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»Möge Gott uns von den Männern erlösen!«

In Saudi-Arabien kämpfen Frauen für ihre Rechte. Dafür brauchen sie aber erst die Erlaubnis ihrer Männer.

23. März 2017  10 Minuten

Ausgerechnet 3 vollverschleierte Frauen sind das Provokanteste, was Saudi-Arabien in diesen Monaten zu bieten hat. Denn sie provozieren allein dadurch, dass sie in einem Musikvideo tanzen, Basketball spielen und Auto fahren. Für all diese Aktivitäten gibt es religiöse Rechtsgutachten, sogenannte Fatwas, die das Komitee für islamische Rechtsfragen erlässt. Eine Fatwa bezeichnet die durch einen islamischen Rechtgelehrten (Mufti) erstellte Hier gibt es Infos dazu, wer um eine Fatwa bitten und wer sie ausstellen kann Rechtsauskunft zu religiös-rechtlichen Streitfragen, die den Alltag von Muslimen betreffen. Das Ständige Komitee für Rechtsfragen ist eine beratende Institution in Saudi-Arabien. Das sunnitische Gremium wurde 1971 eingeführt und hat die Autorität, Fatwas auszusprechen.

Obenrum das schwarze Niqab, Niqab und Burka werden in der öffentlichen Debatte in Deutschland fälschlicherweise in der Regel nicht unterschieden oder verwechselt. Beides bezeichnet Kleidungsstücke zur religiösen Verschleierung von Frauen im Islam. Die Niqab bezeichnet einen Gesichtsschleier mit freiliegendem Augenbereich und wird insbesondere auf der arabischen Halbinsel getragen. Bei der Burka hingegen wird die Augenpartie mit einem engmaschigen Netz bedeckt. Sie ist besonders in Afghanistan verbreitet und dort meistens in blauer Farbe. an den Füßen bunte Chucks, parodieren die Hauptdarstellerinnen im Clip ihr von Männern bestimmtes Leben. Auch Donald Trump bekommt einen Auftritt als Pappfigur. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass das Patriarchat überall auf der Welt zu Hause ist. Deshalb der gesungene, gar nicht so fromme Wunsch: »Gott möge uns von den Männern erlösen!« Ein Internethit in Saudi-Arabien und weltweit, über 10 Millionen Mal wurde das Video mit dem Titel »Hwages« (auf Deutsch: »Bedenken«) bereits angeklickt.

Doch was in dem Video so cool und herrlich schrill daherkommt, hat nichts mit der Realität von Frauen in einem der konservativsten muslimischen Länder der Welt zu tun. »Das ist pure Fiktion. Also ist es nie passiert«, sagt Hala al-Dosari, eine der bekanntesten Frauenrechts-Aktivistinnen aus Saudi-Arabien. Hala al-Dosari forscht im »Arab Gulf States Institute« zur Entwicklung von Frauenbewegungen in der arabischen Welt (englisch) Heute lebt und arbeitet sie in Washington, D.C. Aus Sicherheitsgründen musste sie ihr Heimatland verlassen.

Denn 2011 tat al-Dosari etwas Ungeheuerliches für saudische Verhältnisse: Sie setzte sich hinters Steuer eines Autos und fuhr los. Das Beweisfoto ihrer verbotenen Tat teilte sie im Internet, und andere folgten ihrem Beispiel. Nicht nur das Fahren selbst, sondern auch die Eine der größten Online-Kampagnen für Frauenrechte in Saudi-Arabien ist »N7nu – We the Women« (englisch) Online-Kampagne der Aktivistinnen und die öffentliche Revolte verärgerten das Königshaus und die Geistlichen in Saudi-Arabien. Ein Artikel in der »Time« zum Strafverfahren der beiden Fahrerinnen (englisch, 2014) 2 Frauen kamen dafür sogar vor ein spezielles Strafgericht, das sich normalerweise mit Fällen von Terrorismus beschäftigt.

Mit diesem Foto protestierte Hala al-Dosari gegen das Fahrverbot für Frauen. – Quelle: Hala Al-Dosari copyright

Wie viel Kopfschütteln auch ein Verfahren auslösen mag, in dem Autofahrerinnen mit Terroristinnen verglichen werden, es zeigt doch: Die Forderung nach Gleichberechtigung hinterlässt sogar in Saudi-Arabien seine Spuren, und der Ruf danach wird lauter. »Saudische Frauen merken die Fesseln, die um sie gelegt werden. Deshalb gibt es mehr und mehr Widerstand«, sagt al-Dosari.

Tatsächlich könnte der Kampf um Gleichberechtigung bis 2030 rasant an Fahrt aufnehmen. Denn es gibt dringende Gründe, warum sich das schwächelnde Ölimperium bald auf mehr »Musawah« – zu Deutsch Gleichberechtigung – einlassen wird. Die Bereiche des möglichen Wandels sind Wirtschaft, Technologie, Bildung und Demografie.

Die IT-Frauen im saudischen Silicon Valley

Hintergründe zu der Ölkrise 2015 in der Tagesschau Es wurde billiger, das geliebte Öl. Das bekamen vor allem die Saudi-Araber zu spüren, die ihre ganze Wirtschaft und internationale Beziehungen für Jahrzehnte auf dem Im ersten Artikel auf Perspective Daily hat Han Langeslag über Öl aus unfreien Ländern geschrieben (2016) schwarzen Gold am Golf aufgebaut haben. Ein Loch von über 89 Milliarden Euro rissen die sinkenden Ölpreise 2015 in den Die Einnahmen Saudi-Arabiens beliefen sich 2015 auf 148 Milliarden Euro saudischen Staatshaushalt. Im Folgejahr ging es wieder Dieses Jahr soll es noch besser laufen, das zeigt der saudische Haushaltsplan 2017 leicht bergauf. Doch die Saudi-Araber haben längst einen neuen Kurs eingeschlagen. Sie wollen weg vom Öl allein, hin zu einem arabischen Silicon Valley.

Und sie haben auch schon einen Plan. Im Arbeitspapier Die offizielle Website des »Saudi Vision 2030« Report (englisch, 2016) »Saudi Vision 2030« stehen Programme und Reformen, die eigentlich nur ein Ziel haben: Saudi-Arabien in nur 13 Jahren zum Hotspot neuer Technologien zwischen Europa und Asien zu machen. Vor allem der IT-Sektor soll stark ausgebaut werden. Schon jetzt schießen Start-ups wie Pilze aus dem Wüstenboden. Doch es fehlen CNN-Video über saudische Frauen im IT-Sektor (englisch, 2016) Spezialisten.

Die offizielle Seite des »Saudi Vision 2030« schmücken 3 Herren: König Salman, sein Sohn Mohamad bin Salman (Vorsitzender des Wirtschafts- und Entwicklungsrats) und sein Neffe Mohammed bin Nayef (Innenminister). Daneben ein Zitat des saudischen Machthabers: »Mein höchstes Ziel ist es, dass unser Land ein Pionier und ein erfolgreiches, globales Exzellenzmodell an allen Fronten wird. Ich werde mit Ihnen zusammenarbeiten, um das zu erreichen …« – Quelle: Vision 2030 Kingdom of Saudi Arabia copyright

Wo also hochqualifizierte Arbeitskräfte hernehmen? Im Ausland hat sich Saudi-Arabien schon immer gern an Arbeitern bedient, egal ob Topmanager oder Müllsammler. Doch damit soll Schluss sein. Das Arbeitspapier schielt hauptsächlich auf den lokalen Markt und siehe da, es beschreibt ungenutzte Potenziale: »Unsere Ziele für 2030: (…) Die Teilhabe von Frauen ist in der Arbeitswelt von 22% auf 30% zu heben.«

Was hier so optimistisch anklingt, spiegelt doch eine erschreckende Realität: 78% der saudischen Frauen sind arbeitslos, obwohl die Hälfte aller Universitätsabsolventen weiblich ist. Daneben hält der 2030-Plan keine sozialen Reformen bereit, um Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern. Der kann schon deswegen blockiert sein, weil sie nicht allein zur Arbeit fahren können. Geschweige denn, dass sie ohne die Einwilligung ihres männlichen Vormunds einen Job annehmen dürfen. Im Sommer 2012 erließ das saudische Arbeitsministerium ein paar Dekrete, die Frauen in bestimmten Branchen erlaubt, Jobs ohne die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds anzunehmen. Jedoch ist es immer noch keine strafbare Handlung, wenn Arbeitgeber dagegen verstoßen und eine Zustimmung einfordern.

Die Wächter der saudischen Frauen

In Saudi-Arabien hat immer ein männliches Familienmitglied die Vormundschaft über die Frau. Ohne Vormund haben Frauen keinen Zugang zu Bildung, Arbeit, Reise- und Ausweispapieren. Es gibt dafür keine schriftlichen, aber kulturelle Regeln. Das Vormundschaft-System speist sich aus islamischen und kulturellen Konzepten, deren Regeln und Einfluss nie vollständig aufgeschrieben wurde. Gegen die männliche Vormundschaft hat die saudische Feministin Aziza al-Yussef mit anderen Frauen eine Unterschriftenaktion gestartet. In einem Interview mit der ZEIT erklärt sie, was die Vormundschaft für saudische Frauen bedeutet und worauf sie sich bezieht. – Hala al-Dosari

Ohne »Mahram« Ein »Mahram« ist im Islam ein Verwandter der Frau, den sie nicht heiraten kann. – meist der Bruder, Vater oder Sohn – nehmen Frauen nur eingeschränkt am öffentlichen Leben teil. »In der Vergangenheit hatten Frauen kein Problem damit. Denn ihr Leben spielte sich hauptsächlich im Haus, im Privaten ab. Heute sind sie aber sichtbarer«, erklärt Hala al-Dosari. In Saudi-Arabien steht das religiöse Familienrecht über dem des Individuums. Saudische Frauen werden in der Gesellschaft in erster Linie als Mütter, Töchter und Ehegattinnen wahrgenommen. Für den Schutz und die Versorgung der Familie ist der Mann als Familienoberhaupt verantwortlich. Im Familien- und Eherecht, das den Kern der Scharia (weiter unten erklärt) bildet, kommen Frauen und Männern erst einmal bestimmte Pflichten zu. So ist der Mann der Versorger und »Teamleiter« der Familie. Die Frau soll ihn beraten und trägt die Hauptverantwortung für das Wohl der Kinder. Daher müssen beide, sowohl Männer als auch Frauen, diese Rollen ausfüllen.

So wollen es die Rechtsgelehrten. Saudi-Arabiens Rechtsprechung fußt auf der dort anerkannten Auslegung der Scharia. Der Begriff Scharia beschreibt ein System der islamischen Normenlehre. Er enthält Religionsgebote sowie Rechtsvorschriften, zentral ist allerdings die sogenannte »Quellenlehre«, die sich mit Fragen der Auslegung beschäftigt. Der Begriff hat seinen Ursprung im Koran, in dem er ursprünglich den Pfad bezeichnet, der in der Wüste zum Wasser führt. Entgegen der weitverbreiteten Fehlannahme, »Die« Scharia gibt es nicht es gebe nur ein Scharia-Gesetz, wird die Sammlung von Regeln und Verboten des islamischen Lebens in jedem muslimischen Land anders ausgelegt. In Saudi-Arabien sind diese allgemeingültig, sie breiten sich über alle Gerichtsorgane aus.

Im Wettrennen um die meisten Follower auf Twitter muss sich König Salman (6 Millionen Follower) von dem saudischen Super-Scheich Mohamad al-Arefe (17 Millionen Follower) um Längen geschlagen geben. – Quelle: @MohamadAlarefe Twitter copyright

Selbst der König Salman bin Abd al-Aziz, König Salman bin Abd al-Aziz Al Saud ist der Sohn des Gründers des Königreichs Saudi-Arabien, Abd al-Aziz bin Saud. Seit dem 23. Januar 2015 ist er der absolutistische König und saudischer Premierminister. Er ist 81 Jahre alt. Im Gegensatz zu seinem verstorbenen Vorgänger König Abdullah führt Salman eine offensivere Politik im Nahen Osten. der als absoluter Monarch herrscht, muss sich dem religiösen Recht beugen. So verfügen die saudischen Rechtsgelehrten über viel Macht in der konservativen Gesellschaft und einen weiten Ermessensspielraum in der Rechtsprechung. Mehr noch, sie sind regelrechte Superstars. Im Fernsehen und in sozialen Netzwerken verbreiten sie ihre Botschaften an Millionen Anhänger. Wie saudische Scheichs soziale Netzwerke für sich nutzen, könnt ihr hier lesen. Was sie als Recht oder Unrecht definieren, gehört früher oder später zum gesellschaftlichen Kodex.

Von ihnen stammt auch der Bann, dass Frauen in Saudi-Arabien nicht Autofahren dürfen. Alles begann damit, dass saudische Frauen während des Zweiten Golfkriegs 1990/91 Der Zweite Golfkrieg wurde durch den Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait am 2. August 1990 ausgelöst. Nachdem der Irak einer Resolution des UN-Sicherheitsrates nicht nachkam und seine Truppen nicht aus Kuwait abgezogen hatte, startete eine Allianz aus 34 Staaten unter Führung der USA in der Nacht zum 17. Januar 1991 die Operation »Wüstensturm«. Am 28. Februar, nach der Einnahme der Hauptstadt Kuwaits, erkannte die irakische Führung die UN-Resolution an, eine Waffenruhe wurde ausgerufen und Friedensverhandlungen begannen. sahen, wie die in ihrem Land stationierten amerikanischen Soldatinnen Fahrzeuge fuhren. Das wollten sie auch, und sie entschlossen sich, gegen das inoffizielle Fahrverbot zu demonstrieren. Dafür fuhren rund Der Protest von Frauen gegen das Fahrverbot gründet sich auf der Aktion von 1990 (englisch, 2008) 50 saudische Aktivistinnen im Autokorso die Hauptstraße von Riad hoch und runter.

Das »Komitee für Rechtsfragen« stoppte die freie Fahrt mit einer Fatwa, dem Fahrverbot für Frauen: »Als das religiöse Urteil erlassen wurde, war die Begründung des Rechtsgelehrten Ahmad bin Baz, dass er ›den Weg blockieren wolle, der zur Sünde führen könnte.‹ Sprich: Mehr Frauen in der Öffentlichkeit könnten Männer verführen. Das Innenministerium erließ daraufhin das Kehrtwende: Scheich Ahmad bin Baz sprach sich vor 7 Jahren für ein Fahrrecht für Frauen aus (englisch, 2010) Fahrverbot«, erzählt Hala al-Dosari.

Frauenrechte werden in Saudi-Arabien als Angriff auf die traditionellen Werte der Gesellschaft oder direkt auf die Autorität der Geistlichen verstanden. – Hala al-Dosari

Für die Königsfamilie und die Geistlichen im Land ist klar: Was Saudi-Arabien anpackt, macht es richtig, indem es sich Zeit lässt. Mit Gemach und bloß nicht zu viel Transformation, nicht nur in Sachen Frauenrechte. Das würde die konservative Gesellschaft nicht aushalten. Die Furcht vor einem Flächenbrand wie in anderen arabischen Ländern seit 2011 scheint groß.

Deshalb wird hier und da ein bisschen reformiert: 2015 durften sich erstmals Kandidatinnen für die Kommunalwahlen aufstellen lassen. Immerhin 865 Frauen hatten sich zur Wahl gestellt (2015) 22 Frauen wurden gewählt. Mit männlichen Kommunalpolitikern dürfen sie aber nicht in einem Raum sitzen. Politik ohne Sichtkontakt also, kein einfaches Unterfangen und de facto nahezu wirkungslos.

Reform oder Transformation?

Es sieht danach aus, dass Gleichberechtigung mit religiösem Recht begründbar sein muss, um überhaupt eine Chance in Saudi-Arabien zu haben. Wie viele andere arabische Länder stimmte Saudi-Arabien in Kairo der Zum Artikel »Menschenrechte und Islam« der bpb »Erklärung der Menschenrechte im Islam« zu, die Mann und Frau zwar die gleiche Würde, nicht aber die Gleichstellung garantiert. Und das, obwohl die Saudi-Araber auch die Frederik v. Paepcke schreibt hier: »Die Menschenrechte sind ein wichtiger Baustein, deren weltweite Anerkennung und Rechtskraft noch ein weiter Weg ist.« UN-Menschrechts-Charta 1948 anerkannten, in der die Gleichberechtigung von Mann und Frau als Grundsatz gilt. Welche der beiden Erklärungen sie bevorzugen, liegt wohl klar auf der Hand.

In Saudi-Arabien gibt es deshalb auch Musliminnen, die Reformwillen fordern und versuchen, religiöse Normen der Hintergründe des muslimisch-feministischen Ansatzes (englisch, 2015) Frau im Islam neu zu diskutieren. Dabei argumentieren sie für andere Lesarten des Korans und die Öffnung hin zu anderen Rechtsschulen im Islam, die mehr Gleichberechtigung versprechen. Die muslimisch-feministisch orientierte Strömung, die zwischen Tradition und Moderne vermitteln will, findet immer mehr Anhängerinnen in der arabischen Welt.

»Es war kein Wunder, dass die erste Frau, die gegen das Fahrverbot 2011 protestierte, eine alleinerziehende Mutter war«, sagt al-Dosari im Interview. Damit meint sie Manal al-Sharif, die hier auf dem »Oslo Freedom Forum« die Hashtag-Kampagne #woment2drive vorstellte. – Quelle: Amnesty International Norge CC BY-SA

Hala al-Dosari hingegen hält den Versuch, Rechtsgelehrte mit den eigenen Waffen zu schlagen, für aussichtslos: »Wir sind nicht tolerant gegenüber anderen islamischen Rechtsschulen in Saudi-Arabien. Wir werden immer wieder an Grenzen stoßen, die die Religion stellt und nur sie allein aufbrechen kann. Es wäre realistischer zu fordern, die Religion mehr ins Private zu holen.« Dass sich al-Dosari mit dieser Aussage nicht nur Luftschlösser baut, zeigt die politische Maßnahme nach einem tragischen Ereignis der jüngeren saudischen Geschichte.

Mekka, 11. März 2002: In einer Mädchenschule bricht Feuer aus. Als die Schülerinnen aus dem brennenden Gebäude fliehen wollen, soll ihnen die Sittenpolizei den Weg verstellen. So berichten es saudische Zeitungen. Auch männlichen Feuerwehrkräften wird der Zutritt zum Gelände der Schule verwehrt. Der Grund: Die von Rauch und Feuer umringten Mädchen tragen nicht ihre islamischen Gewänder, die Abaya. Zur Kritik an der Sittenpolizei (englisch, 2002) 15 Schülerinnen kommen ums Leben.

»In einem modernen Staat, der von einem König regiert wird, sollte die Verantwortung nicht bei den Geistlichen liegen.«

Daraufhin folgte eine für saudische Verhältnisse sehr kontroverse öffentliche Diskussion über die religiösen Auflagen der Geschlechtertrennung und scharfe Kritik an der Sittenpolizei. Am Ende stand die Entscheidung, Mädchenschulen nicht länger allein unter die Kontrolle von Religionsgelehrten zu stellen, sondern das Bildungsministerium damit zu betrauen. Diese Reform kam spät – Die BBC berichtete über die Konsequenz (englisch, 2002) die Schulbildung von Jungen war schon 40 Jahre zuvor in staatliche Hände gefallen.

Weitere solcher transformativen Ansätze sind laut Hala al-Dosari nötig. Es mag für einige befremdlich klingen, wenn sie sagt: »In einem modernen Staat, der von einem König regiert wird, sollte die Verantwortung nicht bei den Geistlichen liegen.« Solche Aussagen unterstreichen, dass sie trotz ihres Lebens im Exil keine westlichen Maßstäbe an ihr Heimatland anlegt, wie es Feministinnen in der arabischen Welt Mit der libanesischen Feministin Hayat Mirshad habe ich über die Kritik am Feminismus als westlichen Import gesprochen (2015) häufig unterstellt wird. Der Wunsch nach mehr Demokratie beispielsweise würde vorbei an der saudischen Realität ins Leere führen. Hineinführen würden weitere gute Gründe, die die Gesellschaft selbst anzubieten hat.

Die Jugend vom Golf

Die Saudi-Araber sind nämlich in einen Jungbrunnen gefallen. 70% von ihnen sind Statistiken zur Demografie 2016 des saudischen Statistikamts (englisch) unter 30 Jahre alt. Damit bröckelt das Konstrukt der geschlossenen Gesellschaft. »Die jungen Menschen sind offener und jetzt schon gut vernetzt mit der Außenwelt. Wir haben mit die 2015 waren 69,6% der saudischen Bevölkerung mit dem Internet verbunden. Zum Vergleich: In Deutschland waren es knapp 88% (englisch, 2015) meisten Internetnutzer in der arabischen Welt«, sagt al-Dosari. Auch sie und ihre Mitstreiterinnen der Autofahr-Kampagne 2013 hatten sich in sozialen Netzwerken ausgetauscht.

»Wir sind kein Land alter Generationen.«

Doch auch online gibt es keine uneingeschränkte Freiheit. Staatliche Zensur und Strafen für freie Meinungsäußerung sowie für Kritik am Königshaus sind gang und gäbe. Das zeigte der Fall des saudischen Bloggers Raif Badawi, der für seine politischen Äußerungen im Internet zu Badawi erhielt am 9. Januar 2015 die ersten 50 Stockschläge (2015) 1.000 Peitschenhieben und 10 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Dennoch schaut Hala al-Dosari optimistisch in die Zukunft: »Wir sind kein Land alter Generationen. Es ist unausweichlich, dass sich etwas verändern wird, denn die Menschen sind nicht mehr dieselben wie vor 3 oder 4 Jahrzehnten.« Vor allem im Bildungssektor haben die jungen Saudi-Araber gegenüber den Generationen ihrer Eltern und Großeltern deutlich aufgeholt. Die Alphabetisierungsrate liegt für Frauen bei über 92%. Zum Vergleich: Text über Bildung von Frauen in Saudi-Arabien (englisch, 2015) 1970 konnten nur 2% der Frauen lesen und schreiben.

Unter dem 2015 verstorbenen König Abdullah wurden erstmals Stipendienprogramme im Ausland für saudische Studentinnen eingerichtet. Einziger Haken: Viele Frauen dürfen wieder nicht ohne ihren männlichen Vormund reisen, den die meisten Programme nicht mitfinanzieren.

Der Mädchenrat ohne Mädchen?

Es scheint Saudi-Arabien manchmal selbst nicht ganz klar zu sein, wohin es mit seinen Frauen möchte. Erst vor ein paar Tagen ging ein Bild durch internationale Medien. Darauf abgebildet sind 13 saudische Männer unter einem Banner mit der Aufschrift »Der Qassim-Mädchenrat«. Das regionale Gremium, so schreibt die saudische Presse, soll die Hier geht es zu den Fotos und dem arabischen Bericht über den neuen »Mädchenrat« (arabisch, 2017) »Stimme der Mädchen« hörbar machen. Wo aber sind die, die da gehört werden sollen? Vorsitzende ist Prinzessin Abir bint Salman, die auf keinem Foto zu sehen ist.

13 saudische Männer präsentieren den »Qassim-Mädchenrat«. Die Provinz Qassim beschreiben selbst Saudi-Araber aus anderen Regionen als sehr konservativ. – Quelle: @dr_fahad_harthi Twitter copyright

Im Zu den Reaktionen aus dem Internet (2017) Internet gab es viel Häme für die erste Sitzung des Rats für Frauen ohne Frauen. Im Grunde genommen ein gutes Zeichen, denn so wird das Thema Gleichberechtigung wieder und wieder in den öffentlichen Diskurs getragen. Und dieses Image in der Welt dürfte auch Saudi-Arabien wichtiger werden, das sich jetzt mit seinem Wirtschaftsplan bis 2030 auf den globalen Markt der neuen Technologien wirft.

Unterstützung für mehr Gleichberechtigung kommt mittlerweile auch aus der Königsfamilie. Warum Frauen Autofahren sollten, begründet Talal hier (englisch, 2016) »Hört auf mit der Debatte. Lasst Frauen Autofahren«, twitterte Prinz Alwaleed bin Talal. Der Hotelmogul ist einer der 41 reichsten Menschen der Welt und hat bei so einer Aussage sicher auch den wirtschaftlichen Vorteil im Auge.

Saudische Frauen sind in der Unternehmenswelt angekommen, und das nicht gerade in unwichtigen Positionen: Ende Februar 2017 wurde bekannt gegeben, dass die neue Börsenchefin in Riad Sara al-Suhaimi heißen wird und Rania Nashar die Führung der »Samba Financial Group«, einer Bank in Saudi-Arabien, übernimmt. Zum Artikel »Frauen greifen am Golf nach der Macht« (2017) Beide Ernennungen sind bereits Teil der neuen saudischen Wirtschaftsreformen. Das Argument Wirtschaftswachstum können saudische Frauenrechtlerinnen für sich nutzen, um die Debatte über ihre Freiheiten am Laufen zu halten. Denn sobald sie Autofahren dürfen, ist der nächste logische Schritt die Abschaffung der Vormundschaft.

Titelbild: Majedalesa - Hwages - copyright

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

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