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Hast du Angst, über dunkle Plätze zu laufen?

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Hast du Angst, über dunkle Plätze zu laufen?

27. Oktober 2017
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Seit in Köln nachts ein 22-Jähriger erstochen wurde, heißt es: Mehr Polizei! Mehr Überwachung! Das ist aber nur ein kleiner Teil der Lösung, wie gefährliche Orte wirklich sicherer werden können.



Der Ebertplatz in Köln ist einer dieser Orte, wo man die Hände tiefer in die Manteltaschen drückt. Wo man zielstrebigere, größere Schritte macht und erst auf der anderen Seite den Blick wieder schweifen lässt. Solche Straßen und Plätze – die Soziologie spricht von »Angsträumen« – gibt es in nahezu jeder Stadt.

Wie schnell die Stimmung kippen kann, erlebt Köln gerade am Ebertplatz, einem scheußlichen Waschbeton-Loch Seit der letzten Umgestaltung in den 1970er-Jahren liegt ein großer Teil des Platzes deutlich unterhalb des Straßenniveaus. Die verschiedenen Ebenen und die von verschiedenen Richtungen ankommenden Fußgängerunterführungen machen den Platz sehr unübersichtlich. im Norden der Innenstadt.

Als Drogen-Umschlagplatz Am Ebertplatz wird vor allem mit Marihuana gehandelt – die Dealer nutzen die umliegenden Blumenkästen bis weit in die vom Platz abgehenden Straßen hinein, um ihre Ware zu verstecken, sodass sie bei Kontrollen nichts zu befürchten haben. Der Drogenhandel nahm am Ebertplatz nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 zu, in deren Folge die Polizei die nördliche Seite des Hauptbahnhofs sowie das Rheinufer intensiver »bestreifte«. Viele Dealer wichen also an einen neuen Ort aus: den Ebertplatz. war er schon länger bekannt. Auch, dass die Der Kölner Stadtanzeiger berichtete am 2. August: Die Stimmung am Ebertplatz wird zunehmend aggressiver (2017) Stimmung zunehmend aggressiver wird, ist nichts Neues. Aber seitdem Bericht der Kölnischen Rundschau über tödliche Messerstecherei am Ebertplatz (2017) ein 22-Jähriger erstochen, ein paar Nächte später 2 Männer verletzt wurden und Der Kölner Express über den abgebrochenen Dreh der ZDF-Serie »Heldt« (2017) Dreharbeiten für eine ZDF-Serie abgebrochen werden mussten, sind die Gemüter erhitzt. Die Welt nennt den Ebertplatz bereits »No-Go-Zone im Herzen von Köln«.

Der Begriff erinnert verdächtig an »No-Go-Area«, einen Kampfbegriff, den die AfD So sagte zum Beispiel der rheinland-pfälzische Fraktionsvorsitzende Uwe Junge am 23. August 2017 im Mainzer Landtag: »Die Stadtverwaltung Bad Kreuznach sperrt nachts die bekannten Grünanlagen und verwehrt damit auch der einheimischen Bevölkerung den Zugang. Damit war erstmals das Grundrecht auf Freizügigkeit und der Anspruch auf Sicherheit mit der Einrichtung einer offiziellen No-go-Area massiv eingeschränkt worden.« (Die komplette Rede ist im Protokoll der 37. Plenarsitzung nachzulesen.) und andere Neue Rechte So bietet ein Blog names »Deutsches Web« zum Beispiel eine Liste der No-Go-Areas in Deutschland an. gern verwenden. Fakt ist aber, dass es in Deutschland gar keine solchen Orte gibt: Es geht nämlich um anarchische Orte, die von der Polizei nicht mehr betreten werden. In Deutschland traut sich die Polizei überall hin und spricht deshalb lediglich von »gefährlichen Orten«, die sie selbst ausrufen darf, um verdachtsunabhängig Personen zu kontrollieren. Die rechtliche Grundlage liefern die Polizeigesetze der Länder (hier der Gesetzestext für NRW, Polizeigesetz, §12 Identitätsfeststellung). Die Polizei Köln betont, dass es in dieser Regel keinen Raum für Willkür gebe und jeder Eingriff unter dem Vorbehalt der Verhältnismäßigkeit stehe – also Personen, die an der Situation erkennbar unbeteiligt sind, nicht kontrolliert werden dürfen.

Zuletzt erstellte die Kölner Polizei vor einem Jahr eine stadtweit gültige Liste der »gefährlichen Orte«, auf der der Ebertplatz (noch) gar nicht auftaucht, sondern nur der benachbarte Eigelstein.
Antwort der NRW-Landesregierung auf eine Anfrage zu »gefährlichen Orten« (2017) In Nordrhein-Westfalen sind es 25 solcher Orte, davon allein 13 in Köln. Dabei ist es ein Irrtum, zu glauben, mehr Polizeipräsenz wird die Kriminalität schon in den Griff kriegen. Dieser Text ergründet, wie Angsträume langfristig sicher(er) werden können.

So hat sich die Straßenkriminalität in Deutschland entwickelt

Entwicklung der Straßenkriminalität von 1987 bis 2016. Die Berechnung der Häufigkeitsziffer hat sich im Jahr 2013 geändert, weil neue Zensus-Daten vorlagen.

Quelle: BKA / Polizeiliche Kriminalstatistik 2016

Vorzeige-Beispiel Fürth: Die sicherste deutsche Großstadt

Straßenkriminalität machte 2016 mit 1,3 Millionen registrierten Fällen etwa jeden fünften Eintrag in der Übersichtsseite zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016 des BKA (2016) Polizeilichen Kriminalstatistik aus. Besonders wild geht es in Leipzig, Berlin, Köln und Hamburg Um unterschiedlich große Städte vergleichbar zu machen, verwendet die Polizei die sogenannte Häufigkeitsziffer: Sie gibt die Anzahl der Fälle in einem Jahr pro 100.000 Einwohner an.

Beim Spitzenreiter Leipzig lag sie bei 4.612, Berlin 4.492, Köln 4.103, Hamburg 4.022.
zu, mit teils deutlich über 4.000 Fällen von Straßenkriminalität pro 100.000 Einwohner.

Fürth führt: In keiner deutschen Großstadt gibt es so wenig Straßenkriminalität. – Quelle: Wikimedia Commons / Magnus Gertkemper CC BY-SA

Mit 1.011 Weil Fürth nur knapp über 100.000 Einwohner hat, liegt diese Häufigkeitsziffer nah an den absoluten Zahlen: Insgesamt tauchen in Fürth 1.179 Fälle von Straßenkriminalität in der Statistik auf. landet das fränkische Fürth auf dem erfreulichen letzten Platz. Auch in der Gesamtwertung aller Deliktgruppen Nordbayern.de fragt, ob Fürth die »Stadt der Guten« sei (2017) blieb Fürth ganz unten. Woran das liegt, frage ich den SPD-Oberbürgermeister Thomas Jung am Telefon.

Das Frankenfernsehen über Nürnberg und Fürth (2017) Fürth profitiert von der Nähe Nürnbergs: Nürnberg hat eine ausgesprochene Diskotheken- und Nachtklubszene oder Prostituiertenviertel. Das sind Bezirke, in denen erfahrungsgemäß eher mal Kriminalität auftaucht. Solche Szenerie gibt es in Fürth überhaupt nicht. – Thomas Jung

Ein weiterer wichtiger Faktor seien die Bewohner selbst, die in stabilen sozialen Strukturen lebten: »Wir sind keine Universitätsstadt mit schnell wechselnder Bevölkerung.« Fast wie im Dorf falle Ungewöhnliches schnell auf.

Nun hat nicht jede Stadt das Glück, direkt neben einer größeren zu liegen, die einen Teil der Verbrechen wie ein Magnet fortzieht. Wie sehen Lösungen aus, die auch in Leipzig, Berlin, Köln oder Hamburg funktionieren?

Titelbild: David Ehl - copyright

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