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Wie politisch sind #DieseJungenLeute?

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Wie politisch sind #DieseJungenLeute?

8. Februar 2018
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»Es ist kompliziert«, lautet der Beziehungsstatus vieler Jugendlicher zur Politik. Warum eigentlich? Eine Antwortsuche mit einem Jugendforscher und Deutschlands jüngstem Bundestagsabgeordneten.



Wohnt Kevin Kühnert, der in Talkshows schon mal Kleinert heißt, Diesen Versprecher leistete sich ZDF-Moderatorin Maybrit Illner in ihrer Talkshow mehrmals. Anders als vielleicht zu vermuten, gibt es keine berühmte Person mit dem Namen »Kevin Kleinert«. eigentlich Kevin Kühnerts Tweet über die Frage eines RTL-Reporters (2018) noch in einer WG? Und, was viel wichtiger ist: Holt er erst die Zustimmung seiner Eltern ein, Diese Frage stellte ihm Markus Lanz, ebenfalls Talk-Moderator im ZDF. bevor er zum Sturm gegen die Groko bläst?

Solche Fragen sind nicht nur peinlich, sondern sagen auch mehr über die Fragenden aus als über den Befragten: Offenbar haben einige Journalisten und Politiker von einem 28-Jährigen niemals so viel Gegenwind erwartet, wie ihn Kevin Kühnert gerade gegen seinen Parteichef bläst. Der Vorsitzende der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD, kurz Jusos, hat sich in den vergangenen Wochen als begabter Redner und vor allem als engagierter Kämpfer gegen Martin Schulz’ Groko-Kehrtwende erwiesen.

Seitdem melden sich junge Menschen unter dem Tweets unter »DieseJungenLeute« – ursprünglich hatte Bento.de die Kampagne gestartet Twitter-Hashtag #DieseJungenLeute zu Wort – und dokumentieren, wie sie von Älteren notorisch unterschätzt werden. Wer diese Tweets liest, kann schon mal den Eindruck bekommen, dass in Deutschland die Alten systematisch die jungen Menschen unterdrücken. Kommt hier gerade eine In Bezug auf Jugendgewalt habe ich untersucht: Ist das die beste Generation, die wir je hatten? extrem fähige Generation einfach nicht zum Zuge, Mein Kommentar: Für frischen Wind in der nächsten Groko soll Angela Merkel zur Halbzeit das Kanzleramt räumen weil die Alten ihre Macht nicht teilen wollen?

Aber so einfach ist es auch wieder nicht: #DieseJungenLeute sind nach allem, was wir wissen, nicht politischer als ältere Generationen. Und viele – wie auch Kevin Kühnert – fügen sich immer noch in traditionelle Strukturen ein, statt mit ihnen zu brechen. Welchen Beziehungsstatus haben die jungen Menschen und die Politik? Der jüngste Bundestagsabgeordnete und ein Jugendforscher versuchen, diese Frage zu beantworten.

Jugend ist übrigens als Begriff nicht klar eingegrenzt: Die Shell-Jugendstudie betrachtet die Altersspanne zwischen 15 und 25, vor Gericht kann man mit höchstens 20 Jahren zu einer Jugendstrafe verurteilt werden. In den Parteien sind Menschen bis mindestens 30 Jahre (bei der SPD: bis unter 36) auch Mitglied der Jugendorganisationen. Ich selbst gehöre je nach Definition der Jugend an – deshalb sind Textstellen, an denen das besonders deutlich wird, kursiv.

#DieseJungenAbgeordneten

Als Roman Müller-Böhm aus seinem Abgeordnetenbüro anruft, geht es im Plenum des Bundestags gerade um Gastautorin Julia Stürzl erörtert hier, wie eine gute Nachbarschaft mit dem bösen Wolf aussehen könnte Wölfe beziehungsweise um die Frage, Textarchiv zur Bundestagsdebatte um Wolfsjagd (2018) ob die in die deutschen Wälder zurückgekehrten Raubtiere künftig gejagt werden dürfen. »Das ist eh nicht mein Fachgebiet«, sagt der FDP-Politiker, bevor unser Interview beginnt.

Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2017 nach Altersgruppen

Die Graphen zeigen die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2017, aufgeschlüsselt nach Altersgruppen. Die Balken im Hintergrund zeigen, wie groß die jeweilige Altersgruppe in Deutschland ist. Im Schnitt lag die Wahlbeteiligung bei 76,2%.

Quelle: Bundeswahlleiter

Profil von Roman Müller-Böhm auf den Seiten des Bundestags Roman Müller-Böhm, geboren am 12. Dezember 1992 in Essen, ist mit 25 Jahren der jüngste Abgeordnete des jetzigen deutschen Bundestags.

Damit ist er halb so alt wie der durchschnittliche Abgeordnete (49,4 Jahre) – seine Fraktion, die der FDP, ist mit durchschnittlich 45,5 Jahren immerhin Durchschnittsalter des gesamten Bundestags und der einzelnen Fraktionen in den vergangenen Wahlperioden (2017) die jüngste im Parlament. Trotzdem ist sie ein gutes Jahr älter als der Durchschnitt Diese Daten aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts sind in ihrer Analyse sehr aufwendig und daher schon veraltet, wenn sie veröffentlicht werden: Die aktuellsten Zahlen, die 2017 veröffentlicht wurden, bilden den Stand zum 31. Dezember 2015 ab. Damals war die deutsche Bevölkerung durchschnittlich 44 Jahre und 3 Monate alt – und damit einen Monat jünger als ein Jahr zuvor. Durchschnittsalter der Bevölkerung in Deutschland (2017) der deutschen Bevölkerung. Dass junge Menschen wie er selbst im Parlament unterrepräsentiert sind, erklärt Roman Müller-Böhm mit dem beschwerlichen Weg dorthin: »Wenn man schon sehr jung anfängt, hat man den Punkt vielleicht etwas früher erreicht, ansonsten braucht es einfach seine Zeit. Man wird nicht eben mal so Bundestagsabgeordneter.«

Politiker: Roman Müller-Böhm, FDP-Abgeordneter im Bundestag – Quelle: wikicommons / Magubosc CC BY-SA

In seinem Fall hat es 9 Jahre gedauert, angefangen beim Parteieintritt mit 16, dann die Arbeit im Mülheimer Stadtrat und im Landesvorstand der Ich habe vor der NRW-Landtagswahl schon mal einen Jungliberalen im Wahlkampf begleitet NRW-Jungliberalen. Als er Landesliste der FDP NRW zur Bundestagswahl 2017 20 Listenplätze hinter Christian Lindner aufgestellt wurde, rechnete er noch damit, 2018 sein Erstes Jura-Staatsexamen zu machen. »Mir ging es eher darum, dabei zu sein und meinen Beitrag zu leisten. Dass es dadurch gekrönt wurde, dass ich Bundestagsabgeordneter sein darf, empfinde ich als eine große Ehre.« Dabei stört ihn nach eigener Aussage nicht, dass alle anderen Abgeordneten älter sind als er selbst:

Nur weil die Leute doppelt so alt sind, heißt das nicht, dass sie doppelt so gute Politiker sind. Ich bin da gelassen und versuche, das zu erreichen, was ich mir für meine Themenbereiche vorgenommen habe. – Roman Müller-Böhm, MdB

Ehrlich gesagt: Spätestens hier hatte ich, als ich mein Interview vorbereitet habe, wenigstens ein bisschen Rebellion erwartet. Roman Müller-Böhm ist über seine Ablehnung der Vorratsdatenspeicherung zur FDP gekommen, das erste Thema Website von Roman Müller-Böhm auf seiner Website ist Digitalisierung – bei dem mich ältere Politiker regelmäßig selbst auf die Palme bringen, wenn sie so tun, als sei ein bisschen Breitbandausbau und öffentliches W-LAN schon fortschrittliche Digitalpolitik. Und auch auf Klima- und Rentenpolitik haben viele Junge, die die Ergebnisse heutiger Weichenstellungen noch selbst ausbaden müssen, einen anderen Blick. Eigentlich Stoff für einen handfesten Generationenkonflikt …

Die Debatte um den Widerstand von Kevin Kühnerts Jusos gegen die heraufziehende Große Koalition – der aus der CSU abschätzig ZEIT ONLINE über die CSU-Einlassungen zum »Zwergenaufstand« der Jusos (2018) »Zwergenaufstand« genannt wurde – hat Roman Müller-Böhm verfolgt. Sein Urteil:

Dass ein so junges Mitglied diese essenzielle Debatte über die eigene Zukunft so angeführt hat, ist eine wahnsinnige Leistung. Und wenn dann Formulierungen kommen, die abfällig sind, das gehört leider häufig dazu. – Roman Müller-Böhm, MdB

Glaubt man Roman Müller-Böhm, so können junge Menschen zumindest innerhalb der etablierten Parteistrukturen etwas bewegen. Im Falle der SPD ist es sogar so viel, dass die Parteiführung wegen des Juso-Widerstands gegen die Groko um die eigene Zukunft bangen muss.

Von verstaubten Strukturen und Parteimief

Wissenschaftler: Bernhard Heinzlmaier vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung – Quelle: Heribert Hudler copyright

Die Debatte um die Zukunft der Sozialdemokratie findet Bernhard Heinzlmaier vom Bernhard Heinzlmaiers Profil auf der Website des Wiener Instituts für Jugendkultur Wiener Institut für Jugendkulturforschung gar nicht schlecht. Aber: »Das Problem ist, dass diese innerhalb dieser verstaubten Parteikultur stattfindet.« Er hält die Parteikultur der SPD – in der die Jusos als etwas bunter daherkämen – für nicht reformierbar. »Wenn junge Leute einmal Delegierte auf einem Bundesparteitag sind und dann in die Parteistruktur hineinwachsen, dann können sie vieles von dem, was ein Außenstehender als verstaubt wahrnimmt, gar nicht mehr erkennen.« Stattdessen schlägt Heinzlmaier jungen Menschen vor, sich ein Beispiel an Emmanuel Macron zu nehmen und Parallelstrukturen aufzubauen, die trotzdem durchlässig sind in Richtung des Zentrums der Macht: Macron war ab 2012 Berater des französischen Präsidenten Hollande, wurde in der sozialdemokratischen Regierung sogar Wirtschaftsminister, löste sich aber rechtzeitig von der schwächelnden Parti socialiste und baute seine eigene Bewegung (La République) En marche ! auf, mit der er die Präsidentschaftswahl gewann. Die Sozialistische Partei, eben noch stärkste Kraft, stürzte ab in die Bedeutungslosigkeit.

Gern hätte ich Kevin Kühnerts Reaktion auf diesen Vorwurf erfahren, aber laut seinem Pressesprecher hat er in dieser Woche alle Interviewanfragen abgelehnt. Verständlich, schließlich will er gerade den Koalitionsvertrag zwischen SPD, CDU und CSU zu Fall bringen, wenn die SPD die Zustimmung ihrer Mitglieder einholt.

Dass viele junge Menschen die Parteien nicht unbedingt als Orte ihrer politischen Erfüllung ansehen, spiegelt sich in Zahlen wider. Bis auf die Junge Alternative Die Jugendorganisation der AfD gibt auf ihrer Website ihre Mitgliederzahl mit 900 an, gemeinsam mit dem Zusatz: »Die Junge Alternative wurde im Juni 2013 gegründet und gehört zu den am schnellsten wachsenden politischen Jugendorganisationen Deutschlands.« Da die im Diagramm aufgeführten Jugendorganisationen mehr Mitglieder haben, ist ein starkes relatives Wachstum jedoch für die Junge Alternative leichter zu erreichen. haben alle Jugendorganisationen der im Bundestag vertretenen Parteien eine Anfrage beantwortet, in der ich sie um Statistiken zu ihrer Mitgliederentwicklung bat. Die Junge Union, mit Abstand die stärkste Jugendorganisation, schrumpft stetig, die Jusos stagnieren. Die jungen Abteilungen der Grünen, FDP und Linken wachsen zwar – fallen aber insgesamt kaum ins Gewicht. Wenn man die Zahlen als Diagramm darstellt, ist deutlich zu erkennen, wie den Jugendorganisationen innerhalb weniger Jahre Tausende Mitglieder wegbrechen.

So viele Mitglieder hatten politische Jugendorganisationen in den vergangenen Jahren

Die Daten stammen direkt von den Pressestellen der Partei-Jugendorganisationen. Dabei ist zu beachten, dass sie teils unterschiedlich erhoben werden: Mal an einem bestimmten Stichtag, mal als Mittelwert über das Jahr gerechnet. Die Lücken in den Graphen kommen deshalb zustande, weil nicht alle Parteien Daten für jedes Jahr bereitgestellt haben. Tipp: Gerade bei den kleineren Organisationen ist die Entwicklung schwer zu erkennen – wenn du auf die bunten Rechtecke in der Legende klickst, werden einzelne Linien ein- oder ausgeblendet und das Diagramm passt sich an.

Quelle: Parteien; eigene Berechnungen

»Die Mitgliederentwicklung ist ein klarer Indikator für die abnehmende Engagement-Bereitschaft«, sagt Bernhard Heinzlmaier. Er beruft sich auch auf die Zusammenfassung der 17. Shell-Jugendstudie (2015) Shell- Jugendstudie, Die 17. Shell-Jugendstudie wertet die Antworten von gut 2.500 jungen Menschen zwischen 12 und 25 Jahren aus. Sie stammen aus dem Jahr 2015 – laut Shell-Pressestelle ist eine neue Erhebung derzeit noch nicht in Planung, weil sie nur alle 4–5 Jahre stattfindet. Weil die Erhebung seit den 1950er-Jahren regelmäßig durchgeführt wird, ist sie gut geeignet, um längerfristige Trends nachzuvollziehen. derzufolge Jugendliche den Politikern und Parteien nur wenig Vertrauen entgegenbringen. Die Verfasser der Shell-Jugendstudie ordnen die befragten Jugendlichen in sozialwissenschaftliche Milieus ein. Die Verteilung auf die unterschiedlichen Gruppen ist für Heinzlmaier ein weiterer Indikator: »Ein weiterer Punkt ist die Größe des sogenannten postmaterialistischen Milieus – das waren in den 1970er-, 1980er-Jahren um die 30%. Wenn man sich diese Milieus heute anschaut, findet man dort gerade mal 8–10%. Angewachsen sind die Milieus, die adaptiv-pragmatisch denken, geschrumpft sind die Milieus, in denen Idealismus und Selbstverwirklichung in gesellschaftlicher Verantwortung großgeschrieben wird.«

Im Gegensatz zum tatsächlichen Engagement in Parteien oder Gewerkschaften steigt laut der Studie jedoch das politische Interesse der Jugendlichen stabil. 41% bezeichnen sich als »politisch interessiert«; dieser Wert war nur zu Zeiten der Perestroika Perestroika (перестройка) ist russisch und bedeutet »Umbau« oder »Umgestaltung«. Michail Gorbatschow, zu diesem Zeitpunkt Generalsekretär des Zentralkomitees der Sowjetunion, nutzte das Schlagwort ab 1986 für den beginnenden Umbau des Staats. Wichtige Elemente waren die ausgebaute Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit, aber auch wirtschaftliche Reformen und eine Entspannung gegenüber dem Westen.

Häufig in einem Atemzug genannt wird »Glasnost« (гласность), also »Offenheit« oder »Transparenz«. Unter diesem Stichwort führte Gorbatschow ab seinem Amtsantritt 1985 die UdSSR schrittweise an Presse- und Meinungsfreiheit heran.

Beide Begriffe sind kaum zu trennen, weil die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen gemeinsam zum Ende des Kalten Kriegs und zum Fall des Eisernen Vorhangs geführt haben.
und der Wiedervereinigung höher. »Ob dieses Interesse jetzt den Vorstellungen entspricht, die man mit dem Begriff verbindet, nämlich tiefgehende politische Reflexion, wage ich zu bezweifeln«, sagt Heinzlmaier: Schließlich werde Politik immer stärker als Unterhaltung betrachtet und auch medial so inszeniert. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Parteien für viele junge Menschen nicht einfach nur der falsche Ort sind, sich zu engagieren.

Engagement abseits von Strukturen

Auch der FDP-Politiker Roman Müller-Böhm glaubt, dass Parteien kein Monopol mehr für politische Betätigung besitzen. »Der Zeitgeist hat sich sehr geändert: Inzwischen kommt alle paar Tage ein neues Thema auf.« Deshalb gebe es heute weniger Engagement auf dem »klassischen« Weg, sprich: Der Wille, einer Partei beizutreten, sinkt.

Es ist ja immer die Frage: Will man im klassischen System etwas umsetzen oder projektorientiert mithelfen? Ich finde, das sollte keine Rolle spielen. Hauptsache, man kann etwas erreichen. – Roman Müller-Böhm, MdB

Welche Dynamik solch ein projektorientiertes Engagement entwickeln kann, hat sich zum Beispiel im Herbst 2015 gezeigt, als bis zu einer Million Geflüchtete in Deutschland ankamen und vor allem junge Menschen Dolmetscherin Mena Ilmi half im Jahr 2015 mit vielen anderen Menschen Geflüchteten am Hamburger Hauptbahnhof – bis zur Erschöpfung Hilfsinitiativen ins Leben riefen. Trotzdem hat diese Dynamik, an deren Beginn die Geflüchteten und an deren vorläufigem Ende unter anderem die AfD und die Brexit-Entscheidung stehen, laut Bernhard Heinzlmaier bislang noch keine merkliche Gegenbewegung einer politisierten Jugend gegen den Rechtsruck der Gesellschaft hervorgerufen.

Ein gewichtiger Teil des politischen Engagements hat sich von der Straße ins Internet verlagert: In Sozialen Medien wird diskutiert, auf Plattformen wie Change.org oder ActNow werden Petitionen eingestellt und munter unterzeichnet sowie geteilt. Meine detaillierteren Anfragen zum Engagement junger Menschen bei beiden Plattformen kamen leider bis Redaktionsschluss zu keinem Ergebnis – Change.org bat um Verständnis für die längere Bearbeitungsdauer, weil in ihrem Büro gerade eine Erkältungswelle umgehe.

Ich glaube, die Äußerung von politischer Meinung hat sich geändert: Es geht weniger über die klassische Demo auf der Straße. Die Sozialen Medien sind das alles entscheidende Transportmittel von Meinungen. – Roman Müller-Böhm, MdB

Die Aktivitäten im Netz sind ungleich schwerer in Zahlen zu fassen als Mitgliedschaften in Parteien – wie viele Facebook-Posts, wie viele Petitionen wiegen einen Stammtisch mit Parteigenossen auf? Wie viele Tweets einen Samstag als Delegierter auf einer trockenen Parteiveranstaltung?

»Man muss hinterfragen, ob die Qualität des politischen Engagements in Organisationen und die Wirksamkeit, die man dadurch entfalten kann, vergleichbar ist mit einer Unterstützung einer Petition im Internet«, sagt auch Bernhard Heinzlmaier. »Das ist eher eine spontane Handlung, die zu einem geringen Preis zu bekommen ist.« Die Mitgliedschaft in einer Partei schließe eine veränderte Außenwirkung, Diskussionen mit Freunden, vielleicht sogar Nachteile am Arbeitsplatz mit ein. »Das kann man alles vermeiden, wenn man abends eine Petition unterstützt oder ein Facebook-Posting likt.« Das ist tatsächlich die mittlerweile offizielle Schreibweise für solche Anglizismen.

Hört auf, die Jugend weiter zu optimieren!

Also steht am Ende das Engagement im Netz sogar für noch weniger politische Betätigung? Stumpfen uns die stylischen Instagram-Filter noch weiter ab für die gar nicht mal so hotte, aber wichtige Politik? An diesem Punkt des Texts angekommen, bin auch ich kurz mal frustriert. Aber: Es gibt eine Erklärung für das nachlassende Engagement, und darin liegt schon der erste Schritt zu einer Lösung.

Wahlbeteiligung im Zeitverlauf

Bei jungen Generationen lag die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen schon immer etwas niedriger als bei Älteren. Diese Daten aus der Repräsentativen Wahlstatistik sind an mehreren Stellen lückenhaft, weil sich die Zählung verändert hat. 1994 und 1998 wurden demografische Daten überhaupt nicht erhoben. Außerdem wichtig, um diese Grafik zu verstehen: 1970 wurde das Mindestalter für die Teilnahme an der Wahl von 21 auf 18 gesenkt, deshalb kommt hier eine neue Linie hinzu.

Quelle: Bundeswahlleiter

Wer sich die Beteiligung an den bisherigen Bundestagswahlen anschaut, stellt fest: Die Gesamtwerte schwanken, aber die jungen Wähler haben sich seit jeher besonders schwer getan beim Urnengang. Das mag man als Zeichen deuten, dass junge Erwachsene dem eigenen Stimmzettel in der Vergangenheit schon weniger Bedeutung beigemessen haben als Routine-Wähler. Es zeigt sich darin aber auch, dass viele in jungen Jahren erst mal die eigene Biografie in Schwung bringen müssen, bevor sie politische Entscheidungen über sich selbst hinaus treffen. »Die Mehrheit der jungen Deutschen sagt: Mein Hauptproblem ist das Finden von Halt«, sagt Bernhard Heinzlmaier.

Die Leute sind heute beruflich, aber auch familiär in einem so hohen Ausmaß gefordert, dass die Zeit zum politischen Engagement gar nicht mehr in dem Ausmaß wie früher vorhanden ist. Beruflich wird heute so viel abverlangt, es ist der ganze Mensch gefordert. Am Abend sind die Leute müde und haben dann keine Lust mehr, sich zu engagieren. – Bernhard Heinzlmaier, Jugendforscher

Dass die Studenten von heute also weniger politisch aktiv sind als die rebellischen 68er, ist kein Zeichen von Abstumpfung. Vielmehr zeigt es, dass Bologna und Chris Vielhaus über Bildungsgerechtigkeit im Studium BAföG kaum noch Platz lassen für politisches Engagement. Ein ständiger Leistungsdruck aus Gesellschaft und Arbeitswelt lastet auf jungen Erwachsenen – selbstverständlich auch auf denjenigen, die nicht studieren – in besonderem Maße. Da ist die 28-Stunden-Woche, Pressemitteilung der IG Metall zur Einigung in der Tarifrunde 2018 wie die IG Metall sie gerade durchgesetzt hat, vielleicht das erste Zeichen einer Trendwende, aber noch keine wirkliche Lösung. »Wenn man die Dominanz der Arbeit über das Leben reduziert«, sagt auch Bernhard Heinzlmaier, »dann wird Potenzial für kreative Betätigung und für politisches Engagement frei. Wie man dieses Problem löst, ist das große Geheimnis.«

Es wird eine Aufgabe der jungen Generation sein, diese Dominanz der Arbeit über das eigene Leben in Schach zu halten – also eine Work-Life-Balance herzustellen, die den Namen verdient hat. Das entspricht auch den Anforderungen, die die Befragten der Shell-Jugendstudie an ihre Arbeit formulieren: »Sie wollen etwas leisten, aber genügend Freizeit und Freiraum für eine eigene Familie haben«, schreiben die Autoren der Studie.

Eines darf man nicht vergessen: Auch wenn sich Jugendforscher wie Bernhard Heinzlmaier ein breiteres Engagement wünschen, schmälert das nicht die Leistung der Engagierten. Auch wenn es vielleicht mehr von ihnen geben könnte, steckt in vielen der politisch tätigen Jugendlichen großes Potenzial – und die #DieseJungenLeute-Kampagne zeigt, dass dieses Potenzial nicht immer wahrgenommen wird. Es ist der jungen Generation durchaus zuzutrauen, die Work-Life-Balance auf die Reihe zu kriegen. Wer diese Reformen anstößt – Parteipolitiker wie Kevin Kühnert und Roman Müller-Böhm oder doch Menschen abseits etablierter Strukturen –, wird sich noch herausstellen.

Titelbild: dpa - copyright

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