Doch, es gibt dumme Fragen!

Warum es schlau ist, sie trotzdem zu beantworten.

26. Juli 2018  4 Minuten

Wie, du weißt das nicht? Hast du noch nicht davon gehört? Echt?! Aber das war doch jetzt überall in den Medien! – Wahrscheinlich jeder Mensch, irgendwann mal

Kommt dir das bekannt vor? Dann bist auch du schon mal dem Phänomen des Ignorance Shamings (etwa »Unwissen beschämen«) begegnet. Der Gesprächspartner reagiert auf eine Frage irritiert, verständnislos, genervt oder sogar herablassend. Durch die Wissens-Kluft »Ich weiß etwas, das du nicht weißt« schließt er darauf, dass der Fragensteller entweder dumm oder ungebildet, mindestens aber desinteressiert sein muss. Das lateinische »ignorare« bedeutet sowohl »nicht wissen/kennen« als auch »nicht kennen wollen, verleugnen«. Dieser Unterschied klingt bei der Nutzung des deutschen Begriffs Ignoranz kaum noch durch. Ignoranz ist negativ konnotiert und wird meistens mit einer schulterzuckenden Gleichgültigkeit und Desinteresse gleichgesetzt. Ignorance Shaming meint hier aber das Beschämen von Unwissen und nicht von Ignoranz. Doch selbst wenn jemand unwissend bleiben möchte, stellt sich die Frage, ob es zielführend ist, diese Person zu beschämen.

Vielleicht kennst du die Situation sogar von beiden Seiten: Weil du Angst hattest, für deine Frage belächelt zu werden, hast du sie gar nicht erst gestellt. Für unsere Gesellschaft ist es gefährlich, wenn wir vermeintlich dumme Fragen einfach abtun! Lieber hast du wissend genickt und gelächelt oder dich dezent aus dem Gespräch ausgeklinkt – mit dem Gefühl »Hier habe ich nichts verloren«. Manchmal hast du so lang abgewogen, ob du eine Frage stellen »darfst« oder sie klug genug ist, dass das Thema an dir vorübergezogen war, als du dich endlich durchgerungen hattest, doch zu fragen. Auf der anderen Seite hast du bestimmt auch schon mal anderen das Gefühl gegeben, gerade eine peinliche Wissenslücke offenbart zu haben. Und dir eine entnervte oder herablassende Reaktion nicht verkneifen können.

Das ist ärgerlich für dich. Für unsere Gesellschaft ist es aber gefährlich, wenn wir vermeintlich dumme Fragen einfach abtun!

»Das weiß ich leider auch nicht!« – Quelle: Headway CC0

Hallo, ihr da oben?!

»Es gibt keine dummen Fragen – nur dumme Antworten.« Eigentlich eine Binsenweisheit, oder? Doch die nette Ermahnung zur Geduld mit vermeintlich dummen Fragestellern ändert nichts daran, dass manche Fragen uns fassungslos machen oder zur Weißglut treiben können.

Trotzdem führt es nirgendwohin, das Gegenüber Die Psychology Today über Scham als gefährliche Emotion (englisch, 2011) für sein Unwissen zu beschämen und ihm vielleicht sogar eine Antwort vorzuenthalten. Denn Fragen sind – egal wie schwierig diese Einsicht manchmal scheint – aus mindestens 3 Gründen eine Chance:

So können vermeintlich dumme Fragen verkrustete Denkstrukturen aufbrechen. Bleibt die Frage: Wann ist eine Frage »dumm«?

»Ich habe da eine Frage …« – Quelle: Gift Habeshaw CC0

Was heißt hier überhaupt dumm?

»Dumm« und »Dummheit« sind immer relative Urteile, die wir aus unserer eigenen Informations-Welt fällen. Die Frage ist, wie viel Menschen für ihr Wissen »können«. Meine Lebensumstände bestimmen mit, welches Wissen mich erreicht. Ja, Wissen kostet Energie und Engagement. Menschen erarbeiten es sich, müssen es auffrischen und anpassen. Sie suchen Lernmöglichkeiten aktiv auf – melden sich für den Russischkurs an, führen abends eine Diskussion über Bitcoins, bringen sich selbst das Gitarrespielen bei.

Aber es hängt nun mal auch von vielen Han Langeslag erklärt hier, warum auch du eigentlich nichts verdient hast äußeren Faktoren ab, welches Wissen uns findet: Vom Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, bis zu den Eltern, die mit mir sonntags den Wald erkundet haben. Meine Lebensumstände bestimmen mit, welches Wissen mich erreicht – und welche Lernsituationen ich überhaupt aufsuchen kann. Unwissen hat nicht ausschließlich etwas mit der Person zu tun – und viel mit (fehlender) Chris Vielhaus fordert hier eine echte Neiddebatte Chancengleichheit.

Ignorance Shaming ignoriert den Fragesteller in seinem Bedürfnis, etwas zu verstehen. Dabei ist es eine Sache, wenn die Professorin den Studenten, der Vater sein Kind, ein Freund eine Bekannte »Ignorance shamed«. Aber wenn sich ganze gesellschaftliche Gruppen mit ihren Fragen und Anliegen von einer »Wissens-Elite« alleingelassen fühlen, spaltet das die Gesellschaft weiter. So können Menschen – und Parteien – stark werden, die dieses Erklärungs- und Gesprächsvakuum mit einfachen Antworten füllen.

Der Astronom Hier schreibt der National Geographic über den Astronomen und Fernsehstar Carl Sagan Carl Sagan hat die Floskel »Es gibt keine dummen Fragen« in seinem Buch Carl Sagans Buch »Billions & Billions« Billions & Billions in ein neues Licht gerückt:

Es gibt naive Fragen, langweilige Fragen, schlecht formulierte Fragen, Fragen, die nach unzureichender Selbstkritik gestellt werden. Aber jede Frage ist ein Aufschrei, die Welt verstehen zu wollen. Es gibt keine dummen Fragen. – Carl Sagan, US-amerikanischer Wissenschaftler, 1934–1996

Vermeintlich dumme Fragen zeugen eben nicht – zumindest nicht immer – von Dummheit. Manchmal stellen wir Fragen aus Faulheit oder Verlegenheit, aus dem Bedürfnis, irgendetwas beizutragen. Vor allem zeigen ehrliche Fragen das Bedürfnis, mitreden – und mitdenken – zu wollen. Vielleicht können wir Fragen öfter mal als mutige Selbstoffenbarung sehen. Und sie so gleichzeitig als Auftakt für eine Diskussion oder Annäherung.

Titelbild: pixabay -

von Katharina Ehmann 

Was macht dich krank, was hält dich gesund? Wie können wir uns selbst besser verstehen und welchen Einfluss hat jeder Einzelne – auf sich selbst, aber auch seine Umwelt? Diesen Fragen geht Katharina als Psychologin auf den Grund.

Themen:  Bildung   Gesellschaft   Psychologie  

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