In diesem Großraumbüro würde selbst dein Chef arbeiten wollen

Großraumbüros nerven und machen einsam – aber nicht wenn wir es richtig anstellen.

14. Januar 2019  8 Minuten

Der Arbeitstag von Jan Pablo Rudolph beginnt in der »Agora«. Kein Weg führt an dem L-förmigen Raum vorbei, der so etwas ist wie das Herzstück des Büros, in dem die Mitarbeiter von Unu, einem Berliner Hersteller von Elektro-Motorrollern, gemeinsam arbeiten. Die Wände der Agora sind mit aufbereiteten Backsteinen verkleidet, an den hohen Decken sind Pflanzkästen angebracht, aus denen Efeu nach unten wächst. Auf den 3 Stufen der Holztribüne sitzt jetzt noch niemand. Später werden sich Mitarbeiter hierher zurückziehen, um zu plaudern oder Pause zu machen.

Die Agora war im antiken Griechenland der zentrale Markt- und Versammlungsplatz einer Stadt. Bei Unu hat der Raum eine ähnliche Funktion. Er ist Treffpunkt, Küche und Rückzugsort in einem. Und er führt in ein Großraumbüro, das ganz anders ist als andere und das Jan Pablo Rudolph auch nicht so nennen würde. Er spricht von einem »Open Space«.

Konzepte wie dieses sind noch die Ausnahme. Doch in Zukunft könnte sich die Art und Weise, wie in Büros gearbeitet wird, völlig verändern. Jeder dritte Beschäftigte in Deutschland arbeitet mittlerweile in einem Büro. Rund 1/3 von ihnen wiederum arbeitet Lies hier die ganze Studie (2018) in einem Gruppen- oder Großraumbüro. Hinzu kommt je nach Befragung und Definition noch eine kleine Gruppe, die in einem »Open Space« oder »Multispace« arbeitet. Damit sind Büroformen gemeint, die offene Großraumflächen mit geschlossenen Bereichen verbinden.

Büroformen

Die Grafik zeigt, in welchen Büroformen gearbeitet wird. In Mehrpersonenbüros arbeiten 3–5 Personen, in Gruppenbüros 6–20 Personen. Von Großraumbüros spricht man, wenn mehr als 20 Menschen in einem Raum zusammenarbeiten. Kombibüros sind Einzel- oder Zweipersonenbüros, die mit einer gemeinschaftlich genutzten Multifunktionszone kombiniert werden. Angaben in Prozent

Quelle: Fraunhofer-Institut IAO

So sieht das moderne Büro mit Köpfchen aus

Auch Unu setzt auf eine solche Kombination: Kleine Gruppen arrangieren sich flexibel, es gibt kurze Wege zu den Kollegen, es gibt die Agora. »Der Vorteil ist, dass man sich schnell absprechen und zusammensetzen kann. Dann kommt man auch schneller zu Ergebnissen«, erklärt Jan Pablo Rudolph. Auch er verzichtet als »Head of Sales« und damit als Führungskraft auf ein Einzelbüro, Hast du dich heute schon über deinen Chef geärgert? Katharina Wiegmann zeigt, dass das nicht sein muss weil er sich nicht abgrenzen möchte.

»Unsere Schreibtische sind immer ordentlich« – Jan Pablo Rudolph, »Head of Sales« bei Unu

Auf 4 große Räume verteilen sich die Mitarbeiter. 15 Personen arbeiten jeweils in einem Raum. Grünpflanzen sorgen für ein behagliches Ambiente, hier und dort stehen Whiteboards, auf denen Mitarbeiter ihre Gedanken festhalten und illustrieren können. Manchmal stehen auch ein paar bunte Roller der Firma herum.

Und noch etwas fällt auf: Es ist sehr aufgeräumt. Papierstapel und überfüllte Schubladen sucht man vergeblich. »Unsere Schreibtische sind immer ordentlich«, sagt Jan Pablo Rudolph. Bei Unu heißt das Platzhygiene.

Das Start-up hat sich bei seiner Gründung vor 5 Jahren bewusst für eine Großraumbüro-Struktur entschieden. Den Blick auf das ganze Geschehen haben, ein gemeinschaftliches Ziel verfolgen, das wolle man auch durch die Bürogestaltung erreichen, erklärt Jan Pablo Rudolph. Die Werte, nach denen die Unu-Mitarbeiter arbeiten, sind Austausch, Kooperation, Rücksichtnahme und Raum für Rückzug. Der Erfolg und die gute Stimmung am Arbeitsplatz beweisen, dass das Großraumbüro nicht überall so schlecht ist wie sein Ruf.

Titelbild: Unu - copyright

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Themen:  Gesundheit   Arbeit  

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