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Das wird man wohl noch sagen dürfen!

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Dirk Walbrühl

Das wird man wohl noch sagen dürfen!

20. Februar 2017

Neger, Krüppel, Brüllrentner – warum reden wir nicht einfach, wie wir wollen? Lies diesen Artikel in der total respektlosen Variante und finde es heraus.

Neulich diskutierte ich mit einem Freund über Migrationdie Menschenflut aus dem Ausland. Da fiel er mir plötzlich ins Wort:

»Ausländer darfst du nicht mehr sagen, Herr Journalist. Das ist diskriminierend.«

Verwundert zückte ich mein Smartphone und schlug beim Duden nach. »Ausländer: Angehöriger eines fremden Staates oder Staatenloser.«

»Und was soll ich stattdessen sagen?«

»Das musst du wissen.«

Der Duden hatte auch darauf eine Antwort:

Das Gespräch ließ in mir ein unbestimmtes Gefühl von Widerwillen zurück. Wann genau haben wir angefangen, unsere Sprache so zu verdrehen?

Wir müssen über die Taka-Tuka-Kultur reden

Sie tauchen in Zeitungen auf, in Regierungstexten, in Reden, in Kinderbüchern und sogar in den sozialen Medien: merkwürdigebeknackte neue Wörter. Eines der ersten Opfer war ausgerechnet die RebellinRotzgöre Pippi Langstrumpf. In der Neuauflage des Kinderbuchklassikers heißt der »Negerkönig« nun Südseekönig und die »Negersprache« Taka-Tuka-Sprache. Die Entscheidung dazu traf der Verlag Friedrich Oetinger im Jahr 2009. Besonders pikant wird es, da sich die Autorin Astrid Lindgren zu Lebzeiten gegen Bearbeitungen ihrer Texte ausgesprochen hatte.

Längst ist dieser Trend nicht nur in Kinderbüchern zu finden. So werden aus BehindertenKrüppeln »körperlich eingeschränkte Menschen«, aus ArbeitslosenSozialschmarotzern »Beschäftigungssuchende« und aus Schülern aus Gründen der Gleichberechtigung »Schülerinnen und Schüler« – letzteres ist sogar so lang und umständlich, dass selbst LehrerPauker es zu »SuS« verkürzen.

Nicht einmal vor religiösen Textengöttlichen Märchengeschichten macht Taka-Tuka halt. Besonders absurd wirkt die Die Bibel in gerechter Sprache als Taschenbuchausgabe (2011) Bibel in gerechter Sprache, eine Bibel-Übersetzung, in der Gott abwechselnd »sie« oder »er« ist und Jesus zu »Jüngerinnen und Jüngern« spricht. Die Übersetzung wurde 2001–2006 von 62 Theologinnen und Theologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erstellt. Sie ist nicht als Ersatz der Bibel gedacht, sondern für den »privaten Gebrauch, der hoffentlich in das Gespräch mit anderen führt.« Dazu sind der Ausgabe wissenschaftlich-kritische Anmerkungen beigegeben, die etwa die Authentizität von Textpassagen kommentieren.

Was soll das? Ist das der übersensiblekrankhafte Versuch, nirgendwo anzuecken und es allen Recht zu machen? Als Germanist bin ich durchaus offen für sprachliche Experimente, doch wenn ich über jedes Wort 3 Mal nachdenken muss, vergeht auch mir die Lust.

Auweia! Ist das jetzt schlimm, lustig oder beides? –

»Ich will«: Wer spricht, handelt

Die Idee hinter all dem ist der gezielte Versuch, durch Sprache weniger zu diskriminieren. Das Schlüsselwort heißt: Political Correctness. Die Deutsche Entsprechung »Politische Korrektheit« wird nur selten verwendet, deshalb verwende ich im Text den englischen Begriff. Und die ist von der ursprünglichen Idee her gar nicht so übel – das wird man wohl noch sagen dürfen.

Eine, die sich intensiv mit sprachlichen Tabus beschäftigt, ist Heidrun Kämper. Sie arbeitet als Linguistin am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Heidrun Kämper ist auch Stadträtin im Mannheimer Gemeinderat für die SPD. Beginnen wir also mit einer Wort-Definition:

Politically Correct: Die Definition von Political Correctness im Duden das Vermeiden von Ausdrücken und Handlungen, die einzelne Menschen und Gruppen bewusst kränken oder beleidigen können. – also »amerikanische Ureinwohner« statt Indianer.Rothäute. Das Wort »Indianer« entspringt aus dem Irrtum des Entdeckers Christopher Kolumbus, die amerikanischen Ureinwohner seien Einwohner Indiens. Das Wort stammt von der spanischen Bezeichnung »los indios«, auf Deutsch »die Inder«. (Im Spanischen und Englischen gibt es die Unterscheidung zwischen »Inder« und »Indianer« wie im Deutschen nicht.) Der Begriff enthält sowohl die Erinnerung an die Vertreibung und den Landraub im Zuge der Kolonialisierung als auch rassistische Vorurteile als »unzivilisierte Wilde« im Gegensatz zu den zivilisierten Europäern. Der Fremdbegriff wird von den meisten verbliebenen amerikanischen Ureinwohnern abgelehnt und durch Selbstbezeichnungen wie »Native Americans« und »First Nations« ersetzt.

Du glaubst nicht, dass Sprache verletzen kann, und bist der Meinung, die sollten sich gefälligst alle nicht so anstellen? Dann lies diesen Text in der alternativen Version, in der wir auf überhaupt niemanden Rücksicht nehmen, auch nicht auf dich.auch nicht auf dich, du Penner. An dieser Stelle sei angemerkt, dass alle in der alternativen Version verwendeten Ausdrücke ausdrücklich allein dazu dienen, den emotionalen Effekt von sprachlicher Diskriminierung zu verdeutlichen. Bei manchen Formulierungen fiel mir das wirklich sehr schwer. Du kannst jederzeit zwischen den beiden Varianten wechseln. Klick dazu in der Symbolleiste am unteren Bildschirmrand auf die 2 und dann auf den entsprechenden Pfeil.

Probieren wir diese Definition von Political Correctness mal aus. Welche Wörter sind für dich diskriminierend und damit politisch nicht korrekt?

Gar nicht so einfach? Klick auf den Klapper Ursprünglich kommt der Begriff vom lateinischen Wort »niger« (schwarz).

»Mohr« stammt aus dem althochdeutschen und wird nur noch in historischem Kontext für Menschen mit dunkler Hautfarbe gebraucht (vor allem Mauren in mittelalterlicher Literatur).

Die Begriffsbezeichnung »Neger« für afrikanische Sklaven stammt aus der Kolonialzeit des 16. Jahrhunderts und war schon damals abwertend gemeint.

Die Variante »Nigger« stammt von einer Aussprache des Wortes aus den Südstaaten der USA, ist klar rassistisch gemeint und soll Gewalt sowie Unterdrückung rechtfertigen. Es wurde aber von der US-amerikanischen Rap-Szene aufgegriffen und wird in vielen Liedtexten verwendet. In Deutschland kann es als Schimpfwort teuer werden.

»Negerlein« als Diminutiv zu »Neger« in deutschen Kinderliedern des 19. und 20. Jahrhunderts.

»Farbiger« entstammt als Begriff den Rassentheorien und spielte eine besondere Rolle in historischen Systemen der Rassentrennung.

»Schwarzafrikaner« ist eine Kolonial-Bezeichnung für Bewohner der Subsahara-Region, die noch immer in deutschen Behörden verwendet wird.

Der Begriff »Afrodeutscher« meint eine Personengruppe aus eben dieser Region und steht parallel zu »Afroamerikaner«, ist jedoch schwierig einzuordnen.

»Schwarzer« (englisch Black) ist zwar eine Selbstbezeichnung von Personengruppen, fasst jedoch ebenfalls verschiedene Populationen zusammen und ist undifferenziert.

»Deutsch-Afrikaner« ist eine aktuelle Selbstbezeichnung für Deutsche mit afrikanischen Wurzeln.

»Negerkuss« ist keine Personenbezeichnung, sondern steht für eine Zucker-Schaumspeise, die mittlerweile aus politischer Rücksichtnahme oft durch »Schokokuss« ersetzt wird.
für eine Hilfestellung.

Deutsch-Afrikaner ist sicher ungefährlich und »Nigger« mit Sicherheit diskriminierend. Doch bei Wörtern wie Schwarzer und Schwarzafrikaner bewegen wir uns in einem sprachlichen Graubereich. Tatsächlich unterliegen Wörter einem laufenden Bedeutungswandel, erklärt Heidrun Kämper. Eine immer gültige Liste mit diskriminierenden Wörtern kann es daher nicht geben. Wer sich unsicher ist, kann seit 1999 im Duden nachschlagen und findet hinter bestimmten Wörtern eben besondere Hinweise. Welche Begriffe markiert werden, bestimmt zwar die Redaktion des Duden-Verlags, doch die orientiertbestimmen zwar die Wortverdreher des Duden-Verlags, doch die orientieren sich damit an der tatsächlichen Sprachpraxis der Deutschen. Ein Team aus Germanisten wertet heute für Wortbedeutungen Druckerzeugnisse aus, etwa Romane, Tageszeitungen, Kataloge oder Broschüren – diese werden in der Redaktion als Text-Korpus gesammelt und dann elektronisch durchsucht. Der Duden nimmt ebenfalls sprachpolitische Entscheidungen der Kultusministerkonferenz und des Rats für deutsche Rechtschreibung mit auf. Natürlich besitzt der Duden mit seiner Rolle eine starke normierende Funktion. Eine Sprecherin des Dudens stellte nach Kritik durch den Vereins Deutscher Sprache im Jahr 2013 das Selbstverständnis im Spiegel klar: »Wir machen die Sprache nicht, wir bilden sie objektiv ab.«

Mit Zensur von oben hat das nichts zu tun. Die Gesellschaft hat einfach ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass man mit der Verwendung bestimmter Wörter Personen verletzen kann, und nimmt Rücksicht. – Heidrun Kämper

Hinter dieser Erkenntnis stehen 4 Eigenschaften von Sprache:

  • Wer spricht, handelt auch: Sonst wäre das »Ich will« am Traualtar nicht mehr als 2 Wörter. In der Sprechakttheorie der Sprachwissenschaft ist es sogar eine Grundannahme, dass Sprecher eine Handlung vollziehen, wenn sie einen Satz äußern. »Performative Äußerungen« wie etwa »Ich schwöre …« oder »Ich entschuldige mich …« machen dies nur deutlicher.
  • Bedeutungen: Wörter und Begriffe haben immer auch eine Eine Einführung ins Fach der Historischen Semantik Geschichte, transportieren Deutungsmuster Diese können je nach Kontext und Kultur unterschiedlich sein. Deshalb können Wörter »falsch rüberkommen«, auch wenn etwas Anderes gemeint ist. und Dieses Nachschlagewerk beleuchtet kolonialistisch-rassistische Deutungsmuster im Deutschen (2012) Perspektiven. Wer »Neger«»Nigger« sagt, vermittelt eine andere Botschaft als jemand, der »Deutsch-Afrikaner« sagt.
  • Sprachliche Gewalt: Sprache kann neben der reinen Informationsweitergabe Macht ausüben, Sprache ist auch und vor allem ein Mittel zur Ausübung von Macht und Gewalt. Verbote, Gebote und Tabus, Beleidigungen und Erwiderungen sind so alt wie die menschliche Sprache, von den 10 Geboten bis zu den ersten Gesetzestexten. Emotionen hervorrufen und sogar Eine Untersuchung zu verbaler Gewalt und ihrer Funktionsweise (2010) verletzen.
  • Verantwortung: Sprache bietet fast immer Alternativen. Welche Wörter wir benutzen, entscheiden wir letztlich selbst. Das heißt aber nicht, dass Menschen über jedes Wort intensiv nachdenken, bevor sie sprechen, sondern sie greifen meist auf »Sprachgewohnheiten« zurück. Die Entscheidung stellt sich also nicht in der konkreten Realisation eines Sprechaktes, sondern generell in der Auswahl und Pflege der persönlichen Sprache (Idiolekt). Das ist auch in unserm Rechtssystem verankert: Wer jemanden beleidigt, kann dafür vor Gericht landen. Die Beleidigung fällt rechtlich unter »Ehrdelikte« wie üble Nachrede (§186) und Verleumdung (§187). »Ehre« ist durch Artikel 1 und 2 grundgesetzlich geschützt. Eine Beleidigung kann verbal, schriftlich, bildlich und auch durch entsprechende Handlungen geschehen. Es meint die Kundgabe der eigenen Missachtung oder Nichtachtung einer anderen Person und deren Ehre. Der soziale oder ethische Wert einer Person wird bei einer Beleidigung verringert dargestellt. Dabei ist entscheidend, dass es vorsätzlich erfolgt und vom Adressaten zur Kenntnis genommen wird. Welche Äußerung nun eine Beleidigung darstellt, ist jedoch nicht allgemein zu beantworten, da dies vom Kontext und der Intention abhängt.

Der mittlerweile berühmte Satz brachte dem Politiker viel Ärger und tagelange Presse ein. –

Wer spricht, muss sich also entscheiden, wie er damit umgehen will – entziehen kann er sich der Wirkung nur durch dauerhaftes Und selbst dann bleibt noch die Körpersprache, wie Bernhard Eickenberg in diesem Text erklärt Schweigen. Eine Möglichkeit ist sprachliche Nikola Schmidt beleuchtet, warum wir beim Thema Anti-Diskriminierung auch in Deutschland noch einen Zahn zulegen könnten Anti-Diskriminierung, also durch Rücksicht zu versuchen, eine Gesellschaft mit weniger Diskriminierung zu schaffen. Das Ziel, so Heidrun Kämper, ist die Entwicklung »sprachlicher Sensibilität«, damit einhergehend eine erhöhte soziale Kompetenz und Aufmerksamkeit »sowohl gegenüber sprachlichen Stereotypen wie auch gegenüber den benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen selbst.«

So weit, so einleuchtend. Bleibt die Frage, wann und wie der Ruf von Political Correctness ruiniert wurde.

Das neue Feindbild: Political Correctness

Bei Political Correctness ging es schon immer um mehr als nur sprachliche Sensibilität. Der Begriff kam Mitte der 1980er-Jahre an US-amerikanischen Universitäten in Mode. Dort wehrten sich Studierendewehrte sich das Studentenpack gegen Lehrpläne, die sich zu stark auf »tote, weiße, europäische Männer« stützten. Die jungen Aktivistenlanghaarigen Müslifresser forderten eine Ausweitung der gelehrten Ideen und verwendeten »politically correct« – kurz »P.C.« – dabei ironisch für neue Sprachcodes.

Die Studentenproteste gefielen vor allem konservativen Politikern nicht. Als einer der Erstenkonservativen Schnarchnasen nicht. Als einer der Ersten sprach sich George W. Bush gegen Political Correctness aus und gab eine Interpretation vor, die bis heute nachhallt:

Die ganze Bush-Rede im Webarchiv (englisch, 1991) Eine aus einem lobenswerten Bedürfnis entstandene Sprachkritik, die aber zu Konflikt, Tabus und Zensur führt.

Diese fundamentale Kritik holte die Republikaner 2016 ein. Im US-Wahlkampf nutzte Donald Trump Political Correctness als Feindbild und diskriminierte, um aufzufallen: So bezeichnete er etwa mexikanische EinwandererBohnenfresser als »Vergewaltiger und Mörder«, machte sich öffentlich über einen Reporter mit körperlicher BehinderungKrüppel-Journalisten Der Bericht und die Analyse der Washington Post (englisch, 2017) lustig oder äußerte sich sexistisch über Frauen.Tussis. Das wiederum ging selbst einigen Republikanern Die konservative Kritik nach Trumps sexistischen Äußerungen in der TIME (englisch, 2016) zu weit. Viele Fans und Wähler von Donald Trumpdieses Halloweenkürbisses, auf den irgendwer ’nen toten Iltis getackert hat, sehen darüber jedoch hinweg und feiern ihren Präsidenten als Befreier von der Political Correctness.Korrektheits-Scheiße linksversiffter Betroffenheits-Beauftragter.

Anders formuliert: Endlich sagt’s mal einer! Und in dieser Haltung scheinen sich mittlerweile auch einige Philosophen, Politiker und Terroristen einig zu sein:

Wer hat’s gesagt: Politiker, Philosoph oder Terrorist? Klick auf den Klapper 1. Politiker: der Schweizer Bundesrat Christoph Blocher in einer Ansprache anlässlich des Jahreskongresses der Schweizer Presse in Lausanne

2. Politiker: Präsident Donald Trump bei der Präsidentschaftsdebatte in Cleveland für die Auflösung.

3. Philosoph: der slowenische Kulturkritiker Slavoj Žižek auf Bigthink.com

4. Terrorist: Anders Behring Breivik in seinem Manifest 2083

Ist dieser Vergleich fair? Nein, er steckt Personen in Schubladen, stellt unterschiedliche Positionen auf eine Stufe, überspitzt und differenziert zu wenig – aber er hat auch einen wahren Kern. Dazu bestärkt es ein bestimmtes Weltbild und ist für die Anhänger dieses Weltbildes sogar möglicherweise witzig. Auch das sind Eigenschaften von »Political Incorrectness«. Es sind Sprechakte, die auch dazu dienen, einen Gruppenzusammenhalt zu stärken und sich nach außen abzugrenzen. Genau so funktioniert Politische Unkorrektheit.

Wo ziehen wir also die Grenze zwischen Anti-Diskriminierung und Taka-Tuka-Sprache, die einschränkt? Die Linguistin Heidrun Kämper hilft mir dabei, die gängigen Argumente der Gegner unter die Lupe zu nehmen.

Gegenargument 1: »Mut zur Wahrheit«

Frauke Petry in einem Gastbeitrag für die Junge Freiheit (2016) »Die Menschen sind der […] Verkleisterung der Wirklichkeit überdrüssig«. Der Satz stammt von der AfD-Politikerinrechtsdrehenden Quoten-Populistin Frauke Petry. Die Kritik aus ihrer Perspektive: Political Correctness beschönige und überdecke die Wahrheit. Tatsächlich klingen einige Vorschläge für Ersatzwörter etwa »verhaltensoriginelle Kinder« wie weltfremde Beschönigungen aus dem Taka-Tuka-Land.

Ein Schelm, der bei so einem Satz an politisches Kalkül denkt. –

Doch die Kritik geht über die Sprache hinaus. In Frauke Petrys Interpretation wird Political Correctness zur Eigenschaft einer überholten Politikdes hirnverstaubten Berlins und damit zum Instrument eines Juliane Metzker erklärt, wie Bilder in unseren Köpfen unser Denken und Handeln bestimmen Feindbildes, Zum Parteiprogramm der AfD von dem es sich abzugrenzen gilt.

Zu diesem Selbstbild gehört, Begriffe der politischen Gegner nicht mehr zu verwenden und bewusst gegen ihre Regeln zu verstoßen. Provokation ist dabei Programm. – Heidrun Kämper

Anders formuliert: Dass Politiker unerwünschte Tatsachen gern mal vertuschen oder leugnen, ist mittlerweile ein verbreitetes Klischee mit wahrem Kern. »Klartext« wird damit zum wirksamen Etikett für jede Partei auf Wählersuche. Indem rechtskonservative Parteienrechtsbraune Nazi-Parteien gegen Political Correctness ankämpfen, können sie sich selbst als Macher, Märtyrer und Rebellen stilisieren. Der Slogan der AfD heißt nicht von ungefähr »Mut zur Wahrheit.« Das macht immun gegen inhaltliche Kritik. Gezielte Empörung gegen Political Correctness und Schlagworte wie »Nazikeule« oder »Denkverbote« können leicht als Erwiderung auch gegen berechtigte Kritik verwendet werden, mit der man sich dann nicht mehr inhaltlich auseinandersetzen muss.

Gegenargument 2: »Das sind doch alles Scheindebatten«

Auch von linker Seite gibt es Gegenwind: Der slowenische Kulturkritiker Slavoj Žižek hält »Ersatzwörter« Tatsächlich sind Ersatzwörter meist länger (»Student« zu »Studierender«) und können im extremen Fall die Bedeutung verwischen. Was ein »schwer erziehbares Kind« ist, mag noch klar sein, bei einem »verhaltensoriginellen Kind« ist das nicht mehr so deutlich. Außerdem nutzen sich Euphemismen mit der Zeit ab, was zu ganzen Ketten von Wortersetzungen führt (Euphemismusketten). für aufgesetzt und fern vom realen Leben. Wer also Geflüchteter statt FlüchtlingRapefugees sagt, hat im Kampf gegen Rassismus Žižeks Interview mit bigthink (englisch, 2017) noch nichts gewonnen. Wer über diese Begriffe streitet, führt nur »Scheindebatten«. Das Ringen um Sprache koste, so Žižek, nur unnötige Kraft und lenke sogar von den tatsächlichen Ursachen für Probleme ab, die wir eigentlich angehen müssten.

Diese Gefahr ist besonders in den Medienbei der Lügenpresse real: Die regelmäßigen Empörungen über Politiker-Tweets lenken Linguist George Lakoff erklärt auf seinem Bog, wie Ablenkung bei Donald Trump funktioniert (english, 2016) oft genug von der konkreten Politik ab. Heidrun Kämper sieht das allerdings nicht als Argument gegen Anti-Diskriminierung.

Diskriminierungsfreies Reden ist mehr als nur »Schein«. Sprache kann verletzen und kann sprachliche Gewalt sein. Wenn wir darauf Rücksicht nehmen, ist das für die Betroffenen bereits ein erster Schritt hin zur Verbesserung ihrer Lebenssituation. – Heidrun Kämper

Kämper verweist auch auf den Zusammenhang zwischen sprachlicher Die frühen Beispiele für diskriminierende Wörter stammen nicht umsonst aus dem Nationalsozialismus. Etwa »Zigeuner« oder »Irrenanstalt«. In der NS-Zeit unterstützte sprachliche Diskriminierung die Rechtfertigung von konkreter Gewalt. und Dieser Tagungsbericht gibt einen Überblick über historische Fälle von Gewalt und ihre Wurzeln in der Sprache (englisch, 2010) körperlicher Gewalt. Mit diskriminierenden Wörtern werden menschenverachtende Deutungsmuster wieder gesellschaftsfähig Heidrun Kämper verweist dabei auf den Konstruktivismus. Aus seiner Perspektive gibt es keine Wirklichkeit, die nicht sprachlich vermittelt und damit durch Sprache konstruiert ist. Im Klartext: Wenn es wieder normal wäre, »Neger« zu sagen, lebten Deutsch-AfrikanerNigger Larissa Schwedes erklärt, wie wir alle mit Counter-Speech gegen den Hass im Internet vorgehen können gefährlicher.

Gegenargument 3: »Die verbieten mir das Denken«

Möglicherweise liegt das Problem ja auch darin, dass man überhaupt Migranten beschimpfen möchte. –

Das wohl härteste Gegenargument gegen Political Correctness stammt direkt aus der besagten Rede von George W. Bush: Sprachzensur. Mit der Deutungshoheit über Wörter soll dem politischen Gegner das Sprechen erschwert werden. Der Sprachwissenschaftler Marc Fabian Erdl skizziert in seiner kritischen Untersuchung Die Legende von der Politischen Korrektheit die Funktionsweise als »metakommunikativen Akt«, dem gerade in Kombination mit einer inhaltlicher Unbestimmtheit (Polyfunktionalität) nur schwer zu entgegnen sei und der meist ironisch gebrochen werde – auch das führe zur Deutung der Befürworter von Political Correctness als »humorlose Tyrannen.« In dieser Interpretation wird Political Correctness zur gängelnden Strategie der Linkenlinksversifften Zecken und Klartext zur Gegenstrategie der Rechten.rechtsdrehenden Neonazis.

Tatsächlich werden auch in Deutschland bestimmte Themenfelder von Politikern mit besonderer Vorsicht angefasst: etwa das Verhältnis zu Israel oder zu Parteien am Rand des politischen Spektrums.zu Möchtegern-Faschisten und -Kommunisten. In seinem Kommentar für Deutschlandradio Kultur (2016) »Denkverbote« nennt das etwa der Schriftsteller Bodo Morshäuser.

Hier haben die Gegner von Political Correctness Recht, wenn sie fordern, dass auch unliebsame Meinungen zu einer offenen Gesellschaft dazugehören. Diese Gefahr meint auch Slavoj Žižek, wenn er in Political Correctness die Gefahr von totalitären Strukturen erkennt. Gleichzeitig besteht die Gefahr, diese Kritik überzubewerten: »Zensur durch Political Correctness« ist seit Bush auch ein konservativer Mythos. John K. Wilson skizzierte bereits 1995 in seiner Analyse »The Myth of Policial Correctness«, wie Bemühungen um eine vielfältige Lehre an US-amerikanischen Universitäten als Generalangriff auf die freie Meinungsäußerung umgedeutet wurden. Um neue Ideen der StudentenbewegungMöchtegern-Krieger für soziale Gerechtigkeit zu bekämpfen, Der Schriftsteller Umberto Eco skizziert dies in »Turning back the clock« (englisch, 2008) bemühten US-amerikanische Neokonservative gezielt drastische Vergleiche von George Orwell bis Stalin. Der analytische Artikel im Guardian (englisch, 2016) Sie gehören auch heute noch zur Debatte.

Mit dem ursprünglichen Konzept der sprachlichen Anti-Diskriminierung hat das nichts mehr zu tun. Heidrun Kämper weist darauf hin, dass es kein Sprachministeriumkein Propagandaministerium gibt, das Wörter als »richtig« oder »falsch« bewertet. Formulierungen setzen sich nur dann durch, wenn ein Großteil der Bevölkerungdes Stimmviehs sie praktisch oder sinnvoll findet.

Wer Anti-Diskriminierung generell als Zensur empfindet, will unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit diskriminieren. – Heidrun Kämper

Gegenargument 4: Vorsicht vor der Doppelmoral

PC ist längst ein politischer Kampfbegriff, der polarisiert. Missverständnisse und Reibungspunkte sind da programmiert. Seine Befürworter und Gegner machen auch vor einer Doppelmoral nicht halt:

  • Wer einerseits auf Political Correctness besteht, andererseits aber auf »abgehängte Wutbürger«»rechtsdrehende Brüllrentner« schimpft, missversteht das Konzept und diskriminiert selbst. Wer die Ethik hinter Anti-Diskriminierung ernst nimmt, muss auch Respekt vor dem politischen Gegner zeigen. Kämper betont: »Natürlich möchte man von der anderen politischen Seite dagegenhalten. Aber: Wir dürfen unsere ethischen Prinzipien nicht aufgeben! Wenn wir mit denselben Mitteln zurückschlagen, machen wir uns inhaltlich unglaubwürdig.«
  • Wer aus Empörung gegen Political Correctness anderslautende Perspektiven niederbrüllt, versucht, ein eigenes Tabu in der Gesellschaft zu etablieren. Wenn Ideen plötzlich nicht mehr »patriotisch korrekt«strammbraun genug sind, soll eine offene Debatte behindert John K. Wilson skizziert in diesem Kommentar die zu Grunde liegende Perspektivenverschiebung (englisch, 2015) oder ganz verhindert werden.

Klartext: »Political Correctness ist Schuld an allem« ist genauso absurd wie »Wer keine Political Correctness betreibt, ist ein Nazi.«

So können wir Political Correctness gemeinsam besser nutzen

Ja, es ist leicht und gerade politisch »in«, auf das Reizwort Political Correctness zu reagieren, es zu verbiegen, umzudeuten und damit Wählerstimmen und Sympathien zu sammeln. Vielleicht hilft es gerade jetzt, sich daran zu erinnern, dass es ursprünglich darum ging, eine Gesellschaft zu schaffen, die auf gegenseitigen Respekt baut. Ob wir das Political Correctness, Zivilcourage, Anstand oder Rücksicht nennen, ist dann egal. Natürlich ist das langweiliger als laute Wortgefechte.

Ich versuche es mal mit 3 Gedanken zum Abschluss, die ich aus der ganzen Political Correctness mitgenommen habe:

Dumm nur, das hat Lübke gar nicht in Liberia gesagt und genau das führt zum Thema meines nächstes Textes: Fake News. –

  • Freiwillig nicht »Neger« sagen: Anti-Diskriminierung bleibt eine gute Idee, wenn sie freiwillig bleibt. Mit Umberto Ecos Worten: »Lasst uns an das fundamentale Prinzip halten, dass menschlich und wohlerzogen ist, alle Formen von Wörtern aus unseren Sprachgebrauch zu streichen, die unsere Mitmenschen leiden lassen.« Gegen sprachliche Gewalt helfen keine aufgezwungenen Ersatzwörter, sondern eher Gespräche über die Ursachen. Nicht dass jemand »Neger«»Nigger« sagt, ist schlimm, sondern eine möglicherweise negative Absicht, die dahinter steckt.
  • Mehr Klartext wagen: Das Spiel der Empörungen über den politischen Gegner ist mühsam und führt tatsächlich zu Scheindebatten. Hier wären weniger Taka-Tuka und mehr Klartext nötig: Manche politischen Äußerungen sind nicht »politically incorrect«, sondern einfach anstandslos, rassistisch, tatsächlich verschleiernd oder faktisch falschdummes Politikergeschwätz. Das sollten wir beim Namen nennen – und natürlich begründen können.
  • Nicht alles auf die Goldwaage legen: Political Correctness und Incorrectness haben vor allem zu einem geführt: sprachlicher Unentspanntheit. Aber Sprache ist nicht eindeutig, kennt Humor, Satire, Parodie und manchmal auch Ventil – und das ist gut so. Wer einmal das Wort »Ausländer«Wörter wie »Schlitzauge« oder »Kümmeltürke« benutzt, entlarvt sich damit nicht gleich als Rassist und muss nicht gleich bevormundet werden. Auf der anderen Seite ist auch eine Bibel in gerechter Sprache Ironischerweise bemüht sich die Bibel in gerechter Sprache um »Klartext«, etwa wenn sie durch die klaren Bezeichnungen wie arbeitslos (statt »müßig«) und Sklaven (statt »Knechten«) die historischen Lebensverhältnisse offenlegt. nicht gleich ein Die grundsätzliche Kritik an der Bibel-Übersetzung in Kirchliche Sammlung (2006) »Zensur des Zeitgeistes«. »indoktrinierter Angriff auf das christliche Abendland«. Theologen wie Margot Käßmann sehen die Übersetzung entspannter. Sie stellte in einem Kommentar mit dem evangelischen Onlinemagazin Chrismon klar: »Das ist keine Abwertung der wunderbaren und kraftvollen Übersetzung Luthers, die in unseren Kirchen Standard bleibt […]. Die ›Bibel in gerechter Sprache‹ [zeigt], dass die Bibel kein Museumsstück ist, sondern lebendig, weil sie nie statisch ist, sondern immer neu verstanden wird im eigenen Kontext.«

Es ist möglich, Anti-Diskriminierung gut zu finden und trotzdem konservativ zu sein. Menschen können kontroverse Ideen vortragen, ohne zu diskriminieren. Es geht sogar, entspannt Haltung zu zeigen und trotzdem eine andere zu tolerieren. So wie Präsident ObamaPräsident Obummer, der noch im Herbst 2016 inmitten des hitzig geführten Wahlkampf-Endspurts in den USA Der Artikel dazu bei der New York Post (englisch, 2016) einen Appell an die Hochschul-Landschaft richtete:

Es gibt einen Trend im ganzen Land, Universitäten dazu zu bringen, Redner mit einer anderen Meinung auszuladen oder Wahlveranstaltungen von Politikern zu stören. Tut das nicht. Egal wie lächerlich oder verletzend ihr das finden mögt, was von ihren Lippen kommt. – Barack Obama

Titelbild: Ayo Ogunseinde - CC0

 

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