Das ist Deutschlands Stadt der Zukunft – und du hast noch nie von ihr gehört

Wo Hitlers Blitzkriege geplant wurden, soll die erste »Eco City« des Landes entstehen: klimaneutral, interkulturell, progressiv. Bürgermeisterin und Bewohner des Ortes sehen das kritisch – Spinnerei oder Musterbeispiel?

Reportage - 15. August 2019  10 Minuten

Aus dem zerfledderten Puppenkörper quillt Watte. Er liegt schlaff und kopflos auf einem Hocker. An der Wand hängen vergilbte Zeichnungen von Fabrikarbeitern, ganz im Stil des Sozialistischen Realismus, daneben ein Feldbett, Stiefel und eine Gasmaske. Vieles, was die russischen Soldaten zurückließen, ist in diesem Zimmer im Haus der Offiziere ausgestellt. Durch das Fenster starre ich auf den Rücken einer mannshohen Lenin-Statue.

Wer noch nie etwas von der Militärstadt Wünsdorf gehört hat, wird sich fragen, warum einem dieser Ort deutscher Geschichte unbekannt ist. Nur eine halbe Stunde von Berlin entfernt befindet sich der einst größte Militärstandort Europas. Er erstreckt sich auf einer Fläche so groß wie der Flughafen Hamburg am östlichen Ortsausgang der 6.500-Seelen-Gemeinde Wünsdorf. Das schlossähnliche Haus der Offiziere, das von einer Badeanstalt, einem Casino, einem Theater und einer Reithalle flankiert wird, ist nur ein kleiner Teil der weitläufigen Anlage.

Friedhof der Spielzeuge: Im Haus der Offiziere sind Überbleibsel ausgestellt, die die Familien der russischen Soldaten und Kommandeure zurückließen. – Quelle: Hannah Hoffmann copyright

Lange Zeit durfte kein Zivilist die »Verbotene Stadt« betreten. Zuerst war dort ein Truppenübungsplatz der Preußen. Ab 1933 wurde der zur Militärstadt und zum Sitz des Oberkommandos der Nationalsozialisten – und zur Planungszentrale für Hitlers Kriege. Die Wehrmacht errichtete mehrere Bunker, von denen nur wenige den Zweiten Weltkrieg überdauerten. Denn die Rote Armee sprengte einige, als sie nach dem Sieg der Alliierten in Berlin nach Wünsdorf kam.

Später, zu DDR-Zeiten, war in der Sperrzone Zossen-Wünsdorf die größte Garnison der Roten Armee mit bis zu 60.000 Einheiten und Angehörigen stationiert.

Titelbild: Joaquin Busch - copyright

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

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