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Reportage 

Die Energiewende in den USA nimmt Fahrt auf. Weil die Partei der Klimaleugner merkt, dass sich damit Geld verdienen lässt

Nirgendwo in den USA gibt es mehr Solarzellen pro Einwohner als in dieser Stadt. Zu verdanken hat sie das ihrem autoritären Bürgermeister.

16. Juli 2018  8 Minuten

Rex Parris ist nicht unbedingt der Typ, von dem man erwarten würde, dass er eine Revolution anzettelt. Er ist Geschäftsmann sowie Republikaner und möchte, dass die Dinge so laufen, wie er es gewohnt ist.

Folgt man seiner Logik, hat die Arbeit, die er in seinen 10 Jahren als Bürgermeister der kalifornischen Kleinstadt Lancaster geleistet hat, aber auch weniger mit Revolution, als vielmehr mit solider Wirtschaftspolitik zu tun. Die Zahlen jedenfalls geben ihm Recht.

Lancaster liegt eine gute Autostunde nördlich von Los Angeles. – copyright

Und dennoch hat er mit seiner Politik eine kleine Revolution auf dem Feld der Energiepolitik entfacht, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiten könnte. Und nebenbei sowohl Parteifreunden als auch -gegnern eine krachende Lektion erteilt. Er hat im Eilverfahren eine fast perfekte Energiewende hingelegt und seine Stadt zur Solar-Hauptstadt der USA geformt. Die solare Vollversorgung ist nur noch eine Frage von Monaten.

Den Klimaaktivisten hat er demonstriert: Man muss keinen Ich habe mich gefragt: Wie viele Opfer sollte man für seine Ideale bringen? Verzicht predigen und keine Bäume umarmen, um klimafreundliche Politik durchzusetzen. Seiner eigenen Partei, in der noch immer 3 von 4 Menschen Maren Urner zeigt hier, was im Kopf eines Menschen passiert, der den Klimawandel leugnet nicht daran glauben, dass der Klimawandel in erster Linie Das Phänomen des Klimaleugnens gibt es fast exklusiv in Kreisen der amerikanischen Konservativen, New York Times (englisch, 2016) menschengemacht ist, hat er so gezeigt: Das funktioniert, damit lassen sich Wahlen gewinnen – und Geld verdienen.

Rex Parrison sagt über sich selbst: In einem Beitrag der New York Times auf die Frage, ob er die Globale Erwärmung für eine Bedrohung halte (englisch, 2013) »Ich bin vielleicht Republikaner. Aber ich bin nicht dumm.«

»Die Sonnen-Hauptstadt des Universums!«

»Wir haben hier die perfekte Geografie für Solaranlagen«, sagt Kathy Wells, die die Energieprojekte der Stadt koordiniert. Wolken schaffen es nur selten hierher, die Sonne scheint fast immer, und sie scheint mit voller Kraft. Jetzt im Juni steht sie zur Mittagszeit so hoch am Himmel, dass der eigene Schatten unter den Schuhsohlen verschwindet. Überblick über das Potenzial der Dächer für Solaranlagen in Lancaster (englisch, 2018) Das Project Sunroof von Google, das digitales Kartenmaterial von Städten auswertet und berechnet, welche Dächer für Solaranlagen geeignet sind, erklärt 97% der Dächer der Stadt für tauglich. Mehr geht fast nirgends.


Das Project Sunroof berechnet, wie viel Potenzial für Sonnenstrom ein Dach hat bzw. alle Dächer einer Stadt haben. Je heller, desto mehr Strom lässt sich gewinnen. Hier in New York ist es zum Beispiel häufig bewölkt.

In Los Angeles, das hier zu sehen ist, scheint die Sonne häufiger. Auch liegt die Stadt näher am Äquator, wodurch die Sonne kräftiger scheint. Bis auf die Häuser, die entlang der Hollywood Hills liegen (erkennbar an den rötlichen Streifen) sind die meisten Gebäude gut geeignet.

In Lancaster sind fast alle Dächer gut geeignet.

Die Stadt Lancaster liegt wie ein breiter, dünner Fladen im Staub der Mojave-Wüste. Obwohl sie mit nur 160.000 Menschen ähnlich viele Einwohner zählt wie Darmstadt, erstreckt sie sich über eine Fläche der Größe Frankfurts am Main. Als ich über den heißen Der erste Eindruck meiner Reise durch die USA: Die haben den Verstand noch nicht verloren! Asphalt des Lancaster Boulevard rolle, der mit ein paar kleinen Läden, Cafés und Sitzgelegenheiten das Herz der Stadt bildet, meine ich, in einem winzigen Kaff gestrandet zu sein: Es ist wenig los, das Einzige, was es hier außer Dabei durchläuft gerade der Klassiker des Fast-Foods, der Burger, eine kleine Revolution Fast-Food-Restaurants reichlich gibt, sind Platz und Sonne.

Dass genau das – die Sonne und der Platz – das Kapital der Stadt ist, hatte der Geschäftsmann Rex Parris erkannt und seiner Stadt im Jahr 2014 eine Photovoltaik-Kur verordnet, die längst Wirkung zeigt. In nur 4 Jahren ist Lancaster zur Sonnenmetropole der USA geworden, in keiner Gemeinde wird mehr Solarstrom pro Kopf erzeugt als hier.

Kathy Wells und Joseph Cabral im Rathaus von Lancaster – Quelle: Felix Austen copyright
»Schon diesen September rechnen wir damit, unseren gesamten Strom mit Solarenergie decken zu können«, sagt Kathy Wells voller Stolz. »Wir sind selbst ein wenig überrascht, dass das so schnell ging.«

In 4 Schritten zur »Solar-Hauptstadt des Universums«

Bis September 2018 sollen genügend Solaranlagen in der Stadt installiert sein, damit diese bei voller Sonneneinstrahlung so viel Strom erzeugen, wie die Stadt zu Spitzenzeiten benötigt. Das sind die größten Knackpunkte bei der Energiewende – und so lösen wir sie Nachts fließt natürlich nichts. In der zweiten Phase sollen dann so viele weitere Anlagen hinzukommen, dass übers Jahr hinweg dieselbe Menge an Strom produziert wird, wie die Stadt verbraucht. »In Zukunft werden wir auch das Thema Akkus werden immer wichtiger für uns – und zum Glück auch immer besser! Batteriespeicher angehen, damit wir noch mehr unseres eigenen Stroms verbrauchen können.«

Die 4 wichtigsten Schritte, die Lancaster zur »Solar-Hauptstadt des Universums« gemacht haben, wie Rex Parris es nennt, sind:

  1. Öffentliche Gebäude: Die niedrig hängenden Früchte bei der Umstellung sind die Dächer, über die die Stadt selbst verfügt. Also ließ Parris das Rathaus, 25 Schulen, 8 Softballfelder, das lokale Baseballstadion und viele weitere öffentliche Gebäude mit über 32.000 Solarpanelen bedecken.
    Der Parkplatz vor dem Rathaus ist überdacht – natürlich mit Solaranlagen. –
  2. Bürokratie: »Früher dauerte es Wochen, bis Hausbesitzer eine Lizenz für eine eigene Solaranlage bekamen«, sagt Kathy Wells. »Rex hat gesagt: ›Das muss in 15 Minuten gehen!‹« So lange dauert heute ein Besuch im Rathaus, an dessen Ende die Lizenz steht. Fast zu kurz, um sich in der klimatisierten Empfangshalle von den 35 Grad Celsius Außentemperatur zu erholen … Über 5.000 Hausbesitzer haben den Gang seitdem gemacht. Zusätzlich machte es Parris für fast alle Bauherren zur Pflicht, auf ihrem neuen Eigenheim eine Solaranlage zu installieren – eine Beitrag über neue Photovoltaik-Regelung in Kalifornien in der New York Times (englisch, 2018) Regelung, die inzwischen in ganz Kalifornien gilt.
  3. Effizienz: Die Stadt hat ihren eigenen Strombedarf gesenkt, indem sie etwa die Straßenbeleuchtung auf LED-Technik umgestellt hat. Vor allem aber hat sie einfache, kostenlose Programme im Angebot, die den Einwohnern dabei helfen, selbst Strom zu sparen, etwa durch bessere Fensterisolierungen oder effizientere Elektrogeräte.
  4. Verstaatlichung: Die wohl wichtigste Entscheidung des ambitionierten Bürgermeisters war es, die Stromerzeugung in die Han Langeslag kennt genügend Beispiele dafür, dass Privatisierung eine dumme Idee ist Hände der Stadt zu nehmen. Während der regionale Stromkonzern nach wie vor die Netze betreibt und die Buchhaltung pflegt, hat die Stadt Lancaster mit Website von Lancaster Choice Energy (englisch) Lancaster Choice Energy einen eigenen Stromproduzenten geschaffen, der ausschließlich Solarstrom anbietet. Dank der sogenannten »Opt-out«-Regelung sind alle Stromkunden im Stadtgebiet automatisch Kunden des städtischen Konzerns, können auf Wunsch aber bei ihrem alten Anbieter bleiben. »Vielleicht 5% haben das gemacht«, sagt Kathy Wells, »warum auch, der neue Tarif ist für die meisten günstiger. Es sind höchstens ein paar ältere Leute, die sagen: Ich war jetzt 30 Jahre Kunde bei diesem Konzern, ich möchte ihm gerne treu bleiben.«

Im Rathaus stapeln sich die Anträge für neue Solaranlagen. – Quelle: Felix Austen copyright

Der mit Abstand wichtigste Faktor im Fall Lancaster ist aber Rex Parris selbst.

»Ich bin vielleicht ein Republikaner. Aber ich bin nicht dumm.«

»Er ist ein wenig autokratisch«, sagt Joseph Cabral, der die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt leitet. »Genau die richtige Menge.« Er scheint kurz zu überlegen, ob ihm der Satz falsch ausgelegt werden könnte. Dann schiebt er hinterher: »Nun ja, so ist es nun mal.«

So mächtig ist Charisma, zeigt Gastautorin Nicole Paschek hier »Wenn er das Zimmer betritt und anfängt zu sprechen, zieht er alle in seinen Bann«, sagt Kathy Wells. »Egal ob da Bürger, andere Politiker oder ein Haufen Geschäftsmänner sitzen.«

Rex Parris, Bürgermeister von Lancaster – Quelle: Felix Austen copyright

Seine rhetorischen Fähigkeiten hat Rex Parris vor Gericht erlernt. Er ist politischer Quereinsteiger, hat vor Amtsantritt jahrzehntelang als Anwalt viel Geld verdient und tut das neben seiner Tätigkeit als Bürgermeister bis heute. Auf dem Highway, der durch die Stadt führt, grinst Rex Parris von zahlreichen Plakaten herab, die seine Kanzlei bewerben.

Sein Erfolg ist kein Zufall – Rex bereitet sich bei jedem Fall auf die Verhandlungen vor, indem er die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Überzeugungskünste anwendet. Von der Entscheidung, welche Metaphern er einsetzt, über die Wortwahl bis hin zur Optik wird alles wieder und wieder vor jeder Verhandlung geprobt. – Auszug der Internetpräsenz der Parris-Kanzlei

Ein Quereinstieg, der in Deutschland Skepsis und den Verdacht der Käuflichkeit auslösen würde, der ihm aber in seiner Heimat, den USA, und speziell in seiner Partei, bei den konservativen und wirtschaftsliberalen Republikanern, vor allem als Stärke ausgelegt wird. »Der Mann kann mit Geld umgehen; der weiß, wie man verhandelt! Das können wir brauchen! Der ist nicht weichgespült vom politischen Betrieb, der schwafelt nicht lange rum, sondern haut auf den Tisch, wenn es sein muss.« So oder so ähnlich begegnen sie hier Männern wie ihm.

Dass die traditionell konservative und von der republikanischen Partei kontrollierte Stadt Lancaster einen solchen Mann wählt – und 2-mal wiederwählt – ist also keine Besonderheit. Dass der konservative Republikaner Parris hingegen die Solarenergie umarmt und fast seine gesamte Politik darauf ausrichtet, ist umso bemerkenswerter.

Anteil der Parteianhänger, die der Meinung sind, alternative Energiequellen sollten künftig höchste Priorität haben (in %) – copyright

Die Republikaner haben enge Verbindungen zur Ölindustrie, die in der Erwartung, ihre Interessen in der späteren Gesetzgebung berücksichtigt zu sehen, Die Verbindungen sind bestens dokumentiert, hier etwa von britischen Tageszeitung The Guardian (englisch, 2016) Millionen in die Wahlkämpfe pumpt. Im Fall von Donald Trump ging diese Rechnung voll auf: Sein Anfang Juli zurückgetretener Umweltminister Scott Pruitt Scott Pruitt war seit seinem Amtsantritt höchst umstritten, weil er zuvor als Staatsanwalt von Oklahoma zahlreiche Klagen gegen die amerikanische Umweltbehörde geführt hatte und sich selbst als »Advokat gegen die aktivistische Agenda der Behörde« bezeichnet hatte. Im Amt war Pruitt in zahlreiche Skandale verwickelt, in denen ihm vorgeworfen worden war, sein Amt zu missbrauchen und Familienmitglieder mit finanziellen Vorteilen zu bedenken. Außerdem wurde er bezichtigt, verschwenderisch mit Mitteln der Behörde umzugehen (er baute etwa für mehrere Hunderttausend Dollar eine abhörsichere Kammer in sein Büro ein), schaffte zahlreiche Umweltregulierungen ab und ordnete als Klimaskeptiker an, den Begriff des Klimawandels komplett von der Website der amerikanischen Umweltbehörde zu löschen. strich zahlreiche Umwelt-Sicherheits-Standards, die fossile Energieträger gegenüber erneuerbaren benachteiligten. Darunter Standards für den Sprit-Verbrauch von Autos sowie Regeln, die das Entweichen von Methan bei Öl-Bohrungen verhindern sollten. Das bedeutet im Umkehrschluss: Erneuerbare Energien werden – vorsichtig ausgedrückt – in der republikanischen Partei mit Skepsis gesehen.

Ein großer Teil der Millionen floss in den vergangenen Jahrzehnten in öffentliche Stimmungsmache für Kohle und Gas, die als »saubere Kohle« und unter dem Argument der Unabhängigkeit und Tradition beworben werden. Umfragen zeigen, dass diese Strategie wirkt.

Die Republikaner entdecken ihr »grünes« Herz

In jüngster Zeit wandelt sich jedoch auch unter den Anhängern der Republikaner die Stimmung. Vor allem auf lokaler und regionaler Ebene merken Politiker und Wähler, bei denen nichts von den Öl-Millionen ankommt: David Ehl und ich haben uns den Kreis Steinfurt angesehen, in dem es ebenfalls gut läuft mit der Energiewende Mit Wind- und Solarkraft lässt sich ordentlich Geld verdienen. »Weißt du, die Menschen hier denken auch sehr grün: Dollar-grün!«, sagt Kathy Wells und reibt ihren Daumen an Zeige- und Mittelfinger.

Der Boulevard in Lancaster ist das Herz der Stadt – und für europäische Verhältnisse ziemlich leer gefegt. – Quelle: Felix Austen

Im tief republikanischen Texas etwa stehen Windkrafträder mit einer Leistung von über Infos zur Windkraft in Texas (englisch) 22 Gigawatt – mehr als doppelt so viel, wie alle Atomausstieg oder Klimaschutz – was hat Priorität? Darüber habe ich mit Han Langeslag diskutiert Atomkraftwerke in Deutschland leisten. Und in Kalifornien und anderen sonnigen, konservativ regierten Bundestaaten macht das Modell Lancaster Schule. Gerade die jüngeren Republikaner sehen kaum Gründe, warum sie sich ein gutes Geschäft für die sturen Überzeugungen der Alten durch die Lappen gehen lassen sollten.

Es zeigt vor allem: Die Republikaner lehnen erneuerbare Energien nicht ab. Sie lieben sie eben nur nicht aus denselben Gründen, wie es die Demokraten tun. Die wirtschaftlichen Vorteile, in die Lancaster seine Sonnenstrahlen gewandelt hat, im Überblick:

  • Stadt und Schulen sparen rund 460.000 US-Dollar an Stromkosten – pro Jahr.
  • Auch wenn die genaue Zahl schwer abzuschätzen ist, sind wohl über 1.300 Jobs im Solar-Sektor entstanden.
  • Die Stadt hat viele Millionen US-Dollar Fördergelder für laufende und künftige Projekte im Energiebereich eingetrieben.
  • Die wirtschaftsfreundliche Verwaltung hat weitere Investitionen angezogen, wie etwa den chinesischen Hersteller von Elektrobussen IT-Times zeigt, warum es mit der Produktion der Elektrobusse noch nicht ganz so rund läuft (2018) BYD, der im Werk in Lancaster derzeit über 700 Mitarbeiter beschäftigt. 500 weitere Jobs sollen folgen.

Natürlich haben auch die Einwohner nichts gegen den Aufschwung in ihrer Stadt einzuwenden, schon 2-mal haben sie Parris wiedergewählt. Er will noch weitere Konzerne anziehen und Lancaster zu einem »Silicon Valley« für erneuerbare Energien umbauen.

Mit Sicherheit gibt es noch ein paar andere schlaue Republikaner, die sich bei Rex Parris ein paar Dinge abschauen und damit Erfolg haben können. Denn wer das CO2 letztendlich vermeidet, ist dem Klima ziemlich egal.

Die Recherche-Reise wird von der Heinrich-Böll-Stiftung Nordamerika gefördert. Alle Geschichten der Reise werden in den kommenden Monaten bei Perspective Daily veröffentlicht.

Titelbild: Ryab Searle - CC0

von Felix Austen 

Der Physiker Felix mag Hafermilch und fährt gern Rad. Er weiß aber auch, dass noch etwas mehr dazugehört, um die Welt vor der Klimakatastrophe und dem Ökokollaps zu bewahren. Deshalb schreibt er über Menschen, Ideen und Technik, die uns und der Umwelt eine Zukunft sichern können. Davon gibt es zum Glück jede Menge!

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