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Ausgerechnet der Staat zeigt, wie wir die Papierwende schaffen

Nur 15% des Druckerpapiers in Deutschland sind recycelt. Im Arbeitsministerium sind es 100%. Auch die ersten DAX-Unternehmen arbeiten an der Papierwende, zeigt unsere Recherche.

2. März 2018  14 Minuten

Sagen wir einmal, du druckst diesen Artikel aus, um ihn auf Papier zu lesen. Noch gemütlicher wird es, wenn du dazu eine Kanne Kaffee aufsetzt. Während das Wasser kocht, schaue einmal nach, ob in deinem Drucker recyceltes oder neues Papier liegt. Warum das einen Unterschied macht? 10 Blatt Recyclingpapier sparen bei der Herstellung so viel Energie ein, dass du davon gleich 2 Kannen Kaffee kochen könntest. Wenn du es genau wissen willst: Die Herstellung von 10 Blatt A4-Druckerpapier aus frischem Zellstoff braucht 0,535 Kilowattstunden Energie – bei Zellstoff aus Altpapier sind es 0,209 Kilowattstunden. Frisches Papier braucht außerdem 2,6 statt einem Liter Wasser und knapp 150 Gramm Holz statt 56 Gramm Altpapier. Nachhaltigkeitsrechner der Initiative Pro Recyclingpapier Das für den Kaffee benötigte Wasser spart die Recyclingpapier-Fabrik ebenfalls ein.

250 Kilogramm – so viel Papier verbraucht der Durchschnitts-Deutsche im Jahr Papierkompass des Verbands Deutscher Papierfabriken (2017) Die deutsche Papierindustrie hat 2016 fast 3 Millionen Tonnen Druck- und Schreibpapiere hergestellt. Der größte Teil davon landet bei Unternehmen und Verwaltungen – deshalb haben wir dort eine Umfrage durchgeführt, wie viel und welches Papier sie verbrauchen.

Das Ergebnis zeigt: Es gibt 2 Lager. Während die einen noch kilometerhohe Türme aus frischem Papier bedrucken, haben die anderen schon gezeigt, dass ein nachhaltiger Kulturwandel möglich ist – und sich sogar finanziell lohnen kann.

Das gibt es über Papier zu wissen

200 Jahre Recycling-Tradition

Die Filterkaffeemaschine, wie sie in den meisten Büros steht, wurde Die »Neckarquelle« zum 60. Geburtstag des Wigomats (2014) 1954 erfunden Der Villinger Unternehmer Gottlob Widmann verewigte sogar seine Initialen in seiner Erfindung: Er taufte die erste moderne Filterkaffeemaschine auf den Namen »Wigomat«. – und ist damit satte 180 Jahre jünger als das älteste Recyclingpapier. Bereits 1774 rückte der Braunschweiger Jurist Justus Claproth der Druckerschwärze mit Terpentinöl und Wascherde Wascherde ist ein Naturprodukt, das auch in vielen Öko-Shampoos enthalten ist. Sie besteht aus gemahlen Tonmineralien. Eine spezielle Wascherde ist die Lavaerde (von lat.: lavare – waschen; nicht etwa von vulkanischer Lava), die seit dem achten Jahrhundert in Marokko abgebaut wird und schon im Mittelalter von Karawanen im ganzen Sahara-Raum verbreitet wurde. zu Leibe. Seit seiner Schrift mit dem umständlichen Namen Justus Claproths Schrift über Papierrecycling in der Deutschen Nationalbibliothek (1774) »Eine Erfindung aus gedrucktem Papier wiederum neues Papier zu machen, und die Druckerfarbe völlig heraus zu waschen« wurde sein ursprüngliches Verfahren Dieser Blogartikel von Viaprinto, einer CEWE-Tochter, fasst das Recycling-Verfahren zusammen (2017) weiterentwickelt und heißt heute – etwas einprägsamer – »Deinking«. Der Begriff leitet sich vom englischen »ink« für Druckfarbe ab. Die Grundidee ist immer noch die gleiche: Farbpartikel werden mit Tensiden, Lösungsmitteln und anderen Chemikalien aus dem Papierbrei herausgewaschen und abgeschöpft. Weil nicht alle Drucktechniken gleich gut für Deinking geeignet sind, Übersicht der EU-Kommission über das EU-Ecolabel für Druckerzeugnisse (englisch) vergibt die EU ein Ecolabel für recycelbare Druckerzeugnisse.

Deutschland recycelt viel – und könnte noch mehr

Papierkompass des Verbands Deutscher Papierfabriken (2017) In Deutschland werden 3/4 des Papiers nach dem Gebrauch eingesammelt und recycelt – wobei der Recycling-Vorgang dem Wortsinn ziemlich nahekommt: Die Papierfasern werden dem Kreislauf wieder zugeführt, ohne viel an Qualität einzubüßen. Bei vielen Papiersorten werden jedoch stets frische Fasern zugemischt, um das Produkt stabiler zu machen. Profil von Professor Samuel Schabel auf der Website der TU Darmstadt Samuel Schabel leitet das Fachgebiet Papierfabrikation an der TU Darmstadt und schätzt, dass jede Faser etwa 2–3 Mal benutzt wird. Technisch möglich, das hat sein Institut erprobt, wäre weit mehr. Problematischer als die Fasern sind Verunreinigungen im Papierbrei: Farbrückstände, Lacke, Klebstoffe etc.

Auch Almut Reichart, die sich am Umweltbundesamt mit bedrucktem Papier beschäftigt, schätzt, dass pro Zyklus 80% der Fasern wiederbenutzt werden könnten. Und trotzdem ist das meiste Druckerpapier, das in Deutschland gekauft wird, aus frischen Fasern.

Diese Druckerpapiere werden in Deutschland gekauft

Das Diagramm zeigt den Umsatz von Druckerpapier mit verschiedenen Labeln im Jahr 2015. Insgesamt wurde ein Umsatz von 81,8 Mio. Euro erzielt.

Quelle: Umweltbundesamt / GfK

Was alles im Papiermüll landet

In den Briefkästen des Landes treffen weiße Kuverts auf braune Versandtaschen – 2 verschiedene Papiersorten, bei denen der sehr unterschiedliche Altpapier-Anteil ins Auge sticht.

Tatsächlich stammt bei grafischen Papieren – so nennen Spezialisten alle Papiersorten, die für moderne Druckmaschinen geeignet sind – nur 53% des Rohstoffs aus Altpapier; bei Verpackungskartons sind es 100%, bei Wellpappe sogar 108%. Das liegt daran, dass im Altpapiercontainer immer auch Stoffe landen, die zur Papierproduktion wertlos sind: Heftklammern, Plastikfolien von Fensterkuverts, Shampoo-Proben aus Beautyzeitschriften. »Es muss also selbst bei einer konstanten oder auch bei kleinerer Produktionsmenge von Papier neuer Rohstoff aufgefüllt werden, um genügend Rohstoffe für die Produktion zu haben«, erklärt Roland Zelm vom Institut für Naturstofftechnik der TU Dresden.

Digitalisierung heißt nicht weniger Papier – sondern anderes

Den Postboten, die schon länger die Briefkästen des Landes befüllen, wird aufgefallen sein: Das Verhältnis von Briefen zu Paketen verschiebt sich. Papierkompass des Verbands Deutscher Papierfabriken (2017) Die aktuellsten Zahlen des Verbands Deutscher Papierfabriken (VDP) stammen aus dem Jahr 2016, damals lag der Anteil der Verpackungspapiere und -kartons bei 50%; grafische Papiere lagen bei 37%. 2005 war es noch genau andersherum. 2005 machten grafische Papiere einen Anteil von 49% an der Gesamtproduktion aus. Verpackungspapiere lagen bei 39%.

Der Rückgang der grafischen Papiere ist leicht mit der Digitalisierung zu erklären: Wir schreiben eher Mails als Briefe, in Verwaltungen und Ministerien werden Vorgänge digitalisiert, in Gerichten und Staatsanwaltschaften soll die E-Akte kommen. Und auch der Zuwachs der Verpackungsmaterialien kommt aus dem Internet, weil die Deutschen immer mehr online bestellen, Mein Text über die Amazonisierung des Einzelhandels (und wie er sich dagegen wehren kann) statt den Laden um die Ecke zu besuchen.

Volle Kraft voraus: Deutsche Papierfabriken haben ihren Energieverbrauch zwar immer weiter reduziert, gelten aber nach wie vor als energieintensive Industrie. Deshalb erhalten sie, genau wie zum Beispiel Metallwerke, Rabatte bei der Ökostrom-Umlage. Auf dem Foto ist eine effiziente finnische Papierfabrik zu sehen. – Quelle: UPM The Biofore Company copyright

Wenn für die immer zahlreicher werdenden Pakete sowieso ständig neue Fasern in den Kreislauf müssen – ist es dann ökologisch so dramatisch, frisches Druckerpapier zu kaufen? So schnell sind wir wieder bei den 2 Kannen Kaffee, die bei der Produktion von 10 Seiten Frischpapier zusätzlich anfallen. Der VDP stellt auf der Website »Vorurteil und Wahrheit« Mythen über die eigene Branche und die Perspektive des Verbands darauf dar Die deutsche Papierindustrie ist zwar über die Jahre immer effizienter geworden, verbrauchte aber 2016 immer noch mehr als 64 Terawattstunden Energie. Der VDP gibt den Energieaufwand mit 560 Kilowattstunden pro 200 Kilogramm Papier an, das entspricht bei einem Produktionsvolumen von 23 Millionen Tonnen insgesamt 64.400.000.000 Kilowattstunden. Liste von Staaten sortiert nach Stromverbrauch im CIA World Factbook (englisch, Daten aus dem Jahr 2015) Das entspricht dem kompletten Stromverbrauch Österreichs im Jahr 2015 – beim Papier fällt aber ein großer Teil der Energie in Form von Wärme an, die viele Fabriken in eigenen Heizkraftwerken selbst herstellen. Weil viele Fabrikanten hier Kraft-Wärme-Kopplung einsetzen, ist der Wirkungsgrad teilweise ziemlich hoch – auch deshalb konnten Papierhersteller ihren Energieeinsatz seit den 50er-/60er-Jahren halbieren.

Dazu kommt ein zweiter Faktor: »Über die Hälfte des grafischen Papiers, das in Deutschland verbraucht wird, stammt aus dem Ausland«, erklärt Almut Reichart vom Umweltbundesamt. Der VDP kommt aus den eigenen Datenbanken zu einem anderen Ergebnis, wie eine Sprecherin mitteilt: »Im Jahr 2016 wurden insgesamt 10.166.508 t Papier, Karton und Pappe ins Ausland abgesetzt. Bei einer Produktion von 22.630.485 t entspricht das einem Exportanteil von 45%. Der Anteil der grafischen Papiere im Auslandsabsatz (3.989.555 t) liegt hinter den Verpackungspapieren mit einem Auslandsabsatz von 5.595.116.

Wir vermuten, dass sich die Angaben von Frau Reichart auf die Exportzahlen des Statistischen Bundesamtes beziehen. Zwischen diesen Exportzahlen und dem Auslandsabsatz, den die Papierfabriken dem VDP melden, besteht eine kontinuierlich wachsende Differenz. Wenn beide Datenquellen richtige Angaben enthalten, dann ist die Papierindustrie mit 76% zwar der größte, aber nicht der einzige Teilnehmer im Außenhandel. Die anderen Marktteilnehmer sind nicht meldepflichtig an den VDP, wohl aber an das Statistische Bundesamt. Zu nennen sind beispielsweise Importe nach Deutschland, die in Häfen oder Distributionszentren zwischengelagert werden. Wenn Teile dieser Importe später an ausländische Kunden ausgeliefert werden, dann sind diese als Exporte an das Statistische Bundesamt zu deklarieren. Des Weiteren importieren Unternehmen Papierrollen, die in Deutschland weiterverarbeitet bzw. veredelt werden und dann wieder exportiert werden.«
Vor allem handele es sich um günstige Massenpapiere wie A4-Kopierpapier oder Zeitungsdruckpapier mit einem hohen Anteil neuer Fasern. »Gleichzeitig werden 60% der deutschen Papierproduktion exportiert – zumeist hochwertige, vielfach altpapierhaltige Druck- und Schreibpapiere.« Deutschlands eigene Papierproduktion ist also womöglich nachhaltiger als der tatsächliche Verbrauch. Samuel Schabel gibt zu bedenken: »Frischfaserpapier aus Skandinavien kann mit Wasserkraft hergestellt sein – da fällt es mir schwer, aus den Import- und Exportzahlen darauf zu schließen, dass die Papierproduktion mehr oder weniger nachhaltig ist.«

Papiermengen in Deutschland

So haben sich die Produktionsmenge, der Verbrauch, der Import und Export von Papier über die Jahre entwickelt.

Quelle: UBA / VDP Leistungsbericht 2017

Wer benutzt welches Papier?

Kommen wir nun zu denen, die bergeweise Papier verbrauchen. Das ist nicht immer vermeidbar – aber ökologisch definitiv verträglicher, wenn das Papier aus Recyclingmaterialien gewonnen wurde und idealerweise mit dem Blauen Engel zertifiziert ist.

In den Bundesministerien kommt fast nur noch Ökopapier zum Einsatz – das war jedoch nicht immer so.

Ministerien

Schon 1985, als es in Bonn noch nicht einmal ein Umweltministerium Das Bundesumweltministerium wurde im Juni 1986 neu gegründet, wenige Wochen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Helmut Kohls erster Minister hieß Walter Wallmann, wechselte jedoch nach 8 Monaten in die hessische Staatskanzlei. Bekannter sind seine direkten Nachfolger, Klaus Töpfer und Angela Merkel. gab, setzten viele Ministerien auf Recyclingpapier: Im Justiz-, Innen- und Bauministerium lag die Quote bei 90% oder sogar darüber. Bei den meisten Ministerien lag der Wert jedoch unter der Hälfte – Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zum Papierverbrauch (1991) das Landwirtschaftsministerium schaffte Recyclingpapier einmal zwischenzeitlich sogar ganz ab. Insgesamt spricht aus älteren Angaben zum staatlichen Papierverbrauch, nicht nur im Drucker, ein hohes Maß an Willkür: 2007 benutzte das Umweltministerium 100% Recycling-Toilettenpapier, beim nachgeordneten Geschäftsbereich Für alles, was im Ministerium selbst passiert, steht ein Minister direkt in der Verantwortung. Der sogenannte »nachgeordnete Geschäftsbereich« steht lediglich unter der Aufsicht und Steuerung des Ministeriums, ist davon organisatorisch jedoch weiter entfernt. Zum nachgeordneten Geschäftsbereich der Ministerien zählen zum Beispiel Behörden und Bundesämter. Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zum Papierverbrauch (2007) desselben Ministeriums waren es 0%.

Insgesamt werden in den Bundesministerien 31-mal so viele Recycling-Seiten bedruckt wie frische.

Ab 2002 wurde dann schrittweise eine Nationale Nachhaltigkeitsstrategie auf den Websites der Bundesregierung (2016) Nationale Nachhaltigkeitsstrategie umgesetzt, die den Ministerien seit 2015 eine Recyclingquote von mindestens 90% vorgibt. Von den 14 Bundesministerien beantworteten 6 unsere Fragen; sie übertrafen die Quote jeweils um mehrere Prozentpunkte. Im Arbeitsministerium kommt sogar 100% Recyclingpapier mit Blauem Engel zum Einsatz, im Wirtschaftsministerium 99,8%.

Der Einkauf der Ministerien läuft über das Kaufhaus des Bundes; dort zahlt das Justizministerium je nach Weißegrad 9 Euro oder 11,75 Euro netto pro 2.500 Blatt Recyclingpapier Aus der Antwort geht außerdem hervor, dass das Justizministerium Bio-Frischpapier zu 15,60 Euro netto je 2.500 Blatt bezieht. – die anderen Sprecher wollten sich zu Einkaufspreisen nicht äußern. (Zur Preis-Orientierung: Ein Karton mit 2.500 Blatt Frisch- oder Recyclingpapier kostet im Einzelhandel etwa 12–15 Euro netto.) Fast alle Häuser erwarten für die Zukunft einen niedrigeren Papierverbrauch. So schreibt eine Sprecherin des Justizministeriums: »Eine deutliche Reduzierung des Papierverbrauchs ist ab den Jahren 2020/21 im Zuge der Einführung der elektronischen Aktenführung im BMJV zu erwarten.«

Papierberge: 15 Millionen Tonnen Altpapier sammeln die Deutschen pro Jahr. – Quelle: Pixabay / Ben_Kerckx CC0

Medien

Radio- und Fernsehsender dürften zwar nur einen kleinen Teil beim Papierverbrauch ausmachen, aber hier ist die Nutzungsdauer besonders kurz: Häufig werden Moderationen und Meldungen ausgedruckt und nach dem Einsprechen sofort entsorgt. Die Rückmeldungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf meine Umfrage waren leider besonders dürftig; einzig das Deutschlandradio hat uns Auskünfte erteilt. An beiden Standorten in Berlin und Köln wird laut einem Sprecher Papier im Wert von insgesamt 30.000 Euro bedruckt: »Eine Aufschlüsselung nach Papierarten oder ökologischer Zertifizierung findet nicht statt.« Dafür arbeiteten mehrere Verwaltungseinheiten papierlos, und aus alten Plakaten wurden Smartphone-Hüllen genäht. Immerhin.

Zeitungen, das sei an dieser Stelle gesagt, werden übrigens schon seit langem auf Recyclingpapier gedruckt: Abschnitt zu Papierrecycling im Nachhaltigkeitsbericht der Axel Springer SE (2015) Die Zeitungen der Springer-Gruppe beispielsweise bestehen zu 87% aus Altpapier, und weil es gleich mehrfach recycelt wird, Abschnitt zu Holzgewinnung im Nachhaltigkeitsbericht der Axel Springer SE (2015) werden aus einer Fichte dort mehr als 37.000 Zeitungsseiten. Allmählich dringt das Thema Recycling auch zu Buchverlagen vor – mit dem Ratgeber »Vier fürs Klima« auf der Seite des Verlags Droemer Knaur »Vier fürs Klima« erschien am 1. März 2018 erstmals ein Buch eines großen Verlages, Recherche der Neuen Zürcher Zeitung zu Nachhaltigkeitsbestrebungen in der Buchbranche (2018) das auf »Blauer Engel«-Recyclingpapier gedruckt wurde.

DAX-30-Unternehmen

Unter den 30 Aktiengesellschaften, die im DAX gelistet sind, befindet sich ein weiterer Medienkonzern: Am Münchner Hauptsitz von ProSiebenSat.1 laufen rund 1 Million A4-Blätter durch die Drucker. Das Papier ist komplett aus frischen Fasern und bei einem Einkaufspreis von 10,75 Euro à 2.500 Blatt Zur Erinnerung: Beim Justizministerium kostet die gleiche Menge je nach Weißegrad 9 bzw. 11,75 Euro. nicht einmal wirklich günstig.

Die Papiermenge ist bei ProSiebenSat.1 jedoch noch vergleichsweise klein: Der Energieriese RWE verbrauchte 2017 knapp 50-mal so viel Druckerpapier – laut einem Sprecher ebenfalls ausschließlich frisch, »weil zurückliegende Untersuchungen bisher Schwierigkeiten bei Kopierern und Druckern befürchten ließen.« Wegen technischer Fortschritte bei Papier und Geräten werde das Thema neu überprüft.

Auf ein Blatt Recyclingpapier kommen 4,6 Blätter Frischpapier.

Insgesamt haben 11 der 30 DAX-Konzerne auf die Umfrage reagiert, wobei nicht immer absolute Mengenangaben getroffen wurden. Alle verwertbaren Angaben zusammengerechnet, In dieser Zählung werden die Antworten von Allianz, Deutscher Börse, Merck, ProSiebenSat.1, RWE und Vonovia berücksichtigt. Die Antworten von Commerzbank, Daimler, Henkel und Lufthansa enthielten nur relative Angaben, weshalb ich den absoluten Verbrauch der verschiedenen Papiersorten nicht mit anderen Unternehmen vergleichen konnte. Auch die Antworten von DHL behandle ich gesondert, weil sie nicht zwischen Verpackungs- und Kopierpapier unterscheiden. ist die Papierauswahl der Unternehmen wenig nachhaltig: Auf ein Blatt Recyclingpapier kommen 4,6 Blatt Frischpapier. Dieses Verhältnis hat wegen der wenigen Teilnehmer nur bedingte Aussagekraft, aber allein der Stapel an frischem Druckerpapier, den RWE innerhalb eines Jahres verbrauchte, wäre mehr als 5 Kilometer hoch. Das heißt, allein bei der Produktion von Papier für RWE könnten 1,6 Gigawattstunden Strom gespart werden, wenn der Konzern auf Recyclingpapier umschwenken würde. Das entspricht 3,2 Millionen Kannen Kaffee – 54 Kannen für jeden Mitarbeiter des Essener Konzerns.

Stapelware: Würde man den Jahresverbrauch von RWE an frischem Druckerpapier stapeln, wäre der Turm mehr als 5 Kilometer hoch. – Quelle: wiki Commons / Niklas Bildhauer CC BY-SA

Die Gründe, weshalb die Konzerne sich häufig gegen Recyclingpapier entscheiden, sind vielfältig. Daimler verwendet in hausinternen Publikationen frisches Papier, weil darauf technische Zeichnungen detaillierter darzustellen seien – zur externen Kommunikation schreibt eine Sprecherin: »Neben der Außenwirkung steht hier auch die Umsetzung unserer eigenen Corporate Identity im Vordergrund.« Auch bei Merck soll weißes Frischpapier die »Brandingkonformität« gewährleisten, außerdem sei es »bei Geschäftsbriefen einfach die Norm«. Vonovia geht es um »eine einheitliche Innen- und Außenwirkung«, außerdem ergebe die Beschränkung auf eine Papiersorte Vorteile beim Einkaufspreis.

Für Henkel hingegen ist laut einer Sprecherin das recycelte Papier sogar billiger – in erster Linie gehe es dem Konzern jedoch um einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Mit Ressourcen- und Umweltschutz argumentieren auch Allianz und Deutsche Post/DHL, Die Deutsche Post hat weltweit einen gigantischen Papierverbrauch: Die jüngste konzerninterne Ermittlung aus dem Jahr 2011 beziffert die Jahresmenge auf 80.000 Tonnen. Der Recyclinganteil liegt laut einem Sprecher bei 59%, weitere 20% sind Mischpapiere aus Recycling- und Frischfasern. Diese Angaben konnte ich nicht in die Ergebnisse einarbeiten, weil nicht zwischen Büro- und Verpackungspapier unterschieden wird – beim weltweit tätigen Logistiker DHL ist Verpackung eine nicht zu vernachlässigende Größe. Der Konzern hat hier seine Papier-Richtlinie veröffentlicht. die überwiegend Recyclingpapier verwenden.

Die Commerzbank, die extern Frischpapier und intern Recyclingpapier mit Blauem Engel nutzt, Felix Austen beschreibt, was passieren würde, wenn die Deutschen alle verfügbaren CO2-Zertifikate aufkauften gleicht seit 2015 den gesamten Verbrauch mit CO2-Emissions-Zertifikaten aus und arbeitet Informationen auf der Website der Commerzbank zu Klimaneutralität (2015) nach eigenen Angaben komplett klimaneutral.

Die meisten Unternehmen rechnen wegen digitaler Anwendungen mit einem Rückgang des Papierbedarfs in der Zukunft – nur ProSiebenSat.1 geht davon aus, mittelfristig so stark zu wachsen, dass die Einsparungen des digitalen Büros davon aufgefressen werden.

Muss Recycling für alle zur Pflicht werden?

In gewisser Weise gebart sich die Wirtschaft so, wie es früher die Ministerien getan haben: Es ist eine sehr individuelle Entscheidung, ob Recycling- oder frisches Papier angeschafft wird. Maren Urner und Felix Austen beschäftigen sich hier mit der Frage, ob Nachhaltigkeit von einer autoritären Politik, einem »grünen Führer«, verordnet werden könnte Im Regierungsviertel hat erst eine von oben verordnete Nachhaltigkeitsagenda den Umschwung gebracht. Aber heißt das nun, dass eine Recyclingpapier-Quote auch in der freien Wirtschaft gelten soll?

Papier ist geduldig: Was wäre eine Amtsstube ohne Aktenschrank? – Quelle: David Ehl copyright

Das Gesetz, in dem eine Quote stehen könnte, ist das Volltext des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (jüngste Änderung Juli 2017) Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG), das die Entsorgung und weitestmögliche Wiederverwertung von Abfällen regelt. Darin kommt das Wort Papier genau einmal vor In §14: Förderung des Recyclings und der sonstigen stofflichen Verwertung. – Papier soll separat gesammelt werden, damit es recycelt werden kann. Die öffentliche Hand verpflichtet sich in §45 dann auch selbst, Erzeugnisse einzusetzen, »die (…) durch Recycling aus Abfällen hergestellt worden sind.« Bisher hat noch keine Bundesregierung in Erwägung gezogen, diese Pflicht auch auf Unternehmen oder Verbraucher auszudehnen. Mein Kommentar zum Koalitionsvertrag: Wenn schon inhaltlich wenig Visionen zu erwarten sind, sollte es wenigstens personell welche geben Im Koalitionsvertrag der wahrscheinlich nächsten großen Koalition heißt es dazu auch nur:

Wir stehen für eine Weiterentwicklung des erfolgreichen deutschen Modells der Kreislaufwirtschaft. Anspruchsvolle Recyclingquoten, Wettbewerb und Produktverantwortung sollen dabei auch künftig die Leitplanken sein. – Koalitionsvertrag, Kapitel XI.1. Umwelt und Klima, Zeile 6598 ff

Wettbewerb – damit meint der Koalitionsvertrag, Han Langeslag erzählt das Märchen vom freien Markt dass der Markt den Umstieg auf Recyclingpapier auch künftig selbst regeln muss. Einige Unternehmen gehen mit gutem Beispiel voran – Han Langeslag erklärt hier, warum Fliegen so unverschämt günstig ist neben Allianz und DHL zum Beispiel die Lufthansa, die intern eine Einkaufsempfehlung zu Papier mit dem Blauen Engel ausgesprochen hat und nach eigenen Angaben zu 85% Recyclingpapier verwendet. Ein Sprecher schreibt: » Lufthansa-CEO Carsten Spohr bekennt sich auf der Website der »Initiative Pro Recyclingpapier« zu nachhaltigem Papiereinkauf Als Gründungsmitglied der Initiative Pro Recyclingpapier verfolgt die Deutsche Lufthansa AG das Ziel, die Recyclingpapierquote im Unternehmen kontinuierlich zu erhöhen und gleichzeitig den Gesamtpapierverbrauch weiter zu reduzieren.«

Wettbewerb – die Vokabel könnte man auch kreativer auslegen. Seit 2008 richtet die – wie gesagt von Lufthansa mitgegründete – Initiative Pro Recyclingpapier einen Wettbewerb zwischen kommunalen Verwaltungen aus, den »Papieratlas«. Seitdem ist die Zahl der Städte, die ausschließlich recyceltes Papier verwenden, kontinuierlich von 3 auf 28 angewachsen. Felix Austen erklärt hier, warum sich die Zukunft des Planeten in den Städten entscheidet Insgesamt liegen die Städte mittlerweile bei einer Recyclingquote von 86%. Die Top-5-Aufsteiger, die 2017 die größten Fortschritte gemacht haben, sind Potsdam, Castrop-Rauxel, Worms, Frankfurt/Oder und Kassel.

Kaum auszumalen, was möglich wäre, wenn die Wirtschaft sich auch noch in diesen Wettbewerb stürzen würde.

Weitere Informationen zu dieser Förderung findest du hier

Titelbild: Unsplash / Bank Phrom - CC0

von David Ehl 

Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.

Themen:  Gesellschaft   Nachhaltigkeit   Konsum  

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