felicias Antrag geht an das zuständige Amtsgericht. Voraussetzung ist auch, dass sie mindestens 3 Jahre im neuen Geschlecht gelebt hat. 2 psychologische GutachterGutachterinnenGutachter*innen prüfen, ob sie sich sicher ist, im anderen Geschlecht leben zu wollen. Das Gutachten geht zurück zum Amtsgericht, in einer Gerichtsverhandlung fällt die Entscheidung, ob Name und Geschlecht geändert werden.

Mit ihrer Namens- und Personenstands-Änderung rechnet Felicia in 1–2 Jahren. In ihrer Berliner Wohnung stapeln sich Dokumente und Rechnungen. Je nach Anzahl der Sitzungen mit dem Psychologender Psychologindem/der Psycholog*in kann das Verfahren laut Felicia mehrere Tausend Euro kosten. Ich habe beim Kammergericht nachgefragt: Für das Verfahren entstehen Gerichtskosten von etwa 150 Euro. Die Einholung des Sachverständigen-Gutachtens kostet ca. 1.500 Euro. Felicia meint, realistisch seien 4.000–6.000 Euro, da die Psychologendie Psychologinnendie Psycholog*innen frei entscheiden, wie viele Sitzungen sie für das Erstellen des Gutachtens benötigen.

Eine einfache Namensänderung kostet etwa 100 Euro In Berlin kostet die Änderung des Vornamens 2,56–255,65 Euro bei einer Wartezeit von wenigen Wochen. Felicia verurteilt den langen, kostspieligen Prozess: Weil sie sich die Namens- und Personenstands-Änderung nicht leisten kann, beantragt Felicia eine Prozesskosten-Übernahme. Dafür muss sie nicht nur Dokumente zu ihren eigenen Finanzen einreichen, sondern auch zu denen ihrer Eltern. Die Kostenübernahme für die Operation, die sie im nächsten Jahr machen will, muss sie gesondert beantragen. Diese Gutachterei sei nicht dazu gestaltet, um Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen zu helfen, sondern um einem Missbrauch vorzubeugen, der nie vorkomme. Knapp 90% der Trans-PersonenTrans-PersonenTrans*-Personen versprechen sich von einer einfachen Möglichkeit, ihr Geschlecht auch rechtlich anerkennen zu lassen, eine Studie »Being Trans in Europe« (englisch, 2014) verbesserte Lebensqualität. Trotz dieser Hürden ist klar: Auch wenn Deutschland nicht SpitzenreiterSpitzenreiterinSpitzenreiter*in ist, sind die Regelungen bereits fortschrittlicher als anderswo.

Malta ist besonders progressiv

In Frankreich oder der Schweiz beispielsweise kann der Geschlechtseintrag nur mit nachgewiesener Unfruchtbarkeit angepasst werden. Die Gesetzgeber befürchteten, dass Männer Kinder gebären und Frauen Kinder zeugen können – was nicht nur zu einer extremen Veränderung der Geschlechterwahrnehmung führen, sondern auch juristische Änderungen nach sich ziehen würde. Doch selbst ohne Sterilisierungszwang ist dieses Szenario unwahrscheinlich: Häufig entscheiden sich Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen für eine Hormontherapie, welche die Fruchtbarkeit stark beeinträchtigt. Inzwischen sind in einigen Ländern aber seltene Bericht über einen schwangeren Mann in Großbritannien in der Süddeutschen Zeitung (2017) Fälle schwangerer Transmänner bekannt. »Deutschland bewegt sich im europäischen Vergleich im Mittelfeld«, sagt Richard Köhler, stellvertretender Geschäftsführer von Transgender Europe. Transgender Europe setzt sich für geschlechtliche Vielfalt auf der politischen Agenda ein. In Zusammenarbeit mit dem Europarat, Expertenanhörungen, Veranstaltungen oder der Bereitstellung von Hintergrund-Informationen war Transgender Europe zum Beispiel an der Asylrechts-Reform beteiligt. Seit 2011 gilt Verfolgung aufgrund der eigenen Geschlechtsidentität demnach als Asylgrund und Trans-GeflüchtetenTrans-GeflüchtetenTrans*-Geflüchteten kommt eine besondere Schutzbedürftigkeit im Asylverfahren zugute.

Den Personenstand zu ändern, muss so einfach sein, wie einen Personalausweis zu beantragen oder das Nummernschild am Auto zu wechseln. Der Staat registriert den Fakt ›Geschlecht‹ nur, er hat nichts zu entscheiden. Vielleicht ist es vergleichbar mit dem Thema Religion: Der Staat nimmt Konfession maximal noch in die Datenlagen auf. Er würde sich jedoch nie anmaßen, darüber entscheiden zu können, wer welcher Religion angehört. – Richard Köhler, Transgender Europe

Als Best-Practice-Beispiel nennt er Malta, das wohl progressivste Land für Trans-RechteTrans-RechteTrans*-Rechte: Dort braucht es für die amtliche Geschlechtsänderung keine medizinischen Unterlagen – tatsächlich ist es sogar untersagt, diese zu verlangen. Malta gilt als besonders fortschrittlich, weil keine langen Wartezeiten anfallen. Außerdem waren die Malteserdie Malteserinnendie Malteser*innen weltweit die Ersten, die Operationen an intersexuellen Kindern verboten haben. Auch in Gesetz zur vereinfachten Personenstands-Änderung in Dänemark (englisch, 2014) Dänemark und »Access all areas«: Flyer zur Personenstands-Änderung Argentinien ist eine Personenstands- und Vornamens-Änderung ohne psychologisches Gutachten per Antrag ans Bürgeramt möglich.

»Hierzulande fehlt einfach der politische Wille«, beschreibt Richard Köhler die Situation. Vielleicht nicht mehr lange: Auf eine Anfrage der Grünen antwortete die Bundesregierung, es sei ihr »bekannt, dass der Nachweis, seit mindestens 3 Jahren im Gegengeschlecht identifizierbar zu sein, im Alltag eine große Herausforderung für Trans-PersonenTrans-PersonenTrans*-Personen darstellt.« Das Bundesfamilienministerium gab daraufhin ein Gutachten zum »Regelungs- und Reformbedarf für transgeschlechtliche Menschen« in Auftrag, Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen (2016, Fragen 27 und 28) die Ergebnisse sollen diesen Monat vorgestellt werden.

Neben einem unkomplizierteren Zugang zur Personenstands-Änderung gibt es andere Ideen, um die Situation von Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen zu vereinfachen.

Illustration: Michael Szyszka

Ist Trans-Sein eine Störung?

Dazu gehören diese 5:

  • Die »3. Option«: Einige AktivistenAktivistinnenAktivist*innen fordern neben den beiden Standardoptionen »männlich« und »weiblich« eine 3. Option auf amtlichen Papieren. Vor kurzem lehnte der Bundesgerichtshof einen Antrag auf »inter*/divers« als Geschlechtseintrag ab – nach geltendem Recht sei ein solcher Eintrag nicht möglich. Die Meinungen dazu gehen auseinander – auch innerhalb der Trans-CommunityTrans-CommunityTrans*-Community. Einige sagen, für sie wäre eine 3. Option die ideale Abbildung ihrer Geschlechtsidentität. Andere sehen es nur als weitere Kategorie, in die man ganz verschiedene Identitäten stecke. Gegner befürchten, das sei nur der Anfang – bald fordere jeder mit einer von der Norm abweichenden Geschlechtsidentität einen individuellen Eintrag. Richard Köhler meint, die Angabe des Geschlechts sei generell überflüssig. Seit 2013 darf in Deutschland bei intersexuellen Babys, also Neugeborenen, deren anatomisches Geschlecht nicht klar zugeordnet werden kann, ein X als Geschlechtseintrag im Reisepass vermerkt werden.
  • Geschlechtsneutrale Toiletten: Einige Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen reduzieren ihre Flüssigkeitsaufnahme, um zum Beispiel am Arbeitsplatz nicht auf eine »falsche« Toilette gehen zu müssen, beschreibt Richard Köhler diese tägliche Herausforderung. Eine einfache Lösung kennen wir aus dem Schienenverkehr: Unisex-Toiletten – also Toiletten, die für alle Geschlechter da sind. In New York sollen beispielsweise ab 2017 alle öffentlichen Toiletten als geschlechtsneutral beschriftet werden. In Gebäuden, in denen es bereits Unisex-Toiletten gibt, wurden allerdings nur einzelne Toiletten geändert – die Möglichkeit, Frauen- oder Männer-WCs zu benutzen, soll bestehen bleiben. Besonders Eltern sorgen sich um die Privatsphäre und Sicherheit ihrer Kinder und befürchten sexuelle Übergriffe. Nachdem eine Grundschule in Großbritannien Unisex-Toiletten einführte, starteten besorgte Eltern eine Petition dagegen und sammelten fast 700 Unterschriften.
  • Ende der Pathologisierung: Für Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen kann es verletzend sein, als krank oder gestört gesehen zu werden. Auf Das Europäische Parlament zur Lage der Grundrechte in der Europäischen Union (2012, Empfehlung 98) Empfehlung des Europaparlaments soll die Klassifizierung im ICD-10 2018 geändert werden. Der Vorschlag: »Nichtübereinstimmung des körperlichen und des geistigen Geschlechts« (»gender incongruence«). Letztes Jahr forderte Resolution 2048, Discrimination against transgender people in Europe, 6.3.3. (englisch, 2015) der Europarat die Mitgliedsstaaten auf, Transsexualität auch in nationalen Krankheitskatalogen nicht mehr als geistige Störung zu werten. Die Krankenkassen würden auch die Kosten für eine Transition übernehmen, wenn Transsexualität nicht mehr als Krankheit gelistet wäre. Die medizinische Behandlung ist schließlich nicht darauf ausgerichtet, das Trans-SeinTrans-SeinTrans*-Sein selbst zu kurieren, sondern den Leidensdruck zu lindern, der dadurch entstehen kann. Hormonbehandlungen und Operationen können unter anderem vor Depressionen schützen. – Richard Köhler, Transgender Europe
  • Sichtbarkeit: Studie »Being Trans in Europe« (englisch, 2014) Über die Hälfte der Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen in Europa hält ihre Geschlechtsidentität im Beruf geheim. Viele, weil sie Diskriminierung fürchten. Ein Teufelskreis: Wären Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen im Alltag sichtbarer, gäbe es womöglich weniger Vorurteile. Ich denke, wir werden toleranter, wenn wir mehr verschiedene Geschichten hören. Das gilt nicht nur für den Trans-BereichTrans-BereichTrans*-Bereich. Wie überwinde ich die Angst vor meinem Nachbarn? Wie gehe ich mit der Sorge um, dass zu viele Ausländer nach Deutschland kommen? Indem ich den Menschen begegne und sie kennenlerne. – Richard Köhler, Transgender Europe
  • Sensibilisierung in der Schule: Seit 2015 werden in der hessischen Sexualerziehung Eine bundesweite Debatte zog vor 4 Jahren bereits der Entwurf für den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg nach sich, nach dem Schüler sich mit Diskriminierung gegen LSBTTI-Menschen (also Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle) auseinandersetzen und deren Lebenssituationen kennenlernen sollen. In einer Petition gegen den Plan wurde eine Überbetonung einzelner Gruppen beklagt. Auch in weiteren Bundesländern wie NRW und Berlin wurden die Bildungspläne zugunsten sexueller und geschlechtlicher Vielfalt überarbeitet. auch lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle Lebensweisen thematisiert. So ist im Unterricht für 10–12-Jährige beispielsweise das Thema »unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten« vorgesehen. Für 13–19-Jährige kommt »ggf. Unterstützung für Schülerinnen und Schüler beim Coming Out« hinzu. Nicht ohne vorher auf Widerstand gestoßen zu sein: Der Elternbeirat verweigerte seine Zustimmung, die katholische Kirche meldete Bedenken an und die »Demo für alle« rief eine Protest-Petition an den hessischen Kultusminister Alexander Lorz ins Leben. Doch selbst die 23.000 gesammelten Unterschriften Das Einfordern von Akzeptanz verstoße gegen das Indoktrinationsverbot des Staates und die Kinder kämen zu früh mit Sexualität in Kontakt, heißt es. Etwa 1.000 Menschen demonstrierten vergangenen Oktober in Wiesbaden unter dem Motto »Dieser Lehrplan muss weg!«. Allerdings gab es auch eine ähnlich große Gegendemonstration, die hinter dem neuen Lehrplan stand, der wenig mit »Frühsexualisierung« zu tun hat. Ziel ist die Akzeptanz von verschiedenen Lebensweisen und ein diskriminierungsfreies Verständnis von Vielfalt. konnten den Plan des Kultusministeriums nicht stoppen. Die »Plattform gegen Kindersexualisierung« warf dem Ministerium vor, es sei verfassungswidrig, wenn der Staat in der schulischen Erziehung Hetero-, Homo-, Bi- und Transsexualität als gleichwertig behandele.

Felicia ist nicht nur an Universitäten zu Gast, sondern gibt als Nebenverdienst GrundschülernGrundschülerinnenGrundschülern*innen Nachhilfe in Englisch. Manchmal kommt auch dort das Thema Trans-SeinTrans-SeinTrans*-Sein auf den Tisch. »Die SchülerSchülerinnenSchüler*innen werden dadurch nicht zu früh »sexualisiert«. Kinder sind die tolerantesten Menschen überhaupt. Da sitzt dann ein Zweitklässlereine Zweitklässlerineine*r Zweitklässler*in neben mir und fragt:

»Bist du ein Mann oder eine Frau?«

»Eine Frau«

»Aber deine Stimme ist ein bisschen tief«

»Ja, das ist einfach so«

»Okay«

Danach sei das nie wieder Thema gewesen. »Bei Menschen, die Probleme mit dem Thema haben, wurde offenbar nicht früh genug angefangen, darüber zu sprechen«, sagt sie.

Ist das wirklich nötig, wenn Schätzungen gerade mal von 0,3–0,6% Die Anzahl von Trans-PersonenTrans-PersonenTrans*-Personen herauszufinden ist beinahe unmöglich. Wer soll gezählt werden? Sogenannte offizielle Zahlen beschränken sich häufig nur auf einen Teil der Trans-CommunityTrans-CommunityTrans*-Community, zum Beispiel auf solche, die eine Operation hatten. Ergebnisse von Studien weichen deswegen stark voneinander ab. Eine Studie des »The Williams Institute« kommt auf 0,3% Transgender in der amerikanischen Bevölkerung, andere auf weit weniger. Felicia denkt, dass 0,6% eine realistische Einschätzung sind, sie bezieht sich dabei auf Zahlen der »Deutschen Gesellschaft für Trans- und Intersexualität e.V.« (also 400.000) Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen in Deutschland ausgehen?

»Wir haben größere Probleme!«

Die genaue Anzahl ist nicht nur in Deutschland eine Dunkelziffer. Und manch einereineeine*r denkt sicher: Wir haben wirklich größere Probleme, als Steuergelder für neue Toilettenschilder zu veranschlagen.

Richard Köhler sieht einen größeren Zusammenhang hinter gesellschaftlichen Protesten gegen Trans-MenschenTrans-MenschenTrans*-Menschen und Streitbegriffen wie »Frühsexualisierung«. Sie stünden für eine Agenda, die nicht das Wohl der Kinder an erster Stelle platziere, sondern ein anderes Ziel verfolge: Diversität einschränken.

Vielleicht müssen wir die Geschlechterdebatte als Stellvertreterdiskussion sehen. Stellvertretend für die Frage: Was machen wir mit Menschen, die »anders« sind? Was machen wir, wenn wir uns selbst »anders« fühlen? Das betrifft Menschen, die im falschen Geschlecht geboren sind, die eine andere sexuelle Orientierung haben, aber auch Hier schreiben Raul Krauthausen und Susanne Bauer über das Teilhabegesetz Menschen mit Behinderung. Sind es nicht letztendlich immer Hier schreibt Juliane Metzker über Stereotype und Vorurteile Bilder in unserem Kopf, die unsere Schubladen füllen? Dann müssen wir nur entscheiden, wann eine neue Schublade dazu kommt.

Jolinde Hüchtker studiert Soziologie, Politik und Ökonomie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen; im August und September 2016 war sie als Praktikantin bei Perspective Daily.

Mit Illustrationen von Michael Szyszka für Perspective Daily

 

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Diesen Artikel schenkt dir Katharina Wiegmann von Perspective Daily.

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