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Endlich leidet Deutschland unter der Hitze. Jetzt bekommen wir den Klimawandel zu spüren

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Kommentar — 7 Minuten

Endlich leidet Deutschland unter der Hitze. Jetzt bekommen wir den Klimawandel zu spüren

27. Juli 2018
Themen:

Die Hitze macht uns dumm und faul. Wir brauchen sie trotzdem, um unsere Zukunft zu retten.



Denken. Einen guten Satz schreiben. Die Finger kleben schon wieder an der Tastatur … Noch eben ein Glas Wasser holen. Und 2 Stücke Melone. So, jetzt: »Deutschland leidet unter einer noch nie dagewesenen Hitzewelle!«

Ja, das ist der Klimawandel!

Hm, eigentlich ist das ja fast auf der ganzen Welt gerade der Fall. Schon wieder tropft der Schweiß von der Stirn … Wann ist denn Mittag, die Hitze macht jeden Versuch, einen klaren Gedanken zu fassen, zum Kraftakt.

Die Erde glüht gerade. Nicht nur in Deutschland. Ein kurzer Überblick über die Superlative, mit denen uns dieser Sommer grillt:


In Japan herrschen Rekordtemperaturen und treiben den Menschen im Tokioer business district den Schweiß ins Gesicht.

Japan wurde dieses Jahr von den schwersten Überschwemmungen seiner Geschichte heimgesucht.

In Schweden lodern die stärksten Waldbrände seit Menschengedenken.

Selbst in Sibirien, wo die meiste Zeit des Jahres Schnee liegt, brennt die Tundra.

Ist das jetzt schon der Klimawandel?

Die Antwort ist eindeutig: Ja! Die Summe der vielen Wetterextreme – Zur Rolle von Hitze beim Klimawandel kannst du hier mehr lesen (englisch, 2015) allen voran die Hitze – genau das ist der Klimawandel. Die Zeit, in der sich Wissenschaftler bei dieser Frage Hier findest du unseren Übersichtsartikel zum Klimawandel durch statistische Relativierungen murmeln mussten, ist vorbei. Denn Fakt ist: Ohne menschengemachte CO2-Emissionen hätte es viele der aktuellen Extreme nicht gegeben. Und Interview mit der Forscherin Susan Joy Hassol, die mehr Klarheit in der Klima-Kommunikation fordert (2017) seit der Hitzewelle im Jahr 2003 können wir sogar beziffern, wie stark der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit für einzelne Extremwetter-Ereignisse erhöht hat.

Der Backofen-Sommer zeigt, was noch kommt.

Unser Backofen-Sommer ist also ein guter Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Klingt ziemlich bedrohlich, oder? Stimmt!

Und genau deshalb ist er das vielleicht Beste, was uns passieren konnte. Denn erst, wenn uns der Schweiß auf der Stirn steht, glauben wir, dass es wärmer geworden ist.

Weil die Hitze aber auch unser Denkvermögen mindert, müssen wir das Zeitfenster nutzen, in dem wir zwar schon ins Schwitzen gekommen sind, aber unser Köpfchen noch funktionstüchtig genug ist, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen.

Auch in Kanada brennen Wälder. – Quelle: Cameron Strandberg CC BY

Endlich: Die Hitze lehrt uns, dass der Klimawandel »echt« ist

Die Hitze ist eine gute Nachricht, weil wir nicht die rationalen – oder gar Warum Objektivität eine Fata Morgana ist, liest du hier objektiven – Entscheider sind, für die wir uns gern halten. Der Mensch hört nicht gern, er muss fühlen. Das gilt natürlich auch für unsere Einschätzung, wie ernst die Sache mit dem Klimawandel ist. So sorgt bereits eine höhere Raumtemperatur dafür, dass Versuchspersonen den Klimawandel eher für einen »bewiesenen Fakt« halten, Auf einer Skala von 1–10 (1: »unbegründete Theorie« – 10: »bewiesener Fakt«). als Studie, die zeigt, dass unser Empfinden unsere Einschätzungen zum Klimawandel und zu Dürren beeinflusst (englisch, 2011, PDF) wenn sie in einem kühlen Raum sitzen. Gleichermaßen hält derjenige, der durstig ist, eine drohende Dürre für wahrscheinlicher.

Eine Studie nach der anderen belegt, dass Menschen den Klimawandel für »wahrscheinlicher« halten, Review-Studie zur Frage, wie warmes Wetter den Glauben an den Klimawandel beeinflusst (englisch, 2014, PDF) sobald das Thermometer höhere Temperaturen zeigt. Empfinden Befragte den aktuellen Tag als »wärmer als gewöhnlich«, sorgen sie sich mehr um die globale Erwärmung als Befragte, die die Außentemperatur gerade für »kühler als gewöhnlich« halten. Erstere Halten wir es für ungewöhnlich warm, steigt unsere Besorgnis zur globalen Erwärmung (englisch, 2011, Paywall) geben außerdem mehr Geld an eine Klima-Hilfsorganisation.

Mit Logik oder »objektiver Beurteilung« hat das wenig zu tun. Denn statt diagnostische Informationen – wie beispielsweise globale Muster klimatischer Veränderungen – für die eigene Einschätzung zurate zu ziehen, verlassen wir uns lieber auf weniger relevante, dafür aber direkt verfügbare Informationen. Frei nach dem Motto: Ich schwitze, also muss da doch was dran sein, an der globalen Erwärmung.

»Die Anerkennung des globalen Klimawandels scheint davon beeinflusst zu sein, ob [Menschen] selbst bereits Rekordtemperaturen erlebt haben.« – Felix Pretis, Klimaökonom

Und es kommt noch besser: Wir sind umso Maren Urner erklärt hier, wie das Phänomen des Klima-Leugnens überhaupt entsteht. überzeugter davon, dass wir Menschen für den Klimawandel verantwortlich sind, Studie zum Zusammenhang von lokalen Wetterextremen und der Einschätzung des Klimawandels (englisch, 2016) je mehr Wetterextreme wir selbst gerade erleben oder erlebt haben. Herrscht gerade »abnormales Wetter«, Studie zur Überzeugung, der Klimawandel sei menschengemacht (englisch, 2013) stimmen Befragte eher der Aussage zu, der Klimawandel sei menschengemacht.

Warum? Weil wir unseren eigenen Erfahrungen am meisten vertrauen. Wenn es gerade schneit, denken wir: »Was wollen die Klimawissenschaftler mir schon erzählen? Ich sehe doch mit meinen eigenen Augen, dass es nicht stimmt!« Da ist es egal, ob den Eisbären die Schollen unter den Pranken wegschmelzen, den Menschen in Pakistan die Ernte vertrocknet oder die Malediven im Meer versinken – Übersichts-Studie zur globalen Wahrnehmung des Klimawandels im Verhältnis zu lokalen Wetterveränderungen (englisch, 2012, PDF) unsere direkte Erfahrung ist eine andere.

Unsere Genau damit beschäftigen wir uns in unserer Reihe zum Kritischen Denken subjektive und häufig verzerrte Wahrnehmung sorgt also dafür, dass wir eher an den menschengemachten Klimawandel »glauben«, wenn wir in der Hitze brüten und anderen Wetterextremen ausgesetzt sind. Je öfter das Wetter »verrücktspielt«, desto größer also die Chance, dass jeder einzelne den Klimawandel auf seiner persönlichen Prioritätenliste nach oben setzt. Das führt in der Summe zu einem erhöhten medialen und Studie zur Frage, ob die globale Erwärmung das globale Bewusstsein zum Klimawandel erhöht (englisch, 2018, PDF) gesellschaftlichen Bewusstsein für das Thema.

Schnell, sonst legt die Hitze unser Gehirn lahm!

Die Hitze ist eine schlechte Nachricht, weil sie nicht nur Felder, Wälder und Städte gart, sondern auch unser Gehirn. Wieder zeigt Studie um Studie, wie ein paar zusätzliche Grad unsere Denkleistung reduzieren. Wichtig: Dabei geht es nicht um die Frage, ob Menschen in kühleren oder wärmeren Regionen der Welt »besser« oder »schlechter« denken können. Bei den Studien und Experimenten geht es immer um die Frage, wie sich Temperaturen auswirken, die von der lokalen Norm abweichen. Ein ungewöhnlich warmer Tag in Nordalaska kann 10° Celsius oder 20° Celsius kälter sein als die Durchschnittstemperatur in Florida, aber trotzdem die kognitive Leistung der Menschen in Alaska negativ beeinflussen.

Das fängt bei einfachen kognitiven Aufgaben an: So gehen Versuchspersonen bei 25° Celsius Raumtemperatur fast die Hälfte aller Rechtschreib- und Grammatikfehler durch die Lappen; im Artikel zu den Auswirkungen von Hitze auf unseren Denkapparat in Scientific American (englisch, 2013) Vergleich zu nur einem Viertel übersehener Fehler bei den gewohnten gut 19° Celsius.

Weiter geht es mit komplexeren Aufgaben: Eine erhöhte Raumtemperatur mindert unsere Fähigkeit, komplexe Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel wenn wir den langfristig günstigsten Handytarif finden sollen. Je höher die Raumtemperatur, desto schlechter sind die Versuchspersonen in der Lage, verschiedene Angebote auszuwerten und so das günstigste Angebot zu finden.

Studierende, die während einer Hitzewelle keine Klimaanlage haben, schneiden bei Prüfungen schlechter ab. – Quelle: Bethany Legg CC0

Die Hitze hat noch einen Effekt: Sie senkt unsere Entscheidungsfreudigkeit und sorgt dafür, dass wir eher zum Altbekannten oder Einfachen greifen. Wenn es warm ist, bevorzugen wir zum Beispiel einfache Rubbellose gegenüber komplizierten Chris Vielhaus zeigt hier, wie das System Lotto das Geld von unten nach oben verteilt Lottoscheinen mit endlosen Untersuchungen zum Konsumverhalten bei kalten und warmen Temperaturen (englisch, 2012, PDF) Ankreuzmöglichkeiten.

Das Ganze endet hier: Pünktlich zum aktuellen Wetter belegt eine der ersten Feldstudien den negativen Einfluss von Hitzewellen auf die kognitive Leistung von Studie zum Einfluss von Hitzewellen auf die Noten von College-Studenten (englisch, 2018) gesunden Menschen. Studierende, die während einer Hitzewelle in nicht klimatisierten Räumen büffeln, schneiden bei Prüfungen schlechter ab als ihre Kollegen mit Klimaanlage.

Also: Die Hitze senkt unsere kognitiven Fähigkeiten und unsere Lust, komplexe Entscheidungen zu treffen. Grob vereinfacht gesagt: Hitze macht dumm! Doch wir brauchen unseren Grips, wenn wir den Herausforderungen des Klimawandels begegnen wollen.

Endlich bekommen wir den Klimawandel zu spüren!

Endlich!

Endlich Artikel bei grist.org zum neuen Klimasymbol, das den Eisbären abgelöst hat (englisch, 2018) ist Klimawandel nicht mehr Eisbär und Scholle am anderen Ende der Welt. Sondern vertrocknete Felder vor der Haustür und Kreislaufkollaps im Büro.

Der Eisbär hat als Symbol des Klimawandels ausgedient. – Quelle: Christopher Michel CC BY

Endlich spüren die Menschen, die es in der Hand haben, den Verlauf und das künftige Ausmaß der Klimakatastrophe zu ändern, wie bedrohlich der Klimawandel ist. Diese Menschen sind wir.

Für viele Menschen auf der Welt ist der Klimawandel in Form von Hitze, Trockenheit und Überschwemmung schon lange Realität. Nur: Sie können wenig tun, denn sie sitzen mehrheitlich im »Globalen Süden«, also in wenig entwickelten Ländern. Die sind nur für einen geringen Anteil der Emissionen verantwortlich und haben folglich wenig Einfluss darauf, wie sich das Klima weiterentwickelt.

Hier, im »Globalen Norden« der reichen Industriestaaten, ist es genau umgekehrt: Der Großteil der Treibhausgase, die für den Klimawandel verantwortlich sind, wird hier in die Luft geblasen – ohne bisher von den negativen Auswirkungen betroffen zu sein. Nicht umsonst wird diese Lücke zwischen »Tätern« und »Opfern« des Klimawandels als »climate injustice«, also Klimaungerechtigkeit bezeichnet.

Mit der aktuellen Hitzefront wendet sich das Blatt: Die Amerikaner, Japaner, Engländer und Deutschen, deren Reichtum auf dem Verbrennen von Öl und Kohle basiert, spüren die Folgen ihres Handelns jetzt am eigenen Leib. Endlich!

Es ist kein zynisches »Endlich!«, sondern ein hoffnungsvolles.

Es ist kein »Endlich!«, das aus einem zynischen Bedürfnis heraus nach Rache giert. Sondern ein hoffnungsvolles »Endlich!«.

Jetzt ist es hier endlich heiß genug, um den Klimawandel nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper zu begreifen. Wir müssen handeln – solange wir es noch mit einigermaßen kühlem Kopf können.

Titelbild: bark - CC BY

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