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Wer gegen Konstruktiven Journalismus ist, hat ihn nicht verstanden

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Kommentar — 6 Minuten

Wer gegen Konstruktiven Journalismus ist, hat ihn nicht verstanden

21. Juni 2017
Themen:

Die Welt besteht nicht aus Zuckerwatte. Genau deshalb sollten Medien darüber berichten, wie wir sie besser verdauen können.



Für die Nachrichten brauchst du starke Nerven: Schon wieder ein Lastwagen, der in eine Menschenmenge rast, der nächste Krieg tobt, und gleichzeitig sind noch mal 80 Geflüchtete ertrunken. Als wäre die Welt nicht verrückt genug, kommt noch Donald Trump. Kurz bevor du verzweifelt abschaltest, beginnt der Wetterbericht: Sonnig bis heiter, dem Grillen mit Freunden steht nichts im Weg und beim ersten Bissen ist der vermeintliche Hier schreibt Maren Urner über das Menü zur Weltrettung Weltuntergang auch schon wieder vergessen. Die Sonne lacht, das Essen schmeckt, die Stimmung ist gut.

Bist du Beantworte diese 4 Fragen, um es herauszufinden ignorant? Oder kommen die Nachrichten einfach nur aus einer anderen Welt?

Weder noch.

Nachrichten informieren dich in erster Linie darüber, was alles schiefläuft in der Welt. Das ist wichtig – aber zu wenig. Nicht erst seit Donald Trump ist es Zeit für einen Journalismus, der schon vor dem Wetter damit anfängt, dir die Welt realistisch zu erklären.

Hier sind 3 Gründe, warum die Welt so dringend mehr Konstruktiven Journalismus braucht.

1. Weil es nichts bringt, den Kopf in den Sand zu stecken

Juliane Metzker erklärt, wie Literatur Kinder schon früh gegen Extremismus wappnen kann Terror, Frederik v. Paepcke erklärt die weltweite Lösung gegen Klimawandel: den Handel mit Emissionszertifikaten Klimawandel, Dirk Walbrühl interviewt die Macher von #ichbinhier, einer Initiative gegen Hatespeech Hass im Netz: Kein Problem der Welt wird dadurch gelöst, dass du dich resigniert abwendest oder dass Journalisten aufhören, darüber zu berichten. Wenn du krank bist, wirst du auch nicht gesund, indem du die Symptome ignorierst. Stattdessen gehst du den Ursachen auf den Grund und bekämpfst sie.

Wo die Welt Fieber hat, sollten Journalisten recherchieren, wie es geheilt werden kann. Genauso wird Journalismus besonders dort gebraucht, wo die Welt Fieber hat. Ist die Welt wirklich krank? So klingt es zumindest, wenn wir zählen, wie häufig das Wort »Krise« in der Berichterstattung auftaucht: Finanzkrise, Griechenlandkrise, Flüchtlingskrise, … Diese Einordnung ist nicht zielführend, magst du dir beim Grillen mit deinen Freunden denken.

Wenn wir in Zusammenhängen statt Ereignissen denken (dazu gleich mehr), stoßen wir auf eine andere Krise, die tatsächlich mit Fieber zu tun hat: Die menschengemachte globale Erderwärmung. Aber auch für die gibt es Lösungen – wir müssen sie nur noch umsetzen.
Aber nicht nur, indem Journalisten über Symptome berichten, sie müssen auch Ursachen recherchieren und erklären, wie es geheilt werden kann.

Was wäre also, wenn Journalisten bei jeder Recherche zu einem Problem auch die Frage stellten, wie es gelöst werden kann? Wenn sie nicht nur über Krankheiten, sondern auch über Medikamente – Maren Urner erklärt das Wundermittel Bewegung oder sogar Prävention – berichten würden? Genau das machen Anhänger des Konstruktiven Journalismus.

Leider wird der Konstruktive Journalismus oft missverstanden: Er sei belangloser Rosa-Zuckerwatte-Journalismus, meinen die einen. Er komme mit einer Agenda, wolle Menschen ein bestimmtes Weltbild aufdrücken und überschreite die Grenze zum Aktivismus, meinen die anderen. Letztendlich hat jeder, also auch jeder Journalist, eine Agenda – und sei es nur, ein Ereignis so zu erklären, dass es in sein Weltbild passt. Mehr dazu gleich in der dritten These. Ein anschauliches Beispiel davon, wie solche eine undifferenzierte Kritik aussieht, kannst du hier lesen, inklusive Antwort von Perspective Daily. Und dritte glauben, er erhebe sich über den vorhandenen Journalismus, der nach der Logik eines Sprachfuchses dann ja destruktiv sei.

Deshalb eine kurze Auffrischung, worum es eigentlich geht. Wichtigste Zutat ist die zusätzliche W-Frage: Neben Wer?, Wie?, Was?, Wo?, … fragt Konstruktiver Journalismus auch: »Wie geht es weiter?«

Die Welt ist nicht komplexer geworden – sie ist nur näher an uns heran gerückt. Viele Menschen beklagen, die Welt sei komplexer geworden. Die Welt ist schon lange komplex, aber unsere Wahrnehmung reicht jetzt dank Dauerinternet und Smartphone viel weiter als noch vor wenigen Jahren. Mit einem stärkeren Fokus auf Langzeitentwicklungen können Journalisten für mehr Verständnis sorgen. (Auch ohne die wichtigen Ereignisse des Tages auszublenden.) Das hilft dabei, sich weniger erschlagen zu fühlen von der Fülle an Nachrichten, die jeden Tag auf dich einprasseln. Dabei den Blick auf die Zukunft zu richten – und die willst du doch auch miterleben, oder nicht? – Lösungsorientierte Texte sorgen für mehr Verständnis und erhöhte Handlungsbereitschaft (englisch, 2014) ist nicht nur sinnvoll, sondern motiviert auch noch zum Handeln.

2. Weil Zusammenhänge die Welt besser erklären

Deshalb berichten wir über Langzeitenwicklungen statt über Einzelereignisse. Konstruktiver Journalismus zeigt mögliche Szenarien, wie sich Dinge weiterentwickeln können und wie wir das beeinflussen. Das heißt, ein Ereignis – sagen wir, ein Terroranschlag – wird eingeordnet. So kann die Wahrscheinlichkeit genannt werden, selbst zum Opfer zu werden Frederik v. Paepcke erklärt, warum Senioren gefährlicher sind als Terroristen (die wesentlich geringer ist, als von einem Rentner überfahren zu werden). Er erklärt die Hier schreibt Juliane Metzker über das Zusammenspiel von Terrorismus und Medien Wirkweise und Ziele des Terrorismus, statt sein Mithelfer zu werden, Meedia zur »ANGST!«-Titelseite der Bild-Zeitung indem er groß »ANGST« auf die Titelseiten schreibt oder Diese Studie zeigt: Die Berichterstattung über schlimme Ereignisse ist traumatischer, als dabei selbst vor Ort zu sein (englisch, 2014) verwackelte Handyvideos blutverschmierter Opfer und panischer Menschen zeigt.

Es ging der Menschheit nie besser als jetzt. Wusstest du, dass es der Menschheit Max Rosers Projekt »Our World in Data« (englisch) nie besser ging als jetzt? Nie war die Kindersterblichkeit niedriger, nie war die Alphabetisierungsquote höher, Hast du den Ignoranztest hier schon gemacht? Dann weißt du, dass mittlerweile (mehr als) 80% aller Menschen ab 15 Jahren lesen und schreiben können. und während du diese Zeilen liest, arbeiten Millionen Menschen auf der ganzen Welt an Dingen, die sie zu einem besseren Ort machen: an neuen Krebstherapien, umweltfreundlichen Baumaterialen oder der Abschaffung diskriminierender Gesetze. Das ist nicht rosa Zuckerwatte, sondern ein beträchtlicher Teil des Weltgeschehens – der Realität – genau wie Unfälle, Mord und Totschlag. Und tatsächlich sind es genau diese Entwicklungen und Zusammenhänge, die für dein Leben langfristig mehr Bedeutung haben. Mord und Totschlag gab es zu jeder Zeit der Geschichte. Smartphones, Penicillin und Photovoltaik haben unsere Welt tatsächlich umgekrempelt. Bezogen auf die Alphabetisierung: Es gibt weltweit immer noch erwachsene Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Dieser Bedeutung stellt sich der Konstruktive Journalismus, indem er Einzelereignisse einordnet.

Dadurch verschieben sich die Prioritäten. David Ehl findet, Trumps Austritt aus dem Pariser Abkommen nütze dem Weltklima Ein neuer Tweet aus dem Weißen Haus? Völlig egal, Was nötig ist, wenn wir so weitermachen wie bisher, beschreiben wir hier solange die Menschheit die Erdatmosphäre weiter anheizt. Der Konstruktive Journalismus schert sich um die Zukunft und damit um die wirklich bedeutsamen Fragen, anstatt sich in der intellektuellen Tiefe von wilden Behauptungen in 140 Zeichen zu erschöpfen.

3. Weil Journalisten auch nur Menschen sind

Egal ob bei Workshops von Perspective Daily oder von unseren internationalen Kollegen – überall auf der Welt äußern Journalisten dieselbe Motivation, warum sie ihren Job machen: »Ich bin Journalist geworden, nicht nur weil ich dabei an interessante Orte komme, spannende Menschen treffe und die auch noch alles fragen kann. Vor allem bin ich Journalist geworden, weil ich etwas bewegen und mich in die Gesellschaft einbringen will. Meine Arbeit als Journalist hat direkte Auswirkungen auf die Welt, in der ich lebe«, sagt David Ehl. Damit ist er nicht allein. Die beiden Vorreiterinnen im Konstruktiven Journalismus, Cathrine Gyldensted und Danielle Batist, die weltweit Workshops geben, machen laut eigenen Angaben ebenfalls diese Erfahrung. Egal wo und wann sie Journalisten befragen.

»Meine Arbeit hat direkte Auswirkungen auf die Welt – und ist immer Produkt meines Weltbilds.« »Ich bin zwar nur ein kleiner Schreiberling in einer David Ehl über Pressefreiheit und Medienvielfalt vielfältigen Medienlandschaft, aber es ist auch an mir und meiner Berichterstattung, ob die Gesellschaft weiter auseinanderdriftet oder zusammenfindet. Meine Arbeit macht einen Unterschied – und sie ist immer Produkt meines Weltbilds.« Es ist Zeit für einen Journalismus, der sich dieser Verantwortung bewusst ist. Denn kein Journalismus bildet die Welt nur ab, In ihrem Buch »From Mirrors to Movers« beschreibt Cathrine Gyldensted, warum Journalismus nicht unvoreingenommen sein kann (englisch) er bewegt sie immer auch.

Konstruktiver Journalismus gibt sich gar nicht erst der Illusion hin, objektiv zu sein. Vielleicht denkst du jetzt: Moment, aber ich will doch objektiv informiert werden! Das ist schlichtweg nicht möglich. Ob Journalisten zuerst über die Opfer oder die Täter schreiben, Maren Urner und Han Langeslag über den Backfire-Effekt ob sie zum Tathergang Augenzeuge X oder Ermittler Y zitieren, das ist ihre Entscheidung als Journalisten, die sie aufgrund ihrer persönlichen Einschätzungen treffen. Wenn sie ihren Job gut machen und unabhängig berichten, Häufig ist Unabhängigkeit gemeint, wenn von Objektivität im Journalismus die Rede ist: Dabei geht es darum, als Journalist kritischer Beobachter zu bleiben, anstatt seine Unabhängigkeit durch zu viel Nähe zu verlieren.

Auf einer anderen Ebene sind Journalisten und Medien jedoch nie ganz unabhängig: Sie sind abhängig von der Gunst derer, die Geld in die Kasse spülen. Wenn jedoch Unternehmen Anzeigen schalten und das Medium gleichzeitig über sie berichtet, ist diese Unabhängigkeit bedroht. Wozu das führen kann und wie Medien dem entkommen können, schreibt David Ehl in seinem Text über Journalismus-Finanzierung.
vertraust du ihnen als Leser und bezahlst ihre Arbeit. Wenn dir klar ist, dass ein sorgfältiger, erfahrener, aber nicht unfehlbarer Mensch diese Zeilen tippt, David Ehl über verschiedene Wege, mit Journalismus Geld zu verdienen hilft das letztlich auch der wirtschaftlichen Situation der Branche; vor allem aber der Glaubwürdigkeit des Journalismus.

Wenn wir Journalisten es schaffen, in unserer Berichterstattung ein realistisches Weltbild zu vermitteln, dann schafft das auch eine stärkere Bindung zu dir. Als Leser (oder Hörer oder Zuschauer) bist du genauso Teil dieser Welt. Konstruktiver Journalismus diskutiert nicht nur Lösungen – er ist Teil der Lösung für viele Probleme unserer Zeit.

Dieser Text wäre nicht ohne die Unterstützung von Han Langeslag und Felix Austen entstanden.

Titelbild: senza senso - CC BY

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