Ich sehne mich nach Anstand und Tugend! Bin ich jetzt ein Konservativer?

»Eine neue Ritterlichkeit« fordert Alexander Graf von Schönburg und wird dafür von rechts gefeiert. Ich feiere mit.

8. Oktober 2018  8 Minuten

Alexander von Schönburgs Bücher »Weltgeschichte to go« und »Die Kunst des stilvollen Verarmens« sind Bestseller. Sein neuestes Buch »Die Kunst des lässigen Anstands« erschien Ende August 2018.

Bildquelle: piper

»Nehmen Sie das hier, das ist interessant«, sagt mein Buchhändler mit einem Nicken und drückt mir Die Kunst des lässigen Anstands in die Hand.

Nicht schon wieder was von dem, denke ich. Denn der Autor ist Alexander von Schönburg, konservativer Christ, deutscher Adel, ein selbsternannter »Bewahrer alter Tradition« und ausgerechnet in der Chefredaktion der BILD-Zeitung – in der Summe also niemand, dem ich 360 Seiten lang dabei folgen will, wie er seine verstaubte Ritterlichkeit wiederentdeckt.

Doch nach der ersten Leseprobe ertappe ich mich dabei, wie ich bei vielen Zeilen zustimmend nicke. Anstand, Werte, Moral, Tugenden – das klingt zwar veraltet, aber auch ganz gut in einer Zeit von politischen Partisanenkämpfen und Wie wir uns mit Worten und Bananen gegen den Hass im Internet wehren können wild wuchernder Wut im weltweiten Netz.

Wofür von Schönburg mit seinem Buch angetreten ist, ist tatsächlich nobel: Er will mit 27 Tugenden ein moralisches Koordinatensystem aufzeigen, an dem wir alle uns festhalten können, Wie bekommen wir Handeln und Ideale unter einen Hut? Die Antwort auf einen rührenden Leserbrief um ein gutes Leben zu führen. Ich lasse mich darauf ein und will diese Kunst des lässigen Anstands nicht nur lesen, sondern studieren und erlernen.

7 drängende Fragen an moderne Konservative Aber muss ich dafür jetzt konservativ sein?

»Die Tugenden – eine Gebrauchsanweisung«

Viele suchen außergewöhnliche Herausforderungen, um sich als gute Menschen zu beweisen, dabei befinden sich die Herausforderungen in unserem direkten Umfeld, in unserem Alltag. – Alexander von Schönburg in »Die Kunst des lässigen Anstands«

Um die Herausforderungen des Alltags zu meistern, stellt von Schönburg handverlesene Tugenden für die heutige Zeit vor, mit denen der Leser an sich arbeiten soll. Da wären etwa:

  • Klugheit und die Bereitschaft, dazuzulernen und über den eigenen Tellerrand zu blicken.
  • Aufrichtigkeit als Übung der Selbstreflektion über die eigenen kleinen Schwindeleien, die wir uns durchgehen lassen.
  • Fleiß für die Optimierung der eigenen Tagesabläufe und das Wie wir schlechte Gewohnheiten wirklich brechen, erklärt Maren Urner hier Erlernen guter Gewohnheiten.
  • Treue als wichtigste Zutat für jede stabile Beziehung, Liebe oder Freundschaft.
  • 3 Zutaten für echte Dankbarkeit Dankbarkeit als vorbeugende Selbsttherapie, um die positiven Dinge im eigenen Leben zu erkennen.
  • Dekorum (Würde) als eine ausgestrahlte, lässige Eleganz und Lockerheit in jeder Lebenslage.

In der Summe wirken sie wie eine Mischung aus den 10 Geboten, griechischer Philosophie und modernem Glücklichkeitsratgeber. Immer wieder beschwört Schönburg dabei Fürsprecher eines tugendhafteren Lebens: Thomas von Aquin, Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe, Schönburgs eigenen Onkel Rudolf und nicht nur einmal die Bibel. Das ist durchaus unterhaltsam und eine Fundgrube lässiger Zitate – lässt aber bei genauerem Blick doch viele Fragen offen.

Wer relevante Informationen ausblendet, wer ohne rechts und links zu schauen durchs Leben geht, handelt […] dumm. – Alexander von Schönburg über Klugheit

Wie hängen Tugenden und Anstand zusammen? Kann ich mir meine Tugenden aussuchen?

Tim Henning lehrt an der Universität Stuttgart Praktische Philosophie. – Quelle: Tim Henning copyright
Auf der Suche nach Antworten wende ich mich an einen echten Philosophen. Tim Henning lehrt an der Universität Stuttgart Praktische Philosophie und hält Vorlesungen von Aristoteles bis Marx. Er klärt erst einmal die Begriffe:

  • Anstand ist das Mindestmaß, das wir als Gesellschaft in Bezug auf Moral an unsere Mitmenschen anlegen. Wer nicht immer klug, maßvoll oder mutig handelt, ist nicht unanständig, wer den Wert anderer mit Füßen tritt aber schon. »Wer nicht anständig ist, hat definitiv etwas falsch gemacht«, meint Tim Henning. Anstand allein reicht also nur für ein gesellschaftlich akzeptables, aber noch nicht für ein gutes Leben.
  • Tugenden sind bewundernswerte Charakterzüge, mit denen Menschen Situationen richtig verstehen und gewichten können. »Schon bei Sokrates traten Tugenden nur im Rudel auf«, erklärt Henning. Ein mutiger Mensch ist nur dann richtig mutig, wenn er die anderen Tugenden mitbedenkt. Ohne Klugheit und Maß etwa wäre er tollkühn. Als Tollkühnheit bezeichnet man die Art und Weise, eine mutige Aufgabe ohne Einschätzung etwaiger Risiken zu bestehen. Der Begriff stammt aus dem Mittelhochdeutschen und setzt sich zusammen aus »tol« (verrückt) und »küene« (kühn). Tollkühnheit ist damit eine Steigerung der Kühnheit. Eine tollkühne Heldin, die ihren Prinzen vor dem feuerspeienden Drachen retten möchte, stellt sich also einer verrückten Aufgabe mit einem hohen Risiko.

»Aristoteles würde sagen, Tugenden können nicht gelehrt werden«, Das mit den Tugenden war in der griechischen Antike so eine Sache. Denn damals, als die Tugendlehre entstand, wurden Tugenden nur Männern, Griechen und Besitzenden zugestanden. Sie waren damit exklusiv einer kleinen Gruppe von Mächtigen vorbehalten. sagt Henning. Sie seien eine Frage der Haltung und der Übung. »Das ist wie Fahrradfahren. Das lässt sich auch nicht in einem Buch lernen, das muss man ausprobieren und erfahren, wie man auf feinste Schwankungen reagiert.« Denn auch im Alltag stehen wir alle vor komplexen Situationen und müssen viele verschiedene Werte oft sehr fein gegeneinander abwiegen.

Ein tugendhafter Mensch zu werden ist also eine Lebensaufgabe. Dem würde wohl auch von Schönburg nicht widersprechen.

Man muss die höchsten Ansprüche im Blick haben. Aber es geht nicht darum, sie zu erreichen. – Alexander von Schönburg über Tugenden

Der adlige Literat hat aber einen Geheimtipp parat, der Lesern beim Erlernen der Tugenden helfen soll: sich in gute Gesellschaft begeben. Welche er damit meint, wird im Buch schnell klar: »Menschen, zu denen man aufschauen kann, die einen überragen.« Moderner Adel eben. Ich rolle mit den Augen bei der Lektüre. Böse gefragt: Hat etwa der Pöbel die Manieren wieder vom Adel zu lernen? Und warum glauben Konservative, es sei ihre Aufgabe, die Tugenden für alle zu entwerfen?

Deshalb gehört das gute Leben nicht allein den Konservativen

Nicht jede Generation kann sich einfach neue Wahrheiten backen – man findet Wahrheiten vor. – Alexander von Schönburg über Tradition

Aus der Perspektive von Alexander von Schönburg ist seine Tugendlehre heute dringend nötig. Denn er schreibt auch gegen eine »linke Kulturrevolution« an, der angeblich nichts mehr heilig sei und die alle Werte und Traditionen bekämpfe. Kein Wunder, dass er dafür Alexander von Schönburgs Interview in »Tichys Einblick«, das sich selbst als »liberal-konservatives Meinungsmagazin« definiert (2018) auch von Rechtspopulisten gelesen und gefeiert wird. Schon heute, so von Schönburg, würden manche Menschen jede Moral als verhandelbar und damit beliebig ansehen.

Das Problem ist, da ist etwas dran – sagt der Philosoph Tim Henning: »Wenn in unserer Gesellschaft über Moral geredet wird, dann herrscht oft ein gewisser Relativismus. Relativismus ist eine philosophische Denkweise, nach der es keine absoluten oder allgemeingültigen Wahrheiten gibt. Relativisten sind der Ansicht, dass Wahrheiten immer etwas Subjektives sind und erst im Kontext anderer Wahrheiten Bedeutung bekommen. Auch unter meinen Studierenden heißt es häufig: Moral, das sei ein gesellschaftliches Konstrukt und eine Moral sei so gut wie die andere.«

Doch alte Tugenden als Rettung für eine aus dem Ruder laufende Gesellschaft – das will Tim Henning so nicht stehen lassen: »Wenn Sie irgendjemandem ein Fahrrad klauen oder es um die Frage geht, ob jemand fair behandelt wurde, dann erweist sich oft, dass wir alle noch einen intakten moralischen Kompass haben. Und wenn wir weniger verstaubtes Vokabular verwenden, merken die Leute schnell: Sie finden diese alten Werte immer noch sehr wichtig.«

Ob alle Tugenden also nun konservativ sind, entpuppt sich als Fachsimpelei über Begrifflichkeiten, hinter denen – rechts wie links – oft dieselben Werte stehen. Den Unterschied sieht der Philosoph vor allem darin, dass »linke Kräfte oft auf moralische Vokabeln verzichten«. Dabei stünden diese auch den progressiveren Kräften gut, um klarer zu machen, was sie eigentlich umtreibt. »Es gibt heute tatsächlich diese legitime Sehnsucht nach klaren Wertvorstellungen.« – Tim Henning, Philosoph Für von Schönburgs Projekt hat der Philosoph Tim Henning daher große Sympathie übrig: »Es gibt heute tatsächlich diese legitime Sehnsucht nach klaren Wertvorstellungen. Und weil sie die nicht ausreichend in der Öffentlichkeit finden, schließen sich manche in unserer Gesellschaft ja radikalen Strömungen oder Sekten an.«

Mehr über Tugenden zu sprechen, könnte tatsächlich Extremisten etwas Wind aus den Segeln nehmen Auch wenn Wertvorstellungen wichtig sind: Es gibt natürlich weit mehr als nur einen Antrieb, sich extremistischen Strömungen anzuschließen. Tugenden sind kein Allheilmittel gegen Extremismus. und auch eine Brücke zwischen auseinanderdriftenden Lebenswelten schlagen. Angst davor, dass Moral junge Menschen anöden könnte, hat Tim Henning nicht: »Wenn man an den Universitäten einen Vortrag über Moral hält, dann sind die Studenten oft Feuer und Flamme. Dass jemand Moral nicht mehr als relativ oder David Ehl erklärt, warum die Pressefreiheit auch für Breitbart gilt Geschmacksache behandelt – das beeindruckt.«

Und das führt direkt zur wichtigsten, ja heilsamsten Tugend für unsere heutige Zeit.

Die wichtigste Tugend für das 21. Jahrhundert ist …

Irgendetwas mit Gender, dann noch eine Frage, in der das Reizwort ›Immigration‹ fällt, schon ist Ihre Position im Partisanenkrieg der Meinungen klar. – Alexander von Schönburg

Links oder rechts, progressiv oder konservativ, gläubig oder atheistisch, kapitalistisch oder sozial, Veganer oder Fleischesser, Trump gegen der Rest der Welt – heute gibt es eine Vielzahl von verfeindeten Perspektiven, zwischen denen häufig Spott und Hass regieren, Warum Hass im Netz kinderleicht ist und Tausende Menschen dagegen anschreiben vor allem in den Kommentarspalten sozialer Medien. Die Frage ist, wie wir es schaffen, zu einem zivilisierten Miteinander zurückzukehren.

Dabei hilft vor allem eines: Toleranz.

Mit ihr könnten wir wieder neugierig auf die »andere Seite« werden und ihre Argumente für uns abwägen. Auch Alexander von Schönburg setzt für einen lebhaften Austausch auf Toleranz – und trifft damit den Kern dieser häufig missverstandenen Tugend.

  • Toleranz heißt nicht, jede Anfeindung mit einem Lächeln wegzustecken, seine eigenen Ansichten anzupassen und immer nur Verständnis zu zeigen. Wer alles unkritisch toleriert, verliert nur die eigenen Werte.
  • Toleranz heißt auch, eine klare Meinung zu zeigen und zu verkünden – ohne andere Tugenden wie Höflichkeit, Geduld, Weltoffenheit und Mitgefühl auszublenden.

»Echte« Toleranz erfordert Kritisches Denken hilft! Da sind wir uns bei Perspective Daily sicher. In dieser Reihe bringen wir dir bei, was du wissen und üben solltest kritisches Denken, seine eigenen Wertvorstellungen zu kennen und sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Und das kann auch ein Buch oder ein Artikel nicht beibringen, das muss man üben – da sind sich Aristoteles, Tim Henning und auch Alexander von Schönburg einig. Vielleicht könnte sich auch das Bildungsministerium von dieser Philosophie inspirieren lassen, denn »Früh übt sich«, wie es so schön heißt.

Sich in Toleranz zu üben ist schwer, aber es lohnt sich. »Toleranz ist zu sagen: Du machst etwas falsch. Und trotzdem solltest du das dürfen.« – Tim Henning, Philosoph Das weiß ich genau, denn sie gilt auch für mich und Die Kunst des lässigen Anstands. Hätte ich mich nämlich von der durchklingenden Adelsattitüde oder den Seitenhieben auf LGBTQI-Aktivisten und linke Politik abschrecken lassen, hätte ich eine interessante moderne Tugendlehre verpasst, die mich sicher noch Wochen beschäftigen wird.

Mit Illustrationen von Adrian Szymanski für Perspective Daily

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Psychologie   Glaube   Gesellschaft  

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