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Weltrettung ist ein Frauending. Wie wir das nutzen – und ändern!

Ob Greta Thunberg, Ursula von der Leyen oder meine Freundinnen: Wohin ich auch schaue, sind es Frauen, die den Klimaschutz vorantreiben. Das ist kein Zufall. Die Klimakrise ist auch eine Männlichkeitskrise.

7. April 2021 –  9 Minuten

Wo ich auch hinschaue in meinem Bekannten- und Freund:innenkreis: Überall sind es die Frauen, die in der Familie als Erste vegan geworden sind oder auf einmal angefangen haben, das Thema »Unverpackt einkaufen« auf den Tisch zu bringen – und den Rest der Familie mitziehen (oder noch mit Widerständen kämpfen).

Dieses Bild setzt sich im Internet fort: Der nachhaltige Online-Aktivismus ist in weiblicher Hand. Männer, die über nachhaltiges Leben, faire Mode und Klimaprotest posten, sind die Ausnahme. Auch die Klimademonstrationen sind in vielen Ländern weiblich geprägt – sowohl mit Blick auf die Teilnehmer:innen als auch was die mediale Berichterstattung anbelangt. Vor allem (junge) Frauen und Mädchen zieren die Titelblätter, Aktivistinnen stehen sichtbar in der ersten Reihe.

Diese Beobachtung macht auch Hier geht es zur Website der Parteidie neue Klimapartei radikal:klima. Entgegen den Erwartungen (normalerweise sind bei politischen Angelegenheiten fast nur weiße Männer in den vorderen Reihen zu finden) ist die Beteiligung von Frauen über alle Ebenen hinweg ungewöhnlich hoch, im Vorstand sitzen doppelt so viele weibliche wie männliche Mitglieder.

Weltrettung ist ein Frauending, so sieht es jedenfalls auch auf der großen politischen Bühne aus: Angela Merkel wird als »Klimakanzlerin« betitelt (über die Angemessenheit des Begriffs ist zu diskutieren), Ursula von der Leyen hat als Präsidentin der Europäischen Kommission Felix Austen stellt 3 Modelle für einen Green New Deal vorden Green New Deal auf den Weg gebracht, Juliane Metzker und Katharina Wiegmann prüfen, was am Hype um Neuseeland dran istJacinda Ardern in Neuseeland betreibt vorbildliche Klimapolitik, Alexandria Ocasio-Cortez gilt in den USA sowohl als soziale wie klimapolitische Hoffnungsträgerin. Auf der ganzen Welt wird der Klimaprotest von Fridays for Future von Aktivistinnen angeführt.

Sind das gute Nachrichten? Teils, teils. Mehr Präsenz in der Öffentlichkeit, höhere politische Ämter sowie größere gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten sind ohne Zweifel begrüßenswerte Entwicklungen. Die Frage ist, wie nachhaltig diese Einflussmöglichkeiten sind – und welchem Zweck sie dienen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch »Great Green Thinking« von Jennifer Hauwehde und Milena Zwerenz. Sie treffen Vorreiter:innen des umweltbewussten Lebens und fragen, was passieren muss, damit nachhaltiger Wandel stattfindet. Mit Essays von Ciani-Sophia Hoeder (Gründerin RosaMag), Anti-Rassismus-Aktivistin Berfîn Marx und Perspective-Daily-Autor Chris Vielhaus. Ab sofort beim Verlag &Töchter bestellbar.

Bildquelle: &Töchter

Die Töchter sollen ihre kranke Mutter retten

In vielen Religionen und Mythen gibt es Muttergottheiten, welche die Welt und alles darauf befindliche Leben geboren und manchmal sogar unter dem Einsatz ihres eigenen Lebens für dessen Erhalt gekämpft haben. Die Erde wird in spiritueller Anlehnung an diese religiösen Ursprünge auch heute oft als Mutterfigur imaginiert: Die Plakate auf den Klimademos, auf denen ich unterwegs bin, rufen mir verlässlich »Save Mother Earth« oder »Save Gaia« entgegen.

Die kurze Spitzenkarriere der ehemaligen SPD-Chefin Andrea Nahles illustriert den Effekt der »Gläsernen Klippe« (glass cliff) Der Begriff »Glass cliff« (englisch für »Gläserne Klippe«) beschreibt das Phänomen, dass es wahrscheinlicher ist, dass Frauen in Abschwung- oder Krisenzeiten, wenn die Chance zu scheitern am größten ist, Führungspositionen in Organisationen übernehmen. Eine These ist, dass Frauen auch wenig aussichtsreiche Posten annehmen, da sie aufgrund struktureller Diskriminierung seltener die Möglichkeit dazu haben. Der Begriff ist eine Metapher dafür, dass Frauen, wenn sie einmal die »gläserne Decke« durchbrochen haben, oft ohne Unterstützung dastehen. Beispiele sind etwa die ehemalige britische Premierministerin Theresa May oder die ehemalige Vorsitzende der SPD Andrea Nahles. sehr gut: Lies dazu den Kommentar von Christina Waechter auf jetzt.de (2017)Wenn der Karren richtig tief im Dreck steckt, darf eine Frau ran, um ihn wieder herauszuziehen. Das wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht schaffen: Nahles’ Scheitern nach wenigen Monaten war nicht nur vorhersehbar, meinen Kritiker:innen, sondern vorprogrammiert. Frauen, so die Wissenschaftler:innen Michelle Ryan und Alex Haslam, die den Begriff glass cliff prägten, werden vor allem mit mütterlichen und empathischen Fähigkeiten assoziiert – idealen Eigenschaften, um konfliktreiche Situationen zu managen. »When people ›think crisis‹, they do ›think female‹.« Ryan und Haslam gehen noch einen Schritt weiter und vermuten, dass Frauen vor allem dann in Führungspositionen befördert werden, wenn etablierte männliche Kollegen nicht weiterwissen und sich ein öffentliches Scheitern ersparen möchten.

Der Verdacht liegt nahe, dass dieses Prinzip gerade in seinem größten Umfang eingesetzt wird: Der Karren unserer Spezies steckt so tief im Dreck wie nie zuvor, das traditionell vor allem von Cis-Männern Cis-Männer sind Menschen, die körperliche Geschlechtsmerkmale wie Hoden und Penis aufweisen und sich selbst als Mann bezeichnen. Sie identifizieren sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Der Begriff Cis-Gender (»cis« ist Latein für »diesseits«) verweist also auf die Geschlechtsidentität und nicht auf die sexuelle Orientierung. Er bekräftigt die analytische Unterscheidung zwischen biologischem (englisch »sex«) und sozialem Geschlecht (englisch »gender«). Bei Cis-Männern stimmen das biologische und das soziale Geschlecht überein. Im Kontrast dazu stehen Transgender-Personen (»trans« ist Latein für »jenseitig«), bei denen das soziale nicht dem biologischen Geschlecht entspricht. Der Begriff hinterfragt das Alltagsverständnis von »Normalität«, um nicht nur »Abweichungen« zu benennen. erdachte und etablierte System aus Kapitalismus und Patriarchat ächzt an allen Ecken und Kanten, und die Welt ruft nach (im doppelten Wortsinn) nachhaltigen Alternativen. »Auch das Kümmern um die Erde wird häufig als Care-Arbeit angesehen«, Lies dazu »Wirtschaften Frauen nachhaltiger als Männer?« in der Süddeutschen Zeitung (2020)meint Clara Mayer, eine Umweltaktivistin von Fridays for Future.

Wir sind die Töchter, die ihre kranke Mutter retten sollen. Freiwillig und unter- oder unbezahlt, versteht sich. So war das schließlich schon immer. Das menschliche Leben funktioniert nicht Judith Braun über die Rolle von Mental Load als Hindernis für mehr Gleichberechtigungohne Sorgearbeit – die Zukunft eines menschenfreundlichen Planeten ebenfalls nicht. Es ist die logische Konsequenz, systemrelevantes Kümmern wieder zum Job der Frauen zu machen.

Nachhaltiger Buchdruck

Das Buch, aus dem dieser Ausschnitt stammt, ist nach dem Cradle-to-Cradle-Druckverfahren produziert. Das Prinzip steht für klimapositives Wirtschaften, bei dem alle Produkte ohne Abfall und schädliche Substanzen in den ökologischen Kreislauf zurückgeführt werden können. Mehr dazu erfährst du in diesem Interview von Felix Austen.

Daher ist nicht nur der Anteil der sich als weiblich identifizierenden Aktivist:innen fürs Klima hoch – Frauen leben im Schnitt generell nachhaltiger als Männer: Sie ernähren sich häufiger vegetarisch, kaufen »verantwortungsbewusst« ein und legen die meisten Strecken zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Untersuchung zum Eco-Gender-Gap in Großbritannien (englisch, 2018)Bisweilen wird von einem »eco gender gap« gesprochen.

Das passiert aber nicht deshalb, weil Frauen per se die besseren Menschen sind – sondern weil ihnen anerzogen wird, Lies dazu »Are Women really more compassionate« in Psychology Today (englisch, 2013)Empathie und Rücksicht zu zeigen und dies bei anderen wertzuschätzen. Im Umkehrschluss werden vorbildliche, sorgende und mütterliche Verhaltensweisen von ihnen erwartet. Oft bleibt ihnen außer der nachhaltigsten auch keine Wahl (weil der Mann als »Ernährer« das Familienauto nimmt, um zur Arbeit zu fahren). Das Umweltbundesamt beschreibt die aktuelle Situation Hier geht es zum Bericht des Bundesumweltamtes (2019)in Bezug auf Nachhaltigkeitsfragen in Deutschland als »in hohem Maße gendersensibel«.

Auf der anderen Seite sind Frauen den Klimaveränderungen stärker ausgesetzt als Männer:

Die wichtigen Positionen, die klimapolitische Entscheidungen außerhalb der eigenen 4 Wände erlauben, besetzen trotzdem nach wie vor Cis-Hetero-Männer: Sie sitzen wirtschaftlich wie politisch überwiegend an den längeren Hebeln. Auch von der Öffentlichkeit werden sie eher als die Experten für nachhaltige Entwicklung wahrgenommen – als biodynamische Landwirte, Förster, Energiebeauftragte, Wissenschaftler. Frauen sind in erster Linie dafür da, sich zu kümmern, die Botschaft in der Gemeinschaft weiterzutragen, ein Vorbild für andere zu sein: in PR-Abteilungen, im Haushalt, im Bekanntenkreis.

Wenn es um Klima-Aktivismus und Umweltschutz geht, stehen oft Frauen in der ersten Reihe. – Quelle: Brianna Santellan CC0

Das Bewahrende und Fürsorgliche, was Frauen als natürliche Eigenschaften zugeschrieben wird, wird somit gegen den ausbeuterischen Kapitalismus gestellt, den das Patriarchat hervorgebracht hat: Rohstoffhunger und Verschwendung gegen Pflege und liebevolles Mitdenken von Natur und Mitwelt. Das blendet natürlich aus, dass kapitalistische Verwertungslogiken vor niemandem haltmachen und es genügend Frauen gibt, die an der Zerstörung des Planeten hocherfreut mitverdienen – so wie es genügend Männer gibt, die alles versuchen, um genau das aufzuhalten.

Warum unbezahlte Sorgearbeit schlecht für das Klima ist

Wir drehen uns im Kreis, und eine Kernfrage, mit der wir uns also auch beschäftigen müssen, wenn wir die Welt retten wollen, ist unsere Vorstellung von Gender: Was ist männlich, was ist weiblich und was gibt es eigentlich außerhalb davon? Wie kommen wir dahin, dass Veganismus und der Kampf für die Utopie nicht mehr als »verweichlicht« und »träumerisch-naiv« gelten? Und das Steak nicht mehr als toxisch-männliche Trotzreaktion gegen die zunehmenden Angriffe auf das Patriarchat hochgehalten wird? Mehr dazu im Bericht »Gendergerechtigkeit als Beitrag zu einer erfolgreichen Klimapolitik« des Bundesumweltamtes (2018)Die Klimakrise ist auch eine Krise der traditionellen Männlichkeit.

Die Privatisierung von Nachhaltigkeit wird uns den Antworten auf diese Fragen nicht näherbringen. Was wir stattdessen brauchen, ist die »Vergemeinschaftung von sozialer und ökologischer Sorgeverantwortung«, wie Daniela Gottschlich von der Leuphana Universität Lüneburg Hier geht es zum Papier »Nachhaltiges Wirtschaften im Spannungsfeld von Gender, Care und Green Economy« (2014, PDF)in einem Hintergrundpapier zum Thema Care und nachhaltiges Wirtschaften schreibt: »eine politische Kultur, die kooperative und partizipative Werte schätzt«. Sind solche Rahmenbedingungen vorhanden, ist es durchaus wahrscheinlich, dass relevante politische Ämter von Frauen und nichtbinären Personen übernommen werden, wie das Beispiel von radikal:klima zeigt: Die neue Klimapartei zeichnet sich unter anderem durch umfassende Care-Strukturen und flache Hierarchien aus.

Lies hier das Interview »Ist Nachhaltigkeit frauenfeindlich?« (2020)Die Ökonomin Marcella Corsi von der Universität La Sapienza in Rom meint:

Unbezahlte Pflege- und Hausarbeit – überwiegend von Frauen geleistet – schreibt nicht nur die Geschlechterungleichheit fort, sie ist auch eine kostenlose Subvention, die das Wirtschaftswachstum und damit den Ressourcenverbrauch in reichen Ländern weiter antreibt. Zudem fördert sie eine Konsumkultur, die, wie weithin anerkannt, die biophysikalischen Grenzen der Erde inzwischen überschreiten lässt.

Wenn wir wirklichen Wandel wollen, müssen wir diejenigen fair entlohnen, die unsere Gesellschaft eigentlich an ihrem Fundament zusammenhalten: So wie die Ausbeutung insbesondere von Frauen gerade dazu führt, ein für alle schädliches System am Leben zu erhalten, kann die monetäre wie gesellschaftliche Aufwertung von Care-Arbeit dazu beitragen, Pflege und Sorge zu einem tragenden Sektor einer grüneren Welt – und nebenbei attraktiv für alle Geschlechter – zu machen. Sieh dir hier den gleichnamigen Vortrag auf Youtube an (englisch)Care Work is Climate Work. (»Sorgearbeit ist Klimaarbeit.«)

Wenn Klimaschutzentscheidungen am Ende doch wieder von alten weißen Männern in Machtpositionen getroffen werden, besteht nicht nur die Gefahr, dass sich wenig bis gar nichts vorwärtsbewegt – immerhin profitieren sie am meisten von der aktuellen Situation und haben daher ein großes Interesse daran, dass im Wesentlichen alles so bleibt, wie es ist. Das, was sich bewegt, berücksichtigt höchstwahrscheinlich nicht die Perspektiven von Frauen, LGBTQIA+ und anderen marginalisierten Gruppen, die sich ganz anders in der Gesellschaft orientieren – und dementsprechend von der cis-männlichen Norm abweichende Bedürfnisse haben. Wenn wir Gesetze zum Klimaschutz entwerfen, müssen wir uns fragen: Nimmt die Arbeitsbelastung im Haushalt zu? Wird die Mobilität von bestimmten Personengruppen eingeschränkt? Ist die Sicherheit im öffentlichen Raum für alle Beteiligten gewährleistet (wenn man nachts beispielsweise Straßenbeleuchtungen abschaltet, um Strom zu sparen)?

Aus dieser Perspektive ist es gut und wichtig, dass der Frauenanteil auf den Klimademos so hoch ist – aber nicht ausreichend. Wir brauchen auch diversere Stadtplaner:innen, Architekt:innen, Politiker:innen – Schlüsselfiguren mit der Macht, sehr konkret Dinge zu verändern. Unsere Antworten auf die Klimakrise dürfen nicht geschlechterblind (gender-blind) sein. Das bedeutet auch, die Kategorie Gender nicht automatisch mit »Frauen« gleichzusetzen und damit das Mann-Frau-Schema zu reproduzieren, sondern sich immer wieder klarzumachen: Gender ist ein soziales Konstrukt, das mit sich überschneidenden Machtbeziehungen aufgeladen ist.

Nicht alle Frauen in dieser Gesellschaft (und auf der Welt) sind gleich, nicht alle Menschen sind entweder Mann oder Frau. Wir können (und müssen) Konstrukte neu denken. Wenn gleich viele Frauen wie Männer in Entscheidungspositionen sitzen, ändert sich nicht zwingend etwas – diese Menschen müssen auch ein Bewusstsein für die Verflechtungen von Klima und Gender mitbringen. Dieses Wissen muss erlernt werden.

Titelbild: Milena Zwerenz - copyright

von Jenni Hauwehde 
Jenni ist bei Perspective Daily eigentlich für den Instagram-Kanal zuständig, schreibt aber auch ziemlich viel – zum Beispiel in ihrem Buch »Great Green Thinking«, auf ihrem Blog »Mehr als Grünzeug« und auf Instagram. Dabei interessieren sie vor allem die Macht der Worte und Schnittstellen zwischen Nachhaltigkeit, Feminismus und sozialer Gerechtigkeit. Und die Frage: Was können wir alle konkret für die bessere Welt von morgen tun?
Themen:  Gerechtigkeit   Nachhaltigkeit   Klima  

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