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Wie du jetzt deine psychische Gesundheit am besten schützen kannst

Für viele Menschen wird die Pandemie zunehmend zur Belastung. 6 Dinge, die du jetzt tun kannst, um nicht in eine Krise zu geraten.

5. November 2020  14 Minuten

Seit fast einem Jahr leben wir mit dem Coronavirus. Wir wissen immer mehr über die gesundheitlichen Auswirkungen der Covid-19-Erkrankung, über die Symptome und die chronischen Folgen. Hier informiert das Robert Koch-Institut über die Covid-19-Fallzahlen Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich in Deutschland bis heute nachweislich infiziert. Von den Folgen der Pandemie betroffen sind noch viel mehr. Es wird immer stärker sichtbar, wie belastend die Situation für uns Menschen ist.

In Deutschland gelten seit Anfang November neue Einschränkungen. Die Beschränkungen sind nicht so tiefgreifend wie zu Beginn der Pandemie. Schulen und Kitas sind beispielsweise weiter geöffnet, sofern dort keine Infektionen auftreten. Doch Restaurants, Kneipen und Hotels bleiben in diesem Monat geschlossen, Freizeitangebote und Kulturveranstaltungen sind untersagt. Auch von Feiern und privaten Treffen mit Personen aus mehr als einem anderen Haushalt sollen wir alle in den nächsten Wochen absehen. Das soll die Neuinfektionen so begrenzen, dass die Gesundheitsämter nachverfolgen können, wer sich wo angesteckt hat. Nach Monaten des Verzichts schwört uns die Bundesregierung auf eine weitere Phase der Pandemie ein – und viele sind sich darin einig, dass es eine lange und düstere Phase wird. »Wir müssen Kontakte reduzieren, wo immer es nötig ist. Das bedeutet natürlich 4 Wochen Verzicht auf vieles, was das Leben schön macht – und das wissen wir«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht in der Bundespressekonferenz über die neuen Einschränkungen Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Woche in der Bundespressekonferenz. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht sogar von »Monaten der Einschränkungen und des Verzichts« und schließt Hier findest du das ZDF-Interview mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn weitere Lockdowns nicht aus.

Psycholog:innen warnen, dass der zweite Lockdown für viele von uns noch belastender sein könnte.

Die Regeln sind zwar nötig, In diesem Text erklären Lara Malberger und Han Langeslag, warum die Coronamaßnahmen nicht übertrieben sind damit unser Gesundheitssystem nicht an seine Belastungsgrenzen stößt. Doch sie haben Folgen. Denn darauf zu verzichten, was das Leben lebenswert macht, kann ernste Konsequenzen haben. Seit Beginn der Pandemie haben psychische Belastungen deutlich zugenommen. Hier findest du die Pressemitteilung der KKH zum Krankenstand der Versicherten (2020) Eine Erhebung der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) hat gezeigt, dass die Zahl der Krankmeldungen wegen psychischer Erkrankungen im ersten Halbjahr um 80% gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen ist.

Nun warnen Psycholog:innen, dass der zweite Lockdown für viele von uns noch belastender werden könnte als die Beschränkungen im Frühjahr. »Es kommt zu einer Art Ermüdungserscheinung. Wir hatten das alles schon einmal – und jetzt müssen wir es erneut aushalten«, erklärt Leonhard Schilbach. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hat Hier findest du die Anleitung, um während des Lockdowns psychisch gesund zu bleiben im März gemeinsam mit seiner Kollegin, der Psychotherapeutin Marie Bartholomäus, eine Anleitung veröffentlicht, die Menschen dabei helfen soll, psychisch gesund durch die Pandemie zu kommen.

Auch wenn die Beschränkungen tief in unser Leben eingreifen, sind wir der Situation nicht hilflos ausgeliefert. In diesem Text zeigen wir dir die 6 größten Herausforderungen, die unserer Psyche in den nächsten Wochen besonders zusetzen können – und 6 Strategien, wie wir besser damit zurechtkommen.

Viel Tageslicht und regelmäßige Bewegung können Depressionen vorbeugen. – Quelle: Timotheus Frobel CC0

1. Herausforderung: Der Winter macht es unserer Psyche sowieso schon schwer

Die Lösung: Licht in die Sache bringen und den Winterblues abschütteln

Im Sommer war es leichter, sich coronakonform zu verhalten und trotzdem aktiv zu sein. Jetzt hält uns schlechtes Wetter immer häufiger davon ab rauszugehen – dabei wäre genau das jetzt für unser Wohlbefinden wichtig.

Die dunkle Jahreszeit ist auch ohne Pandemie für viele von uns ein Problem. Wie du deinen Winterblues überwinden kannst, liest du hier Das fehlende Licht kann antriebslos und müde machen. Das ist ein Stück weit natürlich, denn wir Menschen folgen nicht nur einem Tages-, sondern auch einem Mehr über die innere Uhr erfährst du in diesem Text von Katharina Lüth und Maren Urner Jahresrhythmus – das spiegelt sich auch in unserem Hormonhaushalt wider und sorgt dafür, dass wir im Winter weniger aktiv sind. Fällt kein Licht mehr auf die Netzhaut unseres Auges, gibt unser Körper ein Signal an die Zirbeldrüse in unserem Zwischenhirn. Diese schüttet dann Melatonin aus. Bei uns Menschen sorgt das Hormon dafür, dass wir müde werden. Je länger die Nächte, desto mehr Melatonin produziert unser Körper – ein Signal dafür, dass wir mehr schlafen sollten. Zeitgleich gelangt weniger Serotonin in unseren Kreislauf – ein Hormon, das stimmungsaufhellend wirkt.

Winterdepression

In der aktuellen Version des ICD 10 ist die Winterdepression als saisonale Depression zu finden. Sie zeichnet sich durch wiederholte depressive Episoden aus. Wie andere Formen der Depression zählt sie zu den affektiven Störungen, ist aber ein eigenes Krankheitsbild. Betroffene fühlen sich antriebslos und ohne Hoffnung auf Besserung. Wer sich nicht sicher ist, ob er sich in einer depressiven Episode befindet, und allein mit der Situation nicht zurechtkommt, sollte sich unbedingt professionelle Hilfe suchen.

Künstliches Licht sorgt zudem dafür, dass unser natürlicher Schlaf- und Wachrhythmus durcheinandergerät: Wir stehen meist auf, wenn es draußen noch dunkel ist, und schlafen auch nicht ein, wenn die Sonne untergegangen ist. Dadurch schlafen wir unterm Strich meist zu wenig.

Das fehlende Licht, zu wenig Schlaf, aber auch die nachdenkliche Stimmung in den dunkleren Monaten können zu einem echten Problem werden und sich bei manchen Menschen zu einer saisonalen Depression auswachsen. Gerade in der Pandemie können sich Gedanken wie Hoffnungslosigkeit, aber auch Ängste noch einmal deutlich stärker bemerkbar machen.

Hoffen, dass die Situation bald vorbei ist, ist momentan leider keine Option – doch es gibt einige Möglichkeiten, um der schlechten Stimmung hin und wieder zu entkommen.

Raus an die frische Luft und Tageslicht tanken.

Ein geeigneter Weg, um einem Problem entgegenzuwirken, das durch Dunkelheit begünstigt wird, ist das Tageslicht. Denn Lampen in Innenräumen können uns nicht so viel Licht liefern, wie es die Sonne selbst an grauen, verregneten Tagen tut. Das günstigste und erfolgversprechendste Mittel gegen müde Wintertage: So oft wie möglich raus an die frische Luft! Zum Beispiel in der Mittagspause oder auf dem Weg zur Arbeit. Wer aktuell im Homeoffice arbeitet, sollte schon vor Arbeitsbeginn nach draußen gehen oder bewusst Pausen einlegen, bevor es dunkel wird. Wer es nicht schafft, nach draußen zu kommen, dem können Tageslichtlampen helfen. Sie sind ein bewährtes Mittel zur Behandlung der Winterdepression. Die Lampen mit 5.000–10.000 Lux sind heller als herkömmliche Leuchten und simulieren das Sonnenlicht – allerdings ohne die schädlichen UV-Anteile. Im Zweifel sollte der Einsatz einer solchen Lampe mit dem Hausarzt oder der Hausärztin besprochen werden. Manche Krankenversicherungen übernehmen die Kosten für eine Lampe, wenn eine saisonale Depression vorliegt.

Wer sich an der frischen Luft bewegt, tut sich nicht nur mit Luft und Licht einen Gefallen, sondern auch durch die Bewegung selbst. Wieso Bewegung so gesund ist, schreibt Maren Urner hier Denn körperliche Aktivität hat nachweislich enorm positive Auswirkungen auf Körper und Geist.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht Bewegung als wichtigen Bestandteil körperlicher und geistiger Gesundheit. Ein Grund dafür liegt im Gehirn: Bewegen wir uns, führt das zu einer erhöhten Produktion von Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin, die auch als Glückshormone bekannt sind und bei verschiedenen psychischen Erkrankungen deutlich absinken. In einer Übersichtsarbeit zum Zusammenhang von Bewegung und psychischer Gesundheit schreibt die WHO, dass Bewegung in allen Altersklassen vor Depressionen schützen kann. In diesem Review fasst die WHO zusammen, wie sich Bewegung auf unsere mentale Gesundheit auswirkt (englisch, 2020) Bereits 60 Minuten körperliche Aktivität pro Woche reichen demnach aus, um 12% der Neuerkrankungen an Depressionen zu verhindern.

Was besonders gut hilft, ist dabei hochindividuell – herausfinden muss es jede:r letztendlich selbst. Wissen wir, was uns guttut, tut sich allerdings ein zweites Problem auf: Wie schaffen wir all das umzusetzen, besonders wenn die Tage an Struktur verlieren?

2. Herausforderung: Es fehlt Struktur, das schlägt aufs Gemüt

Die Lösung: Den grauen Tagen mit einem Plan für schöne Momente einen Strich durch die Rechnung machen

Wenn vieles davon, was unserem Alltag bisher Ordnung gegeben hat, von jetzt auf gleich wegfällt, tut sich plötzlich eine Leere auf. Verabredungen, Hobbys, Reisen, Veranstaltungen – all das fällt weg. Auch die Arbeit verlagert sich für viele Menschen wieder zunehmend ins Homeoffice. Das Leben wird ärmer und einseitiger.

Doch es gibt Wege, darauf zu reagieren. Anstatt Dinge zu tun, die schlechte Gefühle hervorrufen – etwa den ganzen Tag allein zu Hause zu verbringen –, kommt es jetzt darauf an, das eigene Verhalten anzupassen. Dann haben Gefühle wie Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit keine Chance, den Alltag zu dominieren.

Verhaltensaktivierung ist heute das Ziel vieler psychotherapeutischer Behandlungen. Menschen, die in einer depressiven Episode stecken, erleben die eigene Situation häufig als ausweglos. Sie haben keine Freude mehr an ihren Tätigkeiten, vermeiden den Kontakt zu anderen und ziehen sich immer weiter zurück. Dies führt häufig dazu, dass Betroffene irgendwann auch den Kontakt zu ihrer eigenen Gefühlswelt verlieren. Sie erstarren innerlich und äußerlich geradezu, werden sich selbst fremd. In dieser Starre gehen dann auch feste Abläufe und Routinen verloren, die dem Alltag Ordnung geben.

Das beginnt schon damit, dass es kaum noch aussichtsreich erscheint, früh aufzustehen, wenn die Arbeit ohnehin im Homeoffice stattfindet. Doch länger im Bett zu liegen bringt oft keine zusätzliche Erholung, sondern kann depressive Symptome noch verschlimmern, Hier findest du eine Pressemitteilung des Forschungszentrums Depression über die Schlafstudie (2020) wie eine neue Studie des Forschungszentrums Depression zeigt. Daher kann es sinnvoll sein, die eigenen Schlafgewohnheiten zu ändern, damit es zu den schlechten Gefühlen gar nicht erst kommt. Die Alltagsgestaltung beginnt also nicht erst mit dem Aufstehen.

Leonhard Schilbach ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am LVR-Klinikum Düsseldorf. Als Professor lehrt er unter anderem an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Wissenschaftlich beschäftige er sich damit, wie soziale Interaktionen die seelische Gesundheit beeinflussen – zum Beispiel am Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Bildquelle: Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Feste Strukturen zu schaffen hat sich als ein wirksames Mittel in der Verhaltenstherapie etabliert. Der Psychiater Leonhard Schilbach rät daher, das auch jetzt zu versuchen. Besonders wichtig sei es, einen Ausgleich zwischen anstrengenden und entspannenden Tätigkeiten zu finden und das in den eigenen Alltag zu integrieren. »Es kann helfen, sich zunächst eine Liste mit Dingen zu erstellen, die einem guttun. Zum Beispiel Gespräche mit Freunden zu führen, ein Buch zu lesen oder eine Runde mit dem Fahrrad zu fahren.« Auch bewusstes Essen kann eine Strategie sein: »Konzentrieren wir uns beim Essen auf das Hier und Jetzt, auf die schönen Dinge, die wir uns zum Essen zubereiten, kann das eine positive Wirkung haben«, sagt Schilbach.

Was uns hilft, ist also ganz individuell – und manche Menschen müssen vielleicht erst herausfinden, was ihnen in solchen Zeiten guttut. »In der klassischen Verhaltenstherapie erstellen wir mit Patienten eine Art Stundenplan, in dem alle Tätigkeiten eingetragen werden«, erklärt Schilbach. Der Plan müsse dabei nicht minutiös durchgetaktet sein. Wichtig sei, darüber nachzudenken, was helfen kann.

Das funktioniere auch präventiv: »Wir müssen nicht erst damit anfangen, wenn es zu spät ist und wir uns schlecht fühlen«, betont der Psychiater. Steht der Plan, sollten wir ihn regelmäßig reflektieren: Was funktioniert und was nicht?

Listen mit Dingen, die einem guttun, können in belastenden Situationen hilfreich sein. – Quelle: Green Chameleon CC0

3. Herausforderung: Wir müssen unsere sozialen Kontakte einschränken – das gefährdet unsere seelische Gesundheit

Die Lösung: Physisch distanziert bleiben, sich dafür aber umso stärker verbinden

Wie wir es schaffen, mit Freunden und Familien vernetzt zu bleiben und gleichzeitig physisch Abstand zu halten, haben wir schon im ersten Lockdown geübt. Dieses Wissen kann uns jetzt dabei helfen, die wichtigste Komponente für unsere seelische Gesundheit zu stärken: unsere sozialen Beziehungen.

»Wie gut jemand mit der Krise zurechtkommt, hängt maßgeblich davon ab, ob wir uns auf unser soziales Netz verlassen können«, sagt Leonhard Schilbach. »Erste Studien zeigen, dass Menschen mit einem guten sozialen Netzwerk sich als besonders Wie Resilienz uns hilft, gesund zu bleiben, schreibt Niklas Bub hier resilient und widerstandsfähig wahrnehmen.«

Wer weniger Kontakte hat, bei dem sei das genau umgekehrt. Der Psychiater rät daher dazu, auch an andere zu denken und soziale Unterstützung anzubieten. Das nützt auch uns selbst: »Anderen zu helfen kann die eigene seelische Gesundheit positiv beeinflussen. Das ist ein Punkt, den man gar nicht überbewerten kann«, sagt Schilbach.

Zu telefonieren, Videotreffen zu veranstalten oder Kontakt zu Menschen aufzunehmen, mit denen wir länger keinen hatten – all das kann dabei helfen, uns bewusst zu machen, dass wir nicht allein sind. »Es hilft auch, sich an schöne gemeinsame Momente zu erinnern, die wir in der Vergangenheit erlebt haben«, rät Schilbach. Fotos, Videos oder Tagebucheinträge können dabei helfen, die Erinnerung aufzufrischen.

Manchmal genügen auch schon die kleinen Begegnungen im Alltag, um unsere Stimmung zu heben. Ein freundlicher Gruß auf der Straße, ein Smalltalk in der Nachbarschaft – all das ist jetzt besonders wichtig.

4. Herausforderung: Gedanken drehen sich um die immer gleichen Sorgen

Die Lösung: Negative Gedanken akzeptieren, sinnlose Grübeleien gezielt stoppen

Das Coronavirus bestimmt unseren Alltag nun schon seit Monaten – umso wichtiger ist es, auch mal abzuschalten. Ein Warnzeichen dafür, dass wir in Grübelspiralen geraten, die uns nicht weiterbringen: Wir denken über die immer gleichen Sorgen nach statt über mögliche Lösungen für ein Problem.

Wie du Grübelspiralen noch entkommen kannst, erklärt Katharina Ehmann in diesem Text Die eigenen Gedanken zu beobachten kann dabei helfen, schädliche Gedankenkreise zu entlarven. Wer feststellt, dass sich das Grübeln negativ auf die eigene Stimmung auswirkt, statt Probleme zu lösen, kann versuchen, die Gedanken zu stoppen, etwa durch ein lautes »Stopp!«.

Außerdem kann es helfen, feste Orte und Zeitpunkte für sich selbst zum Grübeln zu vereinbaren. Ein weiterer Trick: Was passiert, wenn du 2 Wochen auf Nachrichten verzichtest? Stefan Boes hat es ausprobiert Nicht zu häufig die Nachrichten checken und besonders Wieso Medienhygiene so wichtig ist und wie du die Kontrolle über deinen Konsum zurückbekommst, erklärt Maren Urner hier vor dem Einschlafen das Smartphone auch mal aus der Hand legen.

Negative Gefühle zu akzeptieren ist nicht leicht – kann aber helfen

Auch wenn dieser Text dir dabei helfen soll, positiv mit der Situation umzugehen, ist eine Erkenntnis wichtig: Es ist okay, sich auch mal nicht so gut zu fühlen. Die derzeitige Situation ist schwierig und genau darauf machen uns negative Gedanken aufmerksam – sie haben also einen Zweck. Ohne sie würden wir nicht einmal merken, dass wir uns in einer Ausnahmesituation befinden. »Wir sollten uns eine Genehmigung für diese Gefühle geben. Manchen hilft es, sich einen kleinen Zettel mit dieser Botschaft aufzuhängen, um sich daran zu erinnern«, rät Schilbach.

Außerdem sei es wichtig, auch offen über seine Gefühle zu sprechen. »Ich muss nicht immer nur tolle Geschichten erzählen, es ist genauso okay zu teilen, dass es mir nicht gut geht«, sagt der Psychiater und Psychotherapeut. Warum der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft größer ist, als du denkst, schreibt Stefan Boes hier Stellen wir fest, dass es anderen genauso geht wie uns, kann das sogar die Verbundenheit untereinander stärken – und das wiederum kann sich positiv auf unser Wohlbefinden auswirken.

Wenn negative Gefühle jedoch den ganzen Tag bestimmen und uns handlungsunfähig machen, können wir zunächst selbst dagegen angehen. Eine wichtige Erkenntnis auf diesem Weg: Es gibt Dinge, die wir tun können. Aktivitäten, Gedanken und Verhaltensweisen können dazu führen, dass wir uns wieder besser fühlen. Wie Selbstwirksamkeit uns hilft, nicht aufzugeben, schreibt Katharina Ehmann hier Das Gefühl, dass wir der Situation nicht ohnmächtig ausgeliefert sind, macht es uns möglich, gesund durch die Krise zu kommen.

Gemeinsam Spazieren oder Laufen zu gehen, ist weiterhin möglich. Trotzdem sollten wir auch andere Wege finden, mit anderen in Kontakt zu bleiben. – Quelle: Greg Rosenke CC0

5. Herausforderung: Viele Menschen denken, ihre Probleme seien belanglos. Das ist falsch und gefährlich!

Die Lösung: Hilfe suchen, statt die Zähne zusammenzubeißen

So wichtig es ist, auch negative Gefühle zu akzeptieren, so wichtig ist es zu erkennen, wann diese Emotionen das eigene Leben so sehr bestimmen, dass professionelle Hilfe nötig ist. Sich das einzugestehen fällt vielleicht gerade jetzt besonders schwer. Denn wir wissen, dass viele Menschen schwer unter einer Covid-19-Erkrankung leiden. Andere kämpfen mit den wirtschaftlichen Folgen – oder kommen zu Hause nur schwer zurecht, weil die Wohnverhältnisse alles andere als komfortabel sind.

Im Vergleich dazu können die eigenen Probleme unbedeutend erscheinen, doch das sind sie nicht. Der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli betont, dass wir uns selbst nicht gerecht werden, wenn wir glauben, anderen gehe es ja noch schlechter. »Der kleine Schmerz ist nicht harmlos, nur weil es noch einen stärkeren gibt.«

Hier findest du das Interview mit dem Stressforscher Mazda Adli Mit Mazda Adli haben wir im August ein Interview geführt, als sich die psychischen Folgen der Pandemie bereits deutlich abzeichneten. »Wir sehen aktuell einen hohen Bedarf an psychiatrischer und psychotherapeutischer Hilfe, Tendenz steigend«, sagte Adli im Sommer. Damals begannen die Infektionszahlen langsam wieder zu steigen, die Einschränkungen des Alltags waren zu der Zeit vergleichsweise gering.

Wo unsere Schmerzgrenze liegt, ist sehr individuell. Ich erlebe genauso Menschen, die in erhebliche wirtschaftliche Nöte geraten, das aber relativ gelassen wegstecken. Das hängt auch von der emotionalen und psychischen Widerstandskraft ab. Und die ist wiederum von vielen Lebensumständen und Persönlichkeitseigenschaften abhängig. Aber das eine gegen das andere aufzurechnen geht nicht. Nicht in der Medizin, und in der Psychotherapie schon gar nicht. – Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin

Wer das Gefühl hat, von der Situation überwältigt zu werden, und keine Perspektive sieht, sollte sich daher professionelle Hilfe suchen. Niemand muss die Zähne zusammenbeißen, auch das ist wichtig. Allerdings macht die Pandemie es nicht unbedingt leichter, psychologische Hilfe zu suchen. »Manche Patienten haben Angst, das Haus zu verlassen und Termine wahrzunehmen«, sagt Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) ist die Arbeitsgemeinschaft der 12 Landeskammern der Psychologischen Psychotherapeut:innen und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen. Sie ist keine Körperschaft des öffentlichen Rechts, sondern eine Interessenvertretung für rund 52.000 angestellte und niedergelassene Psychotherapeut:innen in Deutschland. die die Interessen der Psychotherapeut:innen in Deutschland vertritt.

Doch die Therapeut:innen haben aus der ersten Welle gelernt, viele bieten mittlerweile Videosprechstunden an. »Es hat sich gezeigt, dass Videotherapien funktionieren können und viele Psychotherapeuten sehr offen dafür sind«, sagt Munz. Auch bei den Patient:innen werden solche Möglichkeiten bekannter.

Was jetzt passieren muss, damit alle schnell die psychologische Hilfe bekommen, die sie brauchen, schreibt Lara Malberger hier Doch es gibt auch noch einige Probleme, wofür es Lösungen braucht. Zum einen sei die Internetverbindung nicht überall gut genug, um eine störungsfreie Sitzung abzuhalten. »Es gibt zudem Menschen, für die eine Videobehandlung nicht infrage kommt, weil sie nicht die nötigen Voraussetzungen dafür haben, wie Computer oder Internet«, sagt Munz. Gerade ältere und sozial benachteiligte Patient:innen seien davon betroffen.

»Für diese Menschen ist es wichtig, andere Möglichkeiten zu schaffen, etwa Gespräche per Telefon«, sagt Munz. Aktuell ist es nicht erlaubt, bisher unbekannte Patient:innen telefonisch zu betreuen. Laut Munz müsste sich das zumindest während der Pandemie ändern.

Seit der ersten Welle gebe es allerdings auch einige positive Entwicklungen: »Die meisten Praxen haben sich auf die besondere Situation eingestellt und Hygienekonzepte entwickelt. Es ist alles viel routinierter und nahezu alle bleiben weiterhin geöffnet.« Zudem haben sich mittlerweile einige Angebote entwickelt, die speziell auf die Krise abgestimmt sind – beispielsweise eine Hotline für Pflegepersonal.

Eine Liste mit Hilfsangeboten findest du hier:

6. Herausforderung: Es scheint kein Ende in Sicht

Die Lösung: Erkennen, dass es so nicht bleiben wird

In den kommenden Wochen kommt es für uns alle darauf an, diese Zeit irgendwie durchzustehen. Niemand weiß, wann das alles vorübergeht. Doch was wir ganz sicher wissen: Irgendwann ist es vorbei – und wir werden wieder die Dinge tun können, die wir gerade so schmerzlich vermissen.

Hoffnung auf eine bessere Zeit zu entwickeln fällt Menschen dann besonders schwer, wenn sie bereits in einer depressiven Episode stecken. Die Zeit erscheint dann wie eine Zeit ohne Zukunft, müde und leer. Umso wichtiger ist es für die Betroffenen, auch in diesen Zeiten professionelle Hilfe zu suchen. Das bedeutet, den eigenen Zustand erst einmal ernst zu nehmen.

Hier findest du einen Selbsttest und weitere Informationen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe rund um das Thema Depression.

Die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, die wir hier vorgestellt haben, sind oft einfach umzusetzen – und wirken schnell. Profitieren können alle davon – auch die, die momentan besser durch den Alltag kommen. Untersuchungen zeigen, dass das Belastungsempfinden in allen Altersgruppen derzeit steigt. Laut dem aktuellen COVID-19 Snapshot-Monitoring (COSMO), Hinter der Abkürzung COSMO verbirgt sich ein wissenschaftliches Gemeinschaftsprojekt mehrerer Forschungseinrichtungen, das die Wahrnehmungen und Einstellungen der deutschen Bevölkerung rund um die Coronapandemie untersucht. Die Daten der Umfragen werden dabei in einem wöchentlichen bzw. 2-wöchentlichen Rhythmus erhoben, veröffentlicht und diskutiert. Alle Rohdaten, die noch nicht ausgewertet wurden, können im Sinne der Open Science bei den Forscher:innen angefragt und für eigene Forschungszwecke genutzt werden. das die psychologische Lage in der Bevölkerung seit Beginn der Pandemie nachzeichnet, fühlen sich in allen Altersgruppen unter 65 Jahren mehr als 50% der Befragten belastet. In der Gruppe derjenigen über 65 sind es 38%.

Doch zu erkennen, dass man dieser Situation nicht hilflos ausgeliefert ist, dass es auf gegenseitige Unterstützung ankommt und die Perspektive auf ein angenehmeres Leben da ist, trägt dazu bei, dass wir trotz allem gut durch diese Zeit kommen können.

Nicht für alle Menschen ist es einfach, das umzusetzen, was jetzt vielleicht am besten hilft: den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen. In einem weiteren Text möchten wir uns deshalb damit beschäftigen, wie es Menschen geht, die sich jetzt manchmal einsam fühlen. Was bedeutet es eigentlich, einsam zu sein, und wie können wir mit diesem Zustand am besten umgehen? Diese Recherche beginnen wir jetzt und dafür möchten wir gerne mit euch ins Gespräch kommen.

Wenn du Erfahrungen mit Einsamkeit hast, egal ob positive oder negative, und bereit bist, mit uns darüber zu sprechen, wie du damit umgehst, freuen wir uns über deine Nachricht. Schreibe uns eine E-Mail an: lara@perspective-daily.de oder stefan@perspective-daily.de

Titelbild: Jakob Owens - CC0

von Lara Malberger 
Das Netz ist voller Tipps und Ratschläge – und Menschen, die damit ihre Probleme lösen wollen. Doch meistens gibt es nicht »die« eine richtige Lösung. Aber was ist sinnvoll? Und was kann weg? Um so nah wie möglich an eine Antwort heranzukommen, hat Lara Wissenschaftsjournalismus mit Schwerpunkt Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und Digital Journalism in Hamburg studiert.

von Stefan Boes 
Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.
Themen:  Psychologie   Gesundheit   Gesellschaft  

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