Das große Geschäft mit der Unsicherheit

2 Jahre lang haben Gesundheitsportale im Netz mit der Angst um meine Gesundheit viel Geld gemacht. Dieser Text ist Teil meiner Genesung.

5. November 2018  14 Minuten

Der Tag, an dem ich das Unserem Gastautor Niklas Bub ging es ähnlich - er fand selbst einen Ausweg Vertrauen in meinen Körper verlor, begann wie jeder andere auch. Es war einer dieser grauen, schrecklich ungemütlichen Februar-Sonntage, an denen niemand gern das Haus verlässt.

Und trotzdem tat ich es, denn an diesem Tag stand in meinem Kalender in großen Buchstaben »Jobmesse«. Auch wenn ich meine Chancen dort als angehender Politikwissenschaftler eher gering sah, zwang ich mich in meine wind- und regenfeste Jacke. Man weiß ja nie!

Natürlich wurden meine Hoffnungen abermals enttäuscht. Zurück in meiner kargen Studentenbleibe versuchte ich meine Selbstzweifel mit einem Hollywood-Blockbuster in die Flucht zu schlagen. Vergebens.

Schlimmer noch: An diesem Abend kroch das erste Mal das diffuse Gefühl der Angst in meinen Körper und breitete sich dort wie ein Maren Urner erklärt, was wirklich gegen Angst hilft Flächenbrand aus.

In dieser Nacht vor 4 Jahren erlebte ich meine erste Panikattacke.

Von einem Moment auf den nächsten war alles anders.

Ein ungebetener Gast, der mich künftig immer wieder besuchen und für die nächsten Jahre meines Lebens begleiten sollte. Was damals in meinem Körper vor sich ging, überforderte mich. Zum ersten Mal fühlte ich mich, als sei mein Leben akut bedroht: Stiche in der Brust und mein Herz raste, als ob es drohte, mir gleich an den Rippen vorbei aus der Brust zu springen. Meiner Lunge schien die Luft zum Atmen zu fehlen. Was wie ein schlechter Film klingt, war eine unangenehme Erfahrung mit der Todesangst: Ich dachte wirklich, ich müsse in dem Moment, in jener Nacht sterben.

Angsterfüllt und panisch rief ich zuerst meine Freundin an, die mich ins Auto packte und Richtung Krankenhaus steuerte. Doch kaum hatten wir die Hälfte der Strecke hinter uns, überraschte mich mein Körper erneut. Von einem Moment auf den anderen fühlte ich mich … wieder ganz okay. Nach kurzer Diskussion also Kehrtwende, und in meinem Bett angekommen sank ich begleitet von einem leichten Herzrasen irgendwann in einen unruhigen Schlaf.

Was, wenn es wieder passiert? Was sollen die Leute von mir denken?

Am nächsten Morgen zeigte sich mein Hausarzt alarmiert, aber betont ruhig. Nach einigen Standarduntersuchungen schickte er mich mit einer 3-tägigen Krankschreibung wieder heim. Ich solle mal ausspannen und mir nicht so viel Stress machen, dann würde das schon wieder.

Doch die Angst blieb. Angst, dass es wieder passieren könnte.

Angst, dass dieser »Kloß im Hals«, den sicher jeder aus aufreibenden Situationen kennt, so groß würde, dass ich ihn irgendwann nicht mehr schlucken könnte und er mich von nun an auf Schritt und Tritt ängstigen würde. So dauerte es keine 3 Tage, bis ich wieder im Wartezimmer saß – in dem ich von nun an viele Stunden verbringen sollte. Bis ich genug hatte, weil die Mischung aus Unsicherheit und Überforderung mich innerlich auffraß.

Und weil mein Gastautorin Silke Jäger über die enorme Bedeutung der Arzt-Patient-Kommunikation Hausarzt augenscheinlich nicht erkannte, was mit mir nicht stimmte, machte ich einen verhängnisvollen Fehler. Ich tat, was inzwischen 3 von 4 Deutschen, egal welchen Alters, In der Altersgruppe der 19–25-Jährigen sucht eigentlich jeder nach Gesundheitsinfos im Netz – ganze 95%. Vorsicht Fehldiagnose! Kaufmännische Krankenkasse (2018) bei Gesundheitsfragen tun:

Ich fragte das Internet um Rat.

Mein erster Termin bei Dr. Internet

Als erstes googelte ich »Engegefühl Hals«. Kaum hatte ich Enter gedrückt, lieferte mir der unergründliche Algorithmus der Suchmaschine mein vermeintliches Todesurteil: In einer nicht enden wollenden Liste von Gesundheitsportalen, Erfahrungsberichten und Frage-Antwort-Webseiten stürzten Hiobsbotschaften aller Art über mich herein. »Herzinfarkt und seine Alarmzeichen« oder »Luftnot und Atemnot durch zu enges Unterhaut-Gewebe«, um nur einige zu nennen.

Wie monatlich 7 Millionen andere Internetnutzer auch, vertraute ich mich zunächst Netdoktor.de an. Schließlich klang hier die Überschrift nicht so schlimm und der Name der Webseite irgendwie seriös. Das sollte an Qualitätsmerkmalen erst mal ausreichen.

Prominent direkt auf der Startseite platziert ist der »Symptom-Checker«, der mir kostenlos in 3–5 Minuten eine mögliche Diagnose ausspuckt. Genau das, was ich gesucht hatte!

Vor Beginn gibt ein Hinweis zu bedenken, dass das Angebot »auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Behandlung durch ausgebildete Ärzte« verstanden werden darf. Die hatten mir bisher ja wenig weitergeholfen, also nichts wie los. Schließlich hatte ich nichts zu verlieren – dachte ich …

Also vielleicht Christine Knappheide erzählt über den Umgang mit ihrer Krebserkrankung doch Krebs. Während ich die Zeilen lese, fühlt sich mein Hals an, als stecke er in einem Schraubstock, der sich mit jedem Wort weiter zuzieht. Mein Herzschlag überschlägt sich, mein Gehirn schaltet in den Alarmmodus: Was, wenn die Ärzte, mit denen ich gesprochen hatte, einfach keine Ahnung hatten?

Ich bin doch kein Idiot!

Rückblickend bin ich mir sicher, dass ich im besten Fall nach meiner ersten Internetrecherche damals einfach mit jemandem hätte sprechen sollen, der derartige Gesundheitsinfos richtig einzuordnen weiß. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

Klaus Koch, Ressortleiter Gesundheitsinformation am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – Quelle: IQWiG copyright

Immerhin habe ich das jetzt nachgeholt und mir Klaus Koch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ans Telefon geholt.

Er erklärt mir: »Wir sind im Internet stets dem ausgesetzt, was Google bei unserer Kombination aus Suchwörtern für eine sinnvolle Trefferliste hält. Das Problem speziell bei Gesundheitsfragen ist, dass die medizinische Qualität von Informationen dabei nicht geprüft ist.«

»Pipapo!«, hätte ich damals sicher trotzig geantwortet. Schließlich bin ich mit dem Internet groß geworden und erkenne eine seriöse Seite, wenn ich sie sehe. Außerdem hatte ich damals schon 10 Semester auf dem Buckel, inklusive Statistikseminar und wissenschaftlicher Methodik. So leicht lasse ich mich nicht an der Nase herumführen …

»Erreichen Sie Ihre Zielgruppe passgenau!« – Aus dem Angebot für Werbetreibende auf der Homepage von netdoktor.de

Auch das ist rückblickend reichlich naiv.

Immerhin: In einer aktuellen Umfrage sahen das 75% der Befragten durchaus realistischer und outeten sich angesichts der vielen Gesundheitsinfos online Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland – Ergebnisbericht (2017, PDF) als »überfordert«. Kein Wunder, wenn allein der Suchbegriff »Rückenschmerzen« 5,7 Millionen Treffer ausspuckt, von apotheken-umschau.de und schmerzhilfe.de bis rueckeninformation.de ist alles dabei.

Was wollte ich eigentlich erreichen, als ich Dr. Internet konsultierte?

Zu Anfang wollte ich mich eigentlich nur beruhigen. Ich hoffte, zu lesen, dass ich einfach nur ein wenig gestresst war und ich das mit ein paar Tricks und Verhaltensänderungen wieder in den Griff bekommen würde. Ich war doch jung und gesund!

Ich muss doch funktionieren!

Stattdessen begann nach einigen Stunden der Onlinerecherche etwas an mir zu zehren. Kaum dass ich die ersten Webseiten gelesen hatte, sah ich mich einem nicht enden wollenden Strudel ausgesetzt, bestehend aus halbseidenen Erfahrungsberichten, angeblichen Wundermittelchen und pseudowissenschaftlichen Studien. Also forschte ich weiter – Abend um Abend. Und je länger ich auf die anberaumten Facharzttermine und auf einen Platz bei einer Psychotherapeutin warten musste, desto tiefer versank ich im Strudel der Verunsicherung.

Ich begriff nicht, wie ich vor meiner Freundin Tag um Tag über neue Symptome und mögliche Ursachen schwadronierte, von deren Existenz ich vorher nicht einmal eine Ahnung gehabt hatte. Mein ohnehin knappes Budget ging für allerlei rezeptfreie Mittelchen wie Rachensprays, beruhigende Maren Urner erklärt, warum es keine Superfoods gibt und wie du dich trotzdem gesund ernähren kannst Kräutermischungen und teure »Superfoods« drauf. Ich war gefangen in einem immer dichter werdenden Netz aus Heilsversprechen.

Im Internet, in Wurfsendungen im Briefkasten wie der Einkauf Aktuell (hier gibt es Aufmacher wie »Deutschland hat Reizdarm!« zu lesen), beim Einkauf in Super- und Drogeriemärkten – überall versprachen mir vermeintliche »Experten«, Verpackungen und Betroffene DIE Lösung für meine Wehwehchen.

Produkte, die uns irgendwie gesünder machen wollen, gibt es an jeder Ecke. – Quelle: Chris Vielhaus copyright

In meiner von Angst und Unsicherheit vernebelten Situation nahm ich die Dinge irgendwie noch verdrehter wahr, als wir es als Menschen ohnehin andauernd tun – schließlich entscheiden wir auch sonst nie komplett frei von unseren Han Langeslag und Maren Urner beschreiben hier, warum wir nicht alles selbst entscheiden können jeweiligen Begleitumständen.

Ich konnte einfach nicht aus meiner Haut, erst recht nicht, weil mir mein ungebetener Angst-Gast ständig auf die Pelle rückte. Ich griff nach jedem Strohhalm, den ich zu fassen bekommen konnte, um meine Situation zu verbessern.

Und es gibt reichlich perfide Angebote im Netz, die genau hier das große Geschäft wittern:

Besonders erschreckend ist, wenn man nach Krankheitsnamen in Kombination mit dem Begriff »Heilen« googelt, chronische Krankheiten etwa oder Krebs. Bei solchen Suchen werden oft genau die Treffer nach oben gespült, die kaum belegte Heilungsversprechen bieten. Hier wird gezielt versucht, aus der Verzweiflung der Leute Profit zu ziehen. – Klaus Koch, Ressortleiter Gesundheitsinformation des IQWiG

Auch ich gelangte im Kampf gegen meinen ungebetenen Gast bald auf eine Webseite, die diesem Muster zu folgen scheint: das Zentrum der Gesundheit (ZdG).

Mittlerweile kann ich sagen: Ich bin der Webseite dankbar, weil sie mir vor Augen geführt hat, wie das Geschäft mit der Unsicherheit funktioniert.

Krebsheilung mit Backpulver und Vitaminen

Bei meinen ersten Besuchen der Webseite – auf die ich immer wieder geleitet wurde – Grund dafür ist die gute Suchmaschinenoptimierung von Webseiten wie dem Zentrum der Gesundheit. Suchmaschinenoptimierung ist Teil des Onlinemarketings und bezeichnet alle Maßnahmen, die dazu geeignet sind, die Platzierung einer Webseite in den Suchergebnissen zu verbessern, sie also möglichst weit oben in der Trefferliste erscheinen zu lassen, und damit die Aufrufe der Webseite zu steigern. Unternehmen nutzen die Strategie der Suchmaschinenoptimierung, weil sie verhältnismäßig günstig ist, dafür aber oft großen Erfolg bei der Zahl der Aufrufe ihrer Webseite (Traffic) bringt. war ich sehr angetan.

I want to believe

Ein hochwertiges Design, verlinkte Quellen am Ende eines Beitrags und verständlich aufgearbeitete Informationen leisteten beste Überzeugungsarbeit. So stieß ich beispielsweise auf Artikel des Zentrums der Gesundheit über Panikattacken einen Artikel über Panikattacken, der darüber aufklärte, wie häufig sie vorkommen und welches Verhalten dagegen hilft, Maren Urner schreibt über das Wundermittel, das vollkommen umsonst für jedermann ist zum Beispiel regelmäßige Bewegung.

Beim Lesen fühlte ich mich endlich verstanden: Ich war nicht länger allein und Katharina Ehmann erklärt, wie Selbstwirksamkeit funktioniert konnte endlich selbst etwas tun. Doch nach der anfänglichen Euphorie geriet ich bald ins Stolpern: Das Versprechen des ZdG, »mit unzensierten Informationen« über Gesundheit, Ernährung und Naturheilkunde aufzuklären, klang verdächtig nach dem Vokabular von Dirk Walbrühl über »alternative Fakten« und Verschwörungstheorien Verschwörungstheoretikern. Und da war noch mehr. Viel mehr.

Vorsichtig begann ich den Spieß umzudrehen und nicht nach Infos über Symptome, sondern über die Webseiten, die mir diese ausspuckten, zu suchen. Über die Heilsversprechen, die mich so sehr in ihren Bann gezogen hatten.

Wie aus einer Trance gerissen, erkannte ich 3 Merkmale, die alle vereint:

  • »Kauf dich gesund!«

    Die omnipräsente Werbung für vermeintliche Gesundmacher, die stets groß am rechten Rand der Webseite erscheint und auch mehrfach den Fließtext jedes Artikels unterbricht, bietet praktischerweise immer genau die richtigen »Medikamente« an. Denn die angebotenen Produkte passen stets gut mit den im Artikel angepriesenen Wirkstoffen zusammen. Die Webseite über Hämorrhoiden verkauft Salben und Tinkturen; die über Blähungen Probiotika. Das ZdG preist zum Beispiel kolloidales Silber als Artikel beim ZdG über das vermeintliche Wundermittel (2018) Allheilmittel gegen Bakterien und Viren aller Art an. Praktischerweise wird das passende Produkt als Werbebanner direkt im Text angezeigt, welches zum angeschlossenen Webshop führt, in dem 500 Milliliter des Wunderwassers für 25 Euro Kolodiales Silber im an das ZdG angeschlossenen Online-Shop käuflich zu erwerben sind.

    Werbeanzeigen auf der Webseite zentrum-der-gesundheit.de – Quelle: Zentrum der Gesundheit copyright
  • »Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden!«

    Die scheinwissenschaftliche Aufmachung vieler Artikel, die stets versuchen, mit der Angabe von Quellen den Eindruck von Seriosität zu erwecken. Als Nachweis für die Wirkung vom kolloidalen Silber werden dann 2 (!) Quellen angegeben, eine führt ins digitale Nirvana, die andere zu einer ebenso Ziel der einzigen Quelle unter dem Artikel zum kolloidalen Silber (2012) dubiosen Webseite wie dem ZdG selbst.

  • »Mir hat das geholfen!«

    Die zahlreichen Erfahrungsberichte von Menschen, die Krebs mit Selbstbehandlungen, wahlweise bestehend aus Saftkuren, Backpulver oder Vitaminen, selbst geheilt haben wollen. Gleichzeitig wird bei jeder sich bietenden Chancen gegen »die Schulmedizin« gehetzt und mit pauschalisierenden Aussagen um sich geworfen. Im Wortlaut liest sich das so: »Die Schulmedizin behauptet, Gift sei Medizin (z. B. Chemotherapie) und erzählt den Menschen, dass gesunde Ernährung sinnlos sei.« Stattdessen würde gearbeitet mit »toxischen Impfstoffen, Chemotherapien und krebserregenden Mammographien und sogar Babys Medikamente verabreicht, die so giftig sind, dass sie bei den Winzlingen Depressionen auslösen, noch ehe diese überhaupt alt genug zum Sprechen sind!« Die Verlockung von spektakulären Erfahrungsberichten ist größer als die einer repräsentativen, randomisierten Langzeitstudie.

Man selbst würde hingegen »grundsätzlich objektiv informieren«, obwohl, wie im Fall des kolloidalen Silbers, tunlichst vermieden wird, Stellungnahme des ZdG zur Kritik der Verbraucherzentrale Hamburg darauf hinzuweisen, dass es keine belastbaren Studien Maren Urner und Han Langeslag erklären, warum Objektivität eine Fata Morgana ist für die im Artikel geschilderten Wirkungen gibt. Stattdessen wird auch gerne einmal Mahatma Gandhi zitiert So heißt es dort unter anderem: »›Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich …‹ und irgendwann – wenn sich die Wahrheit nicht mehr leugnen lässt – imitieren sie dich. Augenblicklich befinden wir uns in der letzten Phase dieser Entwicklung ;-)« und mit Smileys gearbeitet.

Dass die Pharmalobby mindestens ebenso profitinteressiert ist wie Anbieter rezeptfreier Medikamente, steht außer Frage, ebenso wie es Gastautor Roman Böckmann über Reformchancen für die Zwei-Klassen-Medizin zahlreiche Kritikpunkte am modernen Gesundheitswesen geben mag. Um Behauptungen wie die des ZdG einzuordnen, habe ich mit jemandem gesprochen, der sich sowohl mit Gesundheit als auch mit Ethik bestens auskennt. Eckhart Nagel, Mitglied des Deutschen Ethikrates und selbst Mediziner, findet deutliche Worte:

Eckhart Nagel war von 2002 bis 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrates – Quelle: Universität Bayreuth copyright

Es ist natürlich katastrophal, wenn auf solchen Seiten pauschal gegen Schulmedizin gehetzt und unhaltbare Behauptungen über vermeintlich toxische Impfstoffe aufgestellt werden. Hier ist die Grenze von sachlicher Kritik klar überschritten. Ein Resultat von Strömungen wie diesen ist, dass wir in Europa in diesem Jahr erstmals wieder 36 Maserntote zu beklagen haben. – Eckhart Nagel, langjähriges Mitglied des Deutschen Ethikrates, Chirurg und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaft der Uni Bayreuth

Wer weiß, wäre ich damals nicht doch misstrauisch geworden, hätte mich das bunte Potpourri aus Texten mit durchaus brauchbaren Artikeln zu allgemeinen Gesundheits- und Ernährungstipps vielleicht überzeugt, auch noch mehr teure Kapseln im Shop zu bestellen. Oder schlimmer noch, mich sogar von den Menschen abzuwenden, die mich am Ende aus meinem Angstkarussell herauszerrten: den Schulmedizinern.

Also alles Humbug mit den Gesundheitsinfos im Netz?

Nein, nicht wenn wir es richtig angehen. Dafür müssen wir uns nur darauf besinnen, was die eigentliche Aufgabe des Gesundheitswesens ist.

Zu Risiken und Nebenwirkungen, fragen Sie Ihren Arzt oder das nationale Gesundheitsportal

Nämlich darauf, Menschen zu heilen (und sie im besten Fall sogar vor Krankheit bewahren). Profitstreben führt dabei zu vielen unerwünschten Nebenwirkungen. Idealerweise kreieren wir also ein Gesundheitswesen frei von Kosten-Nutzen-Rechnungen und Marketing-Strategien. Warum arbeiten wir also nicht genau darauf hin und versuchen mögliche Störfaktoren bestmöglich auszuschließen? Zum Beispiel, indem wir ein rein gemeinnütziges Gesundheitsportal mit verbindlichen Standards für alle schaffen?

Genau daran arbeitet mein Gesprächspartner Klaus Koch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Im Auftrag des Gesundheitsministeriums hat sein Institut Das Konzept ist hier abrufbar (2017, PDF) ein Konzept erarbeitet, das derzeit von der Politik geprüft wird: »Wir könnten es den Leuten schlicht einfacher machen, indem die guten Webseiten herausgehoben und in einem eigenen Portal zusammengeschlossen werden. Das ist die Kernidee hinter einem nationalen Gesundheitsportal.« Das Konzept sieht vor, nur gemeinnützige Ersteller ohne kommerzielle Interessen in das Portal aufzunehmen.

Hochwertige Gesundheitsinformationen ohne Shop – geht das?

Klar ist aber auch, dass ein nationales Gesundheitsportal nicht automatisch dafür sorgen wird, dass Dr. Internet immer die beste Hilfe liefert. »Deswegen müssen wir generell die Gesundheitskompetenz jedes Einzelnen unterstützen, wahrscheinlich am besten wohl Gastautorin Veronika Prokhorova zeigt, was wir von Estlands Schulen lernen können schon in der Schule«, sagt Klaus Koch. »Das gilt besonders für die Medizin, weil es hier, wie in vielen anderen Bereichen auch, falsche oder übertriebene Versprechungen gibt.« Ein gemeinnütziges Portal würde hier, einmal richtig etabliert, die Suche nach verlässlichen Informationen wesentlich vereinfachen.

Um das zur Realität werden zu lassen, muss das Gesundheitsministerium bei der Umsetzung des IQWiG-Konzepts Gemeint ist das Konzept vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). 3 wesentliche Punkte berücksichtigen:

  1. Ohne Moos nichts los: Das nationale Gesundheitsportal muss von Anfang an mit ausreichend Ressourcen ausgestattet werden, um den ansprechenden kommerziellen Webseiten in nichts nachzustehen. Laut Konzept belaufen sich die jährlichen Kosten für den Betrieb auf ca. 5 Millionen Euro.
  2. Gemeinsam sind wir stark: Das Portal hat die Chance, gemeinsamer Wissensschatz für alle Einrichtungen im Gesundheitswesen zu werden. Sogar Krankenkassen, Arztpraxen und Krankenhäuser könnten profitieren – und so ganz nebenbei für die nötige Bekanntheit werben.
  3. Ohne Suchmaschinenoptimierung geht es nicht: Google wird auf absehbare Zeit die Nummer 1 für die schnelle Suche nach Informationen bleiben. Daher muss das nationale Gesundheitsportal dort gut abschneiden und bei Suchen möglichst weit oben auftauchen.

Was also im ersten Moment einen Hauch von Utopie hat, ist bereits zum Greifen nah. Läuft alles nach Plan, müssen sich künftig vielleicht weniger Menschen über gruselige Diagnosevorschläge aus dem Netz den Kopf zerbrechen.

Dieser Artikel ist in jedem Fall auch ein Teil meiner Genesung.

Und jetzt?

Wo stehe ich nach 2 Jahren Verhaltenstherapie und geduldiger Unterstützung durch meine Frau, Freunde und Familie? Ja, auch heute befrage ich noch ab und an Dr. Internet und mache mich auf die Suche nach Symptomen. Der wichtigste Unterschied zu damals ist aber nicht die Frequenz, sondern das jeweilige Ziel: Ich begebe mich nur noch auf Webseiten ohne kommerzielle Interessen, wie zum Beispiel die Webseite »gesundheitsinformation.de« des IQWiG.

Denn eins weiß ich sicher: Mit meiner Unsicherheit sollte niemand Geld verdienen.

Die im Text erwähnten Gesundheitsportale »netdoktor.de« und »gesundheit.de« ließen meine Anfragen bezüglich Qualitätssicherung und Finanzierung ihrer Angebote unbeantwortet.
»zentrum-der-gesundheit.de« antwortete per E-Mail: »Sehr geehrter Herr Vielhaus, vielen Dank für Ihre Mail und Ihre Anfrage. Aufgrund der Ferienzeit ist es uns jedoch leider nicht möglich, Ihre Fragen fristgemäß zu beantworten. Abgesehen davon finden Sie alle Informationen über unser Portal auf unserer Seite: Über uns.«

Titelbild: Robin Schüttert - copyright

von Chris Vielhaus 

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

Themen:  Psychologie   Internet   Gesundheit  

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