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»Ich wollte eigentlich nie Berufsbehinderter sein«

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Maren Urner / Menschen, die bewegen

»Ich wollte eigentlich nie Berufsbehinderter sein«

13. Juli 2017

Raúl Krauthausen stellt eine Frage, die Inklusion überflüssig macht: Wenn 10% der Bevölkerung behindert sind, warum ist dann nicht jeder Zehnte in deinem Freundeskreis ein Mensch mit Behinderung?

Raúl Krauthausen ist kleiner als die meisten anderen Erwachsenen und sitzt im Rollstuhl. Das sieht jeder sofort. Was nicht jeder sofort sieht, ist, dass er Moderator, Seine Biographie erschien im Jahr 2014 mit dem Titel »Dachdecker wollte ich eh nicht werden« Autor, Raúl gründete gemeinsam mit seinem Cousin Jan Mörsch im Jahr 2004 den Verein Sozialhelden e.V. Sozialunternehmer und Im Jahr 2013 erhielt Raúl Krauthausen das Bundesverdienstkreuz von der damaligen Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen Träger des Bundesverdienstkreuzes ist. Dass er die größte Online-Plattform für rollstuhlgerechte Orte ins Leben gerufen hat. Nicht als die gesehen zu werden, die sie wirklich sind – davon haben Menschen mit Behinderung mehr als genug. Ich habe Raúl bei der TEDx-Konferenz 2015 in Münster kennengelernt und bin überzeugt, dass er ein Mensch ist, der bewegt. »Menschen, die bewegen« – so heißt unsere neue Themenreihe. Im Mittelpunkt stehen dabei Menschen, die etwas bewegen und damit zum Nachahmen einladen. Für das Format haben wir uns noch ein paar andere Besonderheiten überlegt:
1. Bei der Fragenplanung ist mindestens ein weiterer Autor dabei, der der Person und Thematik besonders kritisch gegenübersteht.
2. Es gibt 2 Fragen, die uns bei jedem Interview besonders interessieren: Was kann jeder Einzelne tun? Und: Was würde der Interviewpartner ändern wollen?
3. Erklärende Texteinschübe liefern Hintergrund zur Thematik des Interviewpartners.

Mehr als 81.000 Volljährige dürfen in Deutschland nicht wählen

Raúl, du darfst bei der Bundestagswahl am 24. September ganz normal wählen gehen. Das gilt aber nicht für alle Menschen mit Behinderung. Warum ist das so?
Raúl Krauthausen: Das gilt nicht für Menschen, die in einer Vollbetreuung sind. Sie haben einen gesetzlichen Vormund, Im Falle einer sogenannten »krankhaften Störung der Geistestätigkeit« gelten auch Erwachsene als geschäftsunfähig. Sie können also keine wirksamen Verträge abschließen. Gerichtlich wird dann ein Vormund bestellt, der als gesetzlicher Vertreter dient. In den meisten Fällen sind das die Eltern. der für sie die großen Entscheidungen des Lebens trifft – ein wenig so wie Eltern.

Und wer entscheidet über diese Vollbetreuung, mit der das Wahlrecht wegfällt?
Raúl Krauthausen: Das ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Der Antrag auf Vollbetreuung wird beim Betreuungsgericht gestellt, das Teil des Amtsgerichts ist. Eine Ausnahme stellt der württembergische Teil von Baden-Württemberg dar. Dort ist für die Betreuerstellung der Notar zuständig. Die Gefahr ist groß, dass Menschen unter eine Totalbetreuung Die wird auf einen Betreuer übertragen, wenn ein Volljähriger aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung seine (rechtlichen) Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht erledigen kann. Eine Betreuung für alle Angelegenheiten ist zulässig, wenn der Betroffene aufgrund seiner Krankheit oder Behinderung keine seiner Angelegenheiten mehr selbst besorgen kann. fallen, obwohl sie alleine entscheiden könnten, Die Stiftung »Institut für Betreuungsrecht« bietet umfassende Informationen zu diesem Thema welche Partei sie wählen wollen. Vor ein paar Jahren hat die CDU argumentiert: »Wer nicht lesen kann, der soll auch nicht wählen dürfen.« Im Februar 2013 erklärte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Günter Krings, zum Beispiel: »Es ist nicht plausibel, warum ein Mensch, der nicht mal selbstständig eine Zeitung kaufen kann, eine Wahlentscheidung treffen soll.« Ich frage mich dabei immer: Hat denn auch jeder gelesen, bevor er oder sie wählen geht? Eine vollständig demokratische Gesellschaft sollte auch die Stimmen von Menschen berücksichtigen, die nicht lesen können. Vielleicht sollten wir tatsächlich auch andere Faktoren mitberücksichtigen, die auch bei nicht behinderten Menschen die Wahlentscheidung beeinflussen, wie zum Beispiel Sympathien und Ansprache.
Der sogenannte Hier geht’s zum Bundeswahlgesetz: § 13 Ausschluß vom Wahlrecht Wahlrechtsauschluss des Bundeswahlgesetzes aufgrund einer Totalbetreuung betrifft in Deutschland schätzungsweise Die genaue Zahl lässt sich schwer ermitteln, da es keine zentrale Erfassung gibt. mehr als Die Huffington Post erklärt, warum Menschen mit Behinderung nicht wählen dürfen 81.000 Menschen. Gesetzlich gibt es 2 weitere Gründe, warum Menschen vom Wahlrecht ausgeschlossen werden können: Detaillierte wissenschaftliche Ausarbeitung zum Wahlrechtsauschluss vom Bundestag (2015) durch einen Richterspruch oder aufgrund psychiatrischer Unterbringung. Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben im Sommer 2016 den Wahlausschluss abgeschafft, pünktlich Der Deutsche Behindertenrat fordert eine Abschaffung des Wahlausschlusses auf Bundesebene (2017) vor der den Landtagswahlen im Mai 2017.

Du gehst ab Mitte Juli unter dem Hashtag #responsive bundesweit auf Tour, um Fragen rund um die Wahlen zu sammeln. Worum geht es dir dabei?
Raúl Krauthausen: Was bringt eigentlich meine Stimme – oder Engagement generell? Was können wir gegen das Gefühl tun, dass angeblich »die da oben« eh machen, was sie wollen? Darüber möchten wir mit verschiedenen Menschen und Parteien sprechen. Nicht nur aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen. Zentral ist dabei die Frage, was Gerechtigkeit bedeutet. Jede Partei hat in ihrem Programm das Wort »Gerechtigkeit« stehen, Ein Blick auf die aktuellen Wahlprogramme der 4 Parteien im Bundestag und der FDP: CDU (2 Erwähnungen, einmal mit Bezug auf die soziale Marktwirtschaft, einmal zur Rentenreform im Jahr 2007), SPD (28 Erwähnungen, die bereits im Titel beginnen: »Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit: Zukunft sichern, Europa stärken« und von allgemein (»Gerechtigkeit ist die zentrale Voraussetzung für Zusammenhalt und Wohlstand.«) bis themenspezifisch (zum Beispiel Umweltgerechtigkeit) reichen), Die Grünen (21 Erwähnungen und eine Erwähnung schafft es in eine Zwischenüberschrift: »Gerechtigkeit im Sinn«), Die Linke (41 Erwähnungen, die bereits im Titel beginnen: »Die Zukunft, für die wir kämpfen: SOZIAL. GERECHT. FRIEDEN. FÜR ALLE.« und Begriffe wie Gendergerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit einschließen), FDP (9 Erwähnungen, inklusive der Formulierung »Marktverzerrungen und Ungerechtigkeiten«).

(Un-)Gerechtigkeit wird mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 stark diskutiert. Während die CDU über »soziale Balance« spricht, verteidigt ein SPD-Politiker den Entschluss, »die Gerechtigkeit« zum Wahlkampfthema zu machen, und eine Umfrage zeigt, dass die Befragten der SPD zutrauen, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.
was ist für die Bürger eigentlich gerecht? Als Beispiele nennt Raúl hier alleinerziehende Menschen und das Thema Höchststeuersatz. Das erreiche viele Menschen gar nicht mehr, weil sie auf eine Grundsicherung angewiesen seien und somit sowieso keine oder kaum Steuern zahlen.

Was macht einen Menschen denn »wahlfähig«? Im Interview haben Raúl und ich uns gefragt, ob das Wort existiert; im Duden steht es nicht, Übersetzungswebsites bieten aber eine englische Version an. Gemeint sind die Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit ein Mensch befähigt ist, seine politische Stimme abzugeben.

Raúl Krauthausen: Ich denke, die Tatsache, dass er in Deutschland lebt und volljährig ist. Das sollte reichen. Ich würde selbst die Bedingung der Staatsbürgerschaft anzweifeln. Jeder, der hier lebt und einen Beitrag zur Gesellschaft leistet, zum Beispiel indem er konsumiert und damit Mehrwertsteuer zahlt, sollte auch wählen dürfen.

Harter Kontrast: So argumentiert Jason Brennan ausführlich in seinem Buch »Against Democracy«, das gar nicht gegen Demokratie ist Der amerikanische Politikwissenschaftler Jason Brennan sagt, dass die meisten Wähler nicht informiert genug sind, um eine Wahl zu treffen. Wenn es gerechter zugehen soll, müssten wir also (noch) mehr Menschen das Wahlrecht wegnehmen.
Raúl Krauthausen: Man könnte aus der Problematik auch eine andere Schlussfolgerung ziehen, nämlich dass wir mehr in politische Bildung investieren müssen, um die Menschen zu befähigen, die Wahlentscheidungen zu treffen, die ihren Interessen entsprechen. Auf meine Nachfrage, ob er das in einer »optimalen Welt« denn für möglich halte, antwortet Raúl, dass er genau das für das Ziel halte, auf das wir in unserer Gesellschaft hinarbeiten müssten. Er möchte nicht derjenige sein, der darüber entscheidet, wer wählen darf.

Barrierefreiheit kann nicht nur von Menschen ohne Behinderung gemacht werden. Ihnen fehlt die Perspektive der Menschen mit Behinderung, sagt Raúl Krauthausen. – Quelle: Andi Weiland / Sozialhelden e.V. copyright

Wer macht eigentlich Inklusion?

Was uns zum nächsten Thema bringt: Inklusion. Du selbst bezeichnest dich als Aktivisten Zum Beispiel in seiner E-Mail-Signatur und auf seiner Website. für Inklusion und Barrierefreiheit. Was verstehst du darunter?
Raúl Krauthausen: Inklusion bedeutet für mich: Durch den Abbau von Barrieren und Hindernissen in unserer Gesellschaft werden alle Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die Lage versetzt, ihre Träume zu verwirklichen. Also gleiches Recht für alle, wobei unterschiedliche Startbedingungen ausgeglichen werden müssen, wenn zum Beispiel jemand nicht so gut laufen kann.

Das heißt aber doch, dass wir eben nicht alle gleich sind. Und uns fragen müssen, wann eine Einschränkung vorliegt. Ist es nicht auch eine Einschränkung, wenn sich der 2-Meter-Mensch im Bus die Knie prellt, weil er nicht genug Platz hat?

Raúl Krauthausen: Das ist eine schwierige Frage. Zum einen glaube ich, dass die Frage, wann eine Einschränkung vorliegt und wann nicht, immer im Fluss ist. Menschen sind je nach Land 10–13 Zentimeter länger als vor 100 Jahren (englisch, 2014) Weil Menschen in den letzten 100 Jahren immer größer wurden, haben wir Standardgrößen angepasst. Das heißt, jemand, der 2 Meter lang ist, gilt erstmal nicht automatisch als behindert, ist aber trotzdem eingeschränkt – oder wird behindert –, weil er sich in Bussen den Kopf stößt. Dagegen gibt es Ansätze im Design, zum Beispiel im Rahmen des Universal Design. Universelles Design ist darauf ausgelegt, Produkte, Geräte, Umgebungen und Systeme so zu gestalten, dass sie ohne besondere Voraussetzungen bedient und so von möglichst allen Menschen genutzt werden können. Das Konzept wurde von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe an der North Carolina State University entwickelt und basiert auf 7 Prinzipien. Dabei werden Produkte und Dienstleistungen so gestaltet, dass sie für alle Menschen nutzbar sind. Zum Beispiel sind Busse meist auch für Kinder nicht optimal gestaltet, weil sie beispielsweise nicht aus dem Fenster schauen können, wenn sie auf ihrem Platz sitzen. Nochmal zum »Im-Fluss-Sein«: Früher galt jemand, der schlechte Augen hatte, als sehbehindert, während heute eine Brille häufig zum Accessoire wird. Aktuell gilt jemand als behindert, der ein Hörgerät trägt oder der im Rollstuhl sitzt. Gleichzeitig hat sich die Technik so weiterentwickelt, dass wir zum Beispiel gehörlosen Menschen den Zugang zum Fernsehen via Untertitel oder eingeblendetem Gebärdensprachdolmetscher ermöglichen können – das wird aber nicht immer getan und mit zu hohen Kosten argumentiert. Obwohl diese nur einen Bruchteil der Produktionskosten ausmachen.

Du hast mal gesagt (bzw. geschrieben): »In meiner Vorstellung sollte Inklusion […] In seinem Kommentar bezieht Raúl auch Stellung zu einem inklusiven Musikvideo der Aktion Mensch (2013) einfach da sein.« Ist Inklusion also erreicht, wenn wir nicht mehr über sie sprechen müssen?

Raúl Krauthausen: Ja, natürlich. So lange wir darüber sprechen, gibt es Menschen, die gegen Mehrheitsstrukturen ankämpfen, indem sie noch nicht vorhandene Inklusion fordern. Genau das ist das Problem, das wir aktuell haben: Eine nicht behinderte Mehrheitsgesellschaft definiert, wie viel genug ist. Das führt automatisch dazu, dass mehr über behinderte Menschen gesprochen wird und zu wenig mit ihnen. Jetzt verschaffen wir uns ein wenig lauter Gehör. Das ist erstmal unbequem für die Mehrheitsgesellschaft. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass Inklusion die Machtfrage stellt. Er ergänzt hier: Langfristig wird das dazu führen müssen, dass es mehr behinderte Menschen in Führungspositionen, der Politik und anderen sichtbaren Positionen geben muss. Also: Wer hat die Deutungsmacht, was Inklusion ist und was zum Beispiel behinderte Menschen brauchen.

Wie lässt sich Inklusion beschleunigen?

Wie könnten wir Inklusion denn beispielsweise über Was es mit Nudging – also dem Stupsen – auf sich hat, habe ich hier mit Han Langeslag beschrieben Nudging beschleunigen?
Raúl Krauthausen: Ich glaube, wo wir nachhaltig viel erreichen könnten, wäre, wenn wir in Architekturstudiengängen und -ausbildungen das Thema Barrierefreiheit verpflichtend verankern. Im Moment lernen die Architekten nur, wie sie Denkmal- und Brandschutz einhalten. Barrierefreiheit ist je nach Bundesland in geringem Maße oder gar nicht verpflichtend. Wenn wir Barrierefreiheit als Teil des Gestaltungsprozesses sehen, wird es nicht nur schöner, sondern auch billiger.

»Was für eine negative Beschreibung schon von vornherein. Das würde ich denken. Auf dieser Basis kann man nichts Positives heraufbeschwören, so wird immer ein fahler Beigeschmack bleiben: Eine ganz arme gebeutelte Person, die ganz tapfer irgendwie mit letzter Kraft versucht, noch ein paar schöne Lebensjahre zu erleben.« – Janina R. aus Bochum – Quelle: Leidmedien.de copyright

Differenziert über Behinderung zu berichten, gelingt Journalisten nicht immer. Deshalb habt ihr das Projekt Das Projekt »Leidmedien.de« fasst Tipps zur Berichterstattung über Menschen mit Behinderung zusammen »Leidmedien.de« gegründet. Wie sehr versucht ihr dadurch Einfluss auf die mediale Sprache zu nehmen?

Raúl Krauthausen: Hier schreibt Dirk Walbrühl über die Rolle von Nazi-Sprache im Alltag Ich glaube, dass Sprache immer Macht bedeutet. Sie kann Dinge verniedlichen oder überdramatisieren. Wenn wir Menschen mit Behinderung immer als Behinderte betiteln, nehmen wir sie vielleicht irgendwann nicht mehr als Menschen war, sondern als Behinderte. Wenn wir Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, Warum die Deutschen nicht untereinander integriert sind, erklärt Ramy al-Asheq Juliane Metzker im Interview immer als Geflüchtete bezeichnen, dann ist das auch eine Art Verniedlichung, die von vielen Menschen vielleicht gar nicht so gemeint ist, uns Deutschen aber die Legitimation gibt, uns höher zu stellen. Dabei sind Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, Neubürger. Und Irgendwann Bürger. Das ist in der Sprache aber erstmal so nicht wiederzufinden. Nehmen wir mal den Begriff der Heilerziehungspflege. Heilerziehungspflege meint die pädagogische, lebenspraktische und pflegerische Unterstützung und Betreuung von Menschen mit Behinderung. Heilerzieher sind unter anderem in Tagesstätten, Wohn- und Pflegeheimen, Förderschulen sowie Kindergärten tätig. Wer in Deutschland Heilerzieher werden will, braucht eine 2–3-jährige Ausbildung. Darunter fallen Berufe, in denen Menschen mit behinderten Menschen arbeiten. Heilerziehungspflege enthält aber so viele Wörter, durch die ich mich als Mensch mit Behinderung stigmatisiert fühle. Ich möchte weder geheilt, noch erzogen, noch gepflegt werden. Ich möchte stattdessen, dass es Menschen gibt, die anderen Menschen in ihrem Alltag helfen, ihre Träume zu verwirklichen, als Anwältinnen, Assistenten und Unterstützerinnen. Es ist meist die Umwelt, die Menschen behindert, nicht die Behinderung an sich.

Muss ich im Rollstuhl sitzen, um Inklusion zu fordern?

Es geht bei dir ja immer um dieses eine Thema. Würdest du manchmal gern alles über Bord schmeißen – und nicht Aktivist sein?

Raúl Krauthausen: Ich wollte eigentlich nie Berufsbehinderter sein, also jemand, der nur noch über das Thema spricht und damit mehr oder weniger seinen Lebensunterhalt verdient. Ich hatte das Glück, in meinem Leben vorher bereits andere Dinge gemacht zu haben, zum Beispiel habe ich beim Radio und diversen Werbeagenturen gearbeitet. Sein Schwerpunkt bei der Agenturarbeit war das Internet. Außerdem war er 4 Jahre beim rbb (Radio Fritz), bevor er sich im Jahr 2010 mit seinem Verein »Sozialhelden e.V.« selbstständig gemacht hat. Dabei hatte ich mit dem Thema Inklusion aufgrund meiner eigenen Behinderung nur am Rande zu tun. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass es in dem Bereich noch so viel zu tun gibt und ich meine Fähigkeiten und Kenntnisse, wie mein Studium der Er habe also »Werbung« studiert, sagt er dazu beim TEDx-Vortrag in Münster (2015) Kommunikationswissenschaften, nutzen kann, um einiges in Bewegung zu setzen. Jetzt versuche ich, so lange ich das Gefühl habe, etwas beizutragen zu können, genau das zu tun. Raúl vergleicht sein Leben in seiner Vorstellung auf seiner Website als Kinderfasching, bei dem er der »Affe mit den Schellen« ist.

Bei den Sozialhelden arbeiten Menschen mit Behinderung gemeinsam mit Menschen ohne Behinderung an Projekten zur Inklusion. – Quelle: Andi Weiland / Gesellschaftsbilder.de copyright

Machst du so lange weiter, wie du Erfolge siehst?
Raúl Krauthausen: Ja, und ich denke, dass sich meine Rolle dahin entwickeln wird, dass ich die von mir generierte Aufmerksamkeit Zum Beispiel mit dem TV-Format »KRAUTHAUSEN – face to face« zunehmend auch auf andere Menschen mit Behinderung richten kann. Damit die weitermachen können mit dem Kampf, dem Aktivismus, damit es sich von meiner Person als »bekannter Mensch mit Behinderung« löst.

Nehmen wir an, ich würde meinen Job heute an den Nagel hängen und mich ab morgen für Menschen mit Behinderung einsetzen. Wäre ich weniger glaubwürdig als du, weil du im Rollstuhl sitzt?
Raúl Krauthausen: In der Behindertenbewegung gibt es seit Jahrzehnten die Forderung: Das Motto greift die Bundesregierung mit Blick auf die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention auf »Nicht ohne uns über uns!« Gerade in Deutschland finden wir überall Strukturen vor, in denen nicht behinderte Menschen definieren, was behinderten Menschen zusteht. Ein Beispiel sind die Fernbusse, die vor einigen Jahren im großen Stil eingeführt wurden. Da hat man einfach vergessen, Rollstuhlplätze einzubauen. Weil behinderte Menschen nicht beteiligt wurden – ihre Perspektive fehlte. Das ist so, wie wenn Männer sagen: »Wir sind jetzt Feministen!« – aber nicht wissen, wie es sich anfühlt, täglich Sexismus zu erleben.

Interessant, dass du genau das als Beispiel ansprichst. Zum diesjährigen Weltfrauentag habe ich mit meiner Kollegin Juliane einen Artikel geschrieben, in dem wir argumentieren, dass Warum die Frauenbewegung auch Männer braucht, schreiben Juliane Metzker und ich hier Frauenbewegungen auch Männer brauchen. Denn ist es nicht besser, wenn Rollstuhlfahrer und 2-Meter-Mensch gemeinsam abwägen?

Raúl Krauthausen: Genau! Der nicht behinderte Mensch – oder der Mann – kann als Alliierter für die Rechte von behinderten Menschen – oder Frauen – kämpfen. Wenn aber nur Männer diskutieren, was Frauen dürfen und was nicht, was sie anziehen sollen und was nicht, ist das genau das Gleiche, wie wenn nicht behinderte Menschen darüber diskutieren, wo Barrierefreiheit notwendig ist und wo nicht Ein Beispiel dafür sieht Raúl in dem Beschluss aus dem Jahr 2016, dass nur öffentliche Gebäude, also Schulen, Rathäuser und Universitäten, barrierefrei sein müssen, aber die Gebäude der Privatwirtschaft nicht. Also keine Kinos, Bäckereien oder Apotheken. Also dort, wo wir den Großteil unserer Zeit verbringen. Er bezeichnet dies als realitätsfremd. – und wo sie einfach vergessen wird.

Österreich und Schweden als Vorzeigebeispiele

Sind andere Länder als Deutschland da bereits weiter?

Raúl Krauthausen: Ja, auf jeden Fall. Zum Beispiel hat Österreich schon vor Jahren Gesetze erlassen, die die Privatwirtschaft seit Beginn dieses Jahres verpflichten, barrierefreie Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Wenn sie das nicht tun, werden sie verklagt.

Welches Land ist – neben Österreich – besonders weit in Sachen Barrierefreiheit?

Raúl Krauthausen: In Schweden werden zum Beispiel neue Wohnhäuser nur noch mit rollstuhlgerechten Wohnungen gebaut. Außerdem werden Arbeitgeber verpflichtet, auch schwerstbehinderte Menschen zu beschäftigen. Dort, wo diese Menschen der Firma keinen Profit bringen, zahlt der Staat die Löhne. Es geht also um gesellschaftliche Teilhabe, weil auch nicht behinderte Menschen in einem Betrieb lernen, dass es behinderte Menschen gibt. Gleichzeitig lernen Menschen mit Behinderung, dass sie nicht alleine sind und sie in einer lebendigen Umgebung sind.

Behinderung ist situativ: Am Telefon ist es egal, ob Raúl Krauthausen im Rollstuhl sitzt. – Quelle: flickr / Sozialhelden e.V. / Andi Weiland CC BY-SA

Wer oder was verhindert Fortschritte in Deutschland aktuell?
Raúl Krauthausen: Ich glaube, das ist historisch bedingt. Das liegt in Deutschland sicher daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg ein Wohlfahrtssystem geschaffen wurde, das damals das Nonplusultra war. Dabei wurden Menschen mit Behinderung in Sondereinrichtungen untergebracht. In diesen getrennten Welten wurde sicher viel Positives für die Menschen dort erreicht. Aber gleichzeitig hat es über die Jahrzehnte auch zu einer Isolation geführt, die heute immer noch da ist. Sie fahren mit eigenen Fahrdiensten durch die Stadt und gehen in ihre eigenen Schwimmbäder. Wenn es keine Berührung gibt, gibt es auch keinen Zwang für die reguläre Schule oder das städtische Schwimmbad barrierefrei zu werden. Es gibt tatsächlich aktuell viele Menschen, die sich dagegen wehren, weil so viel umgebaut werden muss. Die UN-Behindertenrechtskonvention trat nach der Ratifizierung im März 2009 für Deutschland in Kraft (englisch) Dabei hat Deutschland schon im Jahr 2007 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Die stellt zum Beispiel auch das Konzept von Gymnasien infrage, die als eine Art von Sonderschule für Begabte gelten könnten. Wenn nun gemäß UN-Behindertenrechtskonvention jede Form der Sonderschule abgeschafft werden soll, entsteht Klärungsbedarf.
Die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der im Jahr 2006 von der UN-Generalversammlung In der UN-Generalversammlung sind alle 194 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen vertreten und haben das gleiche Stimmrecht. Sie tagt lediglich einmal pro Jahr. Zu ihren wichtigsten Funktionen zählt die Wahl der verschiedenen Organe, zum Beispiel der nicht-ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats oder des Wirtschafts- und Sozialrates. verabschiedet wurde und im Jahr 2008 in Kraft getreten ist. Aktuell gilt die BRK in 174 Ländern, entweder wegen Ratifizierung, Beitritt oder (im Fall der EU) durch formale Bestätigung. Die zentrale Aussage ist, dass Menschen mit Behinderung weniger als Kranke betrachtet werden, sondern als gleichberechtige Menschen. Die BRK hält aktuell einen Geschwindigkeitsrekord: Sie entstand innerhalb von 5 Jahren; keine andere Konvention wurde je so schnell von so vielen Die Badische Zeitung berichtet über Juraprofessorin Theresia Degener als Vorkämpferin für die BRK (2014) Staaten ratifiziert.

Welche neuen Perspektiven brauchen wir?

Brauchen wir vielleicht einfach eine neue Definition von »behindert«? Oder sollten wir solche Kategorien besser ganz abschaffen und Menschen stattdessen – je nach Situation – beurteilen, Über »Meine Bilder, deine Bilder« schreibt Juliane Metzker hier um Vorurteile zu vermeiden?

Raúl Krauthausen: Ich denke, letzteres. Die Unterscheidung zwischen behindert und nicht behindert ist schließlich fließend. Vielleicht ist es sinnvoller, zwischen »zeitweise behindert« und »nicht behindert« zu unterscheiden. Zum Beispiel brauchen Kinder im Alltag für bestimmte Dinge die Unterstützung von Erwachsenen. Das Gleiche gilt, wenn wir alt werden und bestimmte Dinge nicht mehr können – und uns über einen Aufzug am Bahnhof freuen, der dann plötzlich nicht nur dem Rollstuhlfahrer nützt. Hinzu kommt, dass wenn wir zum Beispiel dieses Interview führen, es völlig egal ist, ob ich im Rollstuhl sitze oder blind bin. Das heißt, aktuell liegt gar keine Behinderung vor. Es kommt also immer auf die Situation an. Und dann die Frage: Wie könnte eine Unterstützung aussehen?

Gruppenzugehörigkeiten geben auf der einen Seite Halt und Sicherheit, können auf der anderen Seite aber Wie wenig es braucht, damit uns die Anderen egal sind, erläutere ich hier mit Han Langeslag zu Abgrenzung führen – wo hältst du die Einteilung in »wir« und »die Anderen« In der Psychologie geht es dabei um die sogenannte »In-Group« (»meine Gruppe«) und die »Out-Group« (»die Anderen«). für sinnvoll?

Raúl Krauthausen: Auch das ist situativ bedingt. Ich glaube, dass es sinnvoll ist, Gruppen zu haben, in Form von Peer Groups, sodass es Schutzräume gibt, in denen man sich über die eigene Situation in einer Gesellschaft, die einen selbst als Minderheit betrachtet, austauschen kann. Zum Beispiel in Frauenhäusern. Ich möchte lieber als Mensch gesehen werden, der Hobbies, Interessen und Träume hat – und weniger in der Kategorie »der Behinderte« subsumiert werden. Genau wie Alleinerziehende, Kinder oder andere Gruppen, die sich über bestimmte Eigenschaften definieren, habe ich situativ bedingte Bedürfnisse.

Heute Morgen hast du folgenden Tweet abgesetzt: Was nervt dich am meisten an der Stigmatisierung?

Raúl Krauthausen: Dass Menschen denken, dass jemand, der anders ist als sie, immer Unterstützung braucht oder nicht genauso ein gleichwertiges Individuum ist, wie der nicht behinderte Mensch auch. Denn der würde sich ja auch nicht wünschen, dass ich ihm über den Kopf streichele. – Es sei denn, wir würden in einem Kulturkreis leben, in dem das Standard ist.

Wenn du eine Sache mit einem Fingerschnipsen sofort ändern könntest, was wäre das?
Raúl Krauthausen: Ich würde sofort Regelschulen verpflichten, Menschen mit Behinderung aufzunehmen, auch mit einer Quote. Dort, wo dann mehr Bedarf an Unterstützung besteht, müsste diese vom Land oder vom Bund bezahlt werden. Wir müssen aufhören, zu denken, dass Menschen mit Behinderung den Unterricht verlangsamen. Zahlreiche Quellen liefert zum Beispiel die Website Inklusionsfakten Das ist nicht belegt. Das, was den Unterricht an Regelschulen aktuell verlangsamt, ist die Klassengröße und die damit verbundene permanente Überforderung der Lehrer.

Daran anschließend: Wie könnte denn jeder einzelne – und ich sage bewusst – Mensch, Inklusion »machen«?
Raúl Krauthausen: Genau das hat Raúl vor kurzem in einem Artikel auf seiner Website thematisiert Wir müssen von der »Awareness« zur »Acceptance« – also vom »Bewusstsein« zur »Akzeptanz« – kommen. Ich glaube, momentan wissen wir alle, dass es behinderte Menschen gibt, und niemand äußert sich offen gegen Behinderung. Es sagt niemand: »Behinderte sind scheiße!« Was aber viele Menschen sagen, ist: »Inklusion ist wichtig, aber bitte nicht in der Schule meiner Kinder!« Wir müssen uns – und das kann jeder einzelne für sich tun – die Frage stellen: Wenn 10% unserer Gesellschaft behindert ist, Im Jahr 2013 lebten in Deutschland sogar 10,2 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung, was 13% bzw. jedem achten Einwohner entspricht. 52% davon waren Männer. 7,6 Millionen dieser Menschen sind schwerbehindert (2015), was einem Bevölkerungsanteil von 9,3% entspricht. Davon sind 51% Männer. Als schwerbehindert gilt ein Mensch, wenn das Versorgungsamt einen Grad der Behinderung von 50 anerkannt hat und ein gültiger Ausweis darüber ausgehändigt wurde. warum ist dann nicht jeder Zehnte in meinem Freundeskreis behindert? Und was kann ich dafür tun, um auf Menschen mit Behinderung zu stoßen?

Raul Krauthausen - copyright

 

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