Essay 

Die Großstadt ist eine Zumutung. Gut so!

Wo Millionen Menschen auf engem Raum leben, bleibt uns nichts erspart. Doch nur so lernen wir echte Toleranz.

8. Januar 2019  5 Minuten

Noch nie habe ich bequemer gelebt als in Münster – einer Stadt, die sich zeitweise sogar »lebenswerteste Stadt der Welt« nennen durfte. Im Jahr 2004 gewann Münster den »LivCom-Award« in der Kategorie der Städte mit 200.000–750.000 Einwohnern. Der Preis ist eine »internationale Auszeichnung für lebenswerte Gemeinden« und wird vom UN-Umweltprogramm unterstützt. Die Infrastruktur ist genauso gut wie die Luft, die Menschen sind freundlich. Wenn es Probleme gegeben hat, bin ich ihnen wohl immer davon geradelt. Trotzdem habe ich nach 1,5 Jahren meine Kisten gepackt. Ich ziehe nach Berlin. Viele stellen sich das Großstadtleben ja so vor: Die urbane Elite in Berlin, London oder Budapest bruncht bis zum späten Nachmittag Katharina Ehmann warnt: Wenn du als Veganer eine Avocado isst, gibt es auf die Fresse! Avocadotoasts in instagramkompatiblen Cafés und führt im Großen und Ganzen ein ziemlich bequemes Leben. Kultur, Ärzte, Bildung, öffentlicher Nahverkehr – ist ja alles da, direkt vor der Tür.

Von wegen bequem.

Großstädte sind eine Zumutung

In Wirklichkeit sind Großstädte eine große Zumutung. Ständig sieht man etwas, das man gar nicht sehen will. Es ist laut, es stinkt, es ist stressig. Dazu kommt der Kampf um Platz in jeder Hinsicht: Parkplätze für Autos, Kitaplätze für Kinder, ein ruhiger Platz im Park und natürlich auch einer zum Wohnen.

Während ich mich im schützenden Kokon der Kleinstadt allem Unangenehmen entziehen kann, führt in den Metropolen also kein Weg an der Konfrontation vorbei. In Großstädten kondensieren gesellschaftliche Herausforderungen auf engstem Raum. Die vollen Berliner U-Bahnen zwingen mich, die Gesamtbreite an Vielfalt auszuhalten, ob ich gerade will oder nicht. In Prag wird bei Minusgraden das Atmen zur Qual; der Smog hängt dann als dichte Dunstglocke über der Stadt. Und wer kann sich bei den Wahnsinnsmieten in München eigentlich noch Kaffee oder Avocadotoast leisten?!

Party, Polizei und jede Menge Lärm – Zustände wie hier an einem 1. Mai in Berlin-Kreuzberg muss man erst mal aushalten. – Quelle: Hendrik Wieduwilt

Städte konfrontieren einen außerdem mit den eigenen Ängsten und internalisierten Vorurteilen. In Berlin bin ich einmal aus einer U-Bahn ausgestiegen, weil mir 2 Männer mit dunklen Haaren und Vollbärten Angst gemacht haben, die sich – meinem Empfinden nach – auffällig verhalten haben. Es war eine Zeit, Frederik v. Paepcke weiß, warum Senioren gefährlicher sind als Terroristen in der Terrorismus mal wieder die Schlagzeilen beherrschte, anscheinend war das nicht spurlos an mir vorübergegangen. Tarik Tesfu sagt im Interview mit Juliane Metzker: »Wir verhalten uns alle rassistisch« Gleichzeitig war mir sehr bewusst, dass die beiden Männer für meine Angst nichts konnten.

Und es gibt noch eine Herausforderung des Großstadtlebens: Städte konfrontieren mich täglich mit meiner Moral und damit, wie groß die Spanne zwischen Realität und Ideal oft ist. Wie verhalte ich mich, wenn ich David Ehl hat 24 Stunden mit Kölner Wohnungslosen verbracht eine Obdachlose am Boden kauern sehe? Gehe ich weiter und nehme das als »normal« hin? Oder vergewissere ich mich, ob die Frau Hilfe braucht? Großstadt ist ein Zustand, dem im Wesentlichen niemand entkommen kann, der sich dort aufhält. Es ist ein Zustand, dem sich aber jeder unbedingt (zumindest ab und zu) aussetzen sollte.

Die Stadt als Labor des Fortschritts

Das meint auch Stadtsoziologe Richard Sennett in diesem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Paywall) Denn die Stadt ist ein Ort, der Menschen lernen lässt, mit Komplexität und Vielfalt zu leben.

Es ist kein Zufall, dass gerade Großstädte oft Hochburgen linksliberalen Denkens sind. Die 3 größten Städte Deutschlands Also Berlin, Hamburg und München. haben traditionell SPD-Bürgermeister, selbst München im ansonsten tiefschwarzen Bayern. Bei den Nachbarn in der Schweiz sieht es ähnlich aus, Carole Koch: Alle Macht den Städten (Paywall) 9 der 10 größten Städte werden von rot-grünen Koalitionen geführt.

In ganz Europa sind Städte Experimentierlabore progressiver Politik, Das amerikanische Pew-Institut listet die liberalsten und konservativsten Großstädte der USA (englisch) das Gleiche gilt für die USA. Warum das so ist? In Metropolen bekommt jeder zu spüren, wenn Luftverschmutzung, soziale Ungleichheit oder Intoleranz zu einem Problem für die Gesellschaft werden. Dann haben diejenigen gute Karten, die bereit sind, neue Wege zu gehen, um Lösungen zu finden. Das Konservative, das Neuem skeptisch begegnet und seine Politik auf das Bewahren von Althergebrachtem fokussiert, hat es in den Städten schwer. Dort hingegen liegt der Fokus darauf, Probleme zu lösen, möglichst schnell, ohne endlose Grundsatzdebatten in den Feuilletons und auf Twitter.

Der Berliner Stadtteil Wedding hat nicht den besten Ruf. Vielleicht fallen deshalb Ideen wie die eines Gemeinschaftsgartens gerade hier auf fruchtbaren Boden. – Quelle: wikimedia gemeinfrei

Von »unten«, aus der Zivilgesellschaft, wachsen Graswurzelbewegungen und Subkulturen wie Unkraut aus dem Beton. Foodsharing, Foodsharing will verhindern, dass Lebensmittel in der Tonne landen, die eigentlich noch essbar sind. Über die Plattform foodsharing.de werden Lebensmittel privat angeboten – zum Beispiel, wenn jemand in den Urlaub fährt und der Kühlschrank noch nicht ganz leer ist. Registrierte Foodsharer können sich dann zur Abholung melden. Die Foodsharing-Community hat inzwischen aber auch Kooperationen mit Supermarktketten und anderen Geschäften wie Bäckereien. Critical Mass, Sind mehr als 15 Radfahrer gemeinsam unterwegs, dürfen sie laut §27 StVO auf der Fahrbahn zu zweit nebeneinander fahren. Diese Regelung macht sich die Bewegung Critical Mass (deutsch: Kritische Masse) zunutze und legt damit in den Städten dieser Welt regelmäßig den motorisierten Verkehr lahm – um Werbung für das Rad als Fortbewegungsmittel zu machen. Mehr Informationen gibt es unter criticalmass.de. Urban Gardening – alles Ideen aus der Stadt. In Tschechien gibt es sogar eine eigene Bezeichnung für das Zerrbild des Homo urbanus: »Pražská kavárna«, das »Prager Kaffeehaus«. Das sind all diejenigen, die in der Vorstellungswelt von Konservativen und Rechten den ganzen Tag im Café sitzen und sich dabei so lange sinnfrei in Trance diskutieren, bis dabei diese ganzen spinnerten Ideen herauskommen, die linksgrünversiffte Gutmenschen eben so haben – offene Grenzen, Fahrverbote, In diesem Kommentar fordere ich: Ehe für niemanden! Ehe für alle.

Tatsächlich können sich In diesem Interview mit einer Roma-Aktivistin erfährst du mehr über die größte Minderheit Europas Minderheiten in Großstädten besser organisieren, einfach weil die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass es mehr von ihnen gibt. In Schwulen- und Lesbenzentren oder durch Initiativen von Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund machen sie Lobbyarbeit für ihre Rechte und Anliegen. Sie werden sichtbar und zwingen damit die Mehrheitsgesellschaft ein Stück weit zur Auseinandersetzung.

Und natürlich betreibt auch die Wirtschaft erfolgreiche Fortschrittslabore mit Bottom-up-Ansatz: Die Sharing Economy ist originär ein urbanes Phänomen.

Städte entdecken ihre Macht

Hier schreibt Felix Austen über 3 globale Trends, die die Erde retten könnten Ende des Jahrhunderts werden wir fast alle in Städten leben. Problemlöser und Netzwerker müssen dann zeigen, was sie können. Denn natürlich stehen die Metropolen vor vielen Herausforderungen: Diese Frage hat sich auch David Ehl gestellt – und am Kölner Ebertplatz Antworten gefunden Wie werden Städte für alle sicher? Welche Lösungen finden sich für das vielerorts herrschende Verkehrschaos? Was kann Architektur gegen Einsamkeit und Anonymität tun? Wie halte ich es aus, dass nicht alle Menschen so sind, wie ich sie gern hätte?

In den Metropolen wird es bald noch voller. – Quelle: esgibtnixgutesaußermantutes

Wichtige Entscheidungen für die Welt von morgen werden schon längst nicht mehr exklusiv von nationalen Regierungen getroffen. Einerseits verlagern sich Entscheidungen auf inter- oder supranationale Ebenen, zum Beispiel wenn es um Außen-, Wirtschafts- oder auch Klimapolitik geht.

Hier schreibe ich darüber, wie Städte Handlungsspielräume in der Migrationspolitik besser nutzen könnten Andererseits entdecken die Städte ihre Macht. Die US-amerikanischen Wissenschaftler Bruce Katz und Jeremy Nowak Bruce Katz ist Absolvent der Yale Law School und berät als »New Localism Advisor« Städte, die inklusiver und nachhaltiger wachsen wollen. Mit seinem inzwischen verstorbenen Partner Jeremy Nowak hat er dafür ein Unternehmen gegründet; vorher war er unter anderem für die Obama-Regierung im Bereich Wohnen und urbane Entwicklung tätig sowie als Gastprofessor an der London School of Economics. beobachten weltweit Machtverschiebungen hin zu den Städten und Metropolregionen und sprechen schon von einem Hier geht es zur Website von Bruce Katz und Jeremy Nowak (englisch) »New Localism«, also einem neuen Lokalismus.

Ich denke mehr über die Kontraste nach als über mich selbst

Im Gegensatz zu nationalen Regierungen seien Städte nicht so anfällig dafür, von Einzelpersonen dominiert oder von populistischen Bewegungen vereinnahmt zu werden. Städte sind Netzwerke. Und obwohl auch sie komplexe Systeme mit vielen Stakeholdern sind, lassen sich Veränderungen im Kleinen schneller umsetzen und ausprobieren.

Nach den ersten Tagen in Berlin sind meine Schritte schneller. In Münster hatte ich einen See vor der Tür, hier ist es eine Mischung aus Industriebrachen, Plattenbauten und neu hochgezogenen Studentenlofts. An der Discounterkasse warte ich mit türkeistämmigen Familienvätern, Unter Deutschtürken fallen alle, die ein Elternteil aus beiden Ländern haben und in der Regel beide Staatsbürgerschaften besitzen. Türkeistämmige sind alle Menschen, deren Wurzeln in der Türkei liegen – also im Gegensatz zu den »Türkischstämmigen« auch Angehörige anderer Volksgruppen wie zum Beispiel Kurden. Insgesamt leben sogar rund 3 Millionen Türkeistämmige in Deutschland – von ihnen haben jedoch nicht alle einen türkischen Pass. polnischen Obdachlosen und auf Englisch plappernden Hipstern mit bunten Strickschals. Im Hinterhof entdecke ich Bienenkisten – offenbar versucht sich hier jemand im Imkern. Ich denke mehr über die Kontraste nach als über mich selbst.

Ich verstehe jeden, der seine Ruhe haben und ein weitgehend störungsfreies Leben abseits der Metropolen führen möchte. Vielleicht sehne ich mich irgendwann auch wieder danach. In der Zwischenzeit mache ich es mir aber erst mal so richtig schön unbequem.

Titelbild: Anna Dziubinska - CC0

von Katharina Wiegmann 

Als Politikwissenschaftlerin und Philosophin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.

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