Gelegenheitsjobs im Internet sind flexibel. Jetzt müssen sie auch noch sicher werden

Nebenbei für große Netz-Plattformen Essen auszufahren oder Taxifahrer zu spielen, kann sich lohnen. Wer davon leben muss, hat aber ein Problem.

31. Juli 2019  9 Minuten

Mein Freund Karl lebt in der Zukunft. Nicht weit, nur ein paar Jahre entfernt. Sein Geld verdient er mit Arbeit, die er im Internet findet. Jeden Tag aufs Neue. Um Aufträge zu bekommen, muss er billiger und besser sein als seine Konkurrenz. Hauptsächlich putzt er. Seit Kurzem macht er aber noch etwas Neues: Abends zieht er ab 22 Uhr los und sammelt Elektroroller ein. Die lädt er zu Hause auf und stellt sie frühmorgens in der Stadt wieder ab. Welche er einsammeln kann, erfährt er aus der App des Anbieters. Pro Roller bleiben ihm 2,80 Euro. Wenn eine der Plattformen ihn nicht mehr will, kann sie Karl einfach löschen. Sie muss ihn nicht feuern, denn er ist ja gar nicht dort angestellt. Die beschriebenen Konditionen existieren auch heute schon so.

Katharina Wiegmann über Regeln für den Plattformkapitalismus Plattformen sind heute schon Teil unseres Lebens: Viele fahren per Uber durch Großstädte, lassen das Essen mit Deliveroo oder Lieferando bringen, und Haushaltshilfen finden sich auf Helpling. Der Vorteil für den Nutzer: Es gibt wenige Anbieter, die den jeweiligen Markt beherrschen, deswegen findet man schnell, was man sucht. Die Konkurrenz findet weniger unter den Plattformen statt, sondern eher unter den Arbeitern. Die sind oft freiberuflich unterwegs, Sozialversicherung und Krankenkasse spielen für die Plattformen keine Rolle, genauso wenig wie Arbeitnehmermitsprache oder sonstige Teilhabe. Die Plattformen verstehen sich als Vermittler. Und wer für seinen Lebensunterhalt auf diese Arbeit angewiesen ist, steht im Zweifelsfall ganz schön schutzlos da.

In den USA verschärft dies ohnehin prekäre Lebenssituationen bei Menschen, die ihr Haupteinkommen als Tagelöhner verdienen, Jede zehnte Arbeitskraft in den USA lebt von »Gigwork« (englisch, 2019) derzeit sind 10% der Arbeitskräfte auf regelmäßige Einkünfte über Plattformen angewiesen. Ein deutschstämmiger Professor arbeitet deshalb jetzt in New York mit einem neuen Konzept daran, Plattformarbeitern Macht, Mitsprache und Sicherheit zu geben.

Plattformen wie »Uber«, »Deliveroo« und andere haben ein für viele Menschen interessantes Angebot: arbeiten, wann sie selbst es möchten. – Quelle: quotecatalog.com

Was ist Plattformarbeit genau?

Das Leben meines imaginären Freundes Karl scheint auf den ersten Blick weit weg, ist es aber nicht. In einem Fall, der gerade in München vor Gericht steht, späht diese Zukunft bereits bedrohlich um die Ecke. Ein Mann vom Niederrhein hatte für eine Firma namens Roamler im Nebenjob Produktplatzierungen in Supermärkten fotografiert. Die Auftraggeber wollen wissen, ob die Filialen die Richtlinien korrekt umsetzen und können sich so eigenes Personal sparen, das verdeckt die Märkte abklappert. Mit 15–20 Stunden Aufwand pro Woche verdiente er etwa 1.700 Euro monatlich. Das lief ein Jahr gut, bis Roamler ihn nach einer Meinungsverschiedenheit über einen Auftrag einfach aus der App löschte. Plattformarbeiter wie er haben bislang meist keinerlei Garantien oder Schutz, Mindestlohn, Altersvorsorge, Krankenkasse – Spiegel Plus über den Prozess (Paywall, 2019) das alles gibt es nur mit einem Angestelltenverhältnis.

Wissenschaftler versuchen seit Langem, das Phänomen Plattformarbeit zu packen: Was macht diese Form von Arbeit aus und wie problematisch ist sie wirklich? Der wichtigste Punkt dabei ist die Definition. Der »Crowdworking Monitor« des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales definiert den Begriff »Plattform« grob als eine technische Lösung, Angebot und Nachfrage in einem bestimmten Markt zusammenzubringen, mit der Der »Crowdworking Monitor« (englisch, 2018, PDF) Absicht, Gewinne zu erzielen. Portalseite zur Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Plattformarbeit Ähnlich sieht es die Bertelsmann-Stiftung in ihrer neuen Studie zur Plattformarbeit, fasst den Begriff aber noch etwas weiter.

Titelbild: Robert Anasch - CC0

von Benjamin Fuchs 

Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!

Themen:  Internet   Arbeit  

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