Wie laut darf man über Hautfarben lachen?
So laut, dass ich als Europäerin zusammenzucke. Und merke: Wir können einiges von der Comedyszene in Südafrika lernen.
Wer pflichtbewusst das Apartheid-Museum am Rande Johannesburgs besucht, dem fallen die Pfeiler vor dem futuristischen Gebäude ins Auge. Sie symbolisieren mit rostroten Schriftzügen die Prinzipien, auf denen das neue Südafrika aufbaut. Ausgerechnet der Pfeiler mit dem Wort »Demokratie« wird gerade renoviert. Eine Ironie, die zeigt, dass wir in einem Land unterwegs sind, in dem die Witze auf der Straße zu liegen scheinen.
Komik ist in Südafrika allgegenwärtig. Comedians und Manager der Szene vermuten, dass Comedy die am schnellsten wachsende Unterhaltungsindustrie des Landes ist. Egal ob in einer Studentenbar in Johannesburg, auf einem öffentlichen Marktplatz in Durban oder am Kapstädter Hafen, schnell wird klar, dass Südafrikaner einen besonderen Sinn für Humor haben. Unangestrengt lachen sie über sich selbst und furchtlos über alles andere.
Während meiner Spurensuche durchs Land habe ich entdeckt, wie sich Südafrika auf humoristische Weise selbst therapiert und was wir im kühlen Norden davon lernen können.

Comedy als Aufklärung oder: Vom fehlenden Hühner-Körper
Der Präsident ist wie ein Partygast, der immer noch nicht nach Hause gehen will, obwohl er schon die ganze Tanzfläche vollgekotzt hat.
Nicken, dann lachen. Das Publikum in der dichtbesetzten Bar Kitcheners im studentischen Stadtteil Braamfontein in Johannesburg bewegt sich wie ein einziger Körper: Es nickt, während der aus Kapstadt stammende Komiker Lazola Gola vorne auf der niedrigen Bühne eine Geschichte erzählt, um bei der Pointe in Gelächter auszubrechen. Er erzählt unter dem brüllenden Lachen des Publikums in Johannesburg vom korrupten Präsidenten
»Ideen sind alles, was wir Comedians haben.« Lazola Gola strahlt, als er das sagt, denn das Gefühl verstanden zu werden, wenn das Publikum lache, sei unbeschreiblich. Gleichzeitig wollen die Comedians damit auch ihren Standpunkt klarmachen. Dabei schaut Gola fast streng durch seine dicken runden Brillengläser.
Es ist ein streitlustiger junger Haufen, der sich nach der Show an der Theke versammelt. Für manche der 15 Komiker des Abends ist es der erste Auftritt. Ihre Witze sind eigentlich Geschichten und die Pointen durch persönliche Erfahrung geformte Meinungen. Sie erzählen von Armut, Religion, Sex, Politik und Hautfarbe. »Stand-up fordert dich dazu heraus, eine Meinung zu bilden. Es ist sehr persönlich«, erklärt
»Ideen sind alles, was wir Comedians haben.« – Lazola Gola, südafrikanischer Stand-up-Comedian
Mit einem Witz kann man eine tragische Geschichte erzählen und statt Mitleid Gelächter ernten. Einer der Komiker berichtet von seiner Kindheit. Es sei eine Form von Armut gewesen, in der es kaum Fleisch zu essen gegeben habe. Alles, was in seltenen Fällen auf den Tisch gekommen sei, waren die günstigsten Teile vom Huhn. Das wurde zum Problem, als er in der Schule ein Huhn zeichnen musste. Nach bestem Wissen malte er also das Tier, das ihm bisher auf dem Teller begegnet war: die Füße und den Kopf. Als sich die Lehrerin nach dem Teil des Tieres erkundigte, der zwischen Füßen und Kopf liege, rief das das völlig erstaunte Kind aus: »Es gibt einen Körper?«.
Die südafrikanischen Komiker lachen über das, was sie an ihrem Land ärgert. Wie sollen sie über Dinge sprechen, die gerade mal gute 20 Jahre zurückliegen? Südafrika experimentiert noch: Was muss wie und wann gesagt werden? Wer fühlt sich davon angegriffen?
Humor ist dabei ein wenig, wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Eine Maßnahme, die dem anderen mehr Spielraum lässt, darauf zu reagieren, gerade weil sie übertreibt: Von einem Witz kann sich das Gegenüber ertappt fühlen, es kann die Erkenntnis mit nach Hause nehmen – oder einen Moment lang lachen und sie vergessen. In jedem Fall gilt: Wer lacht, hat verstanden. Dann hat Comedy den Finger in die Wunde gelegt.
Wenn dieser Moment da war, nimmt er all den rassistischen Drall aus dem, was jemand gesagt hat. Am Ende des Tages bist du vielleicht immer noch ein Rassist, aber das ist nicht der Punkt. Entscheidend ist, dass wir darüber geredet haben. Es mag eine seltsame Art und Weise sein, das zu tun, ein bisschen exzessiv und übertrieben vielleicht, aber es führt zum gewünschten Ergebnis.
Comedy als Medizin oder: Warum Südafrika über sich selbst lachen muss
Weiter geht es nach Durban. In der indisch geprägten Hafenstadt an der Süd-Ostküste findet 3 Mal die Woche vor dem Kaufhaus The Warehouse Street-Comedy statt. Vor den voll besetzten Rängen des öffentlichen Amphitheaters geben 6 Komiker ihre Witze zum Besten – und das in Zulu, der Sprache der lokalen Bevölkerungsgruppe.
Wie mit einem Scheinwerferkegel wird reihum aufs Korn genommen, wer die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Selbst wer

Das Zulu-Wort für »Lachen« lautet »Uhleko«. Die Komiker nennen sich UHLEKO Zulu Street Comedy. Es geht in nicht ganz so geschliffenen Witzen um Alltägliches: Handynetz-Anbieter und deren Funklöcher oder zermürbende Bürokratie am Bankschalter – und auch die Hautfarbe. Ein Komiker aus Nigeria muss von seinen Kollegen die derbsten Witze einstecken. Hautfarbe wird in Südafrika immer noch nach der Schattierung vermessen, nicht nur beim Humor: Je dunkler, desto schlechter – je heller, desto besser. Diese Skala sitzt in den Köpfen und lässt sich an der Reaktion des Publikums ablesen. Sie lachen herzhaft über rassistische Witze, bei denen ich als politisch überkorrekte Europäerin zusammenzucke. Vielleicht ist das ein offener Kampf, vielleicht gilt: ausgesprochen ist besser als gedacht.
Wie kompliziert die Lage in Südafrika ist, kann ich als Besucherin in solchen Momenten nur erahnen. Die über den Sommer im ganzen Land ausgetragenen Comedy-Festivals sind eine Art Therapie für ein von
Wir brauchen das. Es gibt so viel zu diskutieren: Eine Menge Vergangenheit, viel Druck, der sich aufgebaut hat. Stand-up ist eine fantastische Möglichkeit, diesen Druck abzubauen, einfach die Meinung rauszuhauen und die weißen Leute zu fragen: ›Was, verdammt noch mal, habt ihr euch dabei gedacht?‹
Kraftvolle Komik entsteht gern in der Nähe von Tragik, davon gibt es in Südafrika mehr als genug. Auf die Frage, warum er nicht schwimmen könne, antwortet Kurt Schoonraad gewöhnlich mit einer Gegenfrage: »Ich durfte nicht an den Strand. Schon vergessen?«
Comedy und das Geld oder: Wenn Witze auf Touristen treffen
Die 3 größten Comedy Clubs des Landes sind Goliath, Parker’s Comedy Club in Johannesburg und Kurt Schoonraads Cape Town Comedy Club in Kapstadt. Schoonraad gehört zur ersten Generation von Komikern in Südafrika und ist unter der Apartheid aufgewachsen, in einem Stadtteil auf den
Plötzlich begann dieses neue Südafrika und da waren diese Meinungen, über die wir uns austauschen mussten. Es war sehr seltsam, weil wir nicht wussten, wie weit wir es treiben konnten. Als erste Generation mussten wir die Grenzen selbst setzen und bestimmen, worum es in dieser südafrikanischen Comedy gehen sollte.
Der Anspruch war hoch und die jungen Komiker in Johannesburg streng: Comedy müsse Bildung sein für Fremde und meinungsbildend für Einheimische. Wird man dem noch gerecht, wenn Touristen aus aller Welt Geld für eine gute Show bezahlen?
Diese Frage bringt uns zum nächsten und letzten Stopp der Reise: Kapstadts Hafen an der Victoria & Alfred Waterfront,
Die Waterfront gehört zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten Südafrikas. Wenn hier Witze für ein internationales Publikum erzählt werden, sind die Pointen ein bisschen weniger scharf als in Johannesburg und ein bisschen weniger sorglos als in Durban. Ein Scherz über die unendliche Kluft zwischen Männern und Frauen oder die sinkende Frustrationstoleranz beim Autofahren ist weniger persönlich – die Zuhörer sind nicht ganz so nah dran am Lachen der Anderen.

Dennoch bleibt die Grundidee die gleiche. Die Komikerin und Kapstädterin
Anschließend erzählt sie von ihrem Sohn, der in den Cape Flats aufwächst. Die Townships Kapstadts, die sich auf der vom Meer abgewandten Seite des Tafelbergs kilometerweit über die Ebene ausbreiten, sind berüchtigt für ihre Probleme mit Kriminalität, Bandenkriegen und Drogen. »Ich habe einen 19 Jahre alten Sohn. Er ist aus den Cape Flats, aber er liest Bücher, spielt Schach, solche Dinge. – Also habe ich ihm ein Messer zu Weihnachten gekauft.« Der Weg zur informierenden Pointe ist hier anders. Die Komiker greifen Klischees auf. Etwa die Vorstellung, dass jeder, der in den Townships lebt, gefährlich sei. So holen sie das internationale Publikum ganz nah ran.
Die Person da oben liefert immer ihre persönliche Meinung. Das Tolle daran ist, dass du als Franzose, Amerikaner oder Australier immer direkt hineintappen wirst in die Welt, wie wir sie als Südafrikaner sehen. Komm irgendwo auf der Welt in einen Comedy Club und sie werden dir dort genau sagen, wo sie stehen und was sie bewegt. Es ist fast so etwas wie ein Barometer geworden für das, was in einer Kultur wichtig und unwichtig ist.
Jedes Publikum bekommt die Witze, die es braucht. Wird es größer, wird es notwendigerweise auch diverser, die Witze allgemeiner. Aber zu entspannt darf es auch nicht sein. Was ein Publikum braucht, ist nicht nur das, was es möchte, sondern auch das, was nötig ist.
Das weiß auch Kurt Schoonraad. Die Hälfte seines Jobs bestehe darin, sich das Publikum des Abends anzusehen und darauf zu reagieren, sagt er.
Wenn der Raum sehr farbig ist, gehe ich mit der entsprechenden Einstellung heran und habe alle hinter mir. Wenn der Raum komplett weiß ist, werde ich die Sache ganz anders angehen. Ich werde sie ein bisschen dafür ärgern, dass sie zu weiß sind.
Ein solcher Witz kann dir deine Hautfarbe bewusst machen und erlaubt gleichzeitig, sich in jemand anderen hinein zu fühlen. Die Menschen in Südafrika ordnen sich selbst einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu – sie bezeichnen sich als
Vor ein paar Monaten hatten wir ein englisches Paar hier, das sich davon angegriffen fühlte, dass ich das Wort »Farbige« auf der Bühne benutze. Sie wollten ihr Geld zurück und haben eine große Szene gemacht. Ich habe ihnen gesagt: »Ihr versteht es nicht: Ich weiß, was ihr denkt, aber ihr versteht es falsch.« Irgendwann hatten sie das ganze Publikum gegen sich aufgebracht. Denn ich habe die Erlaubnis, darüber zu reden, auf die harte Weise erlangt: Indem ich in diese Gruppe hineingeboren wurde, indem ich in einer armen Nachbarschaft aufwuchs, die schlechte Bildung genoss und in der falschen Gegend lebte. Wenn ich nicht darüber reden kann, wer dann?
Comedy als Export oder: Was wir von südafrikanischen Witzen lernen können
Der berühmteste Vertreter südafrikanischer Comedy auf internationaler Ebene ist nicht Kurt Schoonraad, sondern Trevor Noah. Der in Soweto in Johannesburg geborene Komiker war einer der bekanntesten Comedians Südafrikas, bevor er als Stand-up-Comedian mit seinen Shows um die Welt tourte. Er erzählt mittlerweile Witze für ein amerikanisches Publikum. Am anderen Ende des Atlantiks sitzt er in einem gefälschten Nachrichtenstudio in New York und moderiert die
In einem
In Südafrika gab es nie den Luxus, die Existenz des Themas zu verneinen. Die Hautfarbe ist ständig präsent. Es wirkt, als hätten die Menschen dort beschlossen, dass es besser sei, sich eines Konzepts bewusst zu sein, das so schnell ohnehin nicht aus unseren Köpfen verschwinden wird. Den Feind auf Sicht halten, sozusagen. Humor überwindet die Furcht, etwas Falsches sagen zu können.
Es geht darum, eine Philosophie zu teilen. Eine gemeinsame Basis zu finden. Selbst wenn du nicht zur selben Bevölkerungsgruppe gehörst, kannst du nachvollziehen, wie es sein muss, in dieser Position zu sein. Das ist es, was wir hier tun. Wir nehmen einen Stein aus der Wand, jeden Tag. Ein guter Witz, das sind 10 Steine auf einmal! Es entwaffnet die Wütenden und ermächtigt die Glücklosen.
Titelbild: Edward Morgan - CC BY-SA 3.0