PD Daily 

Ist das 1,5-Grad-Ziel ohne Technikwunder noch zu erreichen?

Die meisten Klimaszenarien bauen auf Technologien, von denen wir nicht wissen, ob es sie jemals geben wird. Wie das Schlimmste dennoch zu verhindern wäre, zeigt eine neue Studie.

15. Dezember 2020  5 Minuten

Ist es überhaupt noch realistisch, dass wir unter 1,5 Grad Celsius Erderwärmung bleiben? Darüber streiten sich aktuell Klimabewegung und Klimapolitik. 2018 hieß es in einem Hier kannst du dir den Sonderbericht von 2018 herunterladen (englisch)Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) noch, dass das 1,5-Grad-Ziel machbar sei. Die 91 Wissenschaftler:innen, die den Bericht verfasst haben, machten außerdem deutlich, dass jedes 1/10-Grad Erhitzung zähle, um negative Folgen des Klimawandels gering zu halten.

Sie modellierten zahlreiche Pfade, auf denen sich die Emissionen von Treibhausgasen so reduzieren ließen, dass die Erde sich wahrscheinlich nicht langfristig um mehr als 1,5 Grad Celsius erhitzen würde. Was die meisten dieser sogenannten Emissionspfade gemein haben: Sie gehen einerseits davon aus, dass die Wirtschaft überall weiterwächst, was das Erreichen der Ziele stark erschwert. Gleichzeitig gehen sie davon aus, dass es in Zukunft technologisch möglich sein wird, CO2 aus der Atmosphäre zurückzuholen und zu speichern. Das wiederum ist heute technisch noch nicht möglich, und ob es in Zukunft möglich sein wird, ist ungewiss.

Linda Schneider, Referentin für internationale Klimapolitik in der Heinrich-Böll-Stiftung, sieht das kritisch:

Keine dieser Technologien existiert, Anmerkung der Redaktion: Es gibt heute bereits Technologien, um CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen. Sie sind allerdings viel zu teuer und ineffizient, um der Atmosphäre auch nur ansatzweise CO2 in einer Größenordnung zu entziehen, wie es in den Szenarien des IPCC vorgesehen ist. es ist völlig unklar, ob sie effektiv CO2 aus der Luft entfernen werden, und hinzu kommen noch eine Menge sozialer und ökologischer Risiken. – Linda Schneider, Heinrich-Böll-Stiftung

Gemeinsam mit 4 Autor:innen verschiedener wissenschaftlicher Institute hat sie daher ein weiteres Szenario skizziert, das die bisherigen Emissionspfade des IPCC ergänzen soll: Das Hier kannst du dir die ganze Studie herunterladen (englisch)Societal Transformation Scenario (STS) setzt darauf, dass im Zuge einer sozial-ökologischen Transformation Produktion und Konsum stark zurückgehen. Dadurch werde die Wirtschaft höchst wahrscheinlich schrumpfen, was die Autor:innen in Kauf nehmen. So könne das 1,5-Grad-Ziel auch ohne Geoengineering-Technologien erreicht werden. Und ohne Atomkraft.

Die Einschnitte betreffen den Globalen Norden

Doch wie genau soll das gehen? Zunächst ist wichtig zu betonen, dass die Studie zwar ein globales Szenario skizziert, die großen Einschnitte in Produktion und Konsum jedoch ausschließlich für den Globalen Norden Der Begriff Globaler Norden beschreibt Länder, die im globalen Vergleich eine privilegierte Position einnehmen und Vorteile genießen. Länder des Globalen Südens hingegen sind politisch, ökonomisch und gesellschaftlich benachteiligt – oft aufgrund von Kolonialismus und Ausbeutung. Norden und Süden sind dabei keine rein geographischen Kategorien: So gehört der Großteil der Bevölkerung Australiens wie Deutschland zum Globalen Norden. vorsieht. Wie Umweltrassismus und Klimakrise zusammenhängen, erklärt Juliane Metzker in diesem ArtikelVon der Annahme ausgehend, dass die Länder des Globalen Norden weitgehend für die historischen Emissionen verantwortlich sind, sei dies nur gerecht. Außerdem gehen viele Wissenschaftler:innen davon aus, dass die Wirtschaft im Globalen Norden längst auf einem Niveau liege, das ein Leben in Wohlstand für alle Menschen in diesen Ländern ermögliche. Für die Länder des Globalen Südens geht die Studie hingegen von einem Zuwachs an Produktion und Konsum aus.

Doch nun zu den konkreten Punkten, die das Szenario für uns im Globalen Norden vorschlägt. Die Studie konzentriert sich auf 3 energieintensive Bereiche: Transport, Wohnen und Ernährung. Die einzelnen Vorschläge sind erst mal nicht überraschend: weniger Individualverkehr, kleinere Wohnflächen, Wie das Menü zur Weltrettung aussehen könnte, beschreibt Maren Urner in diesem Artikelweniger Fleischkonsum.

In Deutschland und den anderen Ländern des Globalen Nordens müsste der Fleischkonsum laut der Studie innerhalb der nächsten 10 Jahre um 60% zurückgehen, um mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar zu sein.

Wie kommen die Autor:innen zu dem Schluss, dass dies machbar sei?

»Ernährung ist natürlich ein touchy topic«, weiß Co-Autorin Linda Schneider, also ein empfindliches Thema. »Allerdings ist das Level des Fleischkonsums momentan wirklich jenseits von gesund. Wir haben uns mit unserem Reduktionsvorschlag an den Richtlinien einer gesunden Ernährung der WHO orientiert.«

Im Societal Transformation Scenario geht es jedoch nicht nur um individuelle Verhaltensänderungen. Die Autor:innen betonen, dass diese allein nicht ausreichen würden, und schlagen deshalb in allen Bereichen politische Begleitmaßnahmen vor. Diese Maßnahmen bleiben in der Studie recht oberflächlich, es ist etwa von »Internalisierung aller externen Kosten bei der Fleischproduktion« die Rede. Das begründen die Autor:innen damit, dass die politischen Maßnahmen ihrer Meinung nach in einem inklusiven demokratischen Prozess ausdiskutiert werden müssten.

Ohne gesamtgesellschaftliche Transformation wird das nichts

Was das Fliegen betrifft, so sieht das Szenario vor, dass Hier diskutieren Juliane Metzker und Katharina Ehmann, ob sie persönlich auf Flugreisen verzichten könntenMenschen aus dem Globalen Norden ab 2050 nur noch einmal alle 3 Jahre fliegen sollten. Das sei ungerecht, könnte man argumentieren. Schließlich gibt es auch innerhalb des Globalen Nordens immer noch Menschen, die bisher kaum geflogen sind, während andere nahezu täglich in den Flieger steigen. »Das Problem entsteht, weil wir in der Studie statistische Mittelwerte verwenden«, sagt Linda Schneider. »Es muss aber in allen Bereichen auch darum gehen, die Werte gerechter zu verteilen.« Felix Austen über die Länder mit dem größten Ausstoß von CO2Tatsächlich sieht das Szenario eine radikale Umverteilung von Reichtum und Arbeit vor.

»Unser Wunsch ist, dass das Szenario eine Debatte darüber anregt, wie viel mehr potenzielle Zukünfte wir haben.« – Linda Schneider, Co-Autorin

Auf den letzten 10 Seiten der Veröffentlichung skizzieren die Autor:innen noch mal ihre »Vorstellung von Morgen«, und es wird deutlich: Das Szenario ist nur umsetzbar, wenn sich die gesamte Gesellschaft auf große Veränderungen in der Art des Wirtschaftens und Zusammenlebens einlässt. Den Gedanken, dass das alles ganz schön unrealistisch sei, nehmen die Autor:innen vorweg: »Die Veränderungen, die wir annehmen, mögen in Bezug auf ihre Richtung, ihr Tempo und ihre Skalierung unrealistisch erscheinen. Doch die Katastrophe, die sich vor unser aller Augen ausbreitet, macht es umso wichtiger zu betonen, dass die von uns vorgesehenen Veränderungen technisch möglich sind – während für Szenarien, die auf die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Emissionen oder auf Technologien ›negativer Emissionen‹ setzen, bereits jetzt Unsicherheiten und Grenzen des Machbaren festgestellt wurden.«

Wer mehr über das Societal Transformation Scenario erfahren möchte, kann sich am heutigen Dienstag ab 15 Uhr Hier wird die Veranstaltung ab 15 Uhr übertragen (englisch)auf Youtube die Übertragung einer Diskussionsveranstaltung anschauen, bei der die Studie vorgestellt wird.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailys:

Titelbild: Daria Nepriakhina - CC0

von Leonie Sontheimer 
Leonie Sontheimer sammelte bereits als 12-Jährige Unterschriften gegen Walfang. Während ihres Studiums der Philosophie und Biologie kam sie vom Umweltschutz zur Postwachstumsbewegegung. Als Journalistin schreibt sie über die beiden wichtigsten Transformationen unserer Zeit: die digitale und die sozial-ökologische. Das Handwerk dazu hat sie an der Deutschen Journalistenschule in München gelernt.

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