Interview — 7 Minuten

Hier gehen Kinder freiwillig ins Altenheim

24. Januar 2019
Themen:

Denn es gibt mehr als Kekse und Kleingeld: Was sie hier mitnehmen, können ihnen Eltern und Lehrer nicht geben. (In Kooperation mit ZDF | plan b)



Jeder, der schon einmal auf einer (harmonischen) Familienfeier war, weiß: Wenn die ganze Familie zusammen ist, blühen die Kinder auf. Mit Opa Lesen üben, gemeinsam Lieder singen und Abendessen nach Omas Rezept zubereiten. Gerade ältere Generationen haben den Kleinsten viel zu geben. Und bis vor ein paar Jahrzehnten war das noch selbstverständlich so.

Heute läuft das in vielen Familien anders ab. Als junge Erwachsene ziehen viele für Job oder Studium aus ihrem Heimatort weg. Für sie wird nicht nur der Kontakt zu den Eltern viel schwieriger – auch der eigene Nachwuchs ist damit oft Hunderte Kilometer von den Großeltern entfernt. Das macht nicht nur – ganz praktisch gesehen – die Betreuung der Kleinsten schwieriger, sondern sorgt auch für Sehnsucht nach Nähe bei allen Beteiligten. Der Austausch zwischen den Generationen wird so zum Ausnahmefall auf Geburtstagsfeiern und unterm Weihnachtsbaum.

Noch schwieriger wird es für Senioren, die nur noch eingeschränkt mobil sind. Schnell reduziert sich der Kontakt hauptsächlich auf Menschen der gleichen Altersgruppe, Einsamkeit droht.

Dabei gibt es für Groß und Klein viel zu gewinnen, wenn wir den Austausch zwischen den Generationen fördern – und das wurde inzwischen von Forschern der Evangelischen Hochschule Freiburg wissenschaftlich belegt. Die Pädagogin Dörte Weltzien hat im Rahmen ihrer Arbeit untersucht, was Kinder davon haben, wenn sie auf Menschen treffen, die so ganz anders sind als Mama und Papa.

Chris Vielhaus: Frau Weltzien, viele junge Menschen, die eine Familie gründen, leben heute nicht mehr an dem Ort, an dem sie selbst aufgewachsen sind. Damit fällt für deren Kinder auch der regelmäßige Kontakt zu den Großeltern weg. Was geht dadurch verloren, das ältere Menschen Kindern geben können – und was Eltern vielleicht nicht können?
Dörte Weltzien: Das ist eine gute Frage, die wir uns während unserer Arbeit auch immer wieder gestellt haben: Warum gehen die Kinder freiwillig so gerne in ein Alten- und Pflegeheim, wenn sie auch an anderen attraktiven Angeboten der Kita teilnehmen können? Sie wussten genau, dass die anderen Kinder aus der Gruppe währenddessen in den Wald gegangen sind oder im Bewegungsbereich der Kita gespielt haben.


Wir hatten da verschiedene Vermutungen, die davon bestätigt wurden, was die Kinder selbst sagen: Was die älteren Menschen ihnen geben können, ist vor allen Dingen Zeit. Die Begegnungen finden in ruhiger, entspannter Atmosphäre statt, wo die Menschen einfach mal so dasitzen. Das ist in unserer heutigen Zeit wirklich was ganz Besonderes für Kinder.

Das Projekt

Im Rahmen des Projekts »Gestützte Begegnungen zwischen Hochaltrigen und Vorschulkindern zur Verbesserung von Lebensqualität und sozialer Teilhabe« trafen rund 150 Kinder (4–6 Jahre) über einen Zeitraum von 3 Jahren auf alte Menschen in Altenheimen. Pädagogen und Gerontologen (Altersforscher) der Evangelischen Hochschule Freiburg erforschten die Wirkungen auf das sozial-emotionale Verhalten.

Chris Vielhaus: Die Senioren ziehen also nicht plötzlich ein Smartphone aus der Tasche und sind dadurch abgelenkt.
Dörte Weltzien: Zum Beispiel. Die Kinder bekommen hier sehr viel Aufmerksamkeit, die Älteren lachen und winken schon direkt, wenn sie ankommen. Sie bekommen also Bestätigung, ohne etwas dafür tun zu müssen. Das tut gut und ist eine besondere Erfahrung für sie. Den Unterschied erkennt man besonders an Kindern, die im Alltag sehr aktiv und unruhig sind. Die waren in diesen Situationen deutlich entspannter, saßen auf einem Sofa und haben sich einfach mal ein Buch mit angeguckt. Das ist den Fachkräften im Gegensatz zum Alltag in der Kita direkt aufgefallen.


Ein weiterer Faktor ist, dass die Kinder ganz genau beobachten, was sie selbst vielleicht schon besser können als die Älteren. Mal eben aufstehen und sich ein Glas Wasser holen zum Beispiel. Sie erleben sich selbst dann als kompetent, wo sie sonst immer den Eindruck haben, dass Erwachsene alles können und immer in jeder Beziehung überlegen sind. Während der Treffen merkt man dann, dass die Kinder ihre eigene Stärke spüren – und das kommt dann auch bei den Interviews danach wunderbar raus.

Exklusive Videoausschnitte von unseren Kooperationspartnern von ZDF | plan b. Die ganze Folge ist ab dem 25.01. in der Mediathek des ZDF abrufbar.


Chris Vielhaus: Was berichten die Kinder nach so einem Treffen?

Dörte Weltzien: Sie erzählen zum Beispiel, dass sie dafür sorgen mussten, dass jeder sein Plätzchen oder seine Brezel bekommt. Sie verhalten sich bei den Treffen prosozial und erleben es als angenehm, wenn sie sich mit um die weniger Starken kümmern. Dadurch wird sowohl ein positives Selbstbild als auch das Selbstbewusstsein gestärkt. Denn sonst wird ihnen meist vermittelt, dass sie vieles eben noch nicht können – natürlich, weil es auch zum Teil so ist und ganz ohne böse Absicht.

Zur Person: Dörte Weltzien

Dörte Weltzien ist Professorin für Pädagogik der Kindheit an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Sie ist Prodekanin des Fachbereichs Pädagogik und Supervision und leitet das Forschungsinstitut »Zentrum für Kinder- und Jugendforschung«. In den Jahren 2011–2014 führte sie das Aufeinandertreffen von Vorschulkindern und Senioren.

Bildquelle: Evangelische Hochschule Freiburg

Sie erleben dort ja die maximale Vielfalt: Menschen, die nicht mehr richtig laufen, sprechen, sehen oder hören können, oder die sich in Kombination mit Demenz vielleicht auch mal sehr ungewöhnlich verhalten. Das alles geschieht aber in einem sehr positiv gerahmten Setting. Sie haben keine Angst davor, sondern gehen da in der Regel völlig unbefangen und unbekümmert rein.

Chris Vielhaus: Welche Rolle spielen die Eltern dabei?

Dörte Weltzien: Interessanterweise waren die es, die zu Anfang die meisten Bedenken hatten. Ob die Kinder überhaupt Lust dazu haben würden zum Beispiel, aber auch echte Vorbehalte vor Pflegeheimen an sich. Daran sieht man: Wir, Menschen in unserem Alter, haben viel mehr Berührungsängste, dort hinzugehen, als die Kinder. Das haben wir gelöst, indem wir die Treffen auch offen für die kritischen Eltern gestaltet haben. Einige kamen dann auch und waren total überrascht und auch sehr berührt davon, wie selbstverständlich sich ihre Kinder dort bewegen und auf die alten Menschen zugehen.

Chris Vielhaus: Das hat dann auch eine andere Qualität, als wenn beispielsweise Kindergartenkinder zu Weihnachten in ein Seniorenheim kommen, um etwas vorzusingen, oder?

Dörte Weltzien: Genau, das ist gar kein Vergleich. Solche Veranstaltungen sind meist gut gemeint, aber am Ende ist es eine Show, von der niemand so recht etwas hat – die Kinder am allerwenigsten. Echte, regelmäßige Begegnungen hingegen schaffen durch die nötige Ruhe und das Persönliche eine echte Vertrautheit.


Was erleichternd hinzukommt, ist, dass die älteren Leute auch nicht alles mitbekommen, glaube ich. Wenn sich manche Kinder mal gelangweilt haben, war es zum Beispiel auch völlig in Ordnung, wenn sie unter dem Tisch mal eine halbe Stunde Höhle gespielt haben. Etwas, was sie jetzt bei einer normalen, eher steifen Kaffeetafel bei den eigenen Großeltern nicht unbedingt machen würden.

Exklusive Videoausschnitte von unseren Kooperationspartnern von ZDF | plan b. Die ganze Folge ist ab dem 25.01. in der Mediathek des ZDF abrufbar.


Es besteht da also eine große Toleranz, wie man sich verhalten kann, und die Kinder sind da sogar eher regeltreu als die Älteren. Wenn es zum Beispiel Brezeln gab und die Fachkräfte aber sagten, es solle vorher noch ein Lied gesungen werden, die Älteren dann aber doch direkt zugegriffen haben, waren die Kinder schon ziemlich sauer, weil sich nicht alle an die Regeln gehalten haben!

»Kinder haben häufig den Eindruck, dass Erwachsene ihnen in jeder Beziehung überlegen sind. Bei den Treffen lernen sie, ihre eigene Stärke zu spüren.« – Dörte Weltzien

Chris Vielhaus: Also erziehen die Kinder sogar manchmal die Alten … Welche Rolle spielen denn generell die Erzieher, die das Projekt begleiten?

Dörte Weltzien: Die Rolle der Erzieher als pädagogische Fachkräfte ist extrem wichtig. Sie müssen die Treffen gut vorbereiten und dann auch die Fragen der Kinder aufgreifen, etwa wenn plötzlich jemand von den Älteren Juliane Metzker hat mit einem Bestatter über die Vorbereitung des eigenen Todes gesprochen nicht mehr dabei ist, weil er krank war oder Juliane Metzker zeigt, warum wir alle mehr über den Tod reden sollten verstorben ist. Das sollten keine Tabuthemen sein. Im Gegenteil, das interessiert die Kinder meist wirklich und ist für sie ein Lernfeld. Das ist für sie dann auch etwas anderes, als wenn die eigene Großmutter krank ist, mit allen einhergehenden Emotionen und Belastungen. Bei den Treffen hingegen ist die Beobachtung der älteren Menschen, denen sie nicht so nahestehen, ziemlich spannend. Die Kinder können zum Beispiel später genau sagen, wo die Älteren Falten haben oder wie sie in bestimmten Situationen reagiert haben. Das sind für sie wirklich spannende Lebensfragen.

Chris Vielhaus: Welche Aktivitäten eignen sich denn besonders gut für die Treffen?

Dörte Weltzien: Was immer geht, sind Dinge, die eigentlich alle lieben: zusammen frühstücken, Lieder singen, malen oder etwas basteln. Das ist aber immer nur der Rahmen, an sich ist es zweitrangig, was man dann im Endeffekt wirklich macht, Hauptsache die Atmosphäre ist gut und es gibt genug Raum für persönliche Begegnungen! Das ist der Schlüssel.

Exklusive Videoausschnitte von unseren Kooperationspartnern von ZDF | plan b. Die ganze Folge ist ab dem 25.01. in der Mediathek des ZDF abrufbar.


Man sollte lediglich eine gute Vor- und Nachbesprechung aller Beteiligten vereinbaren, um zu besprechen, wie es war und was man ändern möchte beim nächsten Mal. Die Fachkräfte brauchen in der Regel eine Stunde Vor- und Nachbereitungszeit pro Woche, das muss irgendwie einkalkuliert und dann verlässlich und regelmäßig durchgeführt werden. Das sind die wirklichen Herausforderungen dabei, den Trägern der Einrichtungen zu vermitteln, dass die eigenen Fachkräfte da große Verantwortung übernehmen und dementsprechend auch unterstützt werden müssen …

Chris Vielhaus: … besonders, wenn man bedenkt, dass genau in diesen beiden Bereichen, Erziehung und Pflege, die Personaldecken leider häufig sehr dünn sind.

Dörte Weltzien: Ganz genau. Deswegen klappt es nur dann gut, wenn das Team das Projekt gemeinsam trägt und es von Kita und Pflegeheim eine personelle Verlässlichkeit gibt – und der Träger das Ganze auch wirklich will. Es kann nicht für jedes Treffen wieder alles neu ausgehandelt werden, weil da so viele Menschen und Institutionen dran beteiligt sind. Wenn sich alle aufeinander verlassen können, funktioniert es über eine lange Zeit. Da werden die Treffen dann irgendwann zum Selbstläufer, von dem alle profitieren.

Wie genau die Senioren von den Begegnungen profitieren, erfahrt ihr in Teil 2 des Interviews mit dem Altersforscher Thomas Klie.

Titelbild: plan b / ZDF - copyright

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich


Weitere Themen

Diesen Artikel schenkt dir Chris Vielhaus von Perspective Daily.

Jetzt Mitglied werden ›