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Dieser Mann hat Hunderte fiktiver Bewerbungen verschickt. Und eine Antwort erhalten

7. Juni 2019
Themen:

Unsere Vorurteile kosten Hunderttausende Menschen die Chance auf einen Job. Das hat der Ökonom Patrick Nüß auf unkonventionelle Art herausgefunden.



Der deutsche Arbeitsmarkt steht ziemlich gut da. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern hat die Wirtschaft hierzulande Rückenwind und die Nachfrage nach Arbeit ist stabil. Das zeigt sich zum Beispiel an Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zur Entwicklung der Zahl offener Stellen seit 2010 (2018) rund 1,4 Millionen Stellen, die Unternehmen zurzeit nicht oder nur mit Schwierigkeiten besetzen können.

In den vergangenen Monaten habe ich mehrere Artikel zu diesem Thema geschrieben, unter anderem zum Hier zeige ich dir, wer davon profitiert, dass du an den »Fachkräftemangel« glaubst Fachkräftemangel in Deutschland und zur Hier erkläre ich 3 Gründe, warum Arbeitskräfte gesucht werden, auch wenn die Wirtschaft schwächelt Nachfrage nach Arbeitskräften, die auf Jahre hinaus wahrscheinlich höher sein wird, als es den Unternehmen im Land lieb sein kann. Dabei fiel mir immer wieder auf, dass eine Gruppe von dieser guten Lage nicht profitiert: die der Langzeitarbeitslosen. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen geht zwar kontinuierlich zurück, das hängt aber nicht damit zusammen, dass sie schneller Arbeit finden. Zum einen werden weniger Menschen überhaupt erst langzeitarbeitslos. Zum anderen fallen Menschen aus der Statistik, die in einer Qualifizierungs- oder Arbeitsmaßnahme stecken oder längerfristig nicht arbeitsfähig sind. Einen regulären Job fanden 2018 nur 11 von 100 Langzeitarbeitslosen. Diese Zahl ist rückläufig. In Deutschland sind derzeit noch rund 750.000 Menschen langzeitarbeitslos – also mehr als 12 Monate ohne Arbeit.

Dass diese Menschen trotz guter Wirtschaftslage keinen Job finden, wird ihnen meist selbst angelastet. Oft heißt es, Langzeitarbeitslose wären unzuverlässiger, weniger motiviert, kaum belastbar oder nicht so teamfähig wie Arbeitnehmer oder Kurzzeitarbeitslose. Hinzu kommen sogenannte IAB-Kurzbericht: Langzeitarbeitslose Bewerber aus betrieblicher Perspektive (2018, PDF) Vermittlungshemmnisse wie Krankheiten, fehlende Ausbildung, mangelnde Sprachkenntnisse, das Leben als alleinerziehender Elternteil.

Patrick Nüß

Patrick Nüß hat nach einer Ausbildung zum Chemikanten Sozialökonomie, Wirtschaftswissenschaften und Volkswirtschaftslehre studiert. Derzeit schließt er seine Promotion im Programm für Quantitative Ökonomie in Kiel ab. Seine Forschungsschwerpunkte waren bisher die Effekte des Mindestlohns und die Stigmatisierung Langzeitarbeitsloser.

Bildquelle: privat

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn noch etwas anderes erschwert es Langzeitarbeitslosen, zurück in den regulären Arbeitsmarkt zu finden: Vorurteile. Langzeitarbeitslosigkeit ist ein Stigma – wer einmal langzeitarbeitslos ist, hat es bei der Jobsuche schwer.

Und ironischerweise erschwert gerade die gute Konjunktur die Jobsuche für diese Menschen noch weiter – davon ist der Volkswirt und Sozialökonom Patrick Nüß überzeugt. Für das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) Das IMK ist ein Institut der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Es erstellt und veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten, ist zudem in der Politikberatung tätig. Es orientiert sich an keynesianisch geprägten Ansätzen der Wirtschaftstheorie, nach der die gesamtwirtschaftliche Nachfrage entscheidend für Produktion und Arbeitsplätze ist. der Hans-Böckler-Stiftung hat er sich diesen Mechanismus genauer angeschaut und herausgefunden, dass Working Paper von Patrick Nüß: »Duration Dependence as an Unemployment Stigma« (englisch, 2018, PDF) Langzeitarbeitslose systematisch bei Einstellungsverfahren benachteiligt werden.

Warum ist es so, dass Langzeitarbeitslose derzeit nicht von unserer guten Wirtschaftslage profitieren?

Patrick Nüß: Die Allgemeinheit geht davon aus, dass eine gute Arbeitsmarktlage die Chancen von Arbeitssuchenden erst einmal verbessern sollte. Genau hier liegt aber ein Problem, das die Lage sogar noch erschwert. Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass es für Arbeitslose, insbesondere Langzeitarbeitslose, leicht ist, einen Job zu finden, dann macht das auf Unternehmen den Eindruck: Wer noch keinen Job gefunden hat, ist weniger produktiv als andere oder es muss weitere schwerwiegende Gründe dafür geben, dass die Person noch arbeitslos ist. Und das erschwert letztendlich für die noch verbliebenen Arbeitslosen den Zugang zum Arbeitsmarkt.

Also ist gerade die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt schlecht für Langzeitarbeitslose?

Patrick Nüß: Ungünstigerweise ist genau das der Fall.

Titelbild: John Schnobrich - CC0

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