Blitzeblank und dufte?!

Echte Sauberkeit riecht nicht nach Lavendel und Zitrone. Putzen darfst du trotzdem.

6. Juni 2018  5 Minuten

Dreck können wir sehen, Bakterien nicht. Keiner unserer Sinne hilft uns dabei, eine hygienisch-saubere Oberfläche von einer Platte voller Salmonellen oder E.-Coli-Bakterien zu unterscheiden. Befeuert durch Dieser Werbespot stellt Bakterien als kleine Monster dar (2015) Werbung und Medienberichte über gefährliche Keime steckt vielen Menschen Unsicherheit in den Knochen: »Kann ich mich einfach so auf diese Klobrille setzen? Welche Erreger haften wohl an meiner Türklinke? Und Tastaturen sollen ja noch dreckiger sein als öffentliche Toiletten!« Bakterien gehören mit den Archaebakterien, einem Großteil der Pilze, vielen Algen und Protozoen zu den Mikroben. Es handelt sich um mikroskopisch kleine Organismen, die aus einzelnen Zellen oder Zellaggregaten bestehen.

Ob in den Medien, beim Arzt oder Smalltalk: Von Mikroben ist vor allem dann die Rede, wenn es um eine Entzündung oder Lebensmittelvergiftung geht. So geht im allgemeinen Bewusstsein völlig unter, dass ein Großteil der Mikroorganismen nicht pathogen ist – das heißt, sie verursachen keine Krankheiten. Auch die Aussage, wie viele Millionen Keime sich auf einem Lappen oder der Klobrille tummeln, hilft wenigen weiter: Sie verrät nichts über die Art und Zusammensetzung der kleinen »Mitbewohner«.

Dreck können wir sehen, Keime nicht.

Die Wasch- und Reinigungsmittel-Industrie kennt diese Ängste – die sie ja mit erzeugt hat – und eilt zur Rettung: Ihre Produkte versprechen tiefenwirksame Sauberkeit, kraftvolle Reinigung und Keimfreiheit. Um Kunden in Sicherheit und Sauberkeit zu wiegen, nutzt sie einen einfachen Trick: Sie gibt vor, Hygiene riechbar zu machen. Ein frischer Hier erfährst du, welchen starken Einfluss Gerüche haben (2013) »Reinlichkeits-Duft« tritt an die Stelle der Ungewissheit. So zeigte eine Befragung, dass 82,5% der Kunden einen Reiniger mit Duft einem geruchsneutralen Eine Pressemitteilung zu den Ergebnissen der Befragung im Auftrag der Marke Ajax (2014) Putzmittel vorziehen.

Es gibt Putzmittel für alle Oberflächen, Reinigungsmittel für jeden Fleck, Waschmittel für verschiedene Stoffe, Farben und Temperaturen. – Quelle: Your Best Digs

In Wahrheit sind das nur Zusatzstoffe, die keinerlei Reinigungswirkung mit sich bringen. Ein frischer Duft dient lediglich als positiver Verstärker, Verstärker sind angenehme Reize, die als Konsequenz auf Verhalten folgen. Sie beeinflussen damit maßgeblich das menschliche Verhalten. Folgt auf ein Verhalten regelmäßig ein als belohnend erlebter Reiz, wird es verstärkt, das heißt, die Wahrscheinlichkeit erhöht sich, dass die Person dieses Verhalten wiederholt. Das gilt für soziale Interaktionen – ein Lächeln wird mit einem Lächeln belohnt – oder die Schokolade, die Genuss und ein kleines Zuckerhoch mit sich bringt. er erinnert uns daran, dass die Wohnung geputzt wurde, und verlängert so das subjektive Sauberkeitsgefühl. Besonders eindrucksvoll zeigt das die Entwicklung von Febreze: Das neutral riechende Spray gegen unangenehme Gerüche war zunächst Dieser Artikel fasst den Kurswechsel bei der Vermarktung von Febreze zusammen (englisch, 2012) ein Verkaufsflop. Erst als die Produktentwickler eine frische Duftnote hinzufügten, stiegen die Verkaufszahlen. Die Werbespots erinnerten die Kunden außerdem daran, dass Menschen selbst gegenüber unangenehmen Gerüchen im eigenen Zuhause »geruchsblind« werden. Die Werber versuchten nun, das Produkt als belohnenden Schritt am Ende der bestehenden Putzroutine und nicht als neues Extra zu verkaufen.

Doch ein angenehmer Geruch täuscht darüber hinweg, was der Kraftreiniger statt Krümeln und Keimen auf der Küchenarbeitsplatte, in der Luft und an den eigenen Händen hinterlässt.

Titelbild: Adrian Syzmanski - copyright

von Katharina Ehmann 

Was macht dich krank, was hält dich gesund? Wie können wir uns selbst besser verstehen und welchen Einfluss hat jeder Einzelne – auf sich selbst, aber auch seine Umwelt? Diesen Fragen geht Katharina als Psychologin auf den Grund.

Themen:  Gesundheit   Nachhaltigkeit   Konsum  

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