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Warum Ärzte diesen Hundenasen vertrauen

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Warum Ärzte diesen Hundenasen vertrauen

1. März 2019
Themen:

Sicherer, gesünder und glücklicher dank Hund: Unser liebstes Haustier kann mehr als Stöckchen fangen – wenn wir es lassen.



Jeden Dienstag dreht Wolfgang Heles mit Romy seine Runde im Seniorenhaus Zur Buche in Konz. Die beginnt bei den schwer dementen Senioren mit besonderem Pflegebedarf. Im Aufenthaltsraum schweigen die meisten, weil die wenigsten sprechen können. Ein paar versuchen trotzdem zu kommunizieren. Anneliese Lämpel Alle Bewohner des Seniorenhauses sind im Artikel anonymisiert. geht ein paar Schritte auf Romy zu, zeigt auf sie und sagt mit ausdruckslosem Gesicht: »Bababababa!« Der Befehl ist der blonden Labrador-Hündin unbekannt. Erst als Wolfgang Heles der Seniorin ein Stück Möhre in die Hand legt, kommt die Hündin. Das kennt sie. Vorsichtig drückt sie ihre feuchte Nase in die Hand der alten Dame und schnappt sich den Snack. Anneliese Lämpel schüttelt die Hand, verzieht das Gesicht und ruft ein schnelleres: »Bababababa«, in ihrem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus.

Romy weiß nicht, dass sie ein Besuchshund ist. Die Anzahl der Besuchshunde in Deutschland ist genau wie die Anzahl der anderen Hunde, die im Artikel erwähnt werden, nicht erfasst. Sie freut sich einfach nur über Aufmerksamkeit und Leckerlis. Und die Bewohner des Seniorenhauses freuen sich über den vierbeinigen Besuch. Denn der kann mehr, als Senioren ein Lächeln in die Gesichter zu zaubern.

Manche Senioren können Besuchshund Romy nicht mehr selbst streicheln. Deshalb führt Wolfgang Heles die Hand dieser Seniorin über das Fell der Hündin. – Quelle: Nicole Paschek copyright

Visite vom Vierbeiner: Besuchshunde

Egal ob in Seniorenheimen, Kindertagesstätten, Krankenhäusern oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen – Besuchshunde drehen in ganz unterschiedlichen Institutionen ihre Runden, lassen sich dort füttern und streicheln oder machen sogar kleine Kunststücke. Dabei besteht ihre positive Wirkung vor allem aus 2 Aspekten:

  1. Abwechslung: Hunde sind eine In dieser Studie aus Australien hatten Mitarbeiter einer Kinderklinik den Eindruck, dass Besuchshunde die Kinder beruhigen und sie von ihrer Krankheit ablenken konnten (englisch, 2002) willkommene Abwechslung für die Besuchten, egal ob Patienten oder Personal. So zeigt diese Studie (englisch, 2002, PDF) aus Kanada, dass Besuchshunde die Arbeitsatmosphäre in einer Kinderklinik verbesserten. Und diese Studie (englisch, 2017, PDF) aus der Schweiz zeigt, dass der Einsatz von Tieren in einem Rehabilitationszentrum eine Bereicherung für die Mitarbeiter sein kann und die Zufriedenheit mit dem Job steigert. Auf den 1 1/2-stündigen Rundgängen von Romy, die ich begleiten durfte, zähle ich jedes Mal mindestens 10 Angestelltenhände, die ihr kurz übers Fell fahren oder lächelnd ein Leckerli zustecken. Da fällt es auch den Angestellten leichter, einer Seniorin zum zehnten Mal zu bestätigen, dass sie ihre Tabletten bereits bekommen hat.
  2. Nähe: Neben der Ein Zeichen, das uns vor »Berührungsmangel« warnt, gibt es aber nicht. Dabei ist Körperkontakt lebenswichtig körperlichen Nähe beim Streicheln ermöglichen Hunde aber auch Kontakte, die ohne sie gar nicht zustande kommen würden. So können sie Brücken zu Menschen bauen, die ohne Hund nicht gebaut würden. Die Seniorin Jutta Berg streichelt Romy immer nur kurz. Dann hält sie die Hand vom Hundebesitzer Wolfgang Heles, sucht den Blickkontakt zu ihm und gibt ihm sogar einen Kuss auf die Wange. Ihre Tischnachbarin blickt Romy zwar nur an, erzählt ihrem Besitzer dann aber von ihrem Besuch am Vortag und zeigt ihm ihre Halskette.

Auch wenn der Besuchshund eigentlich nur Hund sein muss, sind nicht alle für diese Arbeit geeignet. Neben einem tadellosen Grundgehorsam müssen sie eine gute Sozialisierung und ein bestimmtes Wesen mitbringen. Sie sollen beispielsweise die Ruhe bewahren, wenn Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Spasmen oder beeinträchtigtem Körpergefühl den Hund beim Streicheln mal unsanft oder unerwartet berühren. So wartet Romy geduldig darauf, freigelassen zu werden, als Anneliese Lämpel sich breitbeinig über sie stellt und ihre Rute zwischen den Beinen einklemmt. Um solche Stresssituationen möglichst zu verhindern, lernen die Hundehalter in der Ausbildung, sie zu antizipieren und richtig einzuschätzen.

In der relativ kurzen Ausbildung zum Besuchshund werden die Vier- und Zweibeiner auf ihren Einsatz vorbereitet. Dabei lernen die Vierbeiner Rollstühle und Gehhilfen kennen und werden mit ungewohnten Geräuschen vertraut gemacht. Der Zweibeiner lernt in der Zeit die Grenzen des Hundes einzuschätzen. Wenn Romy von den vielen Eindrücken im Seniorenhaus erschöpft ist, signalisiert sie das beispielsweise, indem sie sich hinlegt.

Im Liegen beginnt für andere Hunde wiederum erst die Arbeit – als Therapiehunde.

Jeden Dienstag besucht Wolfgang Heles die Bewohner des Seniorenhauses »Zur Buche« in Konz. Mit dabei ist Besuchshund Romy. – Quelle: Nicole Paschek copyright

Eisbrecher für harte Nüsse: Therapiehunde

Therapiehunde begleiten Menschen zum Beispiel bei der Psycho-, Sprach- oder Lerntherapie. Die Psychologin Karin Hediger spricht deshalb lieber von Therapiebegleithunden. Der Einfachheit halber nutze ich im Text weiter den Begriff Therapiehund, da dieser auch bekannter ist. Die Psychologin erforscht an der Universität Basel den Einsatz von Tieren im therapeutischen Kontext und verweist auf ein Thema, das wir schon von den Besuchshunden kennen: »Viele Patienten haben Mühe, Nähe zuzulassen.« Der Therapiehund fordert diese aber ein, indem er die streichelnde Hand sucht oder zu spielen beginnt. »Für den Therapeuten ist der Hund eine Brücke zum Patienten. Er macht es einfacher, eine Beziehung zum Klienten aufzubauen.« Im besten Fall öffnen sich die Patienten dadurch, werden redseliger und mutiger. Wird ein Therapiehund von einem Sprachtherapeuten eingesetzt, traut sich der Patient beispielsweise eher etwas zu sagen. Der Hund hört wertfrei zu. Ihm ist es egal, wie lange es dauert und wie viele Fehler die Person beim Sprechen macht.

Das wiederum wirkt sich Hier eine Studie dazu (englisch, 2007, PDF) positiv auf die Genesung der Patienten aus. Sie bekommen einen doppelten Boost:

  • Ego-Boost: Eine gesteigerte Lebenszufriedenheit, ein erhöhtes Selbstbewusstsein und weniger Angst vor Einsamkeit sind nur 3 der messbaren Ergebnisse von Therapiehunden auf der sogenannten psychosozialen Ebene.
  • Immun-Boost: Auf der rein körperlichen Ebene kann die Interaktion mit Therapiehunden mit einem niedrigeren Blutdruck einhergehen und den Puls sowie den Spiegel des Stresshormons Cortisol positiv beeinflussen. Begegnen sich Hund und Patient, wird genau wie bei positiv wahrgenommenen menschlichen Begegnungen das bindungsfördernde Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Beispielsweise stimulieren Berührungen die Ausschüttung von Oxytocin – ein Grund, warum es oft auch als »Kuschelhormon« bezeichnet wird.
Hunde können also – wenn man sie mag – therapiefördernd und eine echte Wohltat sein. Für manche Menschen werden sie als Assistenzhunde sogar zu unverzichtbaren Helfern im Alltag.

Therapiehunde im Einsatz können Ego und Immunsystem positiv beeinflussen. – Quelle: pixabay CC0

Intelligenter Ungehorsam als Überlebenshilfe: Assistenzhunde

Wenn sich Hündin Millie vor ihr Herrchen stellt und ihn daran hindert weiterzugehen, zeigt sie intelligenten Ungehorsam. Denn ihr Herrchen ist blind und würde ohne Millie ins Gleisbett fallen. Das zu verhindern hat der Vierbeiner in seiner In diesem Video (11 Minuten) kannst du Millie bei der Arbeit beobachten und sehen, wie Blindenführhunde trainiert werden (2014) Ausbildung zum Blindenführhund gelernt. Für ihre Zweibeiner sind Millie und ihre Kollegen also nicht nur praktische, sondern teils lebensnotwendige Assistenten.

»Assistenzhunde ersetzen ausgefallene Sinnes- und Körperfunktionen.« – Thomas Hansen, Vorstandsmitglied Associata-Assistenzhunde e. V.

Sie öffnen Türen und lassen ihre Besitzer wissen, wenn es an der Haustür klingelt, sie übergeben dem Kassierer den Geldbeutel und signalisieren eine Unterzuckerung oder einen Was Epilepsiehunde können, kannst du hier lesen (2013, PDF) nahenden epileptischen Anfall. Außer als Blindenführhunde werden Assistenzhunde beispielsweise auch für gehörlose Menschen, Epileptiker, Diabetiker, Warum wir Migräne neu denken sollten, weiß Gastautorin und Migränikerin Sigrid März Migräniker oder Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung ausgebildet. Nicht jeder Assistenzhund kann alles. In seiner Ausbildung lernt er die Aufgaben, die für seinen Zweibeiner wichtig sind. Manche Fähigkeiten sind nicht trainierbar, sondern angeboren. Das zeigt der Unterschied zwischen Epilepsiewarnhunden und Epilepsieanzeigehunden (auch Epilepsieservicehunde genannt). Letztere lernen in der Assistenzhundeausbildung, bei einem epileptischen Anfall Hilfe zu holen, einen Notfallknopf zu drücken oder Notfallmedikamente zu bringen. Der Epilepsiewarnhund hingegen warnt seinen Zweibeiner bereits Minuten vor dem Anfall, sodass dieser genug Zeit hat, um zu reagieren. Wie Warnhunde das registrieren, noch bevor es so weit ist, ist bisher nicht bekannt. Vermutlich nehmen sie Veränderungen des Körpergeruchs wahr – so wie Diabeteswarnhunde die veränderte Zusammensetzung der Atemluft bei drohender Unterzuckerung wahrzunehmen scheinen. Möglich ist auch, dass sie auf subtile Veränderungen in der Motorik und Stimmung ihres Zweibeiners reagieren. »Für einen Menschen mit Behinderung ersetzen Assistenzhunde ausgefallene Sinnes- und/oder Körperfunktionen. Daraus entstehende Beeinträchtigungen mildern sie ab. Und das ganz konkret und individuell«, erläutert Thomas Hansen, Vorstandsmitglied beim Associata-Assistenzhunde e. V. hat eine ausführlichere Definition des Assistenzhundes Verein Associata-Assistenzhunde e. V.

Deutschlandweit sind etwa 1.800–3.000 Blindenführhunde unterwegs; Basierend auf Schätzungen, die dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. bekannt sind. wie viele andere Assistenzhunde es gibt, ist nicht bekannt. Einer Schätzung aus dem Jahr 2013 (englisch) zufolge gibt es in der EU mehr als 13.000 Blindenführhunde und etwa 4.000 weitere Assistenzhunde. Bis zu 2 Jahre dauert die Ausbildung eines Assistenzhundes, und auch hier gilt: Nicht alle Hunde sind für jeden »Assistenten-Job« geeignet. Es sind auch nicht alle Menschen mit Beeinträchtigungen dazu geeignet, einen Assistenzhund zu halten. Denn dieser macht viel Arbeit und erfordert eine bestimmte Haltung sowie ein kontinuierliches Training – auch nach der Ausbildung. Neigt ein Patient etwa zu selbstverletzendem Verhalten, muss der Hund hartnäckig sein und ihn immer wieder daran hindern.

Hunde können Patienten sogar ohne direkten Kontakt helfen – indem sie beim Diagnostizieren mit anpacken.

Sondereinsatz für Spürnasen: Diagnostikhunde

Labradorhündin Emely macht sich in einem der Testräume der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Österreich an die Arbeit. Die Hündin geht an einem Gestell mit 5 menschlichen Atemproben vorbei. An jeder Probe bleibt sie stehen und schnüffelt. 4 Mal geht die Hündin weiter. Doch vor der letzten Probe scharrt und bellt sie. Die Hunde werden – wie Lawinen- und Suchhunde auch – darauf trainiert, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen (das sogenannte Anzeigeverhalten), sobald sie einen bestimmten Geruch riechen. Dafür werden sie dann belohnt. Die Hunde zeigen ein individuelles Anzeigeverhalten: Während einige Hunde die Probe mit Bellen anzeigen, legen sich andere Hunde vor die entsprechende Probe. Ganz klar: Dieser Atem stinkt nach Krebs. Lungenkrebs.

Schaue dir hier den Ausschnitt von Quarks zu den Hunden an, die in einer Studie Krebs erschnüffeln (4:40 Minuten).

Als Wissenschaftler zeigten, dass Hunde lernen können, Krebs zu erschnüffeln, war die Hoffnung groß: Sollten sie etwa in der Lage sein, Was du über Krebsvorsorge wissen solltest, erklärt dir Chris Vielhaus hier bei der Früherkennung zu helfen? Zahlreiche Krebssuch-Hundestaffeln machten sich an die Arbeit.

Doch Hier geht es zur Studie (englisch, 2016, PDF) eine aktuelle wissenschaftliche Studie zeigt, dass Hunde den Krebsgeruch Forscher glauben, dass der Krebsgeruch aus bestimmten Mustern an »volatile organic compounds« besteht – also von Krebszellen ausströmende, flüchtige Stoffe. Verschiedene Wissenschaftler versuchen, die unterschiedlichen Muster des Krebsgeruchs herauszufiltern, um dann Geräte wie die eNose – elektronische Nasen – darauf zu programmieren, diese zu erkennen. in einer möglichst realen Testsituation nicht zuverlässig genug erkennen. Frühere Studien zeigten vielversprechende Ergebnisse und hohe Erkennungsraten von nahezu 100%. Dabei war die Testsituation jedoch nicht besonders realistisch, weil in der Regel eine Krebsprobe aus 5–6 Proben positiv war; in einem echten Screening sind jedoch nur etwa 0,004% der Proben positiv (also eine aus 250 Proben). So zeigten Emily und ihre »Kollegen« in fast 70% der Fälle auch die Proben von gesunden Patienten fälschlicherweise als »Krebs-Proben« an. »Das ist natürlich katastrophal und für ein flächendeckendes Screening nicht geeignet«, erläutert der Pneumologe und Studienleiter Klaus Hackner. Nichtsdestotrotz können Hunde lernen, Krebs zu erschnüffeln. Das Problem sei eher der Test. Der Wissenschaftler hat bereits mehrere Verbesserungsvorschläge für das Training und den Test. Er vermutet, dass die variable Anzahl an Krebsproben die Hunde verunsichere – vor allem dann, wenn es keine Probe zum Anzeigen gebe. So zeigten die Tiere im Zweifelsfall lieber an, meint er. Der Aufbau ließe sich so ändern, dass immer eine positive und eine negative Kontrollprobe im Test enthalten sind, um das richtige Anzeigeverhalten des Hundes auch während des Tests zu verstärken.

Egal ob als Besuchs-, Therapie-, Assistenz- oder Diagnostikhund – die Vierbeiner können unserem Wohlbefinden und unserer Gesundheit große Dienste erweisen. Es gibt noch weitere Hunde, die für unsere Gesundheit unterwegs sind, zum Beispiel Rettungshunde und Sanitätshunde. Da ihre Aufgabe offensichtlich ist – Leben retten –, haben wir uns im Text auf Besuchs-, Assistenz-, Therapie- und Diagnostikhunde beschränkt. Doch bis die Hunde an die Arbeit dürfen, ist viel Vorarbeit nötig.

Besuchshund Romy freut sich immer besonders über Streicheleinheiten von einem der Pfleger. – Quelle: Nicole Paschek copyright

Das Kleingedruckte

Los geht es mit der Überzeugungsarbeit: Bevor Besuchs- und Therapiehunde in einer Einrichtung arbeiten dürfen, müssen häufig erst Mitarbeiter, »Kunden« und die Einrichtungsleitung überzeugt werden. So auch im Konzer Seniorenhaus Zur Buche:

Wir sind ein offenes Haus und alle Hunde sind herzlich willkommen. Irgendwann kamen dann Angehörige und haben uns angeboten, mit ihren Tieren nicht nur die eigenen Eltern, sondern auch andere Bewohner zu besuchen. Daraus entstand dann ein ehrenamtlicher Besuchsdienst. – Ines Bohrer, Heimleitung vom Seniorenhaus »Zur Buche« in Konz

Hinzu kommen Gesetze und Vorschriften, die beachtet werden müssen. Wer beispielsweise einen Therapiehund einsetzen möchte, benötigt nach § 11 des Tierschutzgesetzes zunächst eine Zulassung dafür. Bezogen auf die Ausbildung des Hundes muss entschieden werden, wo die Ausbildung stattfinden soll Im Seniorenhaus »Zur Buche« ist eine Ausbildung zum Besuchshund nicht zwingend notwendig. Der Hund muss aber wesensfest, belastbar, nicht schreckhaft und nicht aggressiv sein. Das überprüfen die Mitarbeiter auch. Romy ist selbst kein ausgebildeter Besuchshund – macht diesen Job aber schon seit einigen Jahren. und wer die Kosten dafür trägt.

Während Besuchs- und Therapiehunde einen mehr oder weniger festen Arbeitsplatz haben, begleiten Assistenzhunde ihre Zweibeiner im Alltag. Auf dem Amt, beim Arzt oder im Supermarkt werden sie aber teilweise daran gehindert, ihren Job zu machen – nämlich dann, Hier ein Artikel über solche Fälle in den Schleswiger Nachrichten (2014) wenn sie draußen bleiben müssen. Einheitliche gesetzliche Regelungen dazu gibt es bisher nicht.

Du willst genauer wissen, welche rechtlichen Grauzonen für Assistenzhunde bestehen? Dann klicke hier!

Hier geht es zurück zur kompakten Version.

Thomas Hansen hat sich mit den Zutrittsrechten von Assistenzhunden beschäftigt:

Im § 4 des Behindertengleichstellungsgesetzes heißt es, dass zur Erreichung der Barrierefreiheit die Nutzung behinderungsbedingt notwendiger Hilfsmittel zulässig ist. Dazu zählen Blindenführhunde und Assistenzhunde. Doch das Gesetz gilt nur für den Bereich von Bundesinstitutionen und nicht für die Privatwirtschaft. Das heißt also: Das Zutrittsrecht von Assistenzhunde-Teams zu Lebensmittelläden, Shoppingmalls, Kliniken oder Museen ist nicht geregelt. – Thomas Hansen, Vorstandsmitglied von Associata-Assistenzhunde e. V.

Dort gilt das Hausrecht. Im Einzelhandel erlauben bereits zahlreiche große Ketten in ihrer Hausordnung den Zutritt von Assistenzhunden. Damit stellen sie sich aber – je nach Geschäft – in eine rechtliche Grauzone. Denn in Läden, in denen Lebensmittel verarbeitet oder offen zum Verkauf angeboten werden, ist Die EU-Verordnung Nr. 852/2004 (2004, PDF) der Zutritt von Tieren laut Hygieneverordnung der EU verboten und nur in Sonderfällen erlaubt. Blindenführ- und Assistenzhunde sind Hier findest du die Informationen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zum Sonderfall (2014) laut der Homepage des zuständigen Bundesministeriums so ein Sonderfall. Aber das ist »nur« eine Information auf der Homepage – keine gesetzliche Regelung.

Und genau da beißt sich die Katze in den Schwanz: Man sagt, Assistenzhunde haben Zutritt. Aber die Frage, was ein Assistenzhund ist, ist nicht gesetzlich geregelt. Und woran erkennt der Ladenbetreiber, dass es sich um einen ausgebildeten Assistenzhund handelt? Es kann ja jeder behaupten, der Hund sei ein ausgebildeter Assistenzhund, Zertifikate werden von verschiedensten Institutionen erteilt und Kenndecken sowieso. – Thomas Hansen, Vorstandsmitglied von Associata-Assistenzhunde e. V.

Wenn Besitzer von Lebensmittelläden den Zutritt verweigern, würden sie sich demnach erst einmal richtig verhalten. Auf der anderen Seite stehen Betroffene, die sich diskriminiert fühlen. So hat der Bundesrat Anfang 2017 beschlossen, In dem Beschluss des Bundesrats fordert der Rat die Bundesregierung auf, zeitnah einen Gesetzentwurf vorzulegen, mit dem Assistenzhunde in das Hilfsmittelverzeichnis sowie den Schwerbehindertenausweis aufgenommen werden können. Zudem sollen bundesweit einheitliche Qualitätsstandards für Assistenzhunde geschaffen werden. für die Gleichbehandlung aller von Assistenzhunden unterstützten Menschen mit Behinderungen zu sorgen. Seitdem habe sich laut Thomas Hansen aber noch nichts getan.

Außerdem lauern überall dort, wo Hunde mit Menschen in Kontakt kommen, die nicht ihre Besitzer sind, mögliche Konflikte:

  • Angst: Immer dann, wenn Romy zu Besuch kommt, gibt es eine Pflegerin, die sich gar nicht freut. Sie hat Angst vor Hunden, flüchtet hinter die Küchentheke und verbarrikadiert den Zugang mit einem Essenswagen. Romys Besitzer Wolfgang Heles fragt im Zweifelsfall nach, ob jemand Hunde mag, und versucht diejenigen zu meiden, die das nicht tun oder Angst haben.
  • Hygienebedenken: Ja, Hunde sind potenzielle Krankheitsüberträger. Sie können beispielsweise so genannte Zoonosen übertragen – also Krankheiten, die zwischen Tieren und Menschen springen können. Doch laut dieser Studie (englisch, 2005, PDF) lassen sich diese Risiken erheblich reduzieren. Besuchs-, Therapie- und Assistenzhunde sollten deshalb gut gepflegt Dazu gehört nicht nur ein ordentlich gebürstetes Fell, damit keine Haare durch die Gegend fliegen. Die Tiere müssen auch regelmäßig entwurmt und zur Kontrolle zum Tierarzt gebracht werden sowie alle nötigen Impfungen haben. Eine der Ehrenamtlichen im Seniorenhaus »Zur Buche« in Konz hat immer Feuchttücher und Desinfektionsmittel dabei, falls sich jemand nach der Interaktion mit dem Hund die Hände reinigen möchte. und nicht in allen Lebenslagen erlaubt sein. Natürlich sind Hunde in manchen Bereichen tabu, wie etwa in Küchen oder Intensiv- und Isolierstationen. So besucht Romy niemanden, der gerade isst. Viele Bedenken sind allerdings auch unbegründet. So hatten auch fast 1/3 der Klinikmitarbeiter in dieser Studie vor dem Einführen eines Programms zu tiergestützten Interventionen hygienische Bedenken, die sich aber im Laufe des Programms wesentlich reduzierten. Beispielsweise haben Assistenzhunde gelernt, sich nur auf Kommando zu entleeren, sodass es nicht zu Missgeschicken in Gebäuden kommt.
  • Akzeptanz: »Der Köter hat hier nichts zu suchen!«, schimpft eine Seniorin lauthals, wenn sie Romy sieht. Viele Menschen wissen nicht, dass es Besuchshunde gibt oder wozu Assistenzhunde da sein sollen. Wieso sollte ein Hund mit im Wartezimmer sitzen dürfen, während der eigene Vierbeiner draußen angeleint bleiben muss? Vor allem dann, wenn der Begleiter des Assistenzhundes nicht offensichtlich beeinträchtigt ist. Während man blinden Menschen oder Menschen im Rollstuhl ansieht, wieso sie einen Hund brauchen, können wir Menschen eine Epilepsie, Diabetes oder eine Posttraumatische Belastungsstörung nicht direkt ansehen. Dagegen hilft: Wissen verbreiten Mittlerweile sind bereits zahlreiche Berichte über Menschen mit Assistenzhunden in den Medien erschienen, die erläutern, wieso sie diesen Hund brauchen und wie sich das Leben mit ihm gestaltet. Hier berichtet beispielsweise die Deutsche Welle über eine Frau mit Posttraumatischer Belastungsstörung. und miteinander reden.
  • Allergien: Manche Menschen sind gegen Hunde allergisch und froh, wenn sie in öffentlichen Gebäuden keinen Hunden begegnen. Auch hier geht es um Akzeptanz und Kommunikation – kaum jemand würde einem blinden Menschen sagen: »Mit Hund kommst du nicht rein«, oder?
  • Neid: Wo es »Sonderrechte« gibt, sind auch Neider nicht weit. Aus den USA gibt es Berichte von »fake service dogs«, also untrainierten Hunden, die mit einer Assistenzhundeweste herumlaufen und mit ihrem störenden Verhalten Sie kläffen unkontrolliert, betteln im Restaurant nach Futter oder greifen andere Hunde an. Verhaltensweisen, die ein echter Assistenzhund nie zeigen würde. ein Deshalb gibt es in den USA nun erste Gesetze, die so eine Täuschung strafbar machen (englisch, 3 Minuten) schlechtes Licht auf »echte« Assistenzhunde werfen. So machen sie Menschen, die tatsächlich auf einen Assistenzhund angewiesen sind, das Leben unnötig schwer.

Was also muss hier passieren, damit der Einsatz von Hunden im Gesundheitssystem besser wird – für Mensch und Tier?

Wolfgang Heles verteilt kleine Möhrenstücke, damit die Senioren sie an Besuchshund Romy verfüttern können. – Quelle: Nicole Paschek copyright

Was muss sich ändern?

Mindestens 2 Dinge:

  1. Einheitliche Standards: In Deutschland gibt es etliche Anbieter von Hundeausbildungen Seriöse Anbieter von Therapie- und Assistenzhundeausbildungen finden sich unter den von ISAAT (englisch) und ESAAT zertifizierten Anbietern. – leider auch unseriöse. Um Hund und Halter zu schützen, brauchen wir einheitliche Ausbildungsstandards, einheitliche Prüfungen von Hund, Halter und Trainer sowie In Österreich werden Therapie- und Assistenzhunde bereits seit dem Jahr 2015 einheitlich geprüft verbindliche Fortbildungen. Damit die professionell ausgebildeten Hunde auf den ersten Blick erkannt werden können, brauchen wir außerdem eine einheitliche Kennzeichnung. Beispielsweise ein bestimmtes Halstuch, Geschirr oder eine spezielle Weste. Um Betrug vorzubeugen, sollte die Kennzeichnung auch nur an einer zentralen Stelle und nur gegen Nachweis der Ausbildung des Hundes ausgegeben werden.
  2. Ethische Arbeitsbedingungen: Kein Mensch sollte 24 Stunden lang arbeiten. Warum sollten Hunde es tun? Auch sie sind Lebewesen mit Bedürfnissen und keine Maschinen. Deshalb sind bessere Studien zur Frage nötig, wie sich die Arbeit der Hunde auf ihre eigene Gesundheit auswirkt. Im Moment ist dazu keine klare Aussage möglich, da sich die Studien zu Therapiehunden beispielsweise darin unterscheiden, wie die Hunde ausgebildet wurden und wie lange sie eingesetzt werden (siehe folgende Studie (englisch, 2017)).

Bis dahin hofft Blindenführhündin Millie, dass Außenstehende sie in Ruhe ihren Job machen lassen. Das bedeutet konkret: nicht streicheln, füttern oder sonst wie ablenken. Was passiert, wenn das ignoriert wird, zeigt dieses Beispiel einer jungen Frau aus Texas (englisch): Ihr Epilepsiehund in Ausbildung wurde von einem Fremden gestreichelt und bekam so die ersten Anzeichen eines nahenden epileptischen Anfalls nicht mit. Die Frau hatte nicht genug Zeit, einen sicheren Ort aufzusuchen, und fiel aus ihrem Rollstuhl. Zum Glück verletzte sie sich dabei nur leicht am Kopf. Und wenn die treue Begleiterin einmal in Rente geht, Assistenzhunde gehen in Rente, wenn sie ihre Aufgaben nicht mehr zuverlässig erfüllen können oder selbst gesundheitliche Probleme haben. Manche Assistenzhundehalter können den Hund dann aus diversen Gründen nicht behalten, sodass er ein neues Zuhause braucht. wird ihr Herrchen ihr ein liebevolles Zuhause für den verdienten Lebensabend suchen.

Derweil besucht Romy weiterhin jeden Dienstag das Seniorenhaus Zur Buche. Dort ist Anne Müller gerade am Kegeln. Egal was die Pflegekräfte sie fragen, sie antwortet immer nur mit »Wawawa«. Wolfgang Heles gibt ihr ein Stück Möhre für den Hund und fragt sie: »Weißt du, wer das ist?« – »Ro-my«, sagt sie lächelnd. Wolfgang Heles schaut die anwesende Pflegerin erstaunt an: »Wenn sie will, dann kann sie.« Romy geht weiter. Anne Müller zeigt auf die Kugel und sagt: »Wawawa!«

Titelbild: Patrick Tomasso - CC0

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