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Diese Stadt ist der Geheimtipp von Facebook und Google

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Diese Stadt ist der Geheimtipp von Facebook und Google

13. März 2018
Themen:

Nirgendwo in Afrika erwachen so viele Ideen zum Leben wie in Lagos. So krempeln Technik und Kunst das Leben in Nigeria um.



Lagos ist vielfältig und Lagos boomt. Kaum eine andere Stadt auf der Welt wächst so schnell wie die nigerianische Metropole: Heute leben etwa 20 Millionen Menschen in Lagos; mehr als doppelt so viele wie bei der jüngsten Volkszählung 2006. Die letzte offizielle Volkszählung 2006 ergab eine Einwohnerzahl von 7,9 Millionen. Heutige Schätzungen liegen zwischen 18 und 22 Millionen. Die Metropole trägt auch maßgeblichen Anteil daran, dass Nigeria 2014 Südafrika als größte Volkswirtschaft des Kontinents überholt hat. Im Jahr 2014 berechneten Statistiker Nigerias Bruttoinlandsprodukt mit knapp 400 Milliarden US-Dollar (pro Kopf knapp 2.177 Dollar), allein auf Lagos entfallen davon rund 80 Milliarden. Südafrikas Bruttoinlandsprodukt belief sich im gleichen Zeitraum auf ca. 350 Milliarden US-Dollar (pro Kopf 5.273 Dollar).

Doch Die Afrika-Ausgabe des Online-Magazins Quartz über Start-ups in Lagos (englisch, 2017) »Afrikas führende Stadt«, wie Lagos manchmal betitelt wird, hat mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Teilreisewarnung für Nigeria auf der Website des Auswärtigen Amts (Stand: 05.02.2018) Das Auswärtige Amt warnt: »Die Kriminalitätsrate in Nigeria ist hoch. Insbesondere in der Wirtschaftsmetropole Lagos kommt es immer wieder zu Serien bewaffneter Überfälle.« Dazu kommen eine maßlos überforderte Infrastruktur, schlechter Zugang zu Bildung und Kriminalisierung von Minderheiten – Homosexualität ist zum Beispiel illegal und kann mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden. um nur ein paar der Probleme zu nennen.

Lösungen werden vermehrt an unerwarteten Orten gefunden. Seit Beginn des Jahrzehnts verändern und beflügeln 2 Faktoren Lagos in rasantem Tempo: Digitalisierung und Globalisierung. Die Start-up-Szene boomt genauso wie der Kunst- und Kulturbereich. Gemein haben diese Szenen nicht nur ihren gleichzeitigen Aufschwung, sondern auch das Ziel, gesellschaftliche Probleme in Nigeria anzugehen und die Herausforderungen des Landes als Chancen zu begreifen. Zeit für einen Besuch.

Stellenausschreibung: Wenn dringend Arbeiter gebraucht werden, muss auch schon mal ein Betonklotz als schwarzes Brett herhalten. Und wenn es ganz schnell gehen muss, wird einfach nur eine Telefonnummer draufgepinselt. – Quelle: Bas Losekoot copyright

Die Start-up-Szene in Lagos wird weltweit umworben

Eigentlich liegt der internationale Flughafen in Lagos nur 15 Kilometer vom Zentrum entfernt. Mein Taxi kriecht jedoch schon seit 2 Stunden über die verstopften Einfallstraßen. Viele afrikanische Großstädte kriegen ihr Verkehrsaufkommen nicht in den Griff, warum sollte es ausgerechnet in Lagos, der größten Stadt des Kontinents, anders sein?

Immerhin bleibt bei dem langsamen Tempo genügend Zeit, erste Eindrücke durch die Fensterscheibe zu sammeln. Lagos liegt an einer Lagune direkt am Atlantik. Hinter Makoko, Makoko ist eine hauptsächlich aus Pfahlbauten bestehende Gemeinde im Herzen von Lagos. Die knapp 90.000 Einwohner leben zu einem großen Teil vom Fischfang. der schwimmenden Stadt, ragen bereits die unzähligen Hochhäuser von Lagos Island in den wolkenlosen Himmel. Je näher der Bus dem Zentrum kommt, desto weniger werden die Marktverkäuferinnen in ihren bunten Blusen und desto zahlreicher die Anzug- und Kostümträger. Im Kreativviertel Yaba Valley sticht auch mal ein Hipster mit perfekt getrimmtem Schnurrbart und verspiegelter John-Lennon-Brille heraus.

2017 waren Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Google-CEO Sundar Pichai da.

In diesen Teil der Stadt schickten im vergangenen Jahr gleich 2 der wichtigsten Digitalunternehmen ihre Geschäftsführer: Dirk Walbrühl erklärt Facebooks Vision für die Zukunft Sowohl Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als auch Google-CEO Sundar Pichai kündigten bei ihren Besuchen große Investitionen Facebook eröffnet in diesem Jahr einen Tech Hub in Lagos und plant digitale Trainingsprogramme für 50.000 Nigerianer. Google hat angekündigt, seinen ersten »Launchpad Space« außerhalb der USA in Lagos zu eröffnen. Dabei handelt es sich um ein Accelerator-Programm, also eine Kombination aus Coaching, Netzwerken und einem Arbeitsumfeld, in dem sich Start-ups »beschleunigt« entwickeln können. in die Entwicklung des Digitalsektors in Nigeria an. Damit wurde Lagos quasi ganz offiziell der neue Darling im globalen Start-up-Ökosystem.

Ich besuche den Leadspace, einen von rund 20 Co-Working-Hubs Ein Co-Working-Hub (oder auch Co-Working-Space) ist ein Ort, an dem Freiberufler, Kreative, kleinere Start-ups oder digitale Nomaden in meist größeren, offenen Räumen neben- und miteinander arbeiten können. der Stadt. In einer Ecke steht ein Tischkicker, in einer anderen eine Tafel, bekritzelt mit einem Brainstorming. Die Wände sind abwechselnd knallgrün und rot gestrichen. Wer schon einmal in einem Co-Working-Space in Berlin-Kreuzberg war, wird keine großen Unterschiede erkennen können. Jeden Tag arbeiten hier rund 40 junge Nigerianer an ihren Ideen. 15 von ihnen erzählen mir bei einem Treffen Ausgangspunkt für das Treffen war der Mediendialog Nigeria–Deutschland »Start-up & Speak« der Deutschen Welle Akademie, die auch meine Reisekosten bezahlt hat. nacheinander von ihrer Arbeit und den großen Hoffnungen, die sie für Nigerias neuen Wirtschaftssektor haben.

Raum für Kreative: Der Leadspace, ein Co-Working-Hub im Yaba Valley in Lagos. – Quelle: Felix Franz copyright

»Nächstes Jahr werden Animationen aus Nigeria total durch die Decke gehen. Hier passiert gerade unglaublich viel«, sagt Austine Osas von Guereza Animation begeistert. Gemeint sind zum Beispiel animierte Kurzfilme, Infografiken und digitale Illustrationen. Das Branchenmagazin Cartoon Brew berichtet: Binnen 4 Jahren will Nigeria eine Armee von Comiczeichnern ausbilden (englisch, 2017) Die nigerianische Regierung verkündete vergangenes Jahr bei einer Digitalisierungskonferenz in Peking, bis Ende 2020 wolle sie 75.000 neue Stellen in der nigerianischen Kreativindustrie schaffen.

Plötzlich macht es laut »Knack« und es ist stockfinster. Sämtliche Rollos sind im Leadspace tagsüber heruntergezogen, damit die Bildschirme nicht reflektieren. Ohne Licht ist es also wirklich sehr dunkel. Die Vorstellungsrunde geht jedoch ungehemmt weiter. Keine Pause, kein Nachschauen, was los ist, kein Raunen. Peter Dörrie erklärt, wie die Stromversorgung in ganz Afrika gesichert werden kann Der Stromausfall wird komplett ignoriert. Wir sitzen also im Dunkeln, als Tosin Kilani, einer der Leiter des LeadSpaces, von der Gründung des Co-Working-Hubs erzählt. Die meisten nigerianischen Start-ups müssten 60–70% ihres Budgets in die Beschaffung von Infrastruktur stecken. »Man braucht ein Büro, muss für Internet und Strom bezahlen, nur um überhaupt starten zu können. Also haben wir uns gedacht, das können wir machen, einen Ort schaffen, der alles gemeinsam bereitstellt.«

Mit einem Wert von rund 2 Milliarden US-Dollar ist Lagos mittlerweile vor Nairobi und Kapstadt Bericht von Start-up Genome über das globale Start-up-Ökosystem (englisch, 2017) der wertvollste Start-up-Standort des Kontinents. Im internationalen Vergleich ist ein Wert von 2 Milliarden Dollar noch recht gering. Der globale Durchschnittswert für einzelne Start-up-Ökosysteme liegt bei 14,1 Milliarden Dollar.

Zudem stellten Investoren im vergangenen Jahr den Gründern in Nigeria so viel Geld bereit wie in keinem anderen afrikanischen Land. Derzeit gibt es in der Stadt zwischen 400 und 700 aktive Start-ups.

So wertvoll sind Start-ups in Afrika

Die Balken zeigen jeweils die gesamte Summe des Kapitals, das alle Start-ups des jeweiligen Landes im Jahr 2016 eingesammelt haben.

Quelle: Quartz

Der wichtigste Grund für die rasante Entwicklung der vergangenen Jahre ist ein Zusammenspiel von 2 Faktoren. Zum einen wurden innerhalb eines kurzen Zeitraums Smartphones besser sowie günstiger und damit für viele Menschen erschwinglich, zum anderen fielen die Internetpreise in Nigeria dramatisch. Somit ist ein riesiger potenzieller Kundenstamm für digitale Unternehmen quasi über Nacht entstanden.

Die Start-ups clustern sich in Yaba Valley

Ähnlich dem Silicon Valley bei San Francisco gibt es auch in Lagos ein Tal, in dem sich die Szene konzentriert: Yaba Valley.

Auch der LeadSpace liegt dort. Kurz bevor sich der letzte Entrepreneur in der Runde vorgestellt hat, macht es erneut »Knack« und das Licht geht wieder an.

Stromausfälle sind ein ständiger Begleiter in Lagos. Die Menschen lassen sich zwar nicht aus der Ruhe bringen, gestehen aber, dass sie von zahlreichen Schwierigkeiten häufig zurückgeworfen werden.

»Gerade die Herausforderungen in Nigeria können uns die größten Chancen bieten.«

Im Mobile Tech Wenn Handynetze im afrikanischen Busch besser ausgebaut sind als in der Lüneburger Heide, dann liegt das daran, dass die afrikanische Telefonie in Riesenschritten technologisch aufschließt und dabei ganze Entwicklungsschritte überspringt. In Afrika sind Festnetztelefone kaum verbreitet, erst mit Handys kam für viele Menschen die Gelegenheit, sich ein Telefon anzuschaffen. Darauf gibt es jedoch schon längst zum Beispiel mobile Bezahlsysteme, die in punkto Verbreitung hierzulande ihresgleichen suchen. ist jedoch genau das Gegenteil passiert. Nigeria ist hier weiter als viele europäische Länder. »Wir hatten Probleme mit unseren Banken und jetzt kann man überall Gastautor Kai Rüsberg war in einem kenianischen Flüchtlingslager unterwegs, wo der Zahlungsverkehr übers Handy läuft mit dem Handy bezahlen,« erzählt Izin Akioya vom Start-up 1000&1 Causes. Sie müssten zwar mit vielen Problemen kämpfen, oft fänden sich aber Lösungen durch Technologie. »Ich denke, dass gerade die Herausforderungen in Nigeria uns die größten Chancen bieten können.«

Eine ähnliche Entstehungsgeschichte hat das Start-up Okadabooks.

Der Buchdruck war eine Revolution – ist diese App die nächste?

Diese 10 Bücher empfiehlt die Redaktion von Perspective Daily »Nigerianer lesen nicht.« Dieser Satz treibt Okechukwu Ofili nach eigener Aussage in den Wahnsinn – und doch muss er ihn wieder und wieder hören. »Nigerianer lesen also nicht. Was genau machen sie dann auf unzähligen Blogs jeden Tag?«, fragt Ofili, tatsächlich leicht aufgebracht. »Es sagt doch auch niemand über ein hungerndes Kind, der Grund sei, dass es kein Essen möge.« Ofili ist ein charismatischer Redner. Jedes Wort, jedes Accessoire sitzt. Seine Jacke hat die exakt gleiche Farbe wie seine App Okadabooks, sonnengelb.

Er sagt, die Leute meinten eigentlich, Nigerianer lesen keine gedruckten David Ehl hat recherchiert, wie nachhaltig Druck-Papier ist Bücher – weil der Zugang dazu fehlt. »Es ist leichter, den Roman ›Alles zerfällt‹ Der Roman des 2013 verstorbenen Autors wurde über 20 Millionen Mal verkauft, in 57 Sprachen übersetzt und gilt als Meilenstein zeitgenössischer afrikanischer Literatur. des Nigerianers Chinua Achebe in Deutschland zu kaufen als hier in Lagos.«

Smarter Verleger: Dank Okechukwu Ofili können Nigerianer günstig Bücher lesen – auf dem Smartphone. – Quelle: Okechukwu Ofili copyright

Nigerias Verlagsbranche ist in keinem guten Zustand. Gedruckte Bücher sind ausschließlich in Städten zu finden und zudem sehr teuer. Ofili erkannte die Marktlücke und entwickelte mit Okadabooks eine digitale und erschwingliche Alternative.

In der App können Bücher veröffentlicht, gekauft, gelesen und diskutiert werden. Das Konzept geht auf. Fast 200.000 Nutzer haben sich laut Ofili bereits bei Okadabooks angemeldet, weit über 1/4 davon loggt sich jeden Monat ein. Der durchschnittliche Preis pro Buch liegt bei einem Dollar, viele Bücher gibt es auch kostenlos.

Okadabooks will Vielfältigkeit und Bildung fördern, sagt Ofili: »Wir haben zum Beispiel Haussa-Autorinnen, Haussa ist nach Englisch Nigerias Amtssprache mit der zweitgrößten Verbreitung. Es ist die Muttersprache von über 20 Millionen Nigerianern. die im Norden des Landes wohnen und früh geheiratet haben. Sie wurden vor der Hochzeit nicht aufgeklärt, und auch heute ist es dort noch verpönt, über Sex zu sprechen. Diese Frauen schreiben jetzt Geschichten, die die Jüngeren auf ihren Handys lesen.« Ofili beschreibt diese Geschichten als Liebesromane mit eindeutigen Informationen über ehelichen Geschlechtsverkehr, zu denen bildungsferne Frauen in ihrer Kultur sonst häufig keinen Zugang hätten.

»Warum arbeiten wir nicht daran, den Yellow Bus Transport zu verbessern?«

Wie viele erfolgreiche Start-up-Unternehmer hat Ofili im westlichen Ausland studiert. Er gehört somit nicht zu dem Teil der Bevölkerung, der mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat. In seiner Kindheit und Jugend habe es tatsächlich nicht an Büchern gemangelt. Auf die Frage hin, ob diese gesellschaftliche Diskrepanz auch ein Problem sein kann, überlegt er erst eine Weile. TED Talk der erfolgreichen nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie über die Gefahr von einseitigen Geschichten (englisch, 2009) »Natürlich ist es ein Problem, dass in Nigeria häufig Menschen Lösungen bieten, die die Probleme gar nicht selbst erlebt haben.« Ofilis Beispiel: Uber. Viele junge Unternehmer versuchten derzeit, die Fahrdienst-App herauszufordern. »Aber Uber ist für große Teile der Bevölkerung immer noch ein unbezahlbarer Luxus. Warum arbeiten wir nicht daran, den Yellow Bus Transport zu verbessern?« Das meistgenutzte öffentliche Verkehrsmittel Nigerias ist notorisch überlastet, die Busse sind marode und Fahrer oft übermüdet, sodass es häufig zu lebensgefährlichen Unfällen kommt.

Schnelle Geschäfte: Fliegende Händlerinnen halten sich gern in der Nähe der Yellow Buses auf, um Fahrgästen ihre Waren anzubieten. – Quelle: Bas Losekoot copyright

Auch bei Okadabooks gibt es Peter Dörrie hat Start-ups in Kenia besucht, die maßgeschneiderte Technik für Afrika herstellen Nigeria-spezifische Herausforderungen, an die bei iBooks oder Amazon Kindle wohl niemand denkt. »Wir mussten bedenken, dass sehr viele Leute gar kein Bankkonto 40% aller Nigerianer haben laut Nigerias Zentralbank kein Bankkonto. haben. Wäre das eine Bedingung gewesen, um ein Buch kaufen zu können, hätten wir große Teile der Gesellschaft ausgeschlossen.« Mit Handys und Prepaid-Guthaben wurde das Problem umgangen.

Auch der Kunst- und Kulturbereich in Lagos boomt

Auch im Kunst- und Kulturbereich in Lagos geht es seit Beginn des Jahrzehnts mit großen Schritten voran. Ein Beispiel ist das LagosPhoto Festival. Seit 2010 findet die Veranstaltung jedes Jahr statt und Interview in der New York Times mit Azu Nwagbogu, dem Gründer des LagosPhoto Festivals (englisch, 2017) findet Beachtung weit über Afrika hinaus. Das Besondere an dem Festival: Die ausgestellten Fotos behandeln immer ein gemeinsames zeitgenössisches oder historisches Thema, das mit verschiedenen Installationen auch im öffentlichen Raum diskutiert wird. In dieser Ausgabe sind es Website des LagosPhoto Festivals (englisch) »Regime der Wahrheit«.

»Hier gibt es ein Verlangen nach Kunst, das Europa irgendwie verloren gegangen ist.«

»Das Festival ist mittlerweile international sehr bekannt. Wir bekommen immer wieder Anfragen aus dem Ausland von Leuten, die das Konzept gern nachahmen möchten«, sagt Maria Pia Bernadoni. Sie ist eine gefeierte Kuratorin aus Italien und gemeinsam mit Azu Nwagbogu Co-Organisator des Festivals. Seit 3 Jahren kommt sie jedes Jahr für mehrere Wochen nach Lagos. »Es ist zwar sehr viel Arbeit, aber jedes Mal wenn ich hier bin, fühle ich mich erfrischt. Hier gibt es eine Energie, ein Verlangen nach Kunst, das Europa irgendwie verloren gegangen ist.«

Bildende Kunst: Das LagosPhoto Festival ist auch über die Grenzen Nigerias hinaus bekannt. – Quelle: Lagos Photo Festival copyright

Jan Hoek und Stephen Tayo, beide Künstler des Festivals, geht es ähnlich. Tayo stammt aus Lagos. »In den letzten Jahren hat sich in der Kunst- und Kulturszene hier sehr viel getan. Natürlich ist da LagosPhoto, aber wir haben jetzt zum Beispiel auch eine eigene Biennale und Art X, eine internationale Ausstellung für zeitgenössische Kunst.«

Hoek ist für LagosPhoto aus Amsterdam angereist. »Ich war begeistert, als ich gesehen habe, dass die [kulturelle] Explosion in Lagos, von der ich von überall zu hören bekommen habe, wirklich stattfindet – und das mit so viel Energie. Die Galerie-Eröffnungen hier sind eher wie Clubparties, mit Cocktails und Tänzern.«

»Es leckt sich nicht von alleine«

Kühner Künstler: Mit seinen Designs macht sich Papa Oyeyemi nicht nur Freunde. – Quelle: Papa Oyeyemi copyright

In der Galerie Quintessence, bei einer der vielen Ausstellungen des LagosPhoto Festivals, treffe ich Papa Oyeyemi. Die Stadt ist groß, aber in der Szene kennt man sich.

Papa Oyeyemi ist Modedesigner. Vor 10 Jahren gründete er sein Label Maxivive – mit 15 Jahren. »Ich habe alle meine alten Klamotten weggegeben und mir 2 Shirts und eine Hose gemacht. Die habe ich dann für 6 Monate getragen. Meine Eltern wollten mich damals zur Therapie schicken.«

Nicht nur zu Hause eckte er an. Seine neueste Kollektion spielt mit Geschlechterrollen. Unterwäsche bedruckt er mit Sätzen wie »Es leckt sich nicht von alleine« und »Gott will, dass Du Dich anfasst« – zu viel Freiheit für viele Nigerianer. »Das Medienecho hier in Nigeria war furchtbar. Dazu kamen Hunderte beleidigende Kommentare in sozialen Medien.«

Im Ausland schlug seine Arbeit jedoch ein. Portrait des Designers Papa Oyeyemi auf vogue.com (englisch, 2017) Maxivive wurde bereits mehrfach in der Vogue vorgestellt, und seine Arbeit wird international gezeigt. Gerade wurde eine Kollektion erst in Brighton und anschließend in Amsterdam präsentiert.

Pants-Provokateur: Papa Oyeyemis Designs sind nichts für prüde Personen. – Quelle: Papa Oyeyemi copyright

Aber auch in Nigeria kommt seine Arbeit zunehmend besser an: »Es gibt jetzt viel mehr Freiheit, Möglichkeiten und Akzeptanz als noch vor ein paar Jahren.« Die Kunst- und Kulturszene werde immer mutiger. Oyeyemi sagt, seine neue Linie wäre zum Beispiel vor ein paar Jahren so nicht möglich gewesen. Nigeria ist ein sehr konservatives Land und zu ungefähr gleichen Teilen christlich (im Süden) und muslimisch (im Norden) geprägt. Nur 1% der Bevölkerung bezeichnet sich als nicht religiös. Homosexualität ist illegal und kann mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden. Ein Modelabel, das zu Oralverkehr und Selbstbefriedigung aufruft und mit Geschlechterrollen spielt, ist vor diesem Hintergrund fast schon revolutionär.

Und dann sagt er noch, er möchte seine Arbeit auch nutzen, um Menschen zu bilden. »Ich glaube nicht, dass alles mit der Zeit besser wird. Es wird nur besser mit Licht.« Aufsatz im Digitalmagazin Aeon: Nahm die Aufklärung ihren Anfang in Afrika? (englisch, 2016) Mit Licht meint er Aufklärung und die Aufgabe, Minderheiten aus den Schatten der Hinterhöfe auf die Straße zu holen.

»Wenn es zusätzliche Probleme gibt, dann werden eben zusätzliche Lösungen gefunden.«

Bei Start-ups, in Galerien oder bei Modedesignern – immer wieder stößt man in Lagos auf das Credo »Unsere Herausforderungen sind unsere Chancen«. Maria Pia Bernadoni, die Kuratorin von LagosPhoto, fasst das so zusammen: »Ein Festival zu organisieren, ist in Lagos 10-mal komplizierter als in Italien.« In Europa hätte man längst das Handtuch geworfen. »Hier ist es aber so, wenn es zusätzliche Probleme gibt, dann werden eben zusätzliche Lösungen gefunden. Dieser Enthusiasmus und die Kreativität hier beeindrucken mich immer wieder aufs Neue.«

Vielleicht ist es genau diese Kreativität, die die Stadt gerade beflügelt.

Felix Franz arbeitet als freier Journalist in Berlin für internationale Fernsehsender wie die BBC und schreibt Reportagen, wenn er unterwegs ist. Manchmal filmt er auch mit seinem Gimbal Ein Gimbal ist eine Art Steadicam fürs Smartphone, also eine Handhalterung, die Verwackelungen ausgleicht und so für ein stabiles Bild sorgt. und kombiniert die unterschiedlichen Formate. Er interessiert sich für Demokratie, Gesellschaft und Umwelt.

Titelbild: Bas Losekoot - copyright

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