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Wie das Land, so die Leber

Wir Deutschen haben ein Drogen-Problem: Wir trinken zu viel Alkohol. Das macht zwar oft Spaß, es kostet uns aber einen Haufen Geld und geht auf die Gesundheit.

26. August 2016  14 Minuten

Mein Freund Ahmed sagt »Nein, danke!« Auch 3- oder 4-mal am Abend, stets höflich. Trotzdem frage ich ihn immer wieder, ganz automatisch, ob er ein Glas Wein oder ein Bier möchte, wenn ich den Kühlschrank offen habe. Obwohl ich seine Antwort ja kenne. Ahmed kommt aus Syrien, er ist es nicht gewöhnt, Alkohol zu trinken. In seiner Familie trinkt niemand. Er hat schon mal probiert, aber es interessiert ihn nicht wirklich.

Ich genieße den sanften Schleier der Entspannung, der sich mit jedem Schluck auf mich legt.

Ich komme aus Deutschland. Am Abend nehme ich mir gern mal ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank – am Wochenende auch mal 3 oder 4. Ich biete es meinen Gästen an, das gehört für mich dazu. So war es bei meinen Eltern und bei meinen Großeltern. Ich mag den erfrischenden Geschmack von Bier, genieße die feinen Noten eines guten Weins und den sanften Schleier der Entspannung, der sich mit jedem Schluck auf mich legt. Und vor allem aber liebe ich die geselligen Abende, die sich zwischen den Gläsern entfalten. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen: Sie sind wichtiger Bestandteil meines sozialen Lebens. Liebe Leser, sorgt euch nicht um mich. Ich kann auch ohne: Diesen Juli habe ich komplett auf Alkohol verzichtet.

Deutschland: Export- und Pils-Weltmeister?

Damit entspreche ich dem typischen Bild eines trinkenden Deutschen. Pressemitteilung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen 9,6 Liter reinen Alkohol hat jede und jeder Deutsche im Jahr 2014 im Durchschnitt getrunken, 136,9 Liter alkoholische Getränke waren das, rund die Hälfte davon in Bier, jeweils rund 1/4 entfallen auf Wein und Spirituosen. Global status report on alcohol and health, WHO 2014, Country Profiles In den 1970er-Jahren lag die reine Alkohol-Menge schon einmal bei rund 17 Litern pro Kopf.

Zum Vergleich: In Syrien, das im Vergleich zum restlichen arabischen Raum im Mittelfeld liegt, trinken die Menschen etwas über 1 Liter pro Jahr. Natürlich, es ist ein muslimisches Land. Das Alkoholverbot in vielen islamischen Ländern geht auf den Koran zurück. Dort wird zunächst allerdings recht unkritisch vom Konsum und Handel von Wein gesprochen, erst im Verlauf des Werkes wird der Alkoholkonsum verurteilt. Allerdings nimmt Deutschland auch im internationalen Vergleich eine Spitzenposition ein: Daten der WHO, sortiert von Wikipedia, 2011 Je nach Datenquelle liegen wir auf Platz 13 oder 23 beim reinen Alkohol, was das Bier angeht sogar auf Platz 7. Auffällig ist vor allem beim reinen Alkohol, dass nur europäische, vor allem slawische Länder mehr Alkohol zu sich nehmen. Die Spitzenpositionen belegen in dieser Reihenfolge: Moldawien, Tschechien, Ungarn, Russland und die Ukraine. Diese regionalen Unterschiede unterteilt die Vorlesung von Prof. Dr. Wolf Wagner an der Fachhochschule Erfurt, 2008 Soziologie in 5 Alkohol-Kulturen:

  • Alkohol-prohibitive Kulturen: Hier ist Alkohol komplett verboten, vor allem aus religiösen Gründen. Dazu zählen vor allem hinduistische und islamische Länder, aber auch einzelne, sehr christlich geprägte Bezirke in den USA.
  • Alkohol-exzeptionelle Kulturen: Alkohol ist nur zu seltenen, fest geregelten Anlässen erlaubt, zum Beispiel religiöse Feiern. Jüdische und viele christliche Kreise fallen darunter.
  • Alkohol-permissive Kulturen: Hier ist Alkohol regelmäßig, aber zu gegebenen Anlässen und in überschaubarer Menge erlaubt, etwa zum Essen oder am Wochenende. Traditionell zum Beispiel in Südeuropa.
  • Alkohol-determinierte Kulturen: Hier gibt es keine Begrenzungen, mehr oder minder jeder Anlass – Geburtstag, Beerdigung, Feierabend, schönes Wetter, schlechtes Wetter – wird genutzt, um nach Lust und Laune zu trinken. Hierzu gehört auch Deutschland.
  • Alkohol-pathologische Kulturen: Hier ist Alkohol im Zentrum des Alltags. Trinken steht für Werte wie Männlichkeit, Freiheit oder Macht. Statt Bier und Wein wird Hochprozentiges gereicht, wer noch sitzen kann, trinkt weiter. Dazu zählen vor allem die slawischen Länder.

Durchschnittlicher Alkoholkonsum pro Kopf und Jahr, in reinen Litern Alkohol, Quelle: WHO

Wie unterschiedlich die Rolle von Alkohol allein in den europäischen Ländern ist, kennen wir alle von Reisen: In Teilen Skandinaviens ist Alkohol extrem teuer, in Norwegen kostet eine Dose Bier schnell mal 3 Euro im Supermarkt oder 10 Euro in einer Kneipe. In Rumänien wird man kaum mit einem Einheimischen einen netten Plausch halten, ohne einen Pálinka Ein klassischer Obstbrand, den so gut jeder Rumäne im Haus hat. Hergestellt aus Zwetschgen oder anderem Obst von der Wiese hinterm Haus, wird er in Kanister und alte Plastikflaschen abgefüllt. Auf dem Balkan läuft es nicht viel anders, hier gehört derselbe Schnaps unter dem Namen Rakia zum Alltag. trinken zu müssen.

Für dieses Pils hat David Ehl in Trondheim, Norwegen, rund 8 Euro bezahlt. »Es war jeden Cent wert.« – Quelle: David Ehl copyright
Und hier in Deutschland? Eine Kiste Bier im Sonderangebot große Flasche Bier für 32 Cent, so günstig gibt es den Rausch in kaum einem Land. Auch unser niederländischer Autor und Gründer Han konnte anfangs kaum glauben, wie allgegenwärtig Alkohol-Verkaufsstellen und -Werbung im deutschen Stadtbild sind: »Das hat sich fast wie in Amerika angefühlt mit den großen Bierflaschen, Getränkemärkte mit riesigen Einkaufwagen, damit man mehr Bier mitnehmen kann. Und 40%-prozentiger Wodka im Supermarkt, das war mir neu.« In den Niederlanden, wie in vielen anderen Ländern, gibt es Hochprozentiges fast nur an speziellen Verkaufsstellen.

Blaues Bier, rosa Sekt

Aber die Droge Alkohol ist viel tiefer in unserem Leben verwurzelt als nur durch ihre physische Anwesenheit. Sie steckt tief in uns, ob wir trinken oder nicht: Soziale und kulturelle Aspekte des Trinkens, Social Issues Research Centre, englisch Alkohol bestimmt die Rolle von Mann und Frau, gerade in traditionellen Kreisen sind Bier und Schnaps Männergetränke, Frauen »mögen« Was wir »mögen« und was wir nicht »mögen« bekommen wir von Kindesalter anerzogen. Klassisches Beispiel: Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen. lieber leichte und süße Getränke, Cocktails oder Sekt. Auch was die Menge angeht, sind die Erwartungen klar. Dass Männern von der Gesellschaft ein höherer Alkoholkonsum zugestanden wird, hat wohl einerseits mit der Festigung ihrer Vormacht-Stellung, andererseits aber auch mit gesundheitlichen Aspekten zu tun. Generell ist Alkohol für Frauen schneller gesundheitsschädlich als für Männer, besonders während einer Schwangerschaft. Mehr dazu gleich.

Auch Social and Cultural Aspects of Drinking, Social Issues Research Centre unseren sozialen Rang bestätigen wir uns selbst und anderen mit dem Alkohol, den wir trinken: Alkoholika, die in einer jeweiligen Gegend häufig hergestellt, günstig und üppig vorhanden sind, löschen traditionell den Durst der Bauern und Arbeiter. Importierte Getränke dagegen sind teurer, weshalb sich wohlhabendere Teile der Gesellschaft ihnen zuwenden, etwa die trinkfreudige Studentenschaft. In Frankreich wird Wein mit von der Feldarbeit schmutzigen Händen zu Mittag getrunken.Die Nachbarländer Deutschland und Frankreich zeigen dieses Prinzip gut auf: Im warmen Weinland Frankreich ist Wein üppig vorhanden, er wird auch auf dem Land mit von der Feldarbeit noch schmutzigen Händen zum Mittag getrunken. Für feine, importierte Biere aus Belgien interessiert sich eher der Student in Paris. Laut WHO nehmen die Franzosen über die Hälfte ihres Alkohols mit dem Wein auf, knapp 1/5 durch Bier. In Deutschland sind es 54% übers Bier, 28% durch Wein (Stand 2010). In Deutschland ist es andersherum, das Volk trinkt traditionell Bier, etwa auf Dorffesten. Diese Gewohnheiten ändern sich mit dem wachsenden Wohlstand und der Globalisierung des Handels und der Kultur: Der Bierkonsum in Deutschland sinkt langsam, aber stetig, umgekehrt trinken die Deutschen Jahr für Jahr mehr Wein.

Viele Teile Süddeutschlands bilden natürlich Ausnahmen von dieser Regel: In meiner Heimat rund um Stuttgart etwa trinken die Menschen auf den Weinfesten vor herrlicher Weinberg-Kulisse Trollinger und Lemberger – im »Viertele«, versteht sich, also Gläsern mit 0,25 Litern.

Bevor wir uns die Folgen des kollektiven Rausches für unsere Körper und unsere Gesellschaft ansehen, werfen wir zunächst einen Blick auf die Ursachen unserer kollektiven Trink-Leidenschaft:

»Die deutschen Trinklande«

Wie die Rolle des Alkohols in unserer Gesellschaft erahnen lässt, reichen die Wurzeln unseres Konsums tief. Oeconomische Encyclopädie, Stichwort »Trinken« Die Geschichte dazu im Schnelldurchlauf: Im alten Ägypten tranken die Pharaonen bis zur Bewusstlosigkeit, so versetzten sie sich in einen »göttlichen« Zustand. In der Antike trank man Wein, mal vermischt mit Wasser, mal pur und in rauen Mengen auf Trinkgelagen; den pragmatischen Römern ging es vor allem um die Freude am Trinken. Noch mehr wurde bei den Germanen geschluckt, vor allem Bier und Met. Auf Festen und zu besonderen Anlässen, so vermuten Historiker, habe eine regelrechte Trinkpflicht bestanden. Der Naturwissenschaftler und Arzt Johann Georg Krünitz 1728 in Berlin geboren, zeichnete sich Krünitz vor allem dadurch aus, 72 Bände der Oeconomischen Encyclopädie verfasst zu haben, einem wichtigen Werk in der Aufklärung. Sein letzter, wegen seines Todes unvollendeter Eintrag, war der zum Begriff »Leiche«. sieht in der Mischung dieser beiden Alkoholkulturen den Ursprung unserer heutigen Gewohnheiten: Er spricht von der »Trunkliebe der Deutschen, die schon dem Trunke ergeben, auch noch das Gesundheitstrinken der Griechen und Römer annahmen. […] die alte Germanische Sitte: über den Durst zu trinken, blieb dessen ungeachtet in ihrer vollen Wirksamkeit«.

»Studentische Kneipszene um 1810«, Maler unbekannt. – Quelle: Wikipedia CC0

Unsere »Trunkliebe« trug sich durchs Mittelalter: Schon morgens nahmen auch Kinder Bier zu sich, Männer waren regelrecht gezwungen, sich regelmäßig zu betrinken – Bier abzulehnen oder aus einer Trinkrunde auszusteigen, wäre eine Beleidigung oder ein Zeichen von Schwäche gewesen und Grund genug für soziale Ächtung. Auch hygienische Gründe zeichneten für das viele Trinken verantwortlich, denn während das Wasser durch Unrat in den Straßen verschmutzt war, war es das Bier meist nicht. Getrunken wurde eigentlich überall und von jedermann: In der Kirche, »Wasser predigen und Wein trinken.« von Hebammen Kindelbier, erhalten im Berliner Kindl und beim Militär »Voll wie eine Haubitze« sowieso. So kamen Teile Nord- und Ostdeutschlands zum Spitznamen »Die großen Trinklande«. Dazu gehören Teile Sachsens, Pommerns, Mecklenburgs und Brandenburgs. Während ich für diesen Text recherchiere, sitze ich im Zug, der durch Brandenburg rollt. Es ist 8.00 Uhr morgens, der Service-Mitarbeiter schiebt einen Getränkewagen durchs Abteil und bietet Bier zum Verkauf an.

Wie das Land, so die Leber

Streng wissenschaftlich gesehen, sind Alkohole eine Gruppe chemischer Stoffe. Der Vertreter, den wir trinken, ist Ethanol. Einmal im Körper, absorbiert unser Verdauungssystem es ins Blut, von dort wiederum gelangt es in den gesamten Körper. Interview mit Suchtforscher Andreas Heinz von der Klinik für Psychiatrie der Berliner Charité Im Gehirn angekommen, beeinflusst Alkohol auf unterschiedliche Weisen die dort ablaufenden Prozesse – die Folgen kennen die meisten von uns: Factsheet »Alkohol und gesundheitliche Risiken«, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, 2014 Der Puls geht hoch, die Blutgefäße weiten sich, später gerät die Körper-Koordination außer Kontrolle, wir beginnen zu lallen. Wenn es zu einer Vergiftung kommt, übergeben wir uns oder verlieren das Erinnerungsvermögen und das Bewusstsein. So sieht uns ein Außenstehender. Wir selbst fühlen uns erst wohlig warm, sind gut gelaunt oder aggressiv, reden viel und offen. Später kommt die Übelkeit hinzu.

»Bierduell« von Georg Mühlberg, 1863–1925 – Quelle: Georg Mühlberg CC0

Klar ist allerdings auch: Jeder Rausch schadet unseren Organen, vor allem dem Gehirn und der Leber. Die Schäden, die alkoholisierte Menschen sich und anderen zufügen, sind beachtenswert: Infografik »alcohol and health«, WHO, 2014 22% aller Selbstmorde weltweit geschehen unter Alkoholeinfluss, auch bei 22% aller gewalttätigen Übergriffe ist Alkohol im Spiel. Allein in Deutschland sind Pressemitteilung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen rund 74.000 Todesfälle pro Jahr auf Alkoholkonsum zurückzuführen – also fast jeder 10. Todesfall überhaupt. Fast 3,4 Millionen Deutsche betreiben Alkoholmissbrauch oder sind davon abhängig. Von Missbrauch spricht man bei »von der Norm abweichendem Konsum« und wenn Aufgaben wie Arbeit oder Schule vernachlässigt werden. Abhängigkeit liegt dagegen vor, wenn unwiderstehliches Verlangen und Entzugserscheinungen auftreten. Genaueres dazu hier. Genauso viele Menschen sterben weltweit jährlich am Alkohol, etwa einmal die Bevölkerung Berlins. Noch mehr davon? Weltweit gehen 15% aller Todesopfer durch Verkehrsunfälle, 13% aller Ertrinkenden und 11% aller Feuertoten auf das Konto des Alkohols. Unzählige Krebserkrankungen gehen auf zu viel Alkohol zurück. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen …

Alkohol wirkt als starkes Gift. Dies, verbunden mit dem legalen Status, macht ihn zur gefährlichsten und schädlichsten aller Drogen – mit Abstand. In Deutschland stehen den 74.000 Alkoholtoten gerade mal 1.032 Todesfälle durch alle illegalen Drogen zusammengenommen gegenüber. Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis, Lancet, 2010 Der britische Neuropsychologe und Pharmakologe David Nutt hat eine Skala für die Gefährlichkeit von Drogen entwickelt. Sie berücksichtigt nicht nur die direkten, physischen Schäden, sondern eben auch die Zerstörung, die Alkoholiker in ihrem Umfeld hinterlassen und die hohen Rückfallquoten, die ihre Ursache in der Omnipräsenz von Bier, Wein und Schnaps haben. Auch hier ist das Ergebnis eindeutig: Alkohol führt die Statistik in einsamer Höhe an, erst mit Abstand folgen Heroin, Crack und Methamphetamin. Wie diese Drogen im Gehirn wirken, erklärt Maren in ihrem Artikel über die Mechanismen der Abhängigkeit.

Wenn die Fruchtblase zum Alkoholbad wird

Opfer von Alkoholmissbrauch werden Menschen in jedem Alter, die jüngsten schon 9 Monate vor ihrer Geburt. Interview mit Hans-Ludwig Spohr im Deutschlandradio Kultur. Jährlich kommen 3.000 bis 4.000 Säuglinge in Deutschland zur Welt, die unter der Fetale-Alkohol-Spektrum-Störung (FASD) leiden. Damit ist es die mit Abstand am häufigsten diagnostizierte angeborene geistige Behinderung in Deutschland, sagt Hans-Ludwig Spohr vom FASD-Zentrum in Berlin. Viele der Phöten erleiden ihren ersten Vollrausch in den ersten Schwangerschaftswochen.

Die sichtbaren Fehlbildungen aufgrund von FASD: ein zu kleiner Kopf, ein kurzer Nasenrücken und eine schmale Stirn.Der Alkohol im Mutterleib hemmt die Zellteilung des werdenden Menschen, wodurch das Wachstum des Kopfes langsamer voranschreitet als gewöhnlich. FAS Gesichtsmerkmale der Universität Duisburg-Essen Die typischen anatomischen Symptome sind entsprechend: ein zu kleiner Kopf, ein kurzer Nasenrücken und eine schmale Stirn. So sichtbar geschädigt seien allerdings nur 20% der betroffenen Säuglinge. Die schwerwiegenden psychischen Schäden, mit denen die meisten der Betroffenen das ganze Leben lang zu kämpfen hätten, seien nicht auf den ersten Blick zu erkennen und deshalb schwer zu diagnostizieren.

In weiten Teilen ähnelten diese Schäden den Symptomen von Kindern mit ADHS: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, »so wird eine schon im Kindesalter beginnende psychische Störung genannt. Mittlerweile stellen hyperkinetische Störungen wie ADHS zusammen mit Störungen des Sozialverhaltens die häufigsten psychischen Störungen im Kindesalter dar«, Beschreibung laut adhs.de. Schlechte Konzentrations-Fähigkeit, körperliche Unruhe und Impulsivität. Das führe dazu, dass FASD häufig nicht erkannt, sondern für ADHS gehalten werde, sagt Spohrs Kollegin Heike Wolter, die ebenfalls am FASD-Zentrum arbeitet. Aber anders als ADHS ist FASD keine Entwicklungsstörung, sondern eine Fehlbildung im Gehirn. Deshalb könne es nicht auf dieselbe Weise therapiert werden. Das wiederum führe zu großen Problemen: Die Kinder sind aggressiv, haben ein schlechtes Gedächtnis und leiden unter Störungen bei der Sprachentwicklung. Sie scheitern wieder und wieder an der Therapie und merkten nur, dass sie einfach nicht richtig »funktionieren«. Im Erwachsenenalter schlage die Erkrankung deshalb oft in eine Depression um.

Dies sind die Ergebnisse der ersten systematischen Analyse und Bewertung aller möglichen Schäden durch. Insgesamt wurden 16 Komponenten berücksichtigt 9, die Drogenkonsumenten direkt betreffen (zum Beispiel Abhängigkeit), und 7, die die Gesellschaft (»Andere«) betreffen (zum Beispiel Kindesmisshandlung). –

Ein entscheidender Punkt in der Diagnose seien die Eltern: »95% der Kinder kommen aus Pflegefamilien«, sagt Spohr, »und die wissen oft nicht Bescheid, wenn die leibliche Mutter getrunken hat.« Das sei aber der entscheidende Hinweis darauf, dass tatsächlich FASD vorliegt. Und die Mütter, die von sich wüssten, während der Schwangerschaft getrunken zu haben, gäben es aus Scham oft nicht zu. Weil sich der Umgang mit ADHS und der mit FASD unterscheiden, sei es aber besonders wichtig, dass die richtige Diagnose gestellt wird: »Einerseits ist es für die Eltern wichtig, das zu wissen, sonst machen sie sich immer selbst Vorwürfe«, sagt Spohr. Zweitens müssen auch die Kinder wissen, warum sie nicht »funktionieren«, damit sie sich selbst weniger Vorwürfe machten. Und drittens könnten die Eltern nur dann verstehen, dass sie als Rückhalt und Auffangnetz die beste Therapie für ihre Kinder sind.

Wie viele Tausend Menschen auf der Welt leben, die unter FASD leiden, ohne es zu wissen, ist kaum zu sagen. Spohr schätzt, dass unzählige Insassen in Psychiatrien und 10% bis 30% aller Gefängnisinsassen in den USA betroffen sind. Um das Problem einzudämmen, helfe vor allem Aufklärung, die aber bei den typischen Müttern sehr schwierig sei – entweder sehr jungen Frauen, die nichts von ihrer Schwangerschaft wissen und sich am Wochenende stark betrinken oder Alkoholikerinnen, die kaum auf das Trinken verzichten könnten.

Warum verbieten wir LSD, aber verkaufen die Flasche Wodka für 4,95 Euro an der Supermarktkasse?

Bei all dem Tod, Leid und Elend, die der Alkohol über uns bringt, stellt sich die Frage: Warum unternehmen wir nichts dagegen? Warum verbieten wir www.psychedelics.com psychoaktive Pilze und LSD, an denen so gut wie nie Menschen umkommen, verkaufen aber für 4,95 Euro eine Flasche Wodka an der Supermarktkasse, mit der sich ein Jugendlicher locker selbst umbringen kann?

Der Versuch, Alkohol einzuschränken, ist wohl so alt wie die Herstellung alkoholischer Getränke selbst: www.magellanworld.net Karl der Große versuchte sich daran, Kaiser Friedrich III. störte sich am Zechen seiner Untertanen und auch Vertreter vor allem der protestantischen Kirche warben immer wieder für einen enthaltsamen Lebenswandel. Von Zeit zu Zeit entstanden im Laufe der Jahrhunderte Vereine wie die »Brüderschaft der Enthaltsamkeit« und der »Orden der Mäßigkeit«, die für Abstinenz eintraten. Aber spätestens seit der Industrialisierung und der intensiven Besteuerung von Alkohol lag und liegt ein entscheidendes Argument auf der Seite der Alkohol-Befürworter: das Geld.

Der Alkohol fließt, der Rubel rollt

Brauereien und Distillerien machten schnell ein Vermögen mit ihrem flüssigen Geschäft und die Politik war dankbar für die hohen Steuereinnahmen. Governing the Global Drug Wars, LSE Special Report, 2012 David Courtwright, der Geschichte an der Universität von Nord-Florida in Jacksonville lehrt, formuliert es so: »Die Alkohol- und Tabakindustrie war, wie die Banken unserer Zeit, ›too big to fail‹ (zu groß zum Scheitern). […] Wodka mag die russische Armee demoralisiert haben, aber er bezahlte sie.« An der wirtschaftlichen Bedeutung hat sich wenig geändert: 2015 Konsumausgaben der Privathaushalte für alkoholische Getränke gaben die Deutschen fast 22 Milliarden Euro für alkoholische Getränke aus. Die Hersteller legen sich ins Zeug dafür, dass das so bleibt: Pressemitteilung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen 2014 flossen 561 Millionen Euro für Plakate, Spots und Co. an die Werbebranche.

Im Fokus der Kampagnen: Vor allem junge Menschen, die in ihren Konsummustern noch nicht gefestigt sind. Factsheet: Alkohol und Werbung, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, 2010 Untersuchungen zeigen, dass rund 30% der ausgestrahlten Alkoholwerbung speziell auf Jugendliche abzielt. Und sie verfehlt ihre Wirkung nicht: Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Beobachtung von Alkoholwerbung in Deutschland, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, 2011 der häufige Kontakt mit Alkohol-Werbung Jugendliche einerseits dazu motiviert, mit dem Trinken anzufangen. Rund 30% der ausgestrahlten Alkoholwerbung zielt auf Jugendliche ab.Die Jugendlichen, die am meisten mit Alkoholwerbung in Kontakt kommen, trinken demnach im Laufe ihres Lebens doppelt so viel Alkohol wie die Jugendlichen, die der Werbung am seltensten ausgesetzt sind. Andererseits Alkoholwerbung und häufiges Rauschtrinken im Jugendalter führe entsprechende Werbung bei jungen Leute gerade auch zur »Initiierung des häufigen Rauschtrinkens«. Eine trockene Formulierung für Besäufnisse, mit denen Jugendliche sich selbst, im schlimmsten Fall aber auch junge schwangere Frauen ihre ungeborenen Kinder vergiften.

Die Werbebranche sieht das naturgemäß anders: Alkohol und Werbung, Fakten zum gesellschaftlichen Diskurs in Stichworten. Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft, 2016 »Werbeverbote können weder nachhaltig Alkoholmissbrauch verhindern, noch den Kinder- und Jugendschutz effektiv verbessern. Werbung setzt keine entscheidende Ursache für missbräuchlichen Alkoholkonsum.« Auch dafür findet sich eine große Reihe an wissenschaftlichen Belegen. Es mögen diese Belege sein, die den deutschen Staat bisher von einer strengen Regelung von Alkoholwerbung abhalten – oder die Steuereinnahmen aus alkoholbezogenen Steuern, Statista über 3 Milliarden Euro, die das Finanzamt pro Jahr an Alkoholsteuern eintreibt. Ein stolze Summe – der allerdings volkswirtschaftliche Kosten von 26,7 Milliarden Euro gegenüberstehen. Allein 7,4 Milliarden Euro entstehen im Gesundheitssektor durch die Behandlung von Folgeerkrankungen.

Im Ruhrpott muss keiner Durst haben: 2016 ist das Jahr der Trinkhalle. – Quelle: Sascha Kohlmann CC BY-SA

Bisher kontrolliert sich die Alkoholbranche selbst, was ihre Werbung angeht. In einem Verhaltensregeln für Alkoholwerbung, 2009 Regelkatalog verpflichtet sie sich etwa dazu, in der Werbung keine offensichtlich Betrunkenen zu zeigen, kein aggressives Verhalten mit Alkohol in Verbindung zu bringen und keine trinkenden Leistungssportler zu zeigen. Regelverstöße kann jeder beanstanden – überprüft werden die Beschwerden von einem Gremium aus der Werbewirtschaft. Das führt zum Beispiel dazu, dass Beobachtung von Alkoholwerbung in Deutschland, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, 2011 29 von 35 untersuchten Beanstandungen abgelehnt wurden. Eine Werbung, in der Boris Becker genüsslich ein Pils trinkt, verstoße zum Beispiel nicht gegen den Sportler-Paragrafen, da Boris Becker heute inzwischen als Medienstar und nicht als Sportler wahrgenommen werden. 83% der befragten Jugendlichen nehmen Boris Becker vor allem als Tennis-Spieler wahr.

Die Freiheit, zu trinken – und die Freiheit vom Trinken

Natürlich gibt es auch einen weiteren guten Grund gegen das Verbot von Alkohol: Die Freiheit eines jeden, selbst zu entscheiden. Für Millionen Menschen in Deutschland sind Bier, Wein und Schnaps eine Bereicherung, Genussmittel und Leidenschaft. Ein guter Grund gegen das Verbot von Alkohol: Die Freiheit, selbst zu entscheiden.Alkohol ist Teil ihrer Kultur, sie trinken in einem gesunden Ausmaß oder nehmen einen gelegentlichen Brummschädel am Morgen gern hin für einen erfüllenden Abend mit Freunden und Familie. Damit jede und jeder für sich entscheiden und abwägen kann, welchen Konsum sie oder er für richtig hält, ist Aufklärung über die Wirkung von Alkohol – wie bei allen anderen Drogen – entscheidend.

Eine andere Frage ist allerdings, was uns als Gesellschaft wichtiger ist: Die Freiheit der Werbe- und Alkoholbranche, mit allen Mitteln den Umsatz zu steigern und den öffentlichen Raum mit Anpreisungen der gefährlichsten aller Drogen zu belagern? Oder die Freiheit von Millionen Menschen, denen Alkohol große Probleme bereitet? Die nicht durch die Stadt spazieren können, ohne mit Bier-Schildern konfrontiert zu werden? Die nicht den Fernseher einschalten können, ohne mit Alkohol-Werbespots überflutet zu werden? Und nicht ihre Lebensmittel einkaufen können, ohne über Bierkisten im Sonderangebot zu stolpern?

Wenn Perspective Daily in diesen Wochen über die vielen Aspekte eines zeitgemäßen Umgangs mit Drogen schreibt, stellt sich also auch die Frage: Wie gehen wir mit den Drogen um, die fest in unserer Kultur verankert sind? Wenn wir das als Gesellschaft ernsthaft diskutieren wollen, müssen wir als Erstes über unsere Alkohol-Besessenheit sprechen.




Mehr davon? Dieser Text ist Teil unserer Drogen-Reihe!

Mit Illustrationen von Fabian Ludwig für Perspective Daily

von Felix Austen 
Der Physiker Felix begrüßt den Trend zu Hafermilch und fährt gern Rad. Er weiß aber auch, dass das nicht genügen wird, um die Welt vor der Klimakatastrophe und dem Ökokollaps zu bewahren. Deshalb schreibt er über Menschen, Ideen und Technik, die eine Zukunft ermöglichen. Davon gibt es zum Glück jede Menge!
Themen:  Essen   Gesundheit   Gesellschaft  

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