»Deutschland« integriert niemanden

Das machen Rentnerinnen, Malermeister und Grundschullehrerinnen. Ohne die Ehrenamtlichen gäbe es nicht genug Integrationsangebote. Eine Deutschlandreise zu denen, die Geflüchtete fördern wollen.

30. April 2018  11 Minuten

Wieder einmal streitet Deutschland darüber, was Juliane Metzker über die schwierige Antwort auf die Frage: Was macht Liebe und Sex in Deutschland aus? deutsche Werte eigentlich sind. Antworten suchen wir aber selten dort, wo wir andere Menschen in unser Wertesystem integrieren wollen.

Für die mehr als 700.000 Asylsuchenden, die seit dem Jahr 2015 nach Deutschland gekommen sind, gilt Sprache als wichtigste Voraussetzung, um In diesem Interview von David Ehl erklärt Integrations-Staatssekretärin Serap Güler, was das für Nordrhein-Westfalen bedeutet anzukommen. In offiziellen und inoffiziellen Sprachkursen wird bereits eine »deutsche Kultur« Was eine deutsche Kultur ist und ob es sie überhaupt gibt, ist nicht erst seit dem Jahr 2015 ein strittiges Thema in Deutschland. Im Mai entfachte die Aussage der Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz (SPD) im Tagesspiegel, eine spezifisch deutsche Kultur wäre jenseits der Sprache nicht identifizierbar, eine innenpolitische Debatte. vermittelt. Aber welche Werte geben die verschiedenen Integrationsvermittler da weiter? Hilft das der Integration auf die Sprünge oder blockiert es sie am Ende?

Mit diesen Fragen im Gepäck haben wir uns auf die Reise begeben – auf eine Deutschlandreise – und uns Bildungsangebote für Geflüchtete und Migranten in der gesamten Bundesrepublik angeschaut.

Der Unterricht in der Modellklasse im sächsischen Moritzburg beginnt. – Quelle: Ann Esswein copyright

»Wer das politische System nicht kennt, ist schlecht integriert«

Wir fahren nach Moritzburg, 15 Kilometer nördlich von Dresden. An der sogenannten Website der Produktionsschule Moritzburg Produktionsschule gibt es die einzige Modellklasse In der Modellklasse werden insgesamt 16 asylsuchende Jugendliche im Alter von 15–18 Jahren in einem Vorbereitungskurs intensiv auf den Erwerb des Hauptschulabschlusses vorbereitet. Die Jugendlichen kommen aus dem sächsischen Regelschulsystem aus den sogenannten DaZ-Klassen (Klassen mit Deutsch als Zweitsprache). Eigentlich sollten die Jugendlichen in diesen Klassen in das normale Regelschulsystem integriert werden. Das Projekt der Produktionsschule in Moritzburg hat das Ziel, die Jugendlichen aufzufangen, die aufgrund ihrer Flucht voraussichtlich auf normalem Wege keinen Schulabschluss schaffen würden. Die Modellklasse wird vom Kultusministerium Sachsen gefördert. Neben dem fachspezifischen Unterricht werden die Jugendlichen sozialpädagogisch begleitet. in ganz Sachsen, in der sich Jugendliche und junge Erwachsene auf den Hauptschulabschluss vorbereiten können, die im regulären Schulsystem keinen Schulplatz mehr bekommen.

Hier ist es egal, wie alt sie sind und welchen Aufenthaltsstatus sie haben. Die 16 Schüler kommen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, dem Irak – und sie alle wollen nur eins: hierbleiben, sich integrieren. Sie wissen, dass sie dafür den Hauptschulabschluss schaffen müssen, noch bevor sie 18 Jahre alt werden, denn normalerweise ist der Schulplatz nur für Minderjährige garantiert.

Klassenlehrerin Alessia Bonetti bereitet Jugendliche auf den Erwerb des Hauptschulabschlusses vor. – Quelle: Ann Esswein copyright

Gerade läuft die zweite Stunde, Gesellschaftskunde. Alessia Bonetti, die Klassenlehrerin, erklärt an der Tafel den Bundesrat, den Bundestag, die Parteienlandschaft und wie sie ineinandergreifen. Was im Unterricht vermittelt werde, sei viel mehr als nur der Stoff für die Hauptschulprüfung, sagt Bonetti: »Wir bringen den Schülern bei, was es bedeutet, in Deutschland zu wohnen. Was es hier für Regeln gibt und wie das Zusammenleben funktioniert«, sagt die 42-Jährige, die selbst aus Italien kommt. »Wenn ich das politische System in Deutschland nicht kenne, wenn ich nicht weiß, wer für mich genau was entscheidet und was Katharina Wiegmann fragt den Gründer von »The Good Lobby«, wie Bürger ihre Interessen durchsetzen können ich aktiv tun kann, dann bin ich schlecht integriert.«

Titelbild: Ann Esswein - copyright

von Ann Esswein 

Ann Esswein ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Eigentlich beschäftigt sie sich mit der humanitären Lage in anderen Ländern, dieses Mal aber im eigenen. Es gab diesen Sommer kaum einen Tag, an dem sie keinen Bettler auf der Straße antraf und sich fragte, warum man sich in Ländern des globalen Südens über offensichtliche Armut empört, soziale Armut in Deutschland aber hinnimmt.

Themen:  Deutschland   Flucht   Bildung  

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