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Müssen wir Facebook und Google jetzt verstaatlichen?

13. September 2018
Themen:

Karl Marx würde sagen: Gefällt mir!



Er ist wieder da. 5 1/2 Meter hoch, ein echter Riese, mit ernstem Blick. Der Bartwuchs: wild wie eh und je. Auf den Tag genau an seinem 200. Geburtstag enthüllte die Stadt Trier einen überlebensgroßen Bronze-Karl-Marx. Er ist ein Geschenk der chinesischen Regierung an die Heimatstadt des Philosophen; keine unumstrittene Geschichte, für manche bleibt er einfach ein rotes Tuch. Marx selbst wäre wohl überrascht, wie viel Stoff für Biographien, Studien und Titelgeschichten sein Werk im Jahr 2018 noch so hergibt.

Aber es ist ja so: Der Kapitalismus, Marx Lebensthema, war nie wirklich weg. Er hat einen weiten Weg zurückgelegt, sich immer wieder gehäutet und allerlei Krisen einfach abgestreift. Bis jetzt hat ihn noch keine »Weltrevolution des Proletariats« gestoppt.

Du hast ein Problem mit dem System? Der Mann mit dem Rauschebart liefert noch immer Munition für deine Kapitalismuskritik.

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»Historischer Materialismus« ist eine Geschichtsauffassung, die ökonomische Realitäten als die bestimmenden Faktoren der Menschheitsgeschichte begreift.

»Arbeit« entsteht, wenn der Mensch mit den ihm gegebenen Mitteln auf die Natur einwirkt. Im besten Fall ist Arbeit eine erfüllende Tätigkeit, durch die sich der Mensch entfalten kann. Der Mensch ist »entfremdet«, wenn er sich nicht mehr mit seiner Arbeit identifiziert und dadurch sich selbst, der Natur und seinen Mitmenschen fremd wird.

»Die Produktionsverhältnisse« beschreiben, wie Gesellschaften die Produktion organisieren und Besitz verteilen. Dabei ist der Besitz über die Produktionsmittel ausschlaggebend für die gesellschaftliche Stellung.

»Privateigentum« ist das Eigentum an den Produktionsmitteln und den Produkten in den Händen weniger, die durch Zusammenarbeit vieler entstehen. Darin sah Marx die Ursache der Entfremdung und Ausbeutung der Arbeiterklasse.

»Die Bourgeoisie« ist die Klasse des wohlhabenden Bürgertums, die Eigentum und Kapital besitzen. Sie unterdrücken die Arbeiterklasse, »das Proletariat«, das keinen Besitz an den Produktionsmitteln und außer der Arbeitskraft nichts zu verkaufen hat.

»Kapital« ist nach Marx Geld, das primär für die Reinvestition gedacht ist. Im »Kapitalismus« tritt an die Stelle des traditionellen »kaufen, um zu konsumieren« ein »kaufen, um zu verkaufen«.

Zur »Revolution« kommt es laut Marx, wenn die unterdrückte Klasse ein gemeinsames politisches Bewusstsein erlangt und sich durch eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse die Produktionsverhältnisse grundlegend ändern.

Marx Gegenentwurf zum Kapitalismus ist der »Kommunismus«. In ihm sind die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse abgeschafft, Arbeit ist nicht mehr durch Not und Zweckmäßigkeit bestimmt, keine Klasse beutet die andere aus – die Gesellschaft ist klassenlos. Zwischen Kapitalismus und Kommunismus liegt die Revolution – und gegebenenfalls auch die Diktatur des Proletariats.

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Der Kapitalismus hat sich weiterentwickelt, ist global und vor allem digital geworden. Um ihn zu verstehen, reichen die beinahe 3.000 Seiten von »Das Kapital« nicht mehr aus. Doch dafür gibt es die neuen Marxisten.

Nick Srnicek ist einer von ihnen. Am Londoner King’s College erforscht und unterrichtet er Digitale Ökonomie. Seine Theorie: Nick Srnicek: Plattform-Kapitalismus (deutsche Erstausgabe 2018, Hamburger Edition) Wir leben im Plattform-Kapitalismus und jeder mit Zugang zum Internet (und damit auch du!) hilft dabei mit, neue Monopole zu schaffen.

Willkommen im Zeitalter des Plattform-Kapitalismus

Alle Bemühungen, die Verhältnisse zu verändern, müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass es Plattformen gibt. Die aktuellen Entwicklungen richtig zu verstehen ist unerlässlich, um die für unsere Zeit adäquaten Strategien und Taktiken auszuarbeiten. – Nick Srnicek, Philosoph

Oder einfacher: Wer heute die Revolution starten will, muss erst einmal wissen, wie Plattform-Kapitalismus eigentlich funktioniert.

Marxist im Digitalen Zeitalter: Nick Srnicek

Nick Srnicek ist Dozent für Internationale Politische Ökonomie im Fachbereich Digitale Geisteswissenschaften am Londoner King’s College. Sein Buch »Plattform-Kapitalismus« erschien im englischen Original im Jahr 2016.

Bildquelle: Annikat

Während du bei Google nach einem Rezept für Zimtschnecken suchst, nebenbei auf Facebook den Veranstaltungskalender checkst und dir später bei Airbnb eine Unterkunft Diese Städte leiden unter »Touristitis« für den nächsten Städtetrip buchst, machen Technologieunternehmen – die Plattformen – Profit. Ihre Nutzer liefern den Rohstoff, der Wachstum erst möglich macht: Daten. Wenn mehr Menschen eine Plattform Plattformen sind digitale Infrastrukturen, die es 2 oder mehr Gruppen ermöglichen, miteinander zu interagieren. Dafür positionieren sie sich als Vermittlerinnen, die unterschiedliche Nutzer zusammenbringen: Kunden, Werbetreibende, Dienstleister, Produzenten und Lieferanten. Bei der Gewinnung von Daten haben sie einen entscheidenden Vorteil gegenüber traditionellen Geschäftsmodellen, denn Plattformen vermitteln nicht nur zwischen Nutzern, sondern sind gleichzeitig auch der Ort der Aktivitäten. nutzen, kann sie schneller wachsen und damit auch neue Nutzer anziehen. Nick Srnicek spricht von »Netzwerkeffekten«, die zwangsläufig dazu führen, dass sich Monopole bilden. Und Monopolisten machen, was sie wollen – solange es der kapitalistischen Logik entspricht.

So mahnte beim Internetriesen Google Google wurde zunächst als Suchmaschine von Larry Page und Sergey Brin an der Stanford University entwickelt und ging im Jahr 1997 online. Das Erfolgsmodell basiert auf einem schlichten Interface mit Werbung über Sponsorenlinks. Die offizielle Betaphase von Google lief bis zum Jahr 1999, im Jahr 2000 wurde Google zum Marktführer der Online-Suchmaschinen und entwickelt seitdem auch andere Software- (etwa Gmail) und Hardware-Lösungen. zwar lange Zeit der Verhaltenskodex: Josh Horowitz schreibt bei Quartz über Änderungen in Googles Verhaltenskodex (englisch, 2018) »Tu nichts Böses«. Laut Nick Srnicek ist es aber müßig, darüber nachzudenken, ob und wie Konzerne wie Google sich gut verhalten. Dirk Walbrühl meint: Google macht in China gerade einen großen Fehler Die Plattformen ließen sich nicht von Wertvorstellungen leiten, sondern davon, was gut fürs Geschäft sei.

Das verlange auch, »dass Unternehmen dauernd nach neuen Wegen zu Profiten, neuen Märkten, neuen Waren (…) suchen.« Das heißt nicht, dass ihnen immer jedes Mittel recht ist und alle CEOs über Leichen gehen. Es heißt aber, dass Moral im System nicht vorgesehen ist – und Wachstumszielen mitunter im Weg steht.

Wie ist es so weit gekommen? Wer die Verhältnisse wirklich kritisch hinterfragen will, sollte erst einmal Peter Schraeder fragt: Stimmt alles, was in deinem Geschichtsbuch steht? über die Geschichte nachdenken, die uns an diesen Punkt gebracht hat – sagte damals schon Karl Marx.

Bist du bereit für einen Schnelldurchlauf der Geschichte des Kapitalismus – vom Ackerbau zu Airbnb? Klicke hier, um eine erweiterte Version zu lesen.

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  • Anfänge auf dem Acker: Bevor kapitalistisches Wirtschaften die Menschen von ihrer Arbeit entfremdete, arbeitete jeder gerade so viel, wie für das Überleben nötig war.
  • Die Industriegesellschaft: Dank der neuen Fabriken des 19. Jahrhunderts wurde erstmals im großen Stil produziert und konsumiert. Umschlagplatz wurde der nun schon etwas abstrakter Nach diesem Text von Han Langeslag lässt du die Idee eines freien Marktes fallen zu verstehende Markt. Weil dort sehr viele Anbieter ihre Güter an den Mann und die Frau bringen wollten, sahen sie sich bald dem Zwang ausgesetzt, die Produktionskosten im Verhältnis zu den Preisen zu reduzieren. Wie man das am besten macht, darüber denken die Eigentümer der Produktionsmittel – also die Kapitalisten – bis heute ständig neu nach. Um nur einige Ideen zu nennen, die sich durch die Jahrhunderte ziehen: Arbeiter können immer noch ein bisschen schneller arbeiten, Warum auch du einer Gewerkschaft beitreten solltest, erkläre ich hier effizienter, für weniger Geld. Eine wichtige Rolle spielen aber auch technische Neuerungen. Das muss man dem Kapitalismus wirklich zugutehalten: Er befeuert den Erfindungsreichtum.
  • Nach den Weltkriegen: Die Nachkriegszeit stellte im Westen einen Bruch in der kapitalistischen Entwicklung dar, die auf einem ungewöhnlichen Zusammenspiel beruhte: »integrierter Liberalismus auf internationaler Ebene, sozialdemokratischer Konsens auf nationaler Ebene und Fordismus auf ökonomischer Ebene«. Es war eine gute Zeit für Gewerkschaften, die Arbeitnehmerrechte durchsetzten; der Wohlfahrtsstaat, wie wir ihn kennen, stammt aus dieser Zeit.
  • Globalisierung und Neoliberalismus: In den folgenden Jahrzehnten wurde der Wettbewerb global, auf einmal konkurrierten nicht mehr nur verschiedene Anbieter, sondern ganze Volkswirtschaften. Um effizienter zu werden, bauten Unternehmen um: Die Produktion sollte schlanker werden, Arbeitsschritte kleinteiliger, alles »just in time«. Die Just-in-time-Produktion wurde vom japanischen Automobilhersteller Toyota in den 1970er-Jahren ins Leben gerufen und beschreibt ein gesamtunternehmerisches Organisationskonzept, bei dem der Produktionsprozess eines Unternehmens erst nach einem konkreten Auftragseingang beginnt. Die Wertschöpfungskette der Erfüllung wird somit schlank und extrem anpassungsfähig gehalten, wodurch Lager- und Prozesskosten minimiert werden können. Das kleine Zeitfenster erfordert dafür einen komplexen Strukturaufwand, um reibungslos und pünktlich liefern zu können. In den 1980er-Jahren begann schließlich die große Deregulierung – Dieser Essay von George Monbiot im Guardian analysiert den Neoliberalismus messerscharf das Zeitalter des Neoliberalismus war angebrochen. Mit ihm setzte sich die Idee des Outsourcing Outsourcing beschreibt im wirtschaftlichen Zusammenhang die Ausgliederung von Teilen der unternehmerischen Wertschöpfungskette an externe Dienstleister, um kosteneffizienter zu arbeiten. Die Schlüsselaufgaben des Unternehmenskerns sind davon meist nicht betroffen, wohingegen zunehmend Teilkomponenten der Produktion an kostengünstigere Standorte verlagert werden. Die externe Eingliederung von Dienstleistern erhöht auch die Komplexität der Wertschöpfung und lässt Prozesszeiten ansteigen. durch. Je mehr Arbeitsschritte von Subunternehmern eingekauft werden, desto weniger müssen sich Firmen-Bosse mit Gewerkschaften herumschlagen, die für diese Arbeiter und ihre Rechte kämpfen. Aus schwerfälligen Industriekolossen wurden schlanke Geschäftsmodelle mit flexiblen Arbeitsverhältnissen. Klingt gut? War es auch – für den Kapitalismus!

Ab den 1990er-Jahren floss jede Menge Kapital in die technologische Revolution, die das Internet einläutete. In dieser Zeit weckte das Netz als potenzieller Wachstumsmarkt und -motor das Interesse der Investoren – obwohl eigentlich niemand wusste, wie man damit mal Geld verdienen sollte. Für den Moment verdrängte das Wachstum den Profit von der Pole-Position der kapitalistischen Ideale. Nutzerzahlen und Datenmengen wurden zu Gradmessern des Erfolgs. Damit war das Fundament für den Plattform-Kapitalismus gelegt.

Sind Büros die Fabriken des 21. Jahrhunderts? – Quelle: Alex Kotliarskyi CC0

Wie Plattformen Geld verdienen

Das Gemüse vom Acker kommt auf den Tisch, Autos kann man in Massen verkaufen – diese Arten zu wirtschaften sind leicht zu verstehen. Aber wie machen eigentlich Plattformen Geld, wenn dein Gmail-Konto und der Facebook-Account doch kostenlos sind?

Nick Srnicek hat sich die Geschäftsmodelle der Technologie-Konzerne angeschaut und unterscheidet 5 Plattform-Typen.

  • Werbe-Plattformen: Unternehmen wie Google und Facebook lassen sich dafür bezahlen, dass dir bestimmte Inhalte angezeigt werden, wenn du bei ihnen unterwegs bist. Damit finanzieren sie andere, kostenlose Angebote wie dein E-Mail-Konto. Diese Strategie der Quersubventionierung von nicht-profitablen Geschäftsbereichen soll dabei helfen, mehr und mehr Nutzer anzulocken – die den Dienst immer besser, relevanter und irgendwann unverzichtbar machen. Warum solltest du ein anderes soziales Netzwerk nutzen, wenn alle deine Freunde bei Facebook sind?
  • Cloud-Plattformen: Cloud-Plattformen wie Amazon Web Services (AWS) Beispielsweise Netflix, Airbnb, Yelp, Dropbox oder Reddit bieten ihre Dienste und Inhalte über die Amazon-Infrastruktur an. Dieses Video erklärt, wie Amazons »Cash Cow« AWS funktioniert. oder Salesforce stellen Hardware, Entwickler-Tools und Software für andere Firmen bereit. Sie vermieten sozusagen die Produktionsmittel und treiben das Konzept des schlanken Unternehmens damit auf die Spitze.
  • Industrie-Plattformen: Konzerne wie Siemens oder General Electric stehen für die Industrie 4.0, die klassische Produktionsabläufe mit dem Internet verbindet. Industrie 4.0 beschreibt den zunehmenden Einfluss der Digitalisierung auf die Wirtschaft und die herkömmliche Industrie. Nach der ersten industriellen Revolution um das Jahr 1800, der Einführung von Elektrizität und den ersten Automobilen um das Jahr 1900 und schließlich der Entwicklung von IT und Computern seit dem Jahr 1970 definiert sich die vierte industrielle Revolution über intelligente cyber-physische Systeme und digital gesteuerte Produktionsketten. Maschinen und Roboter, die fähig sind, effizient zu produzieren, ersetzen Komponenten der herkömmlichen und traditionellen Arbeit. Wünscht sich ein Kunde etwa ein angepasstes Produkt, muss dafür keine neue Fabrik mehr gebaut werden – sie wird einfach umprogrammiert.
  • Produkt-Plattformen: Unternehmen wie Spotify oder Netflix sind ein Mischtyp aus der alten und der neuen Wirtschaftswelt. Güter, die du dir früher gekauft hast, kannst du hier mieten.
  • Schlanke Plattformen: Unternehmen wie Uber oder Airbnb haben sogar die Dienste outgesourct, die sie vermarkten. Auf Airbnb kannst du derzeit Fakten und Zahlen über Airbnb mehr als 5 Millionen Unterkünfte in über 191 Ländern buchen – dem amerikanischen Unternehmen gehört davon keine einzige. Damit spart das Unternehmen Kosten: Airbnb muss keine Reinigungskräfte oder Rezeptionisten beschäftigen, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gibt es nur in den Airbnb-Büros. Im Jahr 2017 waren es etwa 3.000. Nicht gerade viel für ein Unternehmen Die Financial Times über Airbnb’s Jahresbilanz 2017 (englisch, 2018, Paywall) mit Milliarden-Umsätzen.

Manche Konzerne vereinen auch mehrere Typen in sich – Amazon sogar alle 5. Damit machen sie sich unverzichtbar. Dass es keine echte Konkurrenz mehr gibt, wissen ihre Chefs ganz genau. Genau deshalb muss der Staat eingreifen, sagt Nick Srnicek. Marx würde ihm zustimmen.

Amazon bringt dir alles, was du brauchst. Richtig viel Geld macht der Konzern auch mit Cloud-Computing. – Quelle: Maarten van den Heuvel CC0

Wer die Macht der Plattformen jetzt noch brechen kann

Die großen Plattformen haben nicht nur die Macht über Preise und Regeln. Die Daten, mit denen sie Geschäfte machen, sind nicht irgendein beliebiges Gut: In ihnen stecken Emotionen, Intimitäten und jede Menge politischer Sprengstoff.

Wie kann man die Macht der Konzerne brechen? Nick Srnicek nennt einige mögliche Maßnahmen und stempelt sie, vielleicht ein wenig vorschnell, als »kurzfristig« und »fantasielos« ab. Dabei sind es eigentlich wahre Mammutaufgaben: Lara Islinger erklärt hier, warum Kartelle sich für Unternehmen lohnen Kartellverfahren, Monopole aufbrechen, lokale Regulierungen, die ausbeuterische Plattformen wie Uber ausbremsen oder sogar ausschalten, endlich ein koordiniertes Nach diesem Text von Chris Vielhaus weißt du, ob du dir Steuertricks leisten kannst Vorgehen gegen Steuervermeidung … Alles gut und schön, meint Srnicek, er habe da aber eine andere Idee (die Karl Marx wohl aus tiefstem Herzen unterstützen würde):

Die Lösung für unser neumodisches Monopol-Problem liegt in einer uralten Idee, die nur ein Update für das digitale Zeitalter braucht. (…) Wir müssen die Kontrolle über das Internet und die digitale Infrastruktur zurückgewinnen, anstatt zu erlauben, dass es durch das Streben nach Profit und Macht dominiert wird. An minimalen Regulierungen zu basteln, während diese Firmen mithilfe Künstlicher Intelligenz immer mehr Macht anhäufen, reicht nicht aus. Wenn wir heute nicht die Plattform-Monopole übernehmen, riskieren wir, dass sie die grundlegende Infrastruktur der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts besitzen und kontrollieren. Nick Srnicek schreibt bei The Guardian: »Wir müssen Google, Facebook und Amazon verstaatlichen.« (englisch, 2017) Nick Srnicek, Philosoph

Ginge es nach Srnicek, würden die gesammelten Daten für das Gemeinwohl genutzt: Sie könnten dabei helfen, Ressourcen fairer zu verteilen, demokratische Partizipation zu ermöglichen und technische Entwicklung voranzutreiben.

Wie genau das gehen soll? Die Antwort darauf bleibt Srnicek schuldig. Wikipedia ist allerdings ein ganz gutes Beispiel dafür, wie Inhalte von Bürgern für Bürger erstellt werden, gemeinnützig und ohne Einfluss »von oben«.

Ob Google, Amazon & Co. nun wirklich verstaatlicht werden sollten, sei dahingestellt – es spricht einiges dagegen. Aber vielleicht geht es ja auch anders. Srnicek schlägt vor, »öffentliche Plattformen zu errichten, die im Besitz des Volkes sind und von ihm kontrolliert werden.« Das Ergebnis könnte zum Beispiel Darüber denkt auch Thierry Chervel in diesem Essay in der »Welt« nach (2018) eine Art öffentlich-rechtliches Facebook sein.

Warum so kompliziert, schließlich kannst du deinen Facebook-Account ja auch einfach kündigen? Das würde wenig bringen, denn die Monopolstellung des sozialen Netzwerks und anderer Plattformen ist schon so weit ausgeprägt, dass es schlichtweg unrealistisch ist, Dirk Walbrühl über 5 Netzwerke, von denen Facebook etwas lernen kann Alternativen aufzubauen. Es ist zu spät. Was bringt es, Bilder dort zu teilen, wo sie niemand sieht? Die Infrastrukturen, die Plattformen für unser aller Leben bereitstellen, sind längst unverzichtbar. Srnicek meint: Langsam sollte sich der Staat darum kümmern, dass sie diese Macht nicht missbrauchen können.

Titelbild: Tobias Kaiser - CC0

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