Diese 3 Projekte aus Berlin zeigen, wie alternatives Wohnen aussehen kann

Wie behaupten sich Bewohner einer Stadt, die vom Geld der Investoren abhängig ist? Eine Radtour durch 3 gallische Dörfer, die Widerstand leisten.

Reportage - 28. August 2019  10 Minuten

Es fällt nicht ganz leicht, den Ausführungen von Michael LaFond zu folgen. Der Mann mit den grauen Haaren und der Hornbrille spricht leise. Immer wieder wird seine Stimme von den Bässen vorbeifahrender Ausflugsboote verschluckt, dazu kommt das Quietschen der Züge und S-Bahnen, die gefühlt im Minutentakt über eine nahegelegene Brücke rauschen.

»Hier drüben entsteht der Waldgarten!« Michael LaFond zeigt auf einen kleinen Grünstreifen vor hochgewachsenen Betonfassaden. Kräuter, Gemüse und Obstbäume wachsen hier, direkt an der Spree in Berlin-Mitte. Auf dem Grundstück am Ufer entstand vor rund 10 Jahren die Genossenschaft Spreefeld, wo der gebürtige US-Amerikaner seit 5 Jahren lebt und arbeitet. In 65 Wohneinheiten wohnen hier 125 Menschen, die sich »sozial, ökologisch und demokratisch« organisieren, wie Michael LaFond sagt.

Die Genossenschaft Spreefeld an der Köpenicker Straße ist eine von 3 Stationen auf einer Radtour zum Thema »Zukunftsfähiges Wohnen«. Organisiert hat sie der Verein Hier geht es zur Website von »FairBindung e.V.« FairBindung im Rahmen der Hier findest du mehr Informationen zur Wandelwoche 2019 Berliner Wandelwoche 2019.

Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Für immer mehr Menschen lautet die Antwort: selbst organisiert und gemeinschaftlich! (…) Wie kann zukunftsfähiges Wohnen in der Stadt in einer Postwachstumsgesellschaft aussehen? Wie zugänglich sind diese experimentellen Wohnformen und welche Chancen hat alternatives Wohnen in Berlin im Angesicht der aktuell immer weiter steigenden Mietpreise? – Aus der Veranstaltungsankündigung für die Radtour »Zukunftsfähig wohnen in Berlin«

Julius Neu von FairBindung ist heute der Tourguide. Auch seine Stimme hat es schwer, sich gegenüber dem Umgebungslärm zu behaupten. »Wohnen müssen wir alle«, sagt er. Solltest du wirklich auf das Fliegen verzichten? Lies hier ein Pro & Contra von Juliane Metzker und Katharina Ehmann Auf Flüge und Fleisch könne man vielleicht verzichten, auf Wohnen nicht. »Deshalb sollte es eigentlich ein Grundrecht sein, stattdessen regelt es der Markt.«

Michael LaFond (links) ist Teil der Genossenschaft »Spreefeld«. Julius Neu (rechts) vom Verein »FairBindung« hat die Radtour zu alternativen Wohnprojekten in Berlin organisiert. – Quelle: Katharina Wiegmann copyright

Und der funktioniert nach dem Prinzip Angebot und Nachfrage. Fakten zu Urbanisierung und Landflucht (2018) 77% der Bundesbürgerinnen und -bürger leben in Städten oder angrenzenden Ballungsräumen. In vielen von ihnen ist der Wohnraum knapp, 10-Jahresvergleich des Immobilienportals »immowelt.de« (2018) die Mietpreise sind in den letzten 10 Jahren regelrecht explodiert.

Die Szene am Spreeufer ist eine Miniatur der Auseinandersetzungen und Konflikte, die (nicht nur) in Berlin mit immer härteren Bandagen ausgetragen werden. Dabei geht es vor allem um eine Frage: Wem gehört die Stadt? Den Investoren, die in den vergangenen Jahrzehnten Geld für Grundstücke in bester Innenstadtlage ausgegeben haben? Oder den Bürgerinnen und Bürgern, die nun mal alle irgendwo wohnen müssen – und ohne die es das kreative, coole Berlin ja auch gar nicht gäbe, von dem die Investoren profitieren wollen.

»Sozial, ökologisch und demokratisch« – wohnen im »Spreefeld«

Das Wohnprojekt Spreefeld war vor 10 Jahren auch ein Versuch, Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, die sich damals schon deutlich abzeichneten.

Seit den frühen 2000er-Jahren polarisiert das Mega-Projekt Mediaspree die Berliner Stadtgesellschaft. Nach der Wende waren die öffentlichen Kassen leer, Informative Multimedia-Reportage über die Entwicklungen am ehemaligen Berliner Mauerstreifen, produziert vom »Goethe-Institut« gleichzeitig gab es mit dem ehemaligen Mauerstreifen am Spreeufer jede Menge Brachflächen, die sich zu Geld machen ließen. Insbesondere Kommunikations- und Medienunternehmen sollten sich am Flussufer zwischen Jannowitz- und Elsenbrücke ansiedeln. Heute stehen hier Office-Lofts, Hotels und Einkaufszentren. Manche in aufgemotzten historischen Gebäuden, andere in neu errichteten Bürotürmen aus Glas und Beton. Im Jahr 2008 wurde die heutige Mercedes-Benz-Arena eröffnet, eine Mehrzweckhalle mit Platz für bis zu 17.000 Menschen.

Wie so oft bei der Planung von Großbauprojekten fühlten sich viele Anwohnerinnen und Anwohner außen vor gelassen. Den Neubauten mussten alternative Kulturprojekte weichen, die sich seit dem Mauerfall am ehemaligen Todesstreifen angesiedelt hatten. Bürgerinitiativen wie Mediaspree versenken Die Initiative »Mediaspree versenken« gründete sich vor 10 Jahren als Protest gegen das Mega-Projekt »Mediaspree«, das die Bebauung des Berliner Spreeufers mit Büro- und Hochhauskomplexen vorsah. Die Bürgerinitiative forderte vor allem eine demokratische Mitbestimmung bei der Stadtplanung sowie die Erhaltung von Freiräumen an der Spree. Obwohl der Bürgerentscheid im Juli 2008 zu ihren Gunsten ausging, blieben ihre Forderungen bislang unerfüllt. Mehr Informationen zur Initiative findest du auf ihrer Webseite. warnten zudem vor Verdrängung, Gentrifizierung, Der Begriff »Gentrifizierung« wird verwendet, um die Veränderungsprozesse in (häufig innerstädtischen) Wohnvierteln zu kritisieren: Er beschreibt die Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte durch wohlhabendere Mieter, was häufig zu steigenden Mietpreisen und einem Strukturwandel im ganzen Viertel führt. steigenden Mieten und Preisen in den Kiezen, zum Beispiel in Restaurants und Cafés.

Vor diesem Hintergrund betrachtet ist es ein kleines Wunder, dass ein Projekt wie das Spreefeld in den letzten 10 Jahren überhaupt entstehen konnte. Das Grundstück entdeckten die Genossinnen und Genossen mehr oder weniger zufällig, erzählt Michael LaFond. Der Bund wollte es verkaufen, Genauer gesagt die »Bundesanstalt für Immobilienaufgaben«. mit Unterstützung der Umweltbank konnten die 3 achtgeschossigen Wohnhäuser selbst geplant, finanziert und gebaut werden.

Kurzportrait der Baugruppe »Spreefeld« für die Ausstellung »Zusammen Wohnen« im Deutschen Architektur Museum Frankfurt von Jule Cramer und Tassilo Letzel (2015)

Zwischen den Häusern fühlt es sich wie eine eigene kleine, fast dörfliche Welt an.

Wer sich das Spreefeld ansehen will, kann einfach in den öffentlich zugänglichen Garten und an das Spreeufer spazieren. Im Erdgeschoss der Häuser sind Büro- und Veranstaltungsräume, in einem von ihnen bereitet eine Gruppe der Klima-Aktivisten von Extinction Rebellion gerade ein Treffen vor.

Innerhalb der Häuser gibt es Wohnungen für verschiedene Lebenssituationen. Im Spreefeld leben Singles, Paare und Familien unterschiedlichen Alters in eigenen Wohnungen mit geteilten Gemeinschaftsbereichen. Michael LaFond selbst wohnt in einer Art WG mit 23 Menschen. Sie haben sich damals für das Modell einer Genossenschaft entschieden, »weil wir kein Privateigentum wollten«. Und so funktioniert genossenschaftliches Wohnen: Der Wohnraum gehört der Genossenschaft, die sich aus Mitgliedern zusammensetzt, die durch den Kauf von Anteilen Miteigentümer geworden sind. Genossenschaften sind demokratisch organisiert, geleitet werden sie von einem Vorstand. Die Mieten sind häufig vergleichsweise günstig. Mehr Informationen findest du hier. Die Genossenschaftler sind also nicht direkt Eigentümer ihrer Wohnungen, sondern Miteigentümer des Gesamtprojekts Spreefeld, von dem sie wiederum den Wohnraum mieten.


Blick auf das Spreeufer. Das Gebäude auf der rechten Seite gehört zur Genossenschaft Spreefeld.

Die Nachbarn auf der anderen Spreeseite: Der Club Kater Blau gehört zum Holzmarkt, der heute ebenfalls Teil der Tour ist.

Begrünte Balkone am Spreefeld. Die Häuser produzieren mittels Solar und Fotovoltaik eigene Energie.

Ein Projekt wie das Spreefeld wäre heute angesichts der explodierenden Grundstückspreise eigentlich nicht mehr möglich, meint Michael LaFond mit einem etwas resignierten Lächeln auf Nachfrage von Tourguide Julius Neu – »jedenfalls nicht ohne Förderungen und Unterstützung von der Stadt«. Hier gibt es Informationen zur Genossenschaftsförderung durch das Land Berlin Das alles komme zwar langsam, es seien aber doch nur wenige Projekte im Jahr, die davon profitierten.

Eine Initiative, die sich mehr Unterstützung von der Stadt wünscht, stattdessen aber über Millionenbeträge mit den Behörden im Clinch liegt, will auf der anderen Spreeseite neue Wohnwege gehen.

Wir radeln über die Michaelbrücke, rüber zum Holzmarkt.

Vom Club zum Kreativdorf zur Zukunft des Wohnens? Der »Holzmarkt« und der Kampf um das »Eckwerk«

Hier geht es zur »Holzmarkt«-Website Der Holzmarkt sieht sich selbst als kreatives und alternatives Dorf mitten in der Stadt. Auf dem Gelände stand in den Jahren 2003–2010 der Technoclub Trailer zur Dokumentation »Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit« (2012) Bar 25, der viel mit dem zu tun hat, was Berlin als Standortfaktor noch heute ausmacht: das Versprechen von grenzenlosem Hedonismus, Freiheit und Feierkultur. Es zieht Touristen an, Lies hier, was »Overtourism« mit Europas Städten macht – und was jetzt noch helfen kann die mit Billig-Airlines für ein Wochenende in die Stadt jetten – und ironischerweise auch eben jene Investoren, gegenüber denen sich die Macherinnen und Macher dieser Kultur dann behaupten müssen.

»Wenn man in New York über Berlin spricht, dann spricht man nicht über die Staatsoper. Die Leute reden über das Nachtleben, über ›Berghain‹ und über uns.« – ›Bar 25‹-Mitbetreiber und ›Holzmarkt‹-Vorstand Juval Dieziger im Interview mit »jetzt.de« im Mai 2009

Die Bar 25 ist längst Geschichte, seit Mai 2017 ist der Holzmarkt quasi der erwachsen gewordene Nachfolger. Hier gibt es neben einem Club und dem Restaurant unter anderem eine Kita, eine Patisserie, eine Musikschule und einen Wochenmarkt. Doch die Genossenschaft hinter dem Holzmarkt wollte mehr: zukunftsfähigen Wohnraum in Berlin schaffen. Deshalb stehen wir heute hier.

An diesem sonnigen Nachmittag im August ist die Stimmung entspannt auf dem weitläufigen Gelände am Fluss. Mit den bunt zusammengewürfelten Skulpturen, Sitzgelegenheiten und einem zirkuszeltartigen Baldachin erinnert das Ganze ein wenig an einen Jahrmarkt. Touristen trinken hier ihr Bier auf Holzbänken, Kinder toben vor den bunt bemalten Gebäuden und schließlich baut sich vor unserer Gruppe ein Mitarbeiter mit weißem T-Shirt, dunkler Cap und Sonnenbrille auf. Im 20-minütigen Schnelldurchlauf prescht er mit uns durch Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Projekts, Auf der Website des rbb kannst du nachlesen, worum es geht außerdem durch die Details zum laufenden Rechtsstreit mit der Stadt. Es geht darum, was der Holzmarkt in den letzten Jahren alles für die Stadt geleistet hat, um Unterkünfte und Jobs für Geflüchtete, erschwingliche Ateliers für Künstler, um die rund 200 Arbeitsplätze, die dort geschaffen wurden.

Ein »Holzmarkt«-Mitarbeiter stellt das Projekt »Eckwerk« vor. – Quelle: Katharina Wiegmann

Und es geht um das Eckwerk. Auf einem Areal neben dem heutigen Holzmarkt-Gelände sollte ein modernes Gebäude-Ensemble mit veränderbaren Grundrissen entstehen. Hier erfährst du mehr über das »Eckwerk« In der Projektbeschreibung ist die Rede von Begegnungen zwischen »Studenten und Start-up-Teams, zwischen Handwerkern und Philosophen, Unternehmern und Besuchern«. Eine »produktive Mischung aus progressivem Technologiezentrum und inspirierendem Lebensraum« stellten sich die Holzmarkt-Betreiber vor. Auf dem Dach sollten Fische und Gemüse gezüchtet werden, Treppen bewachsenen Gebirgswanderwegen gleichen, alles grün, alles nachhaltig.

Wollten die Holzmarkt-Macher, die wie ihre Nachbarn von der anderen Spreeseite als Genossenschaft organisiert sind, zu viel? Jedenfalls gab es Probleme mit dem Bebauungsplan und schließlich einen Konflikt mit der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft und dem zuständigen Baustadtrat. Derzeit liegt das Projekt auf Eis, die Fronten scheinen verhärtet.

Der Holzmarkt-Guide eilt genauso schnell davon, wie er mit uns die Projektmappe zum Eckwerk durchgeblättert hat. Er mache dasselbe jetzt noch einmal für eine internationale Gruppe, ruft er uns noch zu. Es entsteht der Eindruck: Hier sind Profis am Werk, die einerseits keine Lust haben, sich den Verhältnissen einfach so zu ergeben – die andererseits aber ganz genau verstanden haben, wie das kapitalistische Spiel und die Verwertungslogik funktionieren.

Im »Haus Dampf« am »Holzmarkt« sind unter anderem eine Musikschule, eine Patisserie und eine Weinhandlung untergebracht. Wohnungen sollten auf dem Nachbargrundstück entstehen. – Quelle: Katharina Wiegmann

Auch der Holzmarkt war eine Antwort auf die Mediaspree und den großen Ausverkauf der Stadt um den ehemaligen Mauerstreifen. Wer sich in all die Kämpfe einliest, die in den vergangenen Jahren hier zwischen Kapital und Kiezbewohnern ausgefochten wurden, dem kann schnell mal die Luft wegbleiben, insbesondere nach einem atemlosen Vortrag wie diesem.

Gut, dass die letzte Station unserer Tour eine kleine Oase ist, die sich jeglicher Verwertungslogik beharrlich entzieht.

Eine Zeitreise zurück in die 90er-Jahre: Die »Wagenburg Lohmühle«

Auf dem Grundstück der Auf der Website der »Wagenburg Lohmühle« erfährst du mehr über die Gemeinschaft Wagenburg Lohmühle herrscht eine Ruhe, die man nicht nur in diesem Teil Berlins sonst lange suchen muss. Unter Pfirsich- und Pflaumenbäumen, zwischen Hagebuttensträuchern und kunstvoll bemalten und gezimmerten Wohnwagen in Regenbogenfarben streichen eine schwarze Katze und zwei Hunde umher. Bilder sollen wir hier bitte keine machen, wir stehen schließlich quasi im Wohnzimmer der knapp 20 Menschen, die hier ein bisschen wie auf einem Campingplatz wohnen – ohne fließendes Wasser, mit gerade so viel aus Solarpanels gewonnenem Strom, dass es für Licht und die Musikanlage bei Veranstaltungen reicht. Auf Nachfrage wird klar: Es reicht auch für den Betrieb eines Laptops. Getränke werden im selbst gebauten Erdbaukeller gekühlt.

Veranstaltungsbereich der »Wagenburg Lohmühle« direkt am Mauerweg. Das Plakat kündigt das Sommerfest der Gemeinschaft Mitte August an, die Kulturveranstaltungen auf dem Gelände stehen allen Interessierten offen. – Quelle: Katharina Wiegmann

Auch die Wagenburg steht auf dem ehemaligen Mauerstreifen. Im Jahr 1991 besetzte eine Mischung aus Punks, Hippies und Aussteigern das Areal, für das sich direkt nach der Wende niemand interessierte. Das änderte sich natürlich mit den Jahren. Nach einer chaotischen Anfangszeit mit ungehindertem Zuzug, Drogenexzessen und Lärm, in der »wenig Rücksicht auf die umliegende Bevölkerung genommen wurde«, wie einer der Bewohner erzählt, gab sich die Gemeinschaft ein paar Regeln: keine harten Drogen, keine Vermüllung, keine Ruhestörung. Dann klappte es auch mit den Nachbarn, die die Wagenburg mit den Jahren auch als Veranstaltungs- und Kulturort schätzen lernten. Seit den 2000er-Jahren läuft alles in rechtlich geregelten Bahnen, die Wagenburg-Bewohner haben einen Verein gegründet, der das Gelände pachtet. Bis Mitte 2021 läuft der Vertrag, wie es danach weitergeht, ist ungewiss.

Heute wohnen hier Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Jeden Montag ist Plenum, eine Regel, mit wie vielen Stunden man sich in das gemeinsame Projekt Wagenburg einbringen muss, gibt es nicht. Ein Bewohner der ersten Stunde führt uns herum und sagt nachdenklich: »Meine Generation hatte mehr Zeit. Eigentlich ist es erstaunlich, dass die jungen Leute das mit ihrer Belastung hier so gut stemmen.« Er schätzt die Entschleunigung, zu der ihn das Leben in der Wagenburg zwingt, wo man sich gut überlegen muss, wie viel Wasser man wofür aufwendet. Aber auch die Kreativität, die in dieser Wohnform freigesetzt wird, und Lies hier, wie eine Wirtschaft jenseits von Markt und Staat funktionieren kann »was außerhalb des normalen Wirtschaftskreislaufs für Möglichkeiten entstehen« .

Teilnehmende der Radtour im Rahmen der Wandelwoche im Gespräch mit einem Wagenburg-Bewohner der ersten Stunde (rechts) – Quelle: Katharina Wiegmann

Warum Druck von unten so wichtig ist

Unabhängigkeit von Der »Tagesspiegel« veröffentlichte vor Kurzem Comicreportagen zum Mietenwahnsinn in Berlin (PDF) Mietenwahnsinn und Märkten, das Schaffen von Begegnungsorten der Stadtgesellschaft und Räumen für Kultur – auf diesen gemeinsamen Nenner könnte man unterschiedliche Orte wie das Spreefeld, den Holzmarkt und die Wagenburg Lohmühle bringen. Sie sind wie Dörfer in der großen Stadt, schaffen Nähe und ein Gemeinschaftsgefühl, wo oft Anonymität und Einzelkämpfertum vorherrschen. Es gibt sie in allen Städten, man muss sie nur finden. Nach der Tour ist klar, dass all das Beharrlichkeit, Improvisationsgeschick und Kampfeslust erfordert, manchmal auch einfach Geld, Beziehungen und Geschick.

Aber wie sieht sie denn nun aus, die Zukunft des selbstbestimmten Wohnens? Nachdenklich steht unsere Gruppe im Veranstaltungsbereich der Wagenburg zusammen.

Im grünen Innenhof der Genossenschaft Spreefeld war ein Teilnehmer der Radtour mit vehementem Optimismus dazwischengefahren, als Michael LaFond über die explodierenden Preise und schrumpfende Möglichkeitsräume für ähnliche Projekte sinniert hatte. »Das kann doch nicht sein! Wir wählen doch hier mehrheitlich Parteien, die sich gegen den Mietenwahnsinn positionieren!« Und schließlich gäbe es ja noch den Druck von unten.

Der ist in Berlin tatsächlich stärker ausgeprägt als in anderen Städten. Dass hier noch keine Verhältnisse wie in Paris oder London herrschen, ist wohl auch diesem kritischen Aktivismus zu verdanken. Ein gutes Beispiel dafür ist die Hier geht es zur Website der Initiative Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen , die heute eigentlich auch bei der Tour dabei sein sollte. Sie fordert, dass private Wohnungsgesellschaften, die mehr als 3.000 Wohnungen besitzen, enteignet und ihre Bestände in Gemeineigentum überführt werden. Die Vertreter der Initiative sagten kurzfristig ab – weil andernorts eine wichtige Kundgebung anstand. Der Druck lässt erst mal nicht nach.

Titelbild: Katharina Wiegmann - copyright

von Katharina Wiegmann 

Katharina interessiert sich dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist. Bei Perspective Daily schreibt sie über Menschen und Ideen, die den Status quo herausfordern. Katharina hat Politikwissenschaft und Philosophie in München und Prag studiert, inklusive kurzer Ausflüge in die Soziologie und Geschichtswissenschaft.

Themen:  Urbanes Leben   Deutschland  

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