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Frauen benutzen bis zu 17.000 Tampons. Die Alternative passt in eine Packung

Und die gibt es schon seit dem Jahr 1937. Sie braucht nur eine Lobby.

25. Juni 2018  5 Minuten

Tampons und Binden scheinen alternativlos, wenn Frauen Maren Urner und Katharina Wiegmann schreiben hier, was ein offener Umgang mit der Periode bringt während ihrer Periode flexibel sein und sich »sauber und sicher« fühlen wollen. In ihrem Leben kann eine Frau, die hauptsächlich Tampons benutzt, auf bis zu 17.000 der gepressten Wattebäusche kommen. Nicht alle Frauen haben eine Regelblutung. Dazu gehören Transgender-Frauen und Frauen, die aufgrund einer Hysterektomie keine Gebärmutter mehr haben. Transgender-Männer hingegen können eine Menstruation bekommen. Zur Vereinfachung nutze ich im Text den Begriff »Frau«.

Dabei gibt es schon seit dem Jahr 1937 eine gleichwertige – aber dafür wiederverwendbare – Alternative. Damals wurde das Patent für die erste Menstruationstasse angemeldet. Der kleine, flexible Silikon- oder Latexkelch ist etwas länger als eine herkömmliche Streichholzschachtel und wird wie ein Tampon in die Vagina eingeführt. Im Gegensatz zu Tampons und Binden fängt er das Blut auf, statt es aufzusaugen. Zwischendurch wird die Tasse geleert und dann wieder eingesetzt. Nach einer Periode reicht die Reinigung mit kochendem Wasser und die Tasse ist Dieses Video des Herstellers OrganiCup zeigt die Handhabung der Tasse ausführlich (englisch, 2018) bereit für die nächste.

Bei guter Pflege wird eine Tasse bis zu 10 Jahre alt. Durchschnittlich braucht eine Frau in ihrem Leben also 4–8 Tassen. Die erste Periode haben junge Frauen in Deutschland heute mit 11–12 Jahren. Mit dem Klimakterium – auch Wechseljahre genannt – werden die Blutungen unregelmäßiger, bis sie in der Menopause ausbleiben. Die Wechseljahre beginnen im Durchschnitt mit Mitte 40. Damit kommen Frauen auf einen »Blutungszeitraum« von 30–40 Jahren. Das ist natürlich individuell von vielen Faktoren abhängig – auch davon, ob und wie viele Kinder eine Frau bekommt.

Größer als ein Tampon – vor allem zur Öffnung hin –, aber dafür flexibel faltbar. Die meisten Frauen brauchen anfangs etwas Übung, um für sich die richtige Falttechnik zu finden, sodass die Tasse in der Vagina aufploppt und mit Unterdruck sicher sitzt. – Quelle: pixabay

Warum hat sich die Tasse nicht durchgesetzt? Ganz einfach: Ihr fehlt(e) die Lobby! Dass sich die Menstruationstasse nicht früher durchgesetzt hat, hat auch geschichtliche Gründe: Zu Beginn des zweiten Weltkriegs war der Rohstoff Gummi rar. Der Versuch, die Menstruationstasse in folgenden Jahrzehnten populär zu machen, scheiterte vermutlich an mangelnder Aufklärung und der niedrigen Schamschwelle beim Thema Menstruation. Schließlich lässt sich mit Wegwerfartikeln mehr Geld verdienen als mit einer Tasse, die 10 Jahre hält.

Dabei gibt es genug überzeugende Argumente für die Nutzung der Tasse.

In der Regel besser

Umweltfreundlich bluten

Das wichtigste Argument der Tassen-Nutzerinnen war lange Zeit ihr kleinerer ökologischer Fußabdruck. Besonders Frauen, die sich mit Hier findest du unsere Konsumreihe bewusstem Konsum auseinandersetzten, sahen in der Tasse die nachhaltige Alternative zu Tampon und Binde. Jetzt öffnet sich diese »Öko-Blase« langsam, die Tasse spricht sich herum. Denn sie sorgt nicht nur Dieses Video verrät, wie viel Müll Menstruationshygieneprodukte verursachen (2018) für weniger Müll, sondern schont auch das eigene Portemonnaie.

Und die »Öko-Nische« hat auch für den zusätzlichen Auslaufschutz Alternativen: Waschbare Baumwollbinden und Slip-Einlagen werden mit immer weniger Skepsis betrachtet und sind leichter verfügbar. Hinzu kommt die Freebleeding-Bewegung: Das freie Menstruieren ist einer breiteren Öffentlichkeit durch die amerikanisch-indische Musikerin und Aktivistin Kiran Gandhi bekannt geworden. Sie lief im Jahr 2015 den London Marathon mit blutiger Leggings und unterstützt auch das Pionierunternehmen Thinx, das flecken- und leckfreie Unterwäsche für Frauen herstellt.

Bis zu 17.000 Tampons verbraucht eine Frau in ihrem Leben. – CC0

Auf die Gesundheit!

Tampons können, wenn sie zu lange getragen werden, in seltenen Fällen zum Toxischen Schocksyndrom (TSS) führen. Dabei kommt es durch Bakteriengifte zu schwerem Kreislauf- und Organversagen. Auch wenn TSS theoretisch durch jede Wundinfektion ausgelöst werden kann, wird das Syndrom oft auch als »Tamponkrankheit« bezeichnet. Mittlerweile ist aber klar: Es liegt weniger am Material als daran, dass Blut ein extrem guter Nährboden für Bakterien ist und ohne Luftzufuhr Hier schreibt die Huffington Post über Risiken der Menstruationstasse (2017) Bakteriengifte leichter entstehen. So schützt auch die Menstruationstasse nicht vor TSS. Dennoch ist erst ein Fall bekannt, der auf das Tragen einer Menstruationstasse Die Fallbeschreibung des ersten und einzig bekannten Falls von TSS im Zusammenhang mit der Menstruationstasse (englisch, 2015) zurückzuführen ist. Genau wie bei Tampons gilt: Wie »gefährlich« sie für die Gesundheit ist, hängt von der Handhabung ab. Beide Produkte müssen regelmäßig und mit frisch gewaschenen Händen gewechselt werden.

Die Tasse hat aber trotzdem gesundheitliche Vorteile gegenüber dem Baumwollsauger: Sie hinterlässt weniger Rückstände in der Scheide. Außerdem ist sie schonender für die Schleimhaut, da sie keine Flüssigkeit aufsaugt. Gerade für Frauen mit häufig wiederkehrenden Infektionen bietet die Tasse so eine gesündere Alternative. Gynäkologin Barbara Finkensiep erklärt, dass ihre Patientinnen chronische Beschwerden so in den Griff bekommen können. Es gibt natürlich auch Frauen, die die Tasse (zeitweise) nicht tragen können: In den ersten Wochen nach der Geburt sollten Mütter keine Menstruationstasse benutzen. Erst wenn alle Verletzungen ausgeheilt sind, kann die Tasse wieder zum Einsatz kommen. Barbara Finkensiep weist darauf hin, dass Frauen, die eine Spirale zur Verhütung tragen, vorsichtig bei der Verwendung der Menstruationstasse sein müssen. Beim Entfernen der Tasse kann es (durch den Unterdruck) passieren, dass die Spirale verrutscht. Aus diesem Grund sollten Anwenderinnen den Unterdruck vor dem Herausziehen lösen.
Im Zweifel ist es immer am besten, wenn sich interessierte Frauen ärztlichen Rat holen und sich mit Frauen austauschen, die die Tasse bereits benutzen.

Blutsschwestern

Auch für Entwicklungsländer bietet die Tasse gute Chancen. Dort haben immer noch viele Mädchen und Frauen unzureichenden Zugang zu oder keine Der Multimedia-Artikel auf »Spiegel Online« zeigt, wie die Tasse in Entwicklungsländern helfen kann (2017) finanziellen Mittel für Binden und Tampons. Frauen mit einer Tasse zu versorgen, ist logistisch und finanziell deutlich einfacher als mit den Einweg-Produkten. Auch das Problem der Müll-Entsorgung stellt sich den Frauen so nicht. Dieser Lösung haben sich die Hersteller Hier schreibt Ruby Cup über die Spenden des Ruby Cups verschrieben: Für jede verkaufte Tasse in Deutschland erhält ein Mädchen in David Ehl fragt: »Kannst du mit Shopping die Welt retten?« einem Entwicklungsland einen Cup. Neben den Tassen muss natürlich auch der Zugang zu sauberem Wasser sichergestellt werden.

Weniger Müll, mehr Körpergefühl

Selbstverständlich müssen Frauen die Handhabung der Tasse erst lernen – so wie anfangs die Benutzung eines Tampons. Als eine Herausforderung wird bei der Tasse vor allem der Kontakt mit Menstruationsblut und auf praktischer Ebene der Besuch von öffentlichen Toiletten genannt. Viele Ärztinnen und Patientinnen berichten allerdings davon, dass die Auseinandersetzung mit genau diesen Aspekten zu einem besseren Körpergefühl beitragen kann. Studien oder systematische Befragungen gibt es hierzu leider nicht. Auch ist das Konzept eines »guten Körpergefühls« schwer greifbar. Der Eindruck, dass Menstruationstassen das Körpergefühl verbessern, kann außerdem dadurch verzerrt sein, dass hauptsächlich die Frauen zur Tasse greifen, die sich ohnehin mit ihrem Körper auseinandersetzen.
In diesem Beitrag berichtet die Bloggerin Jeannine über ihre Erfahrungen mit der Menstruationstasse und den Einfluss auf ihr Körpergefühl.

Fazit: Unter umwelttechnischen und gesundheitlichen Gesichtspunkten ist die Menstruationstasse mindestens gleichauf mit Tampons und Binden. Welche Zutaten braucht es, damit sie sich durchsetzt?

Darf ich ein Tässchen anbieten?

Auch Barbara Finkensiep weiß, dass der Tasse bisher die Lobby fehlt. Auf wissenschaftlichen Konferenzen ist sie immer wieder darüber erstaunt, dass selbst viele ihrer Kollegen noch nichts von der Tasse gehört haben: »Die Tasse wurde lange belächelt. Und ist selbst Gynäkologen oft unbekannt. Das ändert sich jetzt langsam. In Österreich ist sie schon seit 10 Jahren angekommen.«

Auf Patientinnenseite fragen vor allem körperbewusste Frauen, die sich beispielsweise kritisch mit der Pille auseinandersetzen, von sich aus nach der Menstruationstasse. Um das zu ändern, müssen alle Frauen unabhängig von der Wahl ihres Gynäkologen oder ihres Körperbewusstseins mit der Tasse in Berührung kommen. Dabei geht es nicht darum, Frauen die Wahl ihrer Menstruationshygiene vorzuschreiben, sondern lediglich die Standardwahlmöglichkeiten um die Tasse zu erweitern.

Das könnte so gehen:

  1. Die Werbetasse rühren

    Eine Arztpraxis sollte nicht die Werbetrommel für bestimmte Produkte rühren und nur einseitig informieren. Letzteres passiert aber, wenn Frauen von ihrer Gynäkologin nichts über die Menstruationstasse als Standardoption erfahren – genau wie sie bei Verhütung über Pille, Spirale, Kondome und andere Methoden informiert werden (sollten).
  2. Früh übt sich!

    Der Aufklärungsunterricht in der (Grund-)Schule informiert, wenn es um den weiblichen Zyklus geht, ganz selbstverständlich über Tampons und Binden. In gesponsorten Paketen kommen diese als Anschauungsmaterial in die Klasse. Den Herstellern von Menstruationstassen fehlt auch hier die Lobby. Die Befürchtung liegt nahe, dass junge Frauen die Tasse zum »Einstieg« überfordern kann. Viele Mädchen bekommen ihre Periode heute schon im Alter von 11 Jahren. Doch auch Tampons umgaben am Anfang viele Ängste. Die Gesellschaft empfand den Tampon als obszön, junge Frauen hatten Angst um ihre Jungfräulichkeit. Lange Zeit war sogar Werbung untersagt. Auch Tampons umgaben am Anfang viele Ängste Auch dieses Tabu musste erst überwunden werden – und wird es immer noch. Den eigenen Körper – und in diesem Fall die eigene Vagina – kennenzulernen, sollte in einer idealen Welt nicht von Produkten abhängen.
  3. In (un-)gewohnten Bahnen

    Über die Periode wird immer noch Im Jahr 2017 sorgte eine Anzeige für Menstruationshygieneprodukte, die zum ersten Mal Blut anstatt blauer Flüssigkeit zeigte, für (positives) Aufsehen eher wenig und ungern gesprochen – wodurch es für Frauen unwahrscheinlicher wird, auf Alternativen zu stoßen und sich hinsichtlich Beschwerden, Schwierigkeiten oder Fragen auszutauschen. Auch wenn es um den Gang zur Toilette geht, sind Frauen Maren Urner erklärt hier, wie du mit Gewohnheiten brechen kannst Gewohnheitstiere, die lieber bei dem bleiben, was sie schon kennen. Genau deshalb ist es so wichtig – für uns und die Umwelt –, dass wir mehr über die Periode sprechen. Und über sichere, nachhaltige und angenehme Möglichkeiten, mit ihr umzugehen.
Dieser Text ist Teil unserer Reihe zum Thema Dinge, die die Welt nicht braucht.

Weitere Informationen zu dieser Förderung findest du hier!

Titelbild: Tobias Kaiser - copyright

von Katharina Ehmann 
Was macht dich krank, was hält dich gesund? Wie können wir uns selbst besser verstehen und welchen Einfluss hat jeder Einzelne – auf sich selbst, aber auch seine Umwelt? Diesen Fragen geht Katharina als Psychologin auf den Grund.
Themen:  Nachhaltigkeit   Gesundheit   Konsum  

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