Reportage 

Das ist Deutschlands Stadt der Zukunft – und du hast noch nie von ihr gehört

Wo Hitlers Blitzkriege geplant wurden, soll die erste »Eco City« des Landes entstehen: klimaneutral, interkulturell, progressiv. Bürgermeisterin und Bewohner des Ortes sehen das kritisch – Spinnerei oder Musterbeispiel?

15. August 2019  10 Minuten

Aus dem zerfledderten Puppenkörper quillt Watte. Er liegt schlaff und kopflos auf einem Hocker. An der Wand hängen vergilbte Zeichnungen von Fabrikarbeitern, ganz im Stil des Sozialistischen Realismus, daneben ein Feldbett, Stiefel und eine Gasmaske. Vieles, was die russischen Soldaten zurückließen, ist in diesem Zimmer im Haus der Offiziere ausgestellt. Durch das Fenster starre ich auf den Rücken einer mannshohen Lenin-Statue.

Wer noch nie etwas von der Militärstadt Wünsdorf gehört hat, wird sich fragen, warum einem dieser Ort deutscher Geschichte unbekannt ist. Nur eine halbe Stunde von Berlin entfernt befindet sich der einst größte Militärstandort Europas. Er erstreckt sich auf einer Fläche so groß wie der Flughafen Hamburg am östlichen Ortsausgang der 6.500-Seelen-Gemeinde Wünsdorf. Das schlossähnliche Haus der Offiziere, das von einer Badeanstalt, einem Casino, einem Theater und einer Reithalle flankiert wird, ist nur ein kleiner Teil der weitläufigen Anlage.

Friedhof der Spielzeuge: Im Haus der Offiziere sind Überbleibsel ausgestellt, die die Familien der russischen Soldaten und Kommandeure zurückließen. – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Lange Zeit durfte kein Zivilist die »Verbotene Stadt« betreten. Zuerst war dort ein Truppenübungsplatz der Preußen. Ab 1933 wurde der zur Militärstadt und zum Sitz des Oberkommandos der Nationalsozialisten – und zur Planungszentrale für Hitlers Kriege. Die Wehrmacht errichtete mehrere Bunker, von denen nur wenige den Zweiten Weltkrieg überdauerten. Denn die Rote Armee sprengte einige, als sie nach dem Sieg der Alliierten in Berlin nach Wünsdorf kam.

Später, zu DDR-Zeiten, war in der Sperrzone Zossen-Wünsdorf die größte Garnison der Roten Armee mit bis zu 60.000 Einheiten und Angehörigen stationiert. Lies hierzu den Bericht »Die Rache des Kaisers« aus dem Jahr des Abzugs im »Spiegel« (1994) Erst 1994 zogen die letzten Soldaten ab. Bis auf sanierte Kasernen, in denen heute auch 400 Geflüchtete wohnen, liegt das Gelände brach und sieht mehr nach Wald als nach Stadt aus.

Ausgerechnet hier, an einem Ort des Krieges, will ein Berliner Verein einen Ort der Zukunft bauen: die weltweit erste komplett klimaneutrale Stadt – Hier findest du die Website des »icec wünsdorf e. V.« Eco City Wünsdorf. Die Vision: Eine Siedlung als Versuchslabor, in der die nachhaltigen Technologien für die Zukunft der Städte entwickelt und getestet werden. Bis jetzt existiert die Idee nur in Form von aufwendig illustrierten Broschüren aus Naturpapier. Warum steht sie noch nicht? Bei einem Rundgang mit Vereinsmitgliedern durch die Militärstadt erfahre ich mehr über das Mammutprojekt. Und frage bei einem lokalen Naturschützer nach, warum Die »Märkische Allgemeine« berichtete über die Reaktion der Bürgermeisterin Michaela Schreiber (2018) die Bürgermeisterin der Gemeinde darin nur »ein Luftschloss« sieht und die Bürgerinnen und Bürger anscheinend kaum etwas darüber wissen.


Bildergalerie: Das Haus der Offiziere von außen – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Das Zimmer mit den Überbleibseln – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Zeichnungen im Stil des Sozialistischen Realismus – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Wie sehen die Städte der Zukunft aus?

Es ist Ende Juni 2019. Wetterdienste warnen vor Temperaturen bis zu 40 Grad Celsius. Die Rekordhitze wirbt heute unfreiwillig für die Eco City, die in der Militärstadt Wünsdorf der Presse und anderen Interessierten vorgestellt werden soll. Während Praktikanten Stellwände unter die schattenspendenden Bäume tragen, versammeln sich um sie herum die Besucher, die über den E-Mail-Verteiler des Vereins von dem Rundgang erfahren haben. Fast alle kommen aus Berlin und sind vom eingleisigen Bahnhof in Wünsdorf in die »Verbotene Stadt« gepilgert.

Als Ekhart Hahn, Leiter des Projekts und Professor für ökologische Stadt- und Raumplanung, über die trockenen Tannennadeln und Blätter am Boden zu den Stellwänden schreitet, knistert jeder seiner Schritte. Hahn ist ein Urgestein, wenn es um ökologischen Städtebau geht. Seit über 40 Jahren befasst er sich damit, arbeitete an Bauprojekten in Berlin, Leipzig und Dresden. In Tokio berät er das Eco Village, Hier findest du Ekhart Hahns Website und die Projekte, an denen er gearbeitet hat dessen Konzept er viel für die Eco City abgewinnen konnte. Ein Projekt in der Größenordnung hat Hahn aber noch nie betreut. Anscheinend nimmt er das gelassen. In Hemd und Multifunktionshose stellt er sich vor die Stellwände und fragt lächelnd in die Runde: »Wer weiß noch ganz wenig und möchte ein bisschen umfassender etwas erfahren? Der kann ja mal seine Hand heben.«

Ekhart Hahn, Leiter des Vereins »icec wünsdorf e. V.«, erklärt die verschiedenen Dimensionen der Eco City. – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Viele melden sich, also holt er aus. Zuerst erzählt er von der Militärstadt, um zu verdeutlichen, wie geschichtsträchtig dieser teils verwilderte Ort ist: Der Blitzkrieg Die Nationalsozialisten entwickelten die »Blitzkriegstrategie«: Durch das schnelle, unerwartete Vorstoßen großer und motorisierter Truppenteile sollten Verteidigungsversuche des Gegners verhindert und somit eigene Ressourcen geschont werden. Mit dem »Blitzkrieg« auf Polen 1939 begann der Zweite Weltkrieg. wurde hier eingeübt, die erste funktionierende Moschee auf deutschem Boden für 30.000 Die Moschee steht heute nicht mehr. Lies dazu: »Reste der ersten deutschen Moschee ausgegraben« in der »Süddeutschen Zeitung« muslimische Gefangene im berüchtigten »Halbmondlager« gebaut.

Nach der kleinen Geschichtsstunde kommt Ekhart Hahn zu seiner eigentlichen Präsentation und lässt zuerst einen Satz wirken: Lies dazu »Unsere Zukunft entscheidet sich in den Städten« von Felix Austen »Der Klimawandel wird in den Städten entschieden.« Dass das keine neue Erkenntnis ist, weiß er schon seit langem. Auch die Vereinten Nationen belegen, dass Städte aktiv zum Klimawandel beitragen. Über 70% des weltweiten energiebezogenen CO2-Ausstoßes entsteht in urbanen Regionen, Lies hier mehr dazu auf der Website des »UN-Habitats« (englisch) dabei nehmen diese weniger als 2% der Erdoberfläche ein. Bis 2050 werden Lies dazu »Bauen fürs Klima« bei »Golem« (2019) voraussichtlich 3/4 der Weltbevölkerung in und um Städte leben. Zeit zu handeln, dachten sich bereits einige deutsche Kommunen. Als erste Stadt der Republik rief Konstanz Anfang Mai den Klimanotstand Regierungen und Verwaltungen, die den Klimanotstand ausrufen, erklären, mit sofortigen und entschlossenen Maßnahmen Klimaschutz zu leisten. Das konkrete Vorgehen ist jedoch sehr individuell und die »Verpflichtung« ist rechtlich nicht bindend, wird also freiwillig ausgeführt. aus. Seitdem sind Dutzende dem Beispiel gefolgt, darunter Lies dazu »Dutzende deutsche Städte im Klimanotstand« im »Spiegel« (2019) Köln, Münster, Kiel, Bochum, München und Düsseldorf.

»Wie leben wir in der Zukunft? Und wie sehen unsere Städte aus?«, fragt Hahn, obwohl er für sich schon längst eine Antwort gefunden hat. Wünsdorf könnte das Labor für die, so nennt sie Hahn, »post-fossilen Städte« von morgen werden. Was er damit meint, unterteilt er in 3 Dimensionen:

  1. Das Labor

    »Modell und Labor« titelt eine der Stellwände hinter dem Professor. Darauf zu sehen ist ein Grundriss der zukünftigen Eco City – ein Stadtorganismus, der sich wie eine Zelle selbst mit Wasser, Energie und Nahrung versorgt. Dazu gehören die dezentrale Organisation über intelligente Stromnetze, die Modernisierung alter Technologien wie der Herstellung von fruchtbaren Terra-preta-Böden »Terra preta« ist portugiesisch für »schwarze Erde« und bezeichnet den fruchtbaren, von Pflanzenkohle schwarzgefärbten Boden im Amazonasgebiet. Durch die zusätzliche Anreicherung mit einem kompostierten und fermentierten Gemisch aus Pflanzenresten, Dung und menschlichen Fäkalien entsteht ein nährstoffreicher Boden. Heute wird nach diesem Vorbild eine umwelt- und klimafreundliche Pflanzendüngung hergestellt. Lies dazu »Der Schatz in deiner Scheiße« von Felix Austen aus Abwasser und andere Formen der Lies dazu Felix Austens Artikel über die Kreislaufwirtschaft Kreislaufwirtschaft.

    Der städtebauliche Entwurf der Eco City: Im unteren Teil liegt das U-förmige Haus der Offiziere, das erhalten bleiben soll. – Quelle: Ekhart Hahn, Eble Messerschmidt Partner, DREISEITL CONSULTING copyright

    In der Eco City sollen aber nicht nur Technologien entwickelt, sondern gleich in der angeschlossenen Siedlung getestet werden. Viele Gebäude müssen dafür auf dem Gelände neu und ökologisch gebaut werden. Ein weiterer Erfahrungswert in Zeiten, in denen Bauen fürs Klima immer lukrativer wird.

  2. Vernetzung

    Es gibt aber auch alte Gebäude, die Hahn klimafreundlich sanieren will. Dazu gehört das schlossähnliche Haus der Offiziere. In das soll eine internationale Akademie einziehen, die an einen großen Campus für bis zu 10.000 Auszubildende anschließt. »Sie bauen und betreiben die Stadt, sodass sie direkt Kontakt haben«, kommentiert Hahn. Die Erkenntnisse aus der Eco City will er teilen, vor allem mit Menschen aus Regionen wie zum Beispiel dem Nahen Osten, die schon jetzt stark unter dem Klimawandel leiden.

    Wenn die Menschen dort keine Nahrungsmittel mehr haben oder durch Kriege die Landschaft zerstört ist, was bleibt den Menschen da anderes übrig, als auf die Flucht zu gehen? – Ekhart Hahn

    Deshalb sollen die Auszubildenden zu gleichen Teilen aus Kriegs- und Krisenregionen sowie aus Europa kommen. Also geht es den Machern der Eco City nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch darum, Wege des interkulturellen Miteinanders zu ergründen.

  3. Modellregion Berlin-Brandenburg

    »Wenn Städte zellularer werden, wandelt sich die Nutzung der lokalen Ressourcen und die Bedeutung des Umlandes und der Region«, sagt Hahn. In der Broschüre ist diese Dimension unter »Renaissance des Lokalen« verbucht. Statt Nahrung über Tausende Kilometer zu transportieren, wird direkt aus der Region geliefert, was nicht im eigenen Quartier produziert wird. Das wirke positiv auf den Infrastrukturausbau in den ländlichen Gebieten, meint der Professor. Zum Beispiel auch auf den kleinen Bahnhof in Wünsdorf.

Ekhart Hahn wiederholt während seiner Präsentation oft, dass jetzt etwas gegen den Klimawandel getan werden müsse. Es klingt wie ein Mantra.

Fragen über Fragen

Nach dem Vortrag teilen wir uns in 3 Gruppen auf, um die Gebäude zu besichtigen. Das Haus der Offiziere erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Überall stehen Türen offen, durch die man in meist fensterlose Räume gelangt. Als ich durch die staubigen Korridore vorbei an geborstenen Glastüren und zerschlissenen Tapeten laufe, denke ich an den Teil aus Hahns Präsentation, in dem er über die Sanierung der Gebäude sprach: »Die Bauten aus dieser Zeit haben eine so gute Grundsubstanz und Qualität. Sie stehen unter Denkmalschutz und seit Langem zum Verkauf. Warum kauft sie keiner? Weil es gewaltige Kosten verursachen würde, diese denkmalgerecht zu sanieren.« Deshalb will der Verein der Eco City einen rechtlichen Sonderstatus Ein »denkmalrechtlicher Sonderstatus« bedeutet, dass gewisse bauliche (Veränderungs-)Maßnahmen genehmigt worden sind, obwohl das Gebäude eigentlich unter Denkmalschutz steht und daher nicht verfälscht, beschädigt oder zerstört werden darf. Je nach Denkmalschutzbehörde können sich die Vergabekriterien für den Sonderstatus stark unterscheiden. Generell muss Sonderstatus immer dann beantragt werden, wenn die denkmalgeschützte Anlage selbst verändert oder beseitigt werden soll, oder sich die bisherige Grundstücksnutzung ändert. für das Projekt:

In diesem Fall werden wir die bestehenden Gesetze in vielen Punkten nicht einhalten können, weil neue Wege beschritten werden müssen. – Ekhart Hahn

Viele Besucher wollen auch wissen, wie man dieses Megaprojekt finanzieren soll. Gute Frage! Hahn spricht von Spenden, die für die Planungsarbeit eingegangen seien. Auf der Website kann man an den Verein spenden oder als Mitglied Beitrag zahlen. Investoren für den Bau müssten aber noch gefunden werden. Der Professor zeigt sich optimistisch. Das Interesse sei groß, in nachhaltige Architektur wie diese zu investieren.

Doch für die Realisierung der Eco City braucht es nicht nur Geld, sondern auch politischen Willen.


Bildergalerie: In den Korridoren der Militärstadt – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Als das Licht aus der Taschenlampe die hintere Wand des Raumes streift, wölben sich auf ihr die Umrisse von Gesichtern: eine Mutter mit Kind, ein Soldat. Die letzte Plastik in der Reihe zeigt einen Mann, der Josef Stalin ähnelt. Ich muss an Ekhart Hahns Worte aus dem Vortrag denken: »In der Natur und der Kultur setzt sich immer das Schönste durch. Ästhetik bedeutet auch Harmonie. Bis in die Moderne spielt das eine große Rolle in der Stadtplanung, in der Neuzeit musste alles nur noch funktionieren. « Die harten Linien des Sozialistischen Realismus aber wandten sich offen gegen die Ästhetik. – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Trotz »Betreten verboten«-Schildern steht die Militärstadt zahlenden Besuchern offen. Als wir das Gelände erkunden, ist auch eine Gruppe von Fotografen unterwegs, die in dem verlassenen Ort auf Motivjagd sind. – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Die Rote Armee ließ ein kreisförmiges Gebäude direkt vor dem Haus der Offiziere erbauen, in dem das Diorama »Die Schlacht um den Reichstag« von dem »Schlachtenmaler« Vinamin Sibirsky einzog. Das runde Gemälde zeigt, wie die sowjetischen Soldaten 1945 den Reichstag stürmen. Bei ihrem Abzug aus Wünsdorf nahmen es die Soldaten nach Moskau mit. Der Boden im Inneren des Rundbaus ist immer noch übersät mit Backsteinen, die damals als Trümmer vor dem Bild drapiert wurden. – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Im Casino durften nur die ranghohen Kommandeure ihr Glück im Spiel versuchen. Einfache Soldaten hatten hier nichts zu suchen. – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Über der Bühne im Theatersaal thront ein Emblem, das einen Soldaten zeigt. Dazu steht auf Russisch: Westgruppe der Truppen. – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Im Theatersaal der Militärstadt, der von allen Räumen am besten erhalten ist, spreche ich das erste Mal mit Reinhard Baier. Von den roten Stuhlreihen aus blicken wir auf eine große Bühne, die von goldfarbenen Verzierungen und einem langen Vorhang umrahmt ist. Baier ist der Einzige in der Gruppe, der aus der Region kommt. Er arbeitet als Geschäftsführer einer Firma, in der ökologische Gutachten für Bauprojekte erstellt werden. Ich werde auf ihn aufmerksam, als er dem Professor vor dem Rundgang rät: »Ich glaube, Sie müssen versuchen, noch viel mehr Akzeptanz zu bekommen.«

Deshalb spricht er die Haltung der Bürgermeisterin von Zossen an, in das Wünsdorf eingemeindet ist. Michaela Schreiber bewertet die Eco City »in mehrfacher Hinsicht als völlig unrealistisch«. Schon im Juni 2018 erteilte sie dem Verein eine Absage. Lies dazu »Umstrittene Ideen für alte Militärstadt« in der »Märkischen Allgemeinen« (2018) Da hieß das Projekt noch »Wünsdorf 3000«.

Hahn erwidert, dass es auch Politiker gebe, die dem Projekt zugewandt seien. Sein politisches Ziel: die Eco City als ein Schlüsselprojekt in die Koalitionsverhandlungen der nächsten Landesregierung einzubringen. Dafür bleibt aber wenig Zeit. Am 1. September finden bereits die Wahlen in Brandenburg statt. In den Wahlprognosen führt die AfD. Die weitaus zugänglichere Partei für den Verein, die Grünen, liegt auf Platz 4.

Wen wählt Brandenburg?

Der DAWUM-Wahltrend ermittelt aus 2 Wahlumfragen eine Prognose für die Landtagswahl in Brandenburg, die am 1. September 2019 stattfinden wird.

Quelle: DAWUM - Darstellung und Auswertung von Wahlumfragen (abgefragt am 14.08.2019)

Nach dem Besuch in der Militärstadt verabrede ich mich mit Reinhard Baier, um mehr über die lokalen Herausforderungen zu erfahren.

»Ihr müsst euch in der Region bekannt machen«

Ein paar Wochen später stehe ich in Hier findest du die Website von »Natur + Text« der Redaktion von Natur + Text in Rangsdorf, ein paar Kilometer von Wünsdorf entfernt. Den kleinen Verlag gründete Reinhard Baier nach der Wende mit. In dem flachen Gebäude wurden zu DDR-Zeiten Konsum-Kaufhallen entworfen. Jetzt teilen sich dort Verlagsmitarbeiterinnen und ökologische Gutachter das Büro. Baier zeigt mir die hauseigenen Publikationen: ein Naturmagazin Berlin-Brandenburg, ein Bestimmungsbuch heimischer Regenwurmarten, Pflanzen im Spreewald und über Moore in der Region. »Alles nur so Knaller!«, kommentiert er das Angebot.

Reinhard Baier geht voll in seiner Arbeit auf. In seiner Gemeinde und in der Presse tritt er immer wieder als sachkundiger Einwohner für Naturschutz auf. Da er Bürger der Region ist und über Fachkenntnisse verfügt, will ich von ihm wissen, was der Eco City vor Ort im Weg steht.

Reinhard Baier in seinem Büro in Rangsdorf – Quelle: Juliane Metzker copyright

»Ich finde solche Projekte irre interessant, habe aber gleich gesagt: ›Ihr müsst euch in der Region bekannt machen‹«, antwortet Baier. Bisher hat der Verein der Eco City nur einen Bürgerdialog in Wünsdorf veranstaltet. Dazu kamen rund 70 Interessierte. Kein repräsentativer Schnitt bei fast 20.000 Einwohnern, die in Zossen und Wünsdorf leben. Da muss mehr gehen, findet auch Baier. Mindestens müsste ein Büro vor Ort mit lokalen Mitarbeitern eröffnet werden. Laut Verein sei das auch geplant.

Die Infrastruktur sei das, was die Leute vor Ort interessiere. Und genau über diese Inhalte könne der Verein mehr in Austausch treten, meint Baier. Die Einwohnerzahl in Wünsdorf hat sich seit dem Abzug der russischen Soldaten fast verdreifacht: auf 6.500 Menschen. Viele sind zugezogen und Baier bezweifelt, dass diese schon für einen neuen Wandel in Form der geplanten Siedlung bereit seien. Einen Anreiz sieht er – wie der Leiter des Projekts, Ekhart Hahn – im Ausbau des Bahnhofs, da viele nach Berlin pendeln, aber auch in der Elektromobilität für die ganze Region. Denn meist ist die Antwort auf mehr Verkehr in den Gemeinden nahe Berlin Der Verkehr ist immer wieder Streitpunkt zwischen den Gemeinden. Lies dazu »Streit zwischen Rocher und Schreiber« aus der »Märkischen Allgemeinen« (2018) eine neue Umgehungsstraße, statt Wege für mehr E-Bikes zu finden.

Zossen mit Wünsdorf ist eine große Flächengemeinde. Eine »Flächengemeinde« hat vergleichsweise wenige Einwohner auf viel Fläche und viele Gemeindeteile. Diese dezentrale Anordnung bringt verwaltungs- und finanztechnische Herausforderungen mit sich. Da muss man schon beim Verwandtenbesuch schauen, ob man das Auto nimmt. Das könnte man aber auch wunderbar mit dem E-Bike erledigen. – Reinhard Baier

Die Bürgermeisterfraktion in Zossen und die Entwicklungsgesellschaft Waldstadt Wünsdorf/Zehrensdorf, der Flächen der Militärstadt gehören, springen bisher nicht auf die nachhaltigen Aspekte der Eco City an. Generell »boomt« es im Kreis Teltow-Fläming, in dem Wünsdorf liegt. Im Zukunftsatlas 2019 ist der Kreis als Gewinner der Region Brandenburg eingetragen (2019) »Im Moment boomt es in Wünsdorf. Da können wir es uns nicht leisten, nachgefragte Flächen zu blockieren«, gab die Bürgermeisterin Michaela Schreiber in einer Pressemitteilung im Juni 2018 bekannt.

Öffnen sich die Tore der Militärstadt noch für die Eco City? – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Reinhard Baier, der mit seiner Firma in der Vergangenheit auch ökologische Gutachten in der Militärstadt erstellt hat, versteht die Verdrossenheit der Bürgermeisterin. Viele Investitionen hat er in der Vergangenheit platzen sehen. Lies dazu »Wünsdorf – die verblichene Militärstadt« in »Neues Deutschland« (2007) Darunter waren ein Sportzentrum und ein russisches Begegnungscenter. Probleme bei den früheren Anläufen: die Investoren warteten zu lange auf die Baugenehmigung, weil der Landkreis und die Ministerien zuerst die Gelder für den Bau sehen wollten. Trotz dieser negativen Erfahrungswerte findet Reinhard Baier, dass die Eco City eine Chance verdient hat. Dafür müssten alle Parteien aber kompromissbereit sein.

Nach dem Besuch in der Militärstadt und bei Reinhard Baier ist meine Frage beantwortet, warum die Eco City (noch) nicht in Wünsdorf steht. Die Antwort darauf, ob sie es eines Tages wird, hängt zum einen von der Landtagswahl Anfang September ab. Aber auch davon, ob der Verein aus Berlin vor Ort Vertrauen in das Projekt und Planungssicherheit schafft. Sollte das nicht gelingen, das klang auch in der Präsentation an, habe sich der Verein noch andere Standorte in Deutschland angesehen. In keinem würden aber so gute Bedingungen herrschen wie in Wünsdorf.

Titelbild: Joaquin Busch - copyright

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich