Zurück zum Artikel

Links zum Artikel

Ist Gewalt männlich?

Ja! Aber das Problem sind nicht die Männer – sondern unsere Erwartungen an sie. So können wir sie verändern, um der Gewalt Herr zu werden.

10. April 2018  13 Minuten

Jungs weinen nicht und Männer weinen heimlich. Männer kaufen Frauen, stehen ständig unter Strom, sind außen hart und innen ganz weich. Sie haben Muskeln und sind furchtbar stark. Hast du die Zeilen direkt erkannt? Die erste Aussage ist die Übersetzung des bekannten Songs »Boys Don’t Cry« von The Cure, und was folgt, sind Zitate aus dem Lied »Männer« von Herbert Grönemeyer.

Laut Schätzungen leben die meisten Menschen dieser Welt In »The Creation of Patriarchy« beschreibt Historikerin Gerda Lerner den Ursprung der patriarchischen Gesellschaften (englisch, 1987) seit 10.000 Jahren in Gesellschaften, die zum größten Teil von Männern geprägt werden. Starken Männern, die kämpfen und beschützen, die ihr Leben für Land und Leute riskieren und sich von nichts einschüchtern lassen. Das nennen wir Patriarchat Der Begriff Patriarch hat seinen Ursprung im Altgriechischen und bedeutet so viel wie »Erster unter den Vätern«, »Stammesführer« oder »Führer des Vaterlandes«. Im Griechischen steht »arché« für Macht und Herrschaft sowie Beginn und Anfang. – und das hat eine ganze Menge Nebenwirkungen.

»Wann ist ein Mann ein Mann?« – »Männer« von Herbert Grönemeyer (1984)

Allen voran Unterdrückung und Gewalt, vor allem von Männern gegenüber Frauen, aber auch von Männern gegen andere Männer und sich selbst. Diese 3 Formen der Gewalt nennt der Politikwissenschaftler und Autor Michael Kaufman »Triade der Gewalt«. Mehr dazu findest du hier (englisch). Sämtliche Statistiken zeigen: Die große Mehrheit aller verurteilten Straftäter, Mörder und Vergewaltiger sind Männer. Eine Auswahl aus meinem letzten Artikel zum Thema »Mansplaining«: (dort findest du auch sämtliche Quellen)

(Häusliche) Gewalt: Alle 9 Sekunden wird in den USA eine Frau verprügelt. In Deutschland sind mehr als 80% aller Tatverdächtigen für Körperverletzung männlich. Generell ist häusliche Gewalt der häufigste Grund für Verletzungen von Frauen. Und der Täter ist – nicht immer, aber am häufigsten – der Partner.

Mord: Knapp 90% aller Mörder in Deutschland sind männlich – weltweit sind durchschnittlich 95% aller verurteilten Mörder männlich, die größte Gruppe im Alter von 15–29 Jahren. Bei 98% aller 134 »Mass Shootings« in den USA seit 1966 waren die Schützen männlich.

Straftaten: Die erwachsenen Insassen in deutschen Gefängnissen sind zu knapp 95% männlich, in anderen Ländern sieht es ähnlich aus. Und auch wenn es am Haftsystem (besonders in den USA) heftige und berechtigte Kritik gibt, müssen wir uns als Gesellschaft fragen: Wie viel Gewalt wollen wir akzeptieren? Ab wann sperren wir Gewalttäter wie lange weg?

Vergewaltigungen: Mehr als jede zehnte Frau gibt bei einer EU-weiten Umfrage an, mindestens einmal Opfer sexueller Gewalt gewesen zu sein. In den USA wird alle 4,2 Minuten eine Vergewaltigung gemeldet, Tendenz steigend. Während Indien »offiziell« als Land mit niedriger Vergewaltigungsrate gilt, gehen Schätzungen davon aus, dass nur 5–6% aller Fälle gemeldet werden. Erst in naher Vergangenheit haben #Aufschrei und vor allem #MeToo das Thema so salonfähig gemacht, dass sich Hollywood-Schauspielerinnen zur Seite stehen statt zu schweigen. Bekannt wurde so auch der Fall eines Sportarztes, der wegen sexueller Straftaten an mindestens 40 Sportlerinnen zu bis zu 175 Jahren Haft verurteilt wurde.
Statt aber darüber zu diskutieren oder gar zu streiten, ob Menschen mit Penis und Hoden eine besonders hohe Gewaltbereitschaft haben, sollten wir ganz einfach die Frage stellen: Wie reduzieren wir als Gesellschaft am effektivsten Gewalt?

Mit Illustrationen von Michael Szyszka für Perspective Daily

von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich