Kommentar 

Die Deutschen müssen einander endlich vertrauen!

Denn Vertrauen ist das Schmieröl, das unsere Gesellschaft am Laufen hält.

19. April 2018  6 Minuten

Er war unscheinbar, aber vielleicht doch ein wenig nachlässig: Noch in den 1950er- und 1960er-Jahren hingen in meiner Heimat in den Niederlanden aus vielen Briefschlitzen, die sich in den Haustüren befanden, kleine Bindfäden heraus. Ein leichtes Ziehen daran reichte aus, um die Türklinke innen nach unten zu ziehen – und schon stand die Haustür offen. Verrückt, mag man aus heutiger Sicht denken; damals war das in den Niederlanden ganz normal. Selbst in meiner Kindheit vor gut 20 Jahren konnte ich bei einigen Freunden zu Hause tagsüber noch ohne Klingeln oder Schlüssel über die Hintertür ins Haus gelangen. Und das in der Großstadt.

Quelle: Pixabay

Heute sind Bindfäden und offene Türen auch in meiner Heimat weitestgehend verschwunden. Vertrauen wir einander also nicht mehr? Genannte Vertrauensdaten in diesem Text sind vom World Values Survey (englisch, 2014) Immerhin stimmen noch mehr als 60% der Niederländer der Aussage zu, dass die meisten Menschen vertrauenswürdig sind. In Deutschland sieht es anders aus: Obwohl hierzulande das Vertrauen der Menschen in ihre Mitbürger laut Umfragen in den letzten Jahrzehnten langsam gestiegen ist, liegt der Wert bei nur 40% noch immer relativ niedrig. Warum das so ist, hat sicher viele Gründe. Klar ist allerdings, dass Cover-Story vom britischen Magazin The Economist zu den positiven Entwicklungen in Deutschland (englisch, 2018) die Deutschen sich selbst und gegenseitig ruhig mehr vertrauen könnten: In diesem internationalen Vergleich der lebenswertesten Länder liegt Deutschland auf Platz 3. Denn Deutschland geht es gut. International schauen viele Länder nach Deutschland, es wird als wegweisend und freundlich eingeschätzt, In dieser weltweiten Umfrage wird Deutschland international meist positiv wahrgenommen (englisch, 2013) es genießt so viel Respekt wie derzeit nur wenige andere Länder. Die Wirtschaft brummt und die Menschen sind weltoffener, als ihre Repräsentanten das manchmal vermuten lassen.

Noch wichtiger aber ist: Sie sollten es auch im eigenen Interesse tun. Denn ohne Vertrauen Vertrauen ist kein einfacher oder greifbarer Begriff. Es genau zu messen ist daher noch viel schwieriger. Es gibt Bücher voll von Ideen über das »Vertrauen«. Gleichzeitig weiß jedoch fast jeder, was ungefähr gemeint ist, wenn wir darüber sprechen. Ich lasse den Begriff daher bewusst nicht genau definiert, damit jeder seine eigenen Erwartungen und sein eigenes Verständnis mit einfließen lassen kann. entstehen nicht nur gigantische Kosten – es funktioniert auch fast nichts mehr. Die wichtigste Währung unserer Gesellschaft ist nicht etwa das liebe Geld, sondern genau dieses Vertrauen.

Titelbild: Tobias Kaiser - copyright

von Han Langeslag 

Han geht es um Verantwortung, denn unser Handeln hat heute mehr Einfluss auf das globale Geschehen als je zuvor. Sind wir darauf vorbereitet? Wie können wir überhaupt noch eine Übersicht über die komplexen Zusammenhänge bekommen? Fachlich reicht seine Perspektive als Wirtschaftswissenschaftler, Psychologe und Neurowissenschaftler vom Individuum bis hin zum globalen Handelssystem.

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