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Dieser Mann hat dabei geholfen, jedem von uns 390 Euro zu stehlen

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13 Minuten

Dieser Mann hat dabei geholfen, jedem von uns 390 Euro zu stehlen

18. Dezember 2018
Themen:

Durch Cum-Ex haben uns Banken und Investoren um viele Steuer-Milliarden betrogen. Nach diesem Text weißt du, wie die Masche funktioniert (hat) und was du dagegen tun kannst.



Was würdest du denken, wenn ich dir 390 Euro stehle?

Das wäre nicht in Ordnung: Du würdest mich sicher zur Rede stellen, mich anzeigen, vielleicht sogar anschreien – was ich mir dabei gedacht habe und warum ich geglaubt habe, damit durchzukommen. Und du hättest jedes Recht dazu, wütend, verletzt und empört zu sein.

Die Sache ist die: Du wurdest um 390 Euro bestohlen. Nicht von mir, sondern von Bankern, Anwälten und Investoren. In den Jahren 2001–2016 haben sie allein dem deutschen Staat bewusst und organisiert 31,8 Milliarden Euro aus der Tasche gestohlen – und damit uns allen.

Gemessen an der Größe des Diebstahls ist es ohne Übertreibung der Coup des Jahrhunderts. Der kriminelle Wille dahinter ist gewaltig. Einige Verantwortliche werden nun angeklagt, die meisten nicht. Aber bist du empört, wütend, verletzt?

Wenn nicht, bist du in bester Gesellschaft: Nach ein paar Aufmachern in deutschen Leitmedien sind die Namen »Cum-Ex« und »Cum-Cum« längst wieder aus den Medien verschwunden. Zu kompliziert scheint das Gewirr aus Briefkastenfirmen, Steueroasen und Finanzkonstrukten, zu ungreifbar – weil zu hoch – die entwendete Geldsumme. Und das ist kein Zufall, denn die Verwirrung ist Teil des Plans.

Doch damit sollten wir sie nicht durchkommen lassen. Und mit den richtigen Zahlen kann aus der Verwirrung die Wut werden, die dieses Verbrechen verdient.

Steuerklau mit System: So funktionierte Cum-Ex

Die Masche, mit der die Finanzjongleure vorgegangen sind, ist eigentlich gar nicht so kompliziert: Einmal im Jahr schütten alle Aktiengesellschaften einen Teil ihrer Gewinne an die Aktionäre aus. Der Fiskus erhebt auf diese Einkünfte 25% Kapitalertragssteuer. Bei Cum-Ex handeln die Täter große Aktienpakete kurz vor und nach der Ausschüttung so im Karussell, dass die Finanzbehörden mehrere Steuerbescheide aushändigen – für ein und dieselbe Steuerzahlung. Die Betrüger lassen sich diese Steuer mehrfach zurückerstatten, obwohl sie nur einmal gezahlt wurde. Das ist in etwa so, als ob du ein Kind hast, in der Steuererklärung aber 2 angibst und als Beleg Fotos deines Kindes in verschiedenen Verkleidungen beilegst.

Du willst genauer wissen, wie das funktioniert? Dann klicke hier!

Hier geht es zurück zur kompakten Version.

An einem typischen Steuertrick nach dem Cum-Ex-Schema sind 3 Akteure beteiligt: Die Investoren A, B und C, die alle davon profitieren.

  1. Investor A besitzt Aktien eines DAX-Konzerns im Wert von 20 Millionen Euro.
  2. Investor B kauft Aktien des gleichen Konzerns ebenfalls für 20 Millionen und zwar kurz vor Zahlung der Dividenden. Diese Aktie ist »cum«, also mit Anspruch auf die Dividende.
  3. Investor B kauft diese Aktien aber nicht von Investor A, sondern von Investor C. Dabei besitzt C diese Aktien noch gar nicht. C macht einen sogenannten Leerverkauf. Er muss B die Aktien erst zu einem späteren Zeitpunkt liefern.
  4. Der Stichtag ist gekommen. Der DAX-Konzern zahlt 1 Million Euro Dividende aus. Investor A bekommt 750.000 Euro Nettodividende. Die restlichen 250.000 Euro sind automatisch als Kapitalertragssteuer an den Fiskus geflossen. Für die gezahlten Steuern bekommt A eine Steuerbescheinigung, mit der er sich die Steuer zurückerstatten lassen kann.
  5. Investor B bekommt diese Bescheinigung ebenfalls. Zwar hat er die Aktie von C noch nicht erhalten, ist aber der rechtmäßige Eigentümer.
  6. Erst jetzt verkauft Investor A seine Aktien an Investor C, der ja noch Investor B beliefern muss. C zahlt A allerdings keine 20 Millionen Euro, sondern nur 19, weil die Dividende schon ausgezahlt wurde. Die Aktie wird jetzt »ex« Dividende gehandelt.
  7. Nun gibt C die Aktien an B weiter, legt aber noch 750.000 Euro drauf, den Betrag der Nettodividende. Schließlich hat B die Aktien vor der Ausschüttung mit Anspruch auf die Dividende »cum« gekauft. Über die fehlenden 250.000 Euro hat Investor B genauso wie A eine Steuerbescheinigung bekommen.
  8. Investor A kauft sich seine Aktien (wie an C verkauft) für 19 Millionen von B zurück.
  9. Alles sieht aus wie vorher. Allerdings sind 2 Steuerbescheinigungen rausgegangen, an A und an B. Obwohl der Staat nur einmal Steuern kassiert, lassen sich beide die Steuer zurückerstatten. Der Staat verliert 250.000 Euro an die 3 Betrüger. Diese teilen das Geld unter sich auf.

Ähnlich funktioniert auch Wie das Schema funktioniert, geht aus dieser kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen hervor (2016, PDF) Cum-Cum: Hier arbeiten ausländische Besitzer deutscher Aktien mit deutschen Geldhäusern zusammen, um die Kapitalertragssteuer auf die Dividenden zu umgehen. Der Besitzer der Aktion parkt seine Aktie kurz vor der Ausschüttung bei einem Geldinstitut in Deutschland. Dieses kann sich die Kapitalertragssteuer auf die Dividende zurückerstatten lassen. Der Ausländer könnte das nicht. Statt 25% Steuern zahlt er nur 5% Aktienleihgebühr an das deutsche Geldhaus. Der Staat geht leer aus. Mehr als die Hälfte aller Wertpapiere deutscher Unternehmen liegen im Ausland. Finanzexperten bewerten Cum-Ex als klaren Fall von Betrug und Steuerhinterziehung. Cum-Cum gilt hingegen als Steuervermeidung.

Aufgedeckt wurde das Verbrechen von einem Recherchekollektiv mit Journalisten verschiedener Medien, unter anderem der Organisation Hier geht es zur Recherche Correctiv, des NDR und der ARD. Ein Kronzeuge berichtete den Journalisten, dass allen Beteiligten, Anlegern, Banken und Steueranwälten, von Anfang an klar gewesen sei, dass das Geschäft allein darauf abzielt, an Steuergelder zu kommen. Ein Drahtzieher in der Cum-Ex-Affäre sprach mit dem Rechercheteam von Correctiv etliche Stunden vor laufender Kamera über die Praktiken. Dazu wurde er mittels einer Gesichtsmaske und einer verzerrten Stimme anonymisiert. Der Mann dient dem Landeskriminalamt Düsseldorf seit mehreren Jahren als Kronzeuge bei den Ermittlungen.

Die Journalisten des Cum-Ex-Netzwerks – Quelle: Ivo Mayr/ CORRECTIV copyright

Neu sind solche Maschen nicht: Erste Hinweise auf derartige Praktiken gab es bereits Ende der 1970er-Jahre. Der Kronzeuge aus dem Correctiv-Film bezeichnet Cum-Ex-Geschäfte als »organisierte Kriminalität in Nadelstreifen«. Seinen Höhepunkt hatte der Raubzug ausgerechnet im Jahr 2010, als Politiker in der Finanzkrise strauchelnde Geldhäuser mit Steuergeldern retteten. Fast alle Banken sollen beteiligt gewesen sein – darunter die Deutsche Bank, die Commerzbank und die HypoVereinsbank. Und die Bundesregierung sah jahrzehntelang tatenlos zu. Heute ist diese Masche nicht mehr möglich. Denn seit dem Jahr 2012 ist das Steuerschlupfloch geschlossen, das den Raub möglich machte – rund 20 Jahre nach den ersten offiziellen Hinweisen. Doch um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, müssten wir uns lautstark empören. Warum passiert das nicht?

Deshalb gab es bei Cum-Ex keinen Aufschrei

Die Macher hinter Cum-Ex taten alles, um ihre Spuren zu verwischen. Und das ist in der Finanzwelt beängstigend leicht: Indem sie beispielsweise Eigentumsverhältnisse gezielt verschachteln und anonymisieren. Ich frage mich, warum sie damit so lange durchgekommen sind.

Sind den Menschen Finanzthemen einfach zu kompliziert? Denn das europaweite Mediennetzwerk unter der Leitung von Correctiv hat gute Arbeit geleistet und den Fall präzise und bis ins Detail aufgedeckt. Anscheinend genügt das nicht.

Für ein wirklich langanhaltendes Medienecho braucht es Deutschlands einflussreichstes Leitmedium. Die BILD-Zeitung hat beim Thema Cum-Ex jedoch keinen medialen Druck ausgeübt – was zu erwarten war. Selbst als der kürzlich noch als Merkel-Nachfolger gehandelte Friedrich Merz Gefahr läuft, zum Gesicht der Cum-Ex-Affäre zu werden, bleibt der große Knall aus. Während die BILD-Redaktion heftig gegen »Pleite-Griechen« oder »Sozial-Schmarotzer« wettert, schreibt sie als Deutschlands einflussreichste Tageszeitung überraschend dezent, ja fast handzahm über die Verstrickungen von Friedrich Merz: »Wie es hieß, gehe es bei den Ermittlungen um den Zeitraum von 2007 bis 2010, also lange vor dem Eintritt Merz’ in das Unternehmen.«

Finanzskandale erzeugen nur Aufmerksamkeit, wenn es einen guten Sündenbock gibt

Anzahl der Suchergebnisse verschiedener Finanzthemen auf Spiegel-Online

Quelle: Spiegel-Online

Weiter heißt es: »Am Rande einer Sitzung des CDU-Landesvorstands in NRW sagte Merz am Dienstagabend, er betrachte die Diskussion um seinen Aufsichtsratsjob bei BlackRock als »normal«, alles andere wäre auch »komisch«. Im Übrigen habe er den Vorstand am Dienstag angewiesen, bezüglich der aktuellen Ermittlungen alles auf den Tisch zu legen. Ein sachlicher Ton, wie ihn BILD-Leser bei den oben genannten anderen Finanzthemen kaum finden.

Verwischte Spuren, komplexe Finanzkonstrukte, verklärende Worte in den einflussreichsten Medien – es ist kein Wunder, dass die Reaktionen vieler Menschen über ein Schulterzucken nicht hinausgehen.

Deshalb muss Cum-Ex klar und deutlich erklärt werden.

Wer Cum-Ex versteht, muss empört sein

Bleiben wir beim Liebling der BILD-Zeitung, den »Pleite-Griechen«. Kosten Sie »uns« mehr als Cum-Ex- und Cum-Cum-Tricks? Oberflächlich gesehen führten in beiden Fällen »Finanzgeschäfte« zu einem großen Verlust. Also liegt der Vergleich nahe.

Was hat es uns gekostet, das Land finanziell zu stützen? Die Antwort lautet: bisher 1.135 Euro für jeden Einwohner. Das klingt erst mal nach viel mehr als bei Cum-Ex und Cum-Cum. Doch es gibt einen großen Unterschied: Das Geld ist nur ein Kredit, der einmal zurückgezahlt werden soll. Dazu hat bisher jeder Einwohner in Deutschland rechnerisch rund 35 Euro Gewinn aus den Zinsen der sogenannten Rettungspakete bezogen, insgesamt Das titelt der SPIEGEL 2,9 Milliarden Euro. Dafür bleibt einem ganzen Land mit knapp 11 Millionen Menschen die Staatspleite und der Austritt aus der Eurozone erspart. Wir wissen also, wofür wir das Geld verliehen haben. Anders ist es bei Cum-Ex und Cum-Cum. Die 390 Euro, die jeder deutsche Bürger dabei verloren hat, sind futsch. Zinsen gibt es dafür keine, und gerettet wurde auch niemand.

Das Geld, das dabei in Summe die Hände gewechselt hat, passt in keinen Geldkoffer. Denn in einen mittelgroßen Koffer passen rund 7.000 Scheine à 50 Euro, insgesamt also 350.000 Euro. Würde sich jemand die Mühe machen, 31,8 Milliarden Euro in Form von 50-Euro-Scheinen in Koffern übereinander zu stapeln, dann wäre der Kofferturm 9.086 Meter hoch, also etwas höher als der Mount Everest. Der Geldberg wöge 585 Tonnen, etwa so viel wie 2 Einfamilienhäuser. Doch richtig ärgerlich wird die Rechnung, wenn man schaut, was wir mit den entwendeten Steuergeldern hätten finanzieren können:

  • Ein ganzes Ministerium bezahlen: Mit 31,8 Milliarden Euro könnte der Etat des Familienministeriums 3 Jahre lang gestemmt werden.
  • Den Schienenverkehr stärken: Im Winter keine Heizung, im Sommer keine Klimaanlage, defekte Türen und überlaufende Toiletten: Nur 20% der ICEs der Deutschen Bahn sind voll funktionsfähig. Die Züge sind in die Jahre gekommen. Glückerweise fahren immer mehr Menschen Bahn, doch da mangelt es der Bahn an Reserven. 1.112 neue ICEs könnte die Bahn mit den aus Cum-Cum und Cum-Ex Schaue dir hier mehr über die Probleme mit ICEs an erbeuteten Milliarden kaufen. Auch das Schienennetz ließe sich allumfassend renovieren und ausbauen. Nimmt man die Kosten der Strecke Hannover–Berlin zum Maßstab, könnten wir 3.351 Mehr Informationen über die Strecke Hannover-Berlin Kilometer neuer Trassen finanzieren.
  • Die deutschen Schulen modernisieren: Der Digitalpakt, mit dem Schulen mit Bundesgeldern Nicht veranlagte Steuern auf Dividenden werden zur Hälfte auf Bund und Länder verteilt. Von der Abgeltungsteuer auf Dividenden bekommen die Gemeinden 12%, Bund und Länder je 44%. Das ergibt sich aus Artikel 106 Absatz 3 des Grundgesetzes, wonach die Einkommensteuer und ihre Gliedsteuern Bund und Ländern je zur Hälfte zustehen, und aus § 1 Gemeindefinanzreformgesetz, wonach die Gemeinden vorab 12% der Abgeltungsteuer erhalten. in Höhe von 5 Milliarden Euro gestärkt werden sollten, ist vorerst gescheitert. Man hätte also ohne Weiteres etwa 15 Milliarden Euro in die Schulen stecken können, umgerechnet sind das 3 Digitalpakte oder knapp Übersicht über Schulen in Deutschland 500.000 Euro pro Schule. Davon ließen sich nicht nur alte Schulgebäude Wie eine grüne Sanierung für Schulen laufen kann, zeigt Chris Vielhaus hier sanieren, sondern auch moderne Unsere Bildung braucht ein Upgrade – wie das aussehen kann, zeigt Dirk Walbrühl Unterrichtsmaterialien anschaffen oder Personal einstellen.
  • Die Energiewende Felix Austen zeigt, wie der Staat klimaschädliches Verhalten subventioniert subventionieren: Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2022 etwa 1 Million E-Autos auf deutsche Straße bringen, bis zum Jahr 2025 etwa Lies hier mehr über Elektromobilität 2–3 Millionen. Jeder Käufer bekommt 4.000 Euro Prämie beim Kauf eines Elektroautos, allerdings nur bis Mitte 2019. Die Bundesregierung bezuschusst den Kauf von E- und Hybrid-Autos Was es mit der Elektroprämie auf sich hat, liest du hier mit 1,2 Milliarden Euro. Mit den 31,8 Milliarden Euro ließe sich jeder Kauf solange mit 8.866 Euro bezuschussen, bis die für das Jahr 2025 geplanten 3 Millionen E-Autos auf den Straßen sind. Obendrauf könnte es noch einen Haufen Wie man sein Elektroauto zu Hause laden kann, erfährst du hier Ladestationen geben.
  • Die Kosten aus der Bankenrettung abfedern: Die Bankenrettung kostet den Steuerzahler in Deutschland 10 Jahre nach der Finanzkrise gibt es Zahlen über die Bankenrettung 34,2–68 Milliarden Euro. Zynischerweise erreichten die Cum-Ex-Geschäfte laut dem Kronzeugen ihren Höhepunkt, als Banken mit Steuergeldern gerettet wurden.
  • Hartz IV für 1 Jahr bezahlen: Mit 31,8 Milliarden Euro hätte man im Jahr 2017 die knapp 6 Millionen Hilfsbedürftigen 10 1/2 Monate lang finanzieren können. Ihre Grundsicherung, abzüglich Verwaltung und Eingliederungsmaßnahmen kostete die Steuerzahler im Jahr 2017 rund Das Bundesamt für Arbeit informiert über die Kosten für Steuerzahler 36,4 Milliarden Euro.
  • Kosten für alle Geflüchteten in Deutschland für 13 Jahre lang übernehmen:

    Knapp 31,6 Milliarden Euro haben laut statistischem Bundesamt Bund, Länder und Kommunen in den Jahren 2005–2017 für die Unterbringung und finanzielle Unterstützung von Asylbewerbern ausgegeben.

Kostspielige Baustellen, die entscheidend sind für Deutschlands Zukunft, gibt es also zur Genüge …

Der Kronzeuge der Cum-Ex-Täter zeigt sich nur verkleidet vor der Kamera. – Quelle: Ivo Mayr/ CORRECTIV copyright

Welche Konsequenzen hat Cum-Ex jetzt?

Bist du jetzt endlich empört? Hoffentlich! Die Frage ist: Wie kommt der Staat nun an die 390 Euro, die dir gestohlen wurden?

Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Hessen hat sich 770 Millionen Euro zurückgeholt. Und trotzdem bleibt ein Schaden von Wie Cum-Ex Deals zum größten Steuerraub der Geschichte führten 1,3 Milliarden Euro. Anders war es in Hamburg. Dort musste das Bundesfinanzministerium den Stadtstaat erst dazu drängen, 56 Millionen Euro Steuern einzutreiben, damit die Forderung nicht verjährt. Gegen die betreffende Hamburger Privatbank M.M.Warburg & CO wird inzwischen wegen eines Cum-Ex-Schadens von 330 Millionen Euro ermittelt.

Auch gegen andere Institute wird ermittelt. Das bezeugen Razzien bei der Deutschen Bank und dem weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock. Viele Taten sind jedoch Grünen-Politiker Gerhard Schick kritisiert das Nicht-Handeln der EU-Regierungen schon verjährt. Und Der SPIEGEL berichtet über die Cum-Ex-Verwicklungen der Deutschen Bank Banken können sich aus Ermittlungen offenbar freikaufen. Die Gesetzeslücke, die Cum-Ex zuließ, wurde erst im Jahr 2012 geschlossen. Und auch gegen Cum-Cum wurde erst im Jahr 2016 ein Gesetz erlassen. Das bis dahin hinterzogene Geld ist weg. Und im Gefängnis sitzt wegen Cum-Ex bislang auch noch niemand. Ist das Spiel in Deutschland nun wirklich vorbei?

Einige Reporter haben den Test gemacht und sich als Milliardäre ausgegeben, die in Cum-Ex Was dabei herauskam, haben sie auf dieser Website niedergeschrieben investieren wollen. Und ihre Veröffentlichungen belegen eine düstere Vermutung. Gerhard Schick, bis vor kurzem finanzpolitischer Sprecher der Grünen und Gründer der Bürgerbewegung Finanzwende, fürchtet, »dass die Geschäfte in anderer Form weitergehen. Es wird solche Versuche immer geben. Deswegen ist es ja so ärgerlich, dass die Lehren aus Cum-Ex bislang nicht gezogen wurden.«

Immerhin versucht die Europäische Union, Steuerbetrügern das Leben schwer zu machen. Schließlich kostet Steuervermeidung die EU-Staaten jedes Jahr 50–70 Milliarden Euro. Großkonzerne sollen öffentlich bekanntmachen, wo sie ihren Gewinn verbuchen und wie viel Steuern sie dafür bezahlen. »Mit diesem sogenannten »country-by-country reporting« ließe sich das mal endlich angehen«, erklärt Schick. »Aber wer blockiert das im Rat der Finanzminister? Deutschland.«

Das ist keine Ausnahme. Geschlafen hat auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Die BaFin soll den Finanzmarkt kontrollieren. Bei Cum-Ex hat sie aber erst reagiert, »als wir mit dem Untersuchungsausschuss schon angefangen haben«, erklärt Schick. »Aber sie hat nun einmal die Aufgabe, den Akteuren auf dem Finanzmarkt auf die Finger zu schauen. Und sie hat auch die technischen Möglichkeiten dazu. Das hat sie versäumt.«

Die Politik kann mehr tun. Erste Hinweise zu Cum-Ex gab es bereits Anfang der 1990er-Jahre. »Natürlich passieren Fehler«, räumt Schick ein: »Und es rutscht mal was durch, aber was hier gelaufen ist, ist eine wahnsinnige Fehlerkette. Ab einem gewissen Zeitpunkt kam sicher der Gedanke dazu, dass man die eigenen Leute schützen wollte, indem ihre Verantwortung für den Skandal nicht in vollem Umfang öffentlich wird.«

Die Verantwortung sieht Gerhard Schick auch bei »Peer Steinbrück, der darüber informiert wurde, aber es nicht geschafft hat, ein wirksames Gesetz vorzulegen.« Mit Wolfgang Schäuble geht es weiter: »Der hat auch nicht richtig reagiert und erst recht nicht umfassende Konsequenzen gezogen.«

Zu große Hoffnung können wir uns also nicht machen, dass die Politik angemessen reagiert – wenn wir nicht selbst den ersten Schritt machen!

Quelle: Ivo Mayr/ CORRECTIV copyright

Was du tun kannst!

Um ordentlich Druck zu erzeugen, kann jeder einzelne etwas tun:

  1. War deine Bank an Cum-Ex beteiligt? Dann wechsle zu einem anderen Geldhaus! Du gehst doch auch nicht weiterhin zum selben Bäcker, wenn dir die Verkäuferin absichtlich 30 Euro zu wenig Wechselgeld herausgibt! Welche Banken als in Cum-Ex-Geschäfte verwickelt gelten, siehst du auf dieser Liste, Der Untersuchungsausschuss des Bundestages beruft sich auf Informationen, die letztendlich auf einem Datenträger bei der Steuerfahndung in Wuppertal gelandet sind. Du findest die Liste auch auf Seite 397 des in der Sidenote verlinkten Dokuments. Welche Rolle die jeweiligen Banken in Cum-Ex-Geschäften gespielt haben sollen, geht aus den Informationen nicht hervor. PD hat keine redaktionelle Prüfung dieser Liste vorgenommen. Im UA-Protokoll werden folgende Institute aufgeführt:

    ABN AMRO Bank N.V.

    AMUNDI

    Archeion Deutschland GmbH

    Arrowgrass Cap Partners

    Banco Bilbao Vizcaya Argentaria

    Banco Urquijo SA

    Bank of America

    Bankgesellschaft Berlin AG

    Bank J. Safra Sarasin AG

    Banque Cantonale Vaudoise

    Banque d’Orsay

    Barclays Bank London

    Barclays BK PIC

    Barclays CAP SEC LTD

    Barclays Capital London

    Bayerlnvest Kag

    Bayerische Landesbank

    Bear Stearns International Ltd

    BHF Bank AG

    BNP Paribas Arbitrage

    BNP Paribas London Branch

    BNP Paribas Securities Services

    BRED Banque Populaire

    BT-Trading GmbH

    Calyon

    Calyon Financial SNC

    Cater Allen Intl. Ltd

    Cater Allen Intl. Ltd CCR

    Chase Manhattan Int. Ltd.

    CIBC World Markets

    CIC SECURITIES

    Citi AG

    CITIBANK

    CITIBK AG

    Citigroup Global Markets

    CITIGROUP GLOBAL MARKETS

    CM-CIC Asset Management

    BONDS Commerzbank AG

    Credit Acricole Indosuez

    Credit du Nord Monaco

    Credit Suisse (Europe) Ltd

    Credit Suisse INTL

    CSFB Europe

    CSFB London CUBE

    Danske Bnk Rf. Danske Capital

    DB Equity Limited

    DekaBank Deutsche Girozentrale

    Deutsche Bank AG

    Dresdner Bank AG

    Dresdner Kleinwort

    DWP Bank

    DZ Bank AG

    DZ BANK AG

    Equinet

    ERDSH

    EUREX Clearing AG

    Equity CCP

    Everest Capital LTD

    EXANESA

    FIMAT International Bq.SA

    FIMAT SNC

    Forten

    Fortis Bank Global Clearing NV

    Fortress INVT Grp (UK) Ltd

    GFI SECURITIES

    GFS A/C EQY – UK

    Global Derivative Trading GmbH

    Global Fund Services SG House

    GOLD SACHS LON

    Goldman Sachs Intl.

    GROUPAMA AM

    HSBC BANK PLC

    HSBC France SA

    HSBC Trinkaus & Burkhardt AG

    HSH Nordbank AG

    HypoVereinsbank/London HypoVereinsbank Munich

    ICAP

    ING Bank NV

    ING BELGIUM

    Investec Bank PLC

    IXIS Corporate + Investment Bank

    JP Morgan Securities Ltd

    JP Morgan LON

    KBC Securities

    Kepler Capital Markets SA

    La Mondiale

    Landesbank Baden-Württemberg

    Landesbank HeLaBa

    Landesbank Berlin AG

    Lehman Brothers Inti. (Europe)

    Liquid Capital Markets

    Liquid Capital Markets Ltd.

    LLC Technical Centre

    Louis Capital Markets (UK)

    LLP MacQuarie Bank Ltd,

    MacQuarie Inv. Deutschland GmbH

    Main First Bank AG

    MAN Financial Ltd

    Maple Bank GmbH (GmbH in Insolvenz wegen Cum-Ex)

    Merrill INTL

    Merrill Lynch Intern.

    M.M. Warburg & Co Bank

    Morgan S INTL PLC

    Morgan Stanley & Co.

    Morgan Stanley & Co. Intl. Ltd

    Natexis Banque Populaires

    NATIXIS

    NBF International S.A.

    Newedge Group

    Nomura International plc

    NOMURA LON

    Oddo et Cie

    ODDO OPTIONS

    OPTIVER VOF

    Pictet Asset Management

    SA Raymond James

    RBC London Branch

    Rosenblatt via Jeffries

    SCOR S.E.

    Scotiabank (Ireland) Ltd

    SG Bank and Trust

    SG London

    SGSS Deutschland KAG mbh

    Societe Generale

    Valovis Bank AG

    WestLB AG
    die der Untersuchungsausschuss des Hier geht es zur Liste des Untersuchungsausschusses (2017, PDF) Bundestags erstellt hat.

    Ach ja, wenn du schon dabei bist: Warum nicht zu einer Bank umsteigen, die transparent nach hohen ethischen und nachhaltigen Standards investiert, anstatt in Kohle, Landraub und Lohndumping? Informationen, welche Banken derlei Anlagen ausschließen, bieten zum Beispiel die Die Informationsseite »Geld Bewegt« der Verbraucherzentrale Webseite Geld Bewegt der Verbraucherzentrale oder der gemeinnützige Transparenz-Verein Bankwechsel-Kampagne des gemeinnützigen Vereins »Urgewald« Urgewald.

  2. Unterstütze das Journalisten-Kollektiv Correctiv! Sie brauchen jede Hilfe, denn die Cum-Ex-Banken schießen zurück gegen die Journalisten. Nach einer Anzeige der Schweizer Bank Sarasin ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm. Sie wirft ihm vor, zum Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen angestiftet zu haben. Während sich Deutsche Bank und Citigroup mit einstelligen Millionenzahlungen die Behörden vom Hals schaffen, werden die Journalisten, die den Steuerraub aufgedeckt haben, mit Ermittlungen schikaniert. Du kannst dem Correctiv helfen, indem du deren offenen Brief gegen diesen Angriff auf die Pressefreiheit Hier findest du den offenen Brief zur Unterstützung von Oliver Schröm unterzeichnest oder die Arbeit mit einer Deine Spende unterstützt investigativen Journalismus Spende unterstützt.
  3. Wie wir alle aktiv für eine Finanzwende werden können, siehst du hier Du kannst Teil der Finanzwende werden. Ob Cum-Ex, Libor oder Panama-Papers: Finanzskandale müssen Konsequenzen haben. »Wir haben es nicht geschafft, genug politisches Gewicht auf die Waage zu bringen, um der riesigen Lobby der Finanzbranche etwas entgegenzustellen«, sagt Schick. »Diese Lobby hat allein in den Berlinern Büros der Gesamtverbände mehrere 100 Leute sitzen, die den Abgeordneten ständig im Ohr sitzen. Deswegen bündeln wir nun die Kräfte der Zivilgesellschaft als Gegengewicht in einer Organisation.« Zusammen mit rund 50 Mitstreitern hat Gerhard Schick die Finanzwende ausgerufen. Die Bürgerbewegung will mit vielen Bürgerinnen und Bürgern die nötigen Veränderungen erzwingen. Du kannst spenden, Fördermitglied werden oder dich inhaltlich einbringen – sei es mit deinem Fachwissen oder als Whistleblower. Natürlich kannst du die Finanzwende auch über die Twitter-Seite der Bürgerbewegung Finanzwende Sozialen Facebook-Seite der Bürgerbewegung Finanzwende Medien bekannter machen, indem du Inhalte teilst.



Peter Knobloch geht mit offenen Augen durch die Welt und trifft dabei immer wieder auf Paradoxe. Etwa wenn er auf den Börsencrash des Jahres 2008, die Euro-Krise oder aktuelle Finanzskandale blickt. Diese Themen betrachtet er durch die Brille des Politik- und Kommunikationswissenschaftlers. Er fragt sich immer: Wie wird die Botschaft vermittelt und welche Rolle spielt die Politik?

Titelbild: Ivo Mayr/ CORRECTIV - copyright

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