Reportage 

So geht Wirtschaft, in der alle gewinnen

In 1.500 Städten funktioniert bereits, was im Süden Englands seinen Anfang nahm. Darum habe ich mir die Keimzelle einer gerechteren Wirtschaft genauer angesehen.

11. Mai 2018  7 Minuten

»Was ist die Diagnose bei der Kette, Doktor?«, fragt der Mann mit der Schiebermütze, dem das Mountainbike gehört. Als er noch in London als Koch arbeitete, sei es sein bester Freund gewesen. Aber hier, im ländlichen Südengland, habe er sich ein Auto angeschafft, Kinder bekommen, und sein Fahrrad setzte Staub an. Jetzt steht die Kette starr vor lauter Rost und lässt sich nur widerwillig von Ben Brangwyns »Doctor Bike«-Website (englisch) »Doctor Bike« alias Ben Brangwyn bearbeiten.

Kundengespräch: Ist mein Mountainbike noch zu retten? – Quelle: David Ehl copyright

»Das wird ein bisschen dauern«, sagt er, trägt großzügig Kettenfett auf und verteilt es mit der freien Hand. Seine türkisblauen Gummihandschuhe reinigt er an einem öligen Lumpen. Dann reißt Doctor Bike kräftig am Pedal, etwas holprig lässt sich die Kette übers Zahnrad ziehen und bringt das Hinterrad in Schwung. »Einige sind noch hartnäckig – denen gebe ich noch etwas Liebe«, sagt Brangwyn und wiederholt die Prozedur.

Das Mountainbike mit der rostigen Kette ist das vierte Fahrrad, das an diesem Tag auf dem Ständer von Doctor Bike landet: Jeden Samstag von 9:30–14 Uhr (es sei denn, das Wetter ist selbst für britische Verhältnisse schlecht) bietet er seine Dienste auf dem Wochenmarkt im südenglischen Städtchen Totnes an. Und zwar kostenlos, um Totnes seiner Vision einer Fahrradstadt näher zu bringen – als Teil der »Gift Economy«, wie Brangwyn es nennt.

Im Hauptberuf arbeitet er beim Transition Town Network, Frei übersetzt könnte man auf Deutsch auch »Netzwerk der Städte im Wandel« sagen. das hier in Totnes seinen Anfang nahm und die Welt und ihre Bewohner ein Stückchen nachhaltiger machen will. »Vielleicht ist beides gar nicht so unähnlich«, sagt Brangwyn. »Ob ich rostige Fahrräder in Ordnung bringe oder die eingerostete Gesellschaft …«

Ein Auto weniger: Auch Ben Brangwyns mobile Fahrradwerkstatt bewegt sich ohne Motor. – Quelle: David Ehl copyright

Netzwerken für den Wandel

Totnes ist mit seinen pittoresken Gässchen ein Stück Bilderbuch-England und gleichzeitig die Heimat einer etwas elitären grünen Szene, wie man sie sonst in Freiburg oder in Prenzlauer Berg antrifft. In diesem Milieu beschloss der aus Irland zugezogene Rob Hopkins im Jahr 2006, eine gesellschaftliche Antwort auf »Peak Oil« Der Begriff »Peak Oil« steht für den Zeitpunkt des weltweiten Ölfördermaximums, der laut Berechnungen in diesen Jahren erreicht werden dürfte und ab dem die gesamte Fördermenge pro Jahr wieder sinkt. Unterschiedliche Schätzungen bewegen sich in einer Zeitspanne zwischen 2008 und 2035 – und tatsächlich haben manche Ölförderländer wie zum Beispiel Norwegen ihren Peak bereits überschritten und gewinnen weniger Erdöl als im Vorjahr. Der Begriff stammt von einem Geologen des Ölkonzerns Shell in den 50er-Jahren. Han Langeslag erklärt, warum 2/3 aller fossilen Reserven wertlos sind zu geben und den Maren Urner und Han Langeslag machen in Grafiken den Klimawandel sichtbar und erklären, wie er ausgebremst werden kann Klimawandel und seine Stadt nachhaltiger zu machen. Totnes wurde die erste Transition Town von mittlerweile mindestens 1.500 Orten in mehr als 50 Ländern. Genaue Zahlen, erklärt Ben Brangwyn, habe das Netzwerk gar nicht, weil einige Initiativen, die mit den Materialien arbeiten, nur auf Landesebene oder überhaupt nicht angedockt sind. Das darüberstehende Netzwerk beschäftigt rund 15 Mitarbeiter und finanziert sich überwiegend aus Stiftungsgeldern (ein großer Sponsor aus dem Ausland wird geheim gehalten, einige Stiftungen sind in Großbritannien ansässig).

Titelbild: David Ehl - copyright

von David Ehl 

Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.

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