Von einem Bankkaufmann, der seinen Job schmeißt, um Klimaforscher zu werden
Sein Ziel ist es, Zukunftslust zu verbreiten. Denn diese kann erlernt werden.
Als Klimaforscher beschäftige ich mich fast täglich damit, wie ein ungebremster Klimawandel unsere Erde, unsere Umwelt und unser Leben verändern würde. Weil ich weiß, welche Gefahren uns drohen, ist es mir zu wenig, nur […] zu erforschen. Mir ist es wichtig, aktiv zu werden und mit einer Zukunftslust und genussvollem Aktivismus die Zukunft zu gestalten.
Das schreibt Perspective-Daily-Mitglied Tobias Bayr
»Zukunftslust« und »genussvoller Aktivismus«, davon kann ich momentan mehr gebrauchen in einer Zeit, in der ich mich oft von schlechten Nachrichten überwältigt fühle und der Klimaschutz nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Ich will mehr darüber erfahren und treffe Bayr an einem sonnigen Märztag im hessischen Marburg, wo er gerade seine Elternzeit verbringt.
Bayr hat bis zum vergangenen Jahr als Meteorologe am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel gearbeitet, 12 Jahre lang. Zuletzt erforschte er,
Der 45-Jährige erzählt mit einer ruhigen, reflektierten Art von seinem Lebensweg und der inneren Arbeit, die er geleistet hat, um zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Denn das konnte er nicht immer. Er hofft, andere mit seiner Geschichte zu inspirieren. Ein Protokoll.
Vom Bankkaufmann zum Klimaforscher
»Bis zu meinem 25. Lebensjahr habe ich als Bankkaufmann gearbeitet. Meine Eltern hatten mir diese Ausbildung nach dem Abitur empfohlen, weil ich gut in Mathe war. Ich betreute die Finanzen von Wohlhabenden und hatte auch ein berufsbegleitendes BWL-Studium begonnen. Mit den Jahren fühlte sich das alles aber nicht mehr richtig an. Rückblickend weiß ich, warum:
Mich störte, dass Menschen ungleich behandelt wurden. Die Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben, müssen Gebühren für ihr Konto zahlen, während die Menschen, die ganz viel Geld besitzen, ihr Konto kostenlos bekommen. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Doch es zeigt, in was für einem System wir leben. Menschen mit Geld werden bevorzugt behandelt,
Mir wurde über die Jahre klar, dass ich als Bankkaufmann Teil des Problems war, wobei ich eigentlich Teil der Lösung sein wollte. Also sah ich mich nach Alternativen um.
Ich las zu der Zeit zufällig einen sehr interessanten Artikel über den menschengemachten Klimawandel – das Thema war 2005 noch nicht so groß. Also suchte ich nach Studiengängen, in denen man mehr darüber lernen kann. So bin ich auf Meteorologie gestoßen. Eine Gastvorlesung, die ich besuchte, war so spannend, dass ich bei der Bank kündigte, um Meteorologie zu studieren.

Durch das Studium und durch Freunde in Kiel kam ich mit immer mehr Menschen in Kontakt, die unser Wirtschaftssystem und die Art und Weise, wie wir mit den natürlichen Ressourcen unseres Planeten umgehen, hinterfragen. Während dieser Zeit habe ich mehr und mehr realisiert, wie gravierend und miteinander verwoben unsere globalen Probleme sind – die Klimakrise, das Artensterben, die Ressourcenverschwendung und die Ungleichheit zwischen Arm und Reich.
Zu der Zeit fand ich auch Worte für meine Gefühle. Zum Beispiel »Weltschmerz«. Und ich lernte Wege kennen, mit ihnen umzugehen und wieder zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Vieles davon verdanke ich
Wissen vs. Werte: Warum bekommen wir die Klimakrise nicht in den Griff?
Mein erstes Ökodorf habe ich besucht, während ich meine Doktorarbeit am Forschungsinstitut GEOMAR schrieb. Überspitzt gesagt, saß ich damals die meiste Zeit in meinem stillen Kämmerlein und werkelte an wissenschaftlichen Publikationen, die ausschließlich andere Forscher lasen. Dabei fragte ich mich: Wir wissen so viel über die Klimakrise, warum bekommen wir sie nicht in den Griff?
Die Antwort darauf denke ich nun gefunden zu haben: Die Wurzeln der Klimakrise liegen in unseren heutigen gesellschaftlichen Werten. Ändert sich an ihnen nichts, wird unsere Wirtschaft
Bei meinem Besuch im Ökodorf fühlte ich mich erstmals so richtig aufgehoben. Dort erschien mir die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln viel geringer. Die Menschen dort leben nach ihren Werten, verbunden mit der Natur. Manche mögen Ökodörfer als Aussteigerorte sehen, doch für mich sind sie Reallabore der Zukunft. Sie probieren neue Formen des Zusammenlebens aus, des Bauens und der Landwirtschaft. Sie leben Lösungen.
Nach meiner Promotion wollte ich eine Auszeit nehmen und entschied mich, ein Jahr lang im

Es gibt viele Unternehmen, die bereits heute Gemeinwohl-orientiert wirtschaften. Entgegen einem wirtschaftlichen System, das soziale Ungerechtigkeit hervorbringt, Natur ausbeutet und menschliche Gier fördert.
Leider bekommen diese positiven Veränderungen zu wenig Aufmerksamkeit in unseren Medien und unserer Gesellschaft. Mir gibt es Kraft, mir diese Unternehmen, Bewegungen und Menschen vor Augen zu führen, die mit kleinen Schritten eine neue Zukunft schaffen.
Erste Erkenntnis: Lernen, aus Liebe statt aus Angst zu handeln
Noch vor einigen Jahren versuchte ich, mehr aus Angst vor dem Klimawandel und seinen Folgen, meinen persönlichen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Das hat mich ausgelaugt und gelähmt. Und ich erwischte mich immer wieder dabei, wie ich Ausreden für mein Nicht-Handeln gefunden habe.
Über die Zeit wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, nicht aus Angst, sondern aus Liebe und Verbundenheit zu handeln – für unsere Mitmenschen und den Planeten. Das macht für mich genussvollen Aktivismus aus. Mich aus dem Gefühl der Verbundenheit heraus für den Klimaschutz einzusetzen und Entscheidungen für mein Leben zu treffen, gibt mir viel mehr Freude. Diese Freude und Begeisterung kann ich in meine Arbeit fließen lassen und sie steckt wiederum andere an. Und ich brenne nicht so schnell aus.
Was nicht bedeutet,
Bei dem Blickwechsel hat mir
Zweite Erkenntnis: Ich bin selbstwirksamer, als ich denke
Angesichts der Größe der globalen Probleme des 21. Jahrhunderts spüre ich trotzdem immer wieder eine Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit und frage mich, was ich daran verändern kann. Ich bin doch nur einer von über 8 Milliarden Menschen. In diesen Momenten mache ich mir klar, dass wir oft unsere eigene Selbstwirksamkeit unterschätzen. Denn wir leben nicht isoliert.

Ich habe das in den letzten Jahren immer wieder selbst erlebt. Zum Beispiel habe ich im September 2022 in einer Schule in Kiel einen Vortrag über die Klimakrise gehalten. Was das für einen Stein ins Rollen brachte, konnte ich nicht erahnen. Der Vortrag hat die Schülerinnen und Schüler so bewegt und zum Nachdenken angeregt, was sie gegen die Klimakrise tun können, dass sie Plakate entworfen haben. Plakate, die über die Klimakrise aufklären, von Schülern für Schüler.
Dritte Erkenntnis: Ich brauche Räume, in denen ich Energie tanken und wachsen kann
Nach meinem Jahr im Ökodorf arbeitete ich als Klimaforscher am GEOMAR. Ich war von meiner Zeit im Ökodorf so motiviert, dass ich allerdings nicht mehr nur forschen wollte, wie während meiner Doktorarbeit, sondern das Wissen auch aktiv nach außen tragen wollte. So begann ich am GEOMAR, Öffentlichkeitsarbeit zu übernehmen, Interviews mit Journalisten und Journalistinnen zu führen, Vorträge zur Klimakrise zu halten und Workshops über Zukunftslust zu geben. Mir ist es wichtig, dabei nicht nur auf die Gefahren der Klimakrise aufmerksam zu machen, sondern auch auf die Handlungsmöglichkeiten, die wir haben, und die Lösungen, die bereits umgesetzt werden.
Zur ersten großen Fridays-for-Future-Demonstration im März
All das machte mir Spaß, doch es war auch kräftezehrend. Und ich hätte es wohl nicht geschafft, wenn ich nicht noch eine weitere Gruppe gehabt hätte: die Innere-Wandel-Gruppe.
Wir sind rund 10 Menschen, die sich alle 2 Wochen treffen, um über unsere Gefühle zu sprechen, beispielsweise angesichts der Klimakrise. Als Einstieg gibt es immer einen kurzen Input zum Thema Persönlichkeitsentwicklung oder Widerstandsfähigkeit. Seitdem weiß ich: Resilienz können wir erlernen.
Jeder und jede kann sich einbringen, etwa mit einer interessanten Übung oder einer Meditation. Dann tauschen wir uns offen aus, hören uns gegenseitig zu und schenken uns gegenseitig unsere Empathie und unser Mitgefühl. Das hat mir sehr beim Verdauen von herausfordernden Gefühlen angesichts der Krisen in der Welt geholfen. Ich bin immer mit mehr Energie aus der Gruppe gegangen, als ich gekommen bin. Sie war ein Ort, an dem ich wachsen und auftanken konnte – für meine Arbeit und mein Ehrenamt.
Nun bin ich für meine Elternzeit nach Marburg gezogen und nicht mehr in Kiel vor Ort. Doch all diese Gruppen laufen auch ohne mich weiter – was sehr toll ist.
Das ist im Grunde meine dritte Erkenntnis: Ich kann nur genussvollen und nachhaltigen Aktivismus betreiben,
Vierte Erkenntnis: Wir können Zukunftslust erlernen
Natürlich blicke auch ich nicht jeden Tag positiv in die Zukunft. Wenn die politische Welt- und Nachrichtenlage so angespannt ist wie jetzt gerade, denke ich gerne an eine Geschichte aus der Lebensphilosophie der Tiefenökologie zurück. Sie handelt von der Metamorphose einer Raupe zum Schmetterling.

Von den neuen Imagozellen überleben zunächst nicht viele, da sie vom noch bestehenden Immunsystem der Raupe angegriffen werden. Doch es bilden sich immer mehr. Die späteren Generationen der Zellen vermehren sich. Wenn sie sich zusammentun, entsteht der Wandlungsprozess zum Schmetterling.
Diese Geschichte gibt mir Hoffnung, da sie zeigt, dass Zerfall und Neuentstehung oft parallel passieren. Und auch wenn die ersten Versuche einer Neuerung nicht fruchten, heißt das nicht, dass weitere Versuche erfolglos bleiben. Wie bei den Imagozellen.
Es gibt so viele Lösungen und lebensbejahende Strukturen, die bereits gelebt werden. Wir müssen uns manchmal bewusst auf sie fokussieren und Orte finden, die uns Zukunftslust machen. Für mich sind das Ökodörfer, die ich regelmäßig besuche, um aufzutanken.
Meine Reise ist noch lange nicht zu Ende und meine wohl größte Erkenntnis bleibt: Wir können Zukunftslust erlernen. Deshalb will ich nach dem Ende meiner Elternzeit anderen Menschen dabei helfen, ihre zu finden.«
Der Kontakt zu Tobias Bayr entstand über den Aufruf zu unserer Couchsurfing-Reihe. Vor der Bundestagswahl haben wir gefragt, welche Probleme dich an deinem Wohnort betreffen und welche Lösungen es gibt. Hier findest du alle Artikel, die daraus entstanden sind.
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