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Deutschland ist WLAN-Wüste. Wer führt uns da raus?

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Deutschland ist WLAN-Wüste. Wer führt uns da raus?

7. Juni 2018
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7. Juni 2018

Im Ausland gibt’s überall WLAN, nur hier nicht. 3 Updates, damit wir so frei surfen können wie in Lettland und Israel.

Jetzt sind sie ganz verschwunden, die kleinen Signalbalken auf dem Display meines Smartphones. Ärgerlich halte ich es näher an die Fensterscheibe des Zuges, der gerade den Rhein hinauffährt. Bis Frankfurt liegt noch eine Stunde Fahrzeit vor mir und wieder erhalte ich als Antwort auf meine E-Mail einen »Übertragungsfehler«. Auch der nächste Bahnhof leistet keine Abhilfe – die E-Mail bleibt im digitalen Nirvana stecken. Ernüchtert stelle ich mir die Frage:

Warum klappt das in Deutschland mit dem WLAN einfach nicht?

In anderen Ländern geht es doch auch und öffentliches Internet ist eine Selbstverständlichkeit: Sei es in den Regionalbahnen in Lettland oder den Reisebussen in Israel. Im Vergleich dazu ist Deutschland eine WLAN-Wüste – nicht nur beim Reisen. Auch in hiesigen Großstädten suche ich öffentliche WLAN-Hotspots Freies WLAN (oder WiFi): Ein Internetzugang, der für jeden Nutzer ohne Passwort oder Zahlungsaufforderung funktioniert. Ende 2017 befanden sich in Deutschland knapp 90.000 öffentlich zugängliche WLAN-Hotspots. Das ist zwar ein Zuwachs von 20% seit Ende 2016, steht aber anderen Ländern immer noch deutlich nach. Frankreich etwa besitzt derzeit über eine Million öffentliche WLAN-Hotspots (englisch). Der Breitbandatlas des BMVI zeigt die Verteilung der deutschen WLAN-Hotspots meist vergeblich.

Dabei würden Eine repräsentative Umfrage von Lancom Systems zur WLAN-Nutzung (2016, PDF) 62% der Deutschen genau diese Hotspots gern nutzen. Natürlich muss ich nicht immer und Ist unser Umgang mit dem Smartphone wirklich smart? So häufig klickst du pro Tag drauf – wie es besser geht, erkläre ich hier überall online sein. Aber sollte es im Jahr 2018 im Der damalige Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur, Alexander Dobrindt, verspricht das »beste Netz der Welt« (2013) »digitalen Vorreiterland Deutschland« nicht meine Entscheidung sein, ob und wann ich das Internet brauche?

Trotz des Regierungsversprechens, die Digitalisierung ernst zu nehmen, landet Deutschland auf dem gerade herausgekommenen Der DESI-Index der EU-Kommission erfasst einmal jährlich den Fortschritt der Digitalisierung der Mitgliedstaaten (englisch, 2018) Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft der EU nur im mäßigen Mittelfeld. Aufholbedarf gibt es vor allem bei den Themen »Konnektivität« und »öffentliche Dienstleistungen«. Das ist auch nötig, denn mobile Datenverträge sind hierzulande noch immer Diese Recherche von SPIEGEL ONLINE zeigt, wie gering die für Kunden zur Verfügung gestellten Datenmengen in Deutschland im internationalen Vergleich sind (2016) knapp bemessen.

Quelle: Tobias Kaiser copyright

Problem erkannt, auch beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Das schiebt die Verantwortung weiter:

Ein flächendeckender WLAN-Ausbau liegt aber insbesondere in der Verantwortung der Kommunen und privater Unternehmen. – BMVI

Doch nun kommt Bewegung ins deutsche Netz, bei Unternehmen, Kommunen und denen, die das BMVI scheinbar vergisst – den Nutzern.

Die Unternehmen: Deshalb ist Streaming im Zug so schwierig

Dass kostenloses Internet zum Standard wird, Die Werbung der Bahn über ihr WLAN-Angebot haben auch deutsche Unternehmen erkannt und rüsten nach. Wo genau dabei die Hürden liegen, weiß Andreas Fuhrmann. Als langjähriger Sprecher für die Deutsche Bahn hat er die Entwicklung des WLAN-Hotspots begleitet, der mittlerweile in allen ICEs angeboten wird:

Andreas Fuhrmann, Bahnsprecher – Quelle: DB AG Pablo Castagnolo - Andreas Fuhrmann CC0

Es heißt immer ›Die Bahn kriegt das nicht hin‹. Was aber viele nicht wissen: Ein Zug ist erst mal ein faradayscher Käfig, Der faradaysche Käfig ist eine geschlossene Hülle aus einem elektrischen Leiter (meist Blech oder Draht). Sie wirkt als elektrische Abschirmung von außen. Bei statischen oder quasistatischen elektrischen Feldern bleibt der innere Bereich feldfrei. Der Grund ist die sogenannte Influenz (elektrostatische Induktion). durch den Funkwellen kaum durchkommen, im ICE sogar mit metallbedampften Scheiben. Um die Signale von außen in den Innenraum weiterzuleiten, hat jeder ICE Doch es laufen auch Pilotprojekte mit Nahverkehrszügen, etwa der Elbe-Saale-Bahn, Expresskreuz Bremen, S-Bahn Rhein-Main und der S-Bahn Stuttgart. Hier ist aber die Bahn an die Wünsche der Aufgabenträger gebunden, erklärt Fuhrmann. heute mehrere Antennen, einen zentralen Server und Access Points Sie sind mit einem heimischen Router vergleichbar und leiten dabei sowohl die Signale für das WLAN der Bahn weiter als auch die Mobilfunk-Signale der einzelnen Smartphones der Gäste an Bord. in jedem Wagen. – Andreas Fuhrmann, Bahnsprecher

Für dem Ausbau der Internet-Technik hat das Unternehmen nach eigenen Angaben insgesamt 120 Millionen Euro investiert. Die Summe bezieht sich sowohl auf die Technik an Bord als auch auf die Mobilfunk-Repeater sowie das ICE-Portal. Früher setzte die Bahn dazu nur auf die Telekom, heute besitzt jeder ICE ein System, das auf alle verfügbaren Mobilfunknetze zugreift. Schwächelt eine Verbindung, bezieht der Hotspot die Daten einfach aus einem anderen – das soll die Datenrate und Verbindung stabilisieren.

Doch auch diese Technologie hat Grenzen: Die Internet-Bandbreite in einem ICE entspricht, so Fuhrmann, Ein Test der Stiftung Warentest zum WLAN im ICE (2017) im besten Fall einem »guten Hausanschluss«. Nur dass sich im Zug nicht eine Familie die Daten teilt, sondern unter Umständen Hunderte Fahrgäste gleichzeitig – je mehr Menschen surfen und Daten verbrauchen, desto langsamer wird das Internet für alle.

Beim Einloggen im ICE steht ja nicht umsonst die Bitte: ›Verzichten sie bitte auf datenhungrige Dienste‹ wie etwa Streaming. Sonst kommt auch das schnelle LTE-Netz Was heute geläufig »LTE-Netz« genannt wird, ist ein Mobilfunkstandard der vierten Generation (4G). Er wurde 2014 eingeführt und ermöglicht höhere Datenübertragungsraten (bis 4000 Megabit Download, bis 1000 Megabit Upload), höhere Bandbreiten und niedrigere Latenzen. an die Leistungsgrenze. – Andreas Fuhrmann, Bahnsprecher

Verständnis und Solidarität könnten also helfen, damit jeder unterwegs E-Mails verschicken und empfangen kann. Eine andere Lösung zur Entlastung des Datenverbrauchs kommt aus der Luftfahrt: Die Bahn hat dieses Prinzip mit »Maxdome onboard« umgesetzt und speichert 1.000 Inhalte wie Filme, Serien und Dokus auf dem zuginternen ICE-Server. 50 davon stehen allen Passagieren kostenlos zur Verfügung, der Rest nur mit einem Abonnement. Serien und Kinofilme liegen auf einem Server im Fahrzeug und brauchen deswegen keine Daten von außen. Der große Nachteil dabei: Das Angebot ist deutlich kleiner als im Internet und oft auf einen Anbieter beschränkt. Die Bahn etwa kooperiert mit dem Streaming-Anbieter Maxdome. Kostenlos stehen dabei nur ausgewählte Angebote zur Verfügung. Eine gewiefte Werbestrategie: Wer Maxdome abonniert, kann im Zug das ganze Programm nutzen – das bereits auf den Servern liegt. Die könnten sogar weitersenden, wenn das Netz ganz wegbricht. Und das ist noch an zahlreichen Orten in Deutschland der Fall. Das weiß auch Andreas Fuhrmann:

Wir haben Messboxen in unsere Züge eingebaut, um den Mobilfunkanbietern in enger Zusammenarbeit zurückzuspielen, wo es Lücken in der Abdeckung auf den Strecken gibt. Eine bahninterne Messung der Netzabdeckung entlang von 21.000 Kilometern Streckennetz ergab eine Abdeckung von 87% – aber nur bei intelligenter Bündelung der Mobilfunknetze. Etwa in Landstrichen, wo nur wenige Menschen wohnen. Das ist natürlich unbefriedigend, schließlich ist WLAN für Kunden bereits heute so wichtig wie Toiletten an Bord. – Andreas Fuhrmann, Bahnsprecher

Wenn es mit meiner E-Mail unterwegs nicht funktioniert, muss also nicht die Bahn schuld sein – der stockende Netzausbau Wie die Abdeckung regional zu sein hat, bestimmen Vorgaben für die Mobilfunkanbieter, die bei der Lizenzvergabe mitgegeben werden. in manchen Regionen bremst hier den Fortschritt. Hier ist das Ein Job für das Internetministerium? Wie mehr Koordination dabei hilft, dass Deutschland digitaler wird, haben David Ehl und ich hier beschrieben Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur am Zug. Langsames Internet ist schließlich längst ein Standortnachteil für Kommunen. Dass diese zumindest in Sachen kostenloses WLAN den Anschluss bekommen, will die EU nun anschieben.

So versucht die EU mit ihrer WiFi4EU-Initiative, WiFi aufs Land zu bringen

Die Website von Dreieich in Hessen macht nicht gerade den Eindruck, als sei die 40.000-Seelen-Gemeinde ein Vorreiter für die digitale Zukunft. Doch das täuscht: Demnächst könnte es hier das geben, woran selbst Landeshauptstädte noch scheitern: Kostenloses WLAN in der Innenstadt.

Dafür will ein Pilotprojekt der Europäischen Kommission mit dem »hippen« Namen WiFi4EU Eine Abkürzung für »WLAN für die EU«, wobei das strenggenommen nicht ganz richtig ist. WiFi bezeichnet eigentlich die Zertifizierung durch die Wi-Fi Alliance anhand des IEEE-802.11-Standards und ist ein Markenbegriff. Mittlerweile wird »WiFi« jedoch synonym mit »freiem Internet« gebraucht. sorgen. In dessen Rahmen stellt die EU 120 Millionen Euro zur Verfügung, um 6.000 Gemeinden wie Dreieich und ausgewählte öffentliche Einrichtungen Auch Bibliotheken, Krankenhäuser, Museen und andere öffentliche Einrichtungen können sich von WiFi4EU fördern lassen. mit freiem und schnellem Internet zu fördern, und das sogar ganz unbürokratisch: Die Gemeinden Die Registrierungs-Website für Gemeinden beim WiFi4EU-Projekt registrieren sich auf einer Website, geben ein Ein Partnerunternehmen für WiFi4EU ist etwa der Karlsruher Anbieter SMIGHT, ein Unternehmen der EnBW Energie Baden-Württemberg AG Unternehmen an, das mit der Umsetzung beauftragt werden soll, und fertig.

Wer zuerst kommt, surft zuerst – das könnte das Motto von WiFi4EU sein

Wer sich dabei wie Dreireich zuerst registriert, hat höhere Chancen auf den 15.000-Euro-Gutschein. »Windhundverfahren« heißt das oder auch »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst«. Dabei musste Dreieich die eigene Kommune bewerben und einen Anbieter angeben, der die Technologie für die Gemeinde umsetzt. Erst wenn Antragsteller und Anbieter beide bestätigen, dass das Netz installiert wurde und einsatzbereit ist, wird dies von der EU per Fernüberwachung überprüft und erst dann der Gutschein ausgezahlt. Der ist für die Hardware der WLAN-Hotspots und ihre Installation im Stadtgebiet. Laufende Kosten muss die Gemeinde selbst übernehmen. Und bürgt dafür, dass sie diese mindestens 3 Jahre übernimmt, inklusive Wartung der Geräte. Die Gemeinde muss auch garantieren, dass das Netzwerk die 3 Jahre aktiv bleibt und den Bürgern kostenlos zur Verfügung steht.

Dazu dürfen über das Netz keine personenbezogenen Daten gesammelt werden – aus Sicht von Datenschützern ein dicker Pluspunkt. Trotzdem bleiben offene WLAN-Netzwerke ein unsicherer Zugang zum Netz.

Quelle: Tobias Kaiser copyright

Ein verlockendes Angebot, nicht nur für Dreieich: Bereits zum Start von WiFi4EU versuchten sich 18.800 Gemeinden zu registrieren, fast das 3-fache der angepeilten Zahl – und überlasteten damit gleich den EU-Server. Ob die Initiative damit ein Erfolg ist und sogar für mehr Gemeinden aufgestockt wird, darüber wollte die Europäische Kommission noch keine Auskunft geben. Das BMVI denkt zumindest über eigene ergänzende Maßnahmen auf Länderebene nach und schreibt auf Anfrage: »Das WiFi4EU-Programm kann, wie in Deutschland geschehen, durch nationale Initiativen ergänzt werden. Wie das Programm des BMVI sowie die Maßnahmen auf EU- und Länderebene zeigen, tragen diese zur Verbesserung der Situation bei. Das WiFi4EU-Programm hat gerade auf kommunaler Ebene das Aktionsniveau und das Bewusstsein für den Nutzen von öffentlichen WLAN-Zugangspunkten erheblich erhöht.« Die Ergebnisse werden aber »am Ende der Laufzeit intensiv ausgewertet«.

Also 2020.

Für viele Gemeinden dürfte es aber nicht tragbar sein, bis dahin diesen Standortnachteil in Kauf zu nehmen. Außerdem reicht die WiFi4EU-Förderung umgerechnet nur für 8–10 Hotspots, die zusammen eine Fläche von 0,5–2 Quadratkilometern abdecken. Die Zahlen stammen von den Technikern von Smite, einem Unternehmen, das in Baden-Württemberg die WiFi4EU-Initiative umsetzt und bereits Erfahrung mit WLAN-Hotspots hat. Ein solcher kostet nämlich zwischen 850 und 1.600 Euro, je nach Ausstattung und Bedürfnissen vor Ort. Muss erst noch ein Breitbandanschluss eingerichtet werden, weil etwa das LTE-Netz vor Ort nicht verfügbar ist, steigen die Kosten zusätzlich.

Eingestellt auf 360°-Rundumversorgung deckt ein Hotspot nur 50 Meter im Radius ab. Zielgerichtet etwa auf einen Straßenzug sind es immerhin schon rund 200 Meter. Große Verbesserungen in Sachen Technik sind hier nicht zu erwarten: Die Reichweiten sind an die gesetzlich vorgeschriebene, erlaubte Sendeleistung von 100 Milliwatt gebunden – ein Grund für die kurze Reichweite.
Kostenloses WLAN für deutsche Innenstädte Die Probleme von kostenlosem WLAN und der neuen DSGVO bei Netzpolitik.org sieht anders aus.

Dann machen wir’s eben selbst: So kann jeder die WLAN-Wüste mit begrünen

Unternehmen hadern noch mit technischen Hürden, die kommunale Förderung per WiFi4EU reicht nicht aus, um die deutschen Innenstädte zu versorgen – ein guter Nährboden für unkonventionelle Lösungen aus der Privatwirtschaft.

So bietet etwa das Online-Handelshaus eBay zwischen 2016 und Juni 2018 in ausgewählten deutschen Städten Die Übersicht über alle 22 teilnehmenden Städte mit eBay-Plus-Hotspots WLAN an. Der Haken daran: Der Dienst steht nur für Kunden des Premiumservices »eBay Plus« Das Projekt entstand zusammen mit dem Hotspot-Betreiber ABL Social Media Federation aus Nürnberg, das bereits Erfahrung mit der Umsetzung eines freien WLANs in Berlin gesammelt hatte.

eBay Plus ist ein Premiumdienst des Unternehmens eBay. Mit einem regelmäßigen Abonnement erhält der Nutzer exklusive Angebote und kann Premiumversand und kostenlosen Rückversand in Anspruch nehmen – und bis 2018 auch WLAN in einigen deutschen Einkaufspassagen.
zur Verfügung. Und dann auch hauptsächlich in beliebten Einkaufszonen. Die Aktion klingt also eher nach Marketing und ist darüber hinaus datenschutztechnisch bedenklich – schließlich gelangt eBay so auch Die Krake muss nicht alles wissen – was Unternehmen mit Daten anstellen können, erkläre ich hier bequem an wertvolle Nutzerdaten. Und was, wenn mehr Menschen ihr eigenes Netz öffentlich anbieten und so private WLAN-Hotspots für alle schaffen?

Noch bis Oktober 2017 war genau das mit hohen rechtlichen Risiken der berüchtigten Störerhaftung Bis zum 12. Oktober 2017 konnten Hotspot-Betreiber dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Nutzer darüber rechtswidrig Inhalte ins Internet stellten – wie etwa beim Filesharing. Dazu mussten sie die Kosten für Abmahnungen und Unterlassungsansprüche tragen. Ein zu hohes Risiko für viele WLAN-Anbieter und Unternehmen.

Mit den Änderungen am Telemediengesetz (TMG) am 12. Oktober 2017 wurde die Störerhaftung abgeschafft. Der Hauptgrund: Niemand, weder Café-Betreiber noch Hotels, soll künftig Angst davor haben, automatisch mit Schadensersatz und Unterlassungsansprüchen konfrontiert zu werden. Seitdem verbleiben Kosten für rechtswidrige Taten beim Rechteinhaber, sofern es ihm nicht gelingt, den tatsächlichen Täter ausfindig zu machen und erfolgreich in Anspruch zu nehmen.
verbunden: So konnten Anbieter öffentlicher Netze für illegale Handlungen der Nutzer dieser Netze verantwortlich gemacht werden. Die ist jetzt aber endgültig vom Tisch:

Christian Solmecke, Medienrechtsanwalt – Quelle: Christian Solmecke CC0

Um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein, muss ein Anschlussinhaber in öffentlichen Räumlichkeiten nur noch angeben, dass er nicht Täter der Verletzungshandlung war und sein WLAN öffentlich angeboten hat. – Christian Solmecke, Medienrechtsanwalt

Cafés und Ladenbesitzer sind damit völlig auf der sicheren Seite. Sie haften nicht mehr als Störer. Bei Privatpersonen sieht es aber noch etwas anders aus. Wer seinen privaten Router für alle öffnet, kann im unwahrscheinlichen, schlimmsten Fall vor Gericht aussagen müssen – etwa wenn jemand über diesen Zugang illegale Handlungen wie Filesharing Eine Praxis des freien Kopierens von Daten, etwa von Filmen oder Musik. In Deutschland ist das Herunterladen von urheberrechtlich geschütztem Material beim Filesharing in der Regel rechtswidrig und kann bestraft werden, sofern der Urheber klagt. durchführt. Vor Gericht muss der Besitzer dann erklären, »dass Dritte Zugriff hatten, und Personen nennen, die er als Täter vermutet«, erklärt Christian Solmecke. Ein Restrisiko bleibt also.

Für Mitglieder öffentlicher Freifunk-Netze ist das aber tragbar. Weil sie enttäuscht vom Markt und der öffentlichen Hand sind, machen sie es eben selbst und vernetzen Menschen direkt miteinander. Dabei öffnen sie aber nicht einfach ihr WLAN – sondern schaffen gleich ein eigenes Netzwerk aus Routern, die direkt untereinander verbunden sind und Daten austauschen. Viele Freifunk-Netze bieten auch Internet an. Doch statt dem WLAN-typischen Client-Server-Betrieb tauschen in einem Freifunk-Netz die einzelnen Router ihre Daten direkt miteinander aus (Peer-to-Peer), wobei die zwischengeschalteten Rechner als Repeater funktionieren. Dies nennt sich technisch Mesh-Netzwerk und bildet sich dabei dynamisch aus den verfügbaren Knoten. Eine installierte Routing-Software errechnet dabei die Pfade der Daten zum Zielknoten.

Die Idee dazu entstand bereits im Jahr 2001, nachdem die Kommunikationsnetze privatisiert und das Internet kommerzialisiert wurde. Heute gibt es über 430 Freifunk-Gruppen im deutschsprachigen Raum mit insgesamt mehr als 48.000 öffentlichen Zugängen. Der Grundsatz dabei: Jeder kann mitmachen und ein oder eine sogenannte Freifunka ist ein genderneutraler Kompromiss. Hier erkläre ich, wo die Schwierigkeiten beim Gendern von Sprache liegen »Freifunka« werden, erklärt Monic Meisel, Vorstand im Förderverein So wirst auch du zum Freifunka freie Netzwerke e.V.

Monic Meisel, Vorstand im Förderverein freie Netzwerke e.V. – Quelle: Tim Schmidt copyright

Ich bin überzeugt, dass Zugang zum Netz in einer digitalen Gesellschaft ein Grund- und Menschenrecht ist. Auch in Deutschland können nicht alle Menschen das Recht auf Information, freie Meinungsäußerung und vor allem Teilhabe wahrnehmen – unter anderem auch aus Mangel an Geld und schlechter Infrastrukturpolitik. – Monic Meisel, Mitgründerin der Initiative freifunk.net

Im Gegensatz zu den Angeboten von »eBay Plus« und Co. sind diese Freifunk-Netze unabhängig und nicht kommerziell. Auch ist das Netzwerk dezentral aufgebaut und damit besonders stabil als digitale Infrastruktur – fällt ein Router aus, bleibt das Freifunk-Netz erhalten. Betreiber wie Monic Meisel begreifen ihre Arbeit dabei durchaus als Aktivismus:

Seit dem Ende der Störerhaftung haben wir nun die Möglichkeit, weniger als technischer Fix für schlechte Rahmenbedingungen wahrgenommen zu werden, sondern für das, was wir immer schon waren: digitales Ehrenamt. – Monic Meisel, Mitgründerin der Initiative freifunk.net

Teilnehmer von Freifunk tauschen sich digital und vor Ort aus und fördern ein öffentliches Umdenken. Digitalisierung soll nicht mehr alleinige Sache des Marktes sein. Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, Regelungen in der kommunalen Verwaltung Etwa die Deckelung der Internetzugänge in Jugendeinrichtungen auf 16 Mbit. abzubauen, die den Netzzugang erschweren. Sie fordern, dass über die lizensierten Funkfrequenzen hinaus Die lizenzfreien Funkfrequenzen (die sogenannten »Schrottbänder«) sind voller Signale aller möglichen Geräte und damit oft überbenutzt. Kommerzielle Anbieter etwa nutzen sie zur Entlastung der Handynetze. Andere Frequenzen sind großflächig in Auktionen an die Telekommunikationsanbieter lizensiert worden, bleiben aber ungenutzt. Hier fordern Freifunker ein Umdenken, damit diese Ressourcen nicht ungenutzt bleiben und allen Menschen zugutekommen. ein eigener Bereich für Non-Profit-Netzwerke entsteht, fördern in Diese Website der Freifunk-Community dokumentiert Aktionen und Erfahrungen der Freiwilligenarbeit Pilotprojekten die Medienkompetenz von Schülern und ermöglichen Geflüchteten Zugang zu digitaler Kommunikation.

Dieses Engagement wurde nun sogar von der Bundesregierung bemerkt. Laut des Koalitionsvertrags Der Wortlaut des Koalitionsvertrages im Original: »WLAN ist wichtiger Teil einer modernen digitalen Infrastruktur. Wir haben die Störerhaftung abgeschafft und damit den Ausbau von WLAN ermöglicht. Nun machen wir an allen öffentlichen Einrichtungen des Bundes sowie in Zügen und Stationen der Deutschen Bahn offene und kostenfreie WLAN-Hotspots verfügbar. Durch die Anerkennung der Gemeinnützigkeit des Betriebs und der Unterhaltung offener WLAN-Netze stärken wir Freifunk-Initiativen und verbessern die Netzabdeckung.« sollen Freifunk-Initiativen gestärkt werden, indem In der 953. Sitzung des Bundesrates von Februar 2017 wird die Anerkennung von Freifunk bereits diskutiert ihre Arbeit als gemeinnützig anerkannt wird. Monic Meisel und die anderen »Freifunka« sind gespannt, wann dieses Versprechen eingelöst werden wird.

Wenn die Bundesregierung es ernst meint und beim Thema »Konnektivität« und »öffentliche Dienstleistungen« aufholen will, ist die Stärkung solcher dezentralen Netze ein nächster Schritt.

Dann muss ich auch nicht mehr nach Lettland oder Israel reisen, um unterwegs endlich problemlos E-Mails zu verschicken.

Quelle: Tobias Kaiser copyright

Titelbild: Tobias Kaiser - copyright

 

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Diesen Artikel schenkt dir Dirk Walbrühl von Perspective Daily.

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