Ist diese Schule in den Niederlanden nur eine verrückte Pädagogen-Idee?

Hier gibt es keine Klassen, keine Fächer und keinen Stundenplan. Lernt unser Nachwuchs so besser?

Reportage - 16. Januar 2019  9 Minuten

Lea-Sophie und Mel Wir verzichten darauf, die Nachnamen der beiden Jugendlichen zu nennen, um sie zu schützen. stecken die Köpfe zusammen und lachen. »Gib mir mal den Zauberwürfel«, sagt Lea-Sophie. Sie nimmt ihn und dreht daran herum. Nach ungefähr 2 Minuten zeigen alle Seiten die gleiche Farbe. Ich staune, denn ich konnte das nie. Auch Mel staunt. »Das ist ganz einfach, wenn du das System verstanden hast«, sagt Lea-Sophie zu Mel. Die beiden sprechen Limburgisch, den Dialekt, der hier im niederländischen Roermond, direkt an der deutschen Grenze, gesprochen wird. (Mit mir spricht die 14-jährige Lea-Sophie netterweise Deutsch.) Lea-Sophie versucht noch eine ganze Weile, der 13-jährigen Mel das Geheimnis des Zauberwürfels zu erklären, immer wieder setzt sie neu an, geht auf Mels Fragen ein.

Die beiden Mädchen besuchen die weiterführende Schule Agora, deren Konzept zunächst klingt, als hätte sich Pippi Langstrumpf das Ganze an einem regnerischen Tag ausgedacht: kein Stundenplan, keine Fächer, keine vorgegebenen Lerninhalte. Und trotzdem sollen die Jugendlichen hier alles lernen, was wichtig ist. Ist das die Schule der Zukunft oder doch nur eine verrückte Pädagogen-Idee?

Lea-Sophie (links) hilft Mel, das Rätsel des Zauberwürfels zu knacken. – Quelle: Benjamin Fuchs copyright

An jeder Ecke eine Überraschung

Lea-Sophies und Mels Arbeitsplätze befinden sich in einem U-förmigen Raum, der etwa 3-mal so groß ist wie ein deutsches Klassenzimmer. Gut 30 Schüler sitzen hier zusammen. Jeder arbeitet an etwas anderem. Herauszufinden, wie der Zauberwürfel funktioniert, ist Mels »Challenge«. Herausforderungen, so heißen die Projekte der öffentlichen Schule in Roermond, die Schüler aller Schulformen In den Niederlanden gibt es ein ähnlich gegliedertes Schulsystem wie in Deutschland. In der Sekundarstufe teilt es die Schüler in Einrichtungen der voruniversitären Bildung, der allgemeinen Sekundarbildung und der berufsbildenden Sekundarerziehung ein. Das entspricht etwa Gymnasium, Realschule und Hauptschule in Deutschland. aufnimmt. Die Schüler suchen sich ihre Herausforderungen selbst, mit Anleitung der »Coaches«. Fachlehrkräfte gibt es hier nicht, eher begleitende Pädagogen. Die meisten Lehrenden an der Agora sind ausgebildete Fachlehrkräfte, weil es schlicht noch keine Coach-Ausbildung im Sinne der Agora-Idee gibt. Einige Coaches sind aber auch zum Beispiel frühere Unternehmer, die eine pädagogische Zusatzausbildung haben. Einige Challenges sind klein und können in einer Stunde erledigt sein, andere brauchen Jahre. Lea-Sophie bastelt seit Monaten an einem Schachbrett, zwischendurch, wenn sie Zeit hat.

Alles, was sie dafür braucht, bekommt sie in der Schule. Sie kann, wann immer ihr danach ist, den Klassenraum verlassen. Jeder Schüler kann sich jederzeit frei bewegen. Frontalunterricht mit Präsenzpflicht gibt es nicht. Lea-Sophie nimmt mich mit zum Werkraum, der am anderen Ende des Schulgebäudes liegt. Hier arbeiten Schüler mit Holz und anderen Werkstoffen. Sie spricht kurz mit dem Werk-Coach und holt sich Klebeband. Dann geht sie an ihren Arbeitsplatz.

Immer wieder läuft mir Rob Houben über den Weg. Er ist so etwas wie der »Obercoach« der Schule. In seinem Büro hat er mir am Morgen genauer erklärt, wie Link zur Seite der Agora-Schule (niederländisch) Agora funktioniert. Seine Tochter war fast 3 Jahre alt, als sie Fahrradfahren lernen wollte. Er übte mit ihr und nach wenigen Tagen beherrschte sie es. Ein Nachbar sah das und zwang seinen 5-jährigen Sohn daraufhin, jeden Tag Fahrradfahren zu üben. Das Ergebnis: »Er hat es nicht gelernt und anschließend Fahrradfahren gehasst«, sagt Rob Houben. »Wir machen das Gleiche in normalen Schulen. Wir wollen, dass immer alle im gleichen Alter das Gleiche können. Die schnellen Lerner müssen auf die anderen warten und werden demotiviert. Und den anderen sagen wir mit den Noten ständig, dass sie dumm sind.«


Coach Rob Houben im Inneren der Schule

Die Bücherei grenzt direkt an die Agora.

Die Kästen, die in den Innenhof ragen, sind Konferenzräume.

Die Agora ist der zentrale Treffpunkt für die Schüler.

Auch Sport kann als Inspirationsquelle dienen.

Ein Fenster in seinem Büro erlaubt den Blick in den überdachten Innenhof der Schule, der aussieht, wie man sich eine hippe Internetschmiede vorstellt, nur eben für Kinder. Der Hof ist das Kernstück der Schule, die Stefan Boes und Benjamin Fuchs über »Das Großraumbüro«, in dem selbst dein Chef Lust hätte, zu arbeiten »Agora«, was auf Griechisch »Marktplatz« heißt. Sie ist Treffpunkt in den Pausen oder auch für Gruppenarbeiten. Es gibt eine offene Bücherei, eine Kletterwand, Konferenzräume Die Räume können Schüler reservieren, wenn sie Ruhe für ein Teammeeting oder ein Treffen mit externen Experten brauchen. ragen wie gigantische beklebte Schuhkartons auf unterschiedlichen Etagen in die Szene. Auf einem von ihnen fährt King Kong Gokart.

Eine Schule soll für uns eine Mischung aus Harvard-Universität, einem buddhistischen Tempel, einem Marktplatz, einem Kreativlabor und Disneyland sein. Die Schüler müssen an jeder Ecke Überraschungen, Inspiration und Freude erwarten können. – Rob Houben, Coach an der Agora-Schule

Der Coach führt mich durch einige Arbeitsräume. Dabei fällt mir einer der außergewöhnlichen Schreibtische ins Auge, an denen die Kinder in ihren Großraum-Klassenzimmern arbeiten: Die Tischplatte liegt hinter der Motorhaube eines alten Autos, dort, wo eigentlich Lenkrad und Armaturenbrett sein müssten. »Die Jungs haben das auf dem Schrottplatz zusammengebaut. Insgesamt 3-mal. Beim ersten Mal ist alles während des Verladens auf dem Lkw auseinandergefallen. Beim zweiten Mal kam es bis hierin, aber passte nicht in den Aufzug. Beim dritten Mal hat alles geklappt.« Rob Houben lacht. Ein gutes Beispiel für die Fehlerkultur an der Schule: »Normalerweise werden Fehler mit schlechten Noten bestraft. Aber die Forschung zeigt, dass Menschen, die ermutigt werden, viel häufiger ans Ziel kommen.«

Titelbild: Benjamin Fuchs - copyright

von Benjamin Fuchs 

Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!

Themen:  Bildung   Gesellschaft   Arbeit  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich