Warum du aufhören solltest, Vitamin D zu schlucken

Millionen Deutsche schwören auf Vitamin-D-Präparate. Die meisten sollten besser die Finger davon lassen.

PD Daily - 9. Juli 2019  3 Minuten

Keine Frage, das Versprechen ist verlockend: Eine kleine Pille schlucken und man ist vor Krankheiten geschützt, Das »echte« Wundermittel zeigt dir Maren Urner. Und es ist kostenlos ganz ohne weiteren Aufwand. Die einen nehmen sie, weil sie glauben, die nächste Erkältung hätte gegen ein so gestärktes Immunsystem keine Chance. Andere glauben, sie könnten mit der Wunderpille die Stimmung in der dunklen Jahreszeit aufhellen. Und wieder andere hoffen auf einen Präventionsrundumschlag, der gegen Diabetes, Herzprobleme oder sogar Krebs helfen soll.

All das sind Gründe, warum Menschen zu Vitamin-D-Präparten greifen. Die schlechte Nachricht: Den meisten von ihnen bringt das vermeintliche Wundermittel rein gar nichts, sagt die Wissenschaft.

Forscher werteten »Vitamin D Supplementation and Cardiovascular Disease Risks in More Than 83 000 Individuals in 21 Randomized Clinical Trials« (englisch, 2019) für einen aktuellen Beitrag für das US-Fachmagazin JAMA Cardiology die Ergebnisse von 21 klinischen Studien aus, die den Einfluss von Vitamin D auf das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls untersuchten. Ihr Ergebnis: Die Daten der 83.000 Patienten lassen keine positiven Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit der Teilnehmer erkennen.

Damit ist diese Untersuchung nur eine weitere aus einer ganzen Reihe von Studien, die den vermeintlichen Effekt von Vitamin D infrage stellen. Erst 2018 hatte eine noch umfangreichere Überblicksarbeit, die sich systematisch mit den Ergebnissen von 81 Studien zum Zusammenhang des Vitamins und dem Schutz vor Knochenbrüchen befasste, The Lancet – »The effect of vitamin D supplementation on skeletal, vascular, or cancer outcomes: a trial sequential meta-analysis« (englisch, 2018, Paywall) keine positiven Effekte für Erwachsene feststellen können.

Trotzdem verordneten deutsche Hausärzte allein im Jahr 2017 4,2 Millionen Vitamin-D-Tests. Die Kosten von rund 20–30 Euro müssen gesetzlich Versicherte selbst tragen, es sei denn, der behandelnde Arzt vermutet einen Mangel anhand von diversen Symptomen. Falls dieser tatsächlich auch vorliegt, Laut Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, die »Neues-Deutschland« vorliegen (2019) verordnen Ärzte dann Vitamin-D-haltige Präparate Hier zeige ich, warum uns interessieren sollte, welche Kosten die Krankenkasse übernimmt auf Kosten der Krankenkasse.

Das Problem dabei ist: Vitamin-D-Mangel und die Angst davor ist ein Gesundheitshype – von dem vor allem die Industrie der Nahrungsergänzungsmittel profitiert. Allein die Apotheken in Deutschland verkauften 2017 Vitamin-D-Präparate in Form von Tabletten und Tropfen im Wert von 94 Millionen Euro – Ärzteblatt – »Markt für Nahrungsergänzungsmittel wächst jährlich um 6 Prozent« (2019) Drogerien und Online-Versandhandel nicht mit eingerechnet.

Hier liest du, welche Erfahrungen ich persönlich mit zweifelhaften Gesundheitsinfos aus dem Netz gemacht habe:

Das große Geschäft mit der UnsicherheitWeiterlesen

Dabei kann jeder seinen »Sonnenvitamin«-Spiegel selbst auffüllen, und zwar absolut kostenlos. Zu 90% stellt der menschliche Körper Vitamin D nämlich selbst her – ganz ohne Apotheke und Drogerie. Die einzig nötige Ausrüstung: T-Shirt, Rock oder kurze Hose und 5–25 Minuten Zeit. Den Rest erledigt die UVB-Strahlung der Sonne, wenn sie auf die Haut trifft. Das Beste daran ist, dass der Körper das so entstehende Vitamin D3 sogar für die dunkle Jahreszeit speichern kann wie in einer Vorratskammer. Lässt der Frühling nach einem langen Winter auf sich warten, können wir auch über die Nahrung aufstocken, etwa durch fetthaltige Seefische wie Hering, Lachs oder Sardinen. Für Vegetarier tun es Ei und Margarine, für Veganer Steinpilze und Champignons.

Und genau deshalb empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Vitamin-D-Tests und Nahrungsergänzungsmittel nur in begründeten Einzelfällen sowie bei klar definierten Risikogruppen. Das sind Ratgeber des AOK-Bundesverbandes (2019) laut AOK-Bundesverband folgende:

  • Säuglinge, die noch keiner direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt werden dürfen. Sie bekommen in Deutschland im Zuge der allgemeinen Vorsorge standardmäßig spezielle Vitamin-D-Präparate vom Kinderarzt verschrieben.
  • Ältere Menschen ab etwa 70. Ab diesem Alter lässt die Eigenproduktion von Vitamin D nach. Das gilt besonders für pflegebedürftige Senioren, die nur selten das Haus verlassen (können).
  • Menschen mit dunklerer Hautfarbe, da diese die UVB-Strahlen der Sonne stärker abhält.
  • Menschen, die sich aus religiösen oder kulturellen Gründen stark verschleiern.
  • Menschen, die von bestimmten chronischen Erkrankungen der inneren Organe Hierbei handelt es sich meist um chronische Erkrankungen von Magen-Darm-, Leber- oder Nieren. betroffen oder auf Medikamente angewiesen sind, die den Vitamin-D-Stoffwechsel negativ beeinflussen. Dies ist beispielsweise bei manchen Medikamenten gegen Epilepsie oder Krebs der Fall.

Wer sich also an einem sonnigen Tag ein T-Shirt anzieht, bevor er sich auf den Weg zum Regal mit den Nahrungsergänzungsmitteln macht, kann meist direkt vor dem Laden wieder kehrtmachen. Und vielleicht einen Abstecher zum Seniorenheim machen, um gemeinsam mit Oma oder Opa an der frischen Luft spazieren zu gehen.

Korrektur: Die Liste der Risikogruppen wurde nachträglich um den letzten Punkt ergänzt. Anmerkung der Redaktion: Ein Zitat wurde im Text nachträglich entfernt, nachdem wir darauf aufmerksam gemacht wurden, dass der Zitatgeber eher zweifelhafte Expertise besitzt. Wir bitten, das zu entschuldigen.

Titelbild: Daoudi Aissa - CC0

von Chris Vielhaus 

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

Themen:  Glaube   Gesundheit   Essen  

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