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So beenden wir die Wohnungsnot wirklich

Bezahlbare Wohnungen sind knapp. Fleißiges Bauen und mehr Wohngeld werden das Problem aber nicht lösen.

25. September 2018  10 Minuten

Hunderttausende von Geflüchteten lösten die Krise aus, die die Bundesrepublik auf Jahre beschäftigen sollte. Unmut über die Neuankömmlinge machte sich in der Bevölkerung breit. Die Politik sah sich zu drastischen Maßnahmen gezwungen.

Wir befinden uns im Jahr 1990. Nach der Wiedervereinigung machten sich Tausende Menschen aus der ehemaligen DDR auf den Weg, um in den attraktiven Ballungszentren im Westen ein neues Leben zu beginnen. Niemand hatte so plötzlich mit so vielen Wohnungssuchenden gerechnet. Die Preise stiegen.

Die Parallelen liegen auf der Hand. Nur gelten heute, im Jahr 2018, so viele Menschen wie noch nie als wohnungslos: 1,2 Millionen sind es. Als wohnungslos gilt, wer keine dauerhafte Wohnung hat und stattdessen in Unterkünften lebt, in denen der Aufenthalt zeitlich begrenzt ist. Anerkannte wohnungslose Geflüchtete fließen mit in die Statistik ein. Ihre Zahl wird auf 686.000 geschätzt. Die Zahl der übrigen Wohnungslosen beträgt schätzungsweise 520.000 Menschen. Rechnet man die geflüchteten Zuwanderer heraus (was wenig Sinn ergibt, da sie genau wie jeder andere eine Wohnung brauchen), ist noch immer ein Anstieg von über 50% gegenüber dem Jahr 2014 zu verzeichnen. Auch die Zahl der von Straßenobdachlosigkeit betroffenen Menschen ist gestiegen: 52.000 Menschen leben ohne jede Unterkunft auf der Straße. Das sind Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (2018) fast 4-mal so viel wie noch vor 4 Jahren.

Anders als noch im Jahr 1990 betrifft die heutige Wohnungsnot aber nicht nur die Ärmsten. Längst haben auch Familien mit 2 Erwerbstätigen Probleme, in Städten wie München, Berlin oder Düsseldorf eine bezahlbare Unterkunft zu finden.

Der am vergangenen Freitag abgehaltene »Wohngipfel« sollte nun endlich die Wende bringen. Nur: Viele der beschlossenen Maßnahmen sind ausgerechnet dieselben, die uns erst in die Misere befördert haben. Dabei reicht ein Blick in die jüngere Geschichte, um Lösungen zu finden.

Zeit also für eine Zeitreise.

Erster Halt: Wiedervereinigung!

Helmut Kohl hatte nicht nur mit einer Mauer zu kämpfen, sondern auch mit Wohnungsnot. – Quelle: Tobias Kaiser copyright

Wohnungskrise? Da war doch mal was

In den 1980er-Jahren lief es noch am deutschen Wohnungsmarkt. Durch jahrzehntelange Anstrengungen waren die Kriegsschäden behoben. Viele Menschen konnten sich sogar den Traum von den eigenen 4 Wänden erfüllen. Da fast alle versorgt waren, lehnte sich die staatliche Wohnpolitik zurück und lockerte die Han Langeslag erklärt hier, warum wir die Idee vom freien Markt besser fallen lassen sollten Regulierungszügel für Bundesdeutsche Wohnungspolitik seit 1945 – Schader Stiftung (2006) Vermieter und Immobilienunternehmen. Trotzdem konnte die Bundesrepublik kurz vor der Wiedervereinigung noch immer fast 3 Millionen Sozialwohnungen ihr Eigen nennen.

Die deutsche Einheit setzte eine innerdeutsche Völkerwanderung gen Westen in Gang. Eigentlich waren für die Menschen auch genug Wohnungen vorhanden – nur leider nicht dort, wo sie gern leben wollten.

Die Antwort der Regierung Kohl: den sozialen Wohnungsbau hochfahren, um Wohnungen mit bezahlbaren Mieten zu schaffen. Das ging aber nicht von heute auf morgen. Pläne wollten gemacht, Baukapazitäten geschaffen und – nicht zu unterschätzen – qualifiziertes Personal und Material herangeschafft werden.

Wesentliche andere Maßnahmen gab es damals nicht. So dauerte es bis zum Ende der 1990er-Jahre, ehe sich der Wohnungsmarkt stabilisierte.

Eigentlich hätte es so schön sein können. Doch ab dem Jahr 2008 wendete sich der Trend und der Wohnungsmangel in Deutschland nahm wieder zu – ganz ohne neue Geflüchtete.

Bezahlbarer Wohnraum dringend gesucht!

Wohnungslosigkeit ist nicht mit Obdachlosigkeit zu verwechseln, auch wenn beides in der Regel eng mit Armut zusammenhängt. Als wohnungslos gelten Menschen ohne festen Wohnsitz und Mietvertrag. Die verstärkte Zuwanderung von Geflüchteten seit dem Jahr 2015 hat die Situation verschärft. Jedoch stellt der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe Thomas Specht im Bericht für das Jahr 2017 klar: »Die wesentlichen Ursachen für Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit liegen in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland, in Verbindung mit der unzureichenden Armutsbekämpfung.«

Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.

Was ist schiefgelaufen?

Die Antwort lautet: einiges. Doch »die da oben« sind nicht an allem allein schuld. Denn einige Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben die Wohnungsnot zusätzlich befeuert:

  1. Allein lebende Senioren: Immer mehr alte Menschen leben allein. Wenn die Kinder aus dem Haus und der Ehepartner verstorben ist, ziehen nur wenige in kleinere Wohnungen um.
  2. Singlehaushalte: Immer mehr junge Menschen leben in Einpersonenhaushalten – und teilen sich mit niemandem Küche und Bad. So braucht der Einzelne im Verhältnis mehr Fläche. War »Zurücklehnen und den Markt machen lassen« wirklich die richtige Idee?
  3. Einkommensschere: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. So steigt die Konkurrenz um Hier zeige ich, warum sich viele Menschen trotz Mindestlohn keine Wohnung in der Stadt leisten können günstigen Wohnraum unter der steigenden Zahl von Menschen mit Hier zeige ich, wie es um die Verteilung des Wohlstands in der Bundesrepublik bestellt ist geringem Einkommen.
  4. Normale Zuwanderung: Der Tenor hieß lange: Wir werden immer weniger, also brauchen wir nicht mehr viele Wohnungen. Trotzdem wanderten nach der Wende jedes Jahr mehrere 100.000 Menschen nach Deutschland ein – Menschen Eine sehr gute Zusammenstellung von Zahlen und Fakten zum Thema Flucht und Asyl in den Jahren 1990–2005 – bpb (2005) aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei oder aus Russland. Auch sie brauchten eine Unterkunft.

An diesen Punkten ist politisch kurzfristig nicht viel zu drehen und sie allein hätten den Wohnungsmangel auch nicht so verschlimmert. Doch ein Trendsetter spielte noch mit und goss Öl ins Feuer: Vonovia.

Nächster Halt unserer Zeitreise: Ein Abstecher in die 2000er-Jahre.

Zur Regierungszeit Gerhard Schröders wurden zahlreiche öffentliche Wohnungen und Grundstücke an private Investoren veräußert. – Quelle: Tobias Kaiser copyright

Wie der große Ausverkauf des »Betongoldes« begann

Die meisten Deutschen haben von Homepage der Vonovia SE Vonovia wahrscheinlich noch nie etwas gehört. Das sollten sie aber: Denn so heißt der größte Eigentümer von Mietwohnungen in Deutschland. 355.000 davon besitzt der börsennotierte Konzern heute, dazu verwaltet er weitere 65.000 Wohnungen anderer Besitzer.

Was soll das Grundrecht auf Wohnen sein? Ein Sozial- oder Spekulationsgut?

Neben Vonovia tummeln sich zahlreiche weitere Immobilienunternehmen wie die Deutsche Wohnen AG (163.000 Wohnungen) oder die LEG (91.000 Wohnungen) auf dem Wohnungsmarkt. Ihre Strategie: im großen Stil Wohnungen in den sogenannten »Schwarmstädten« Als Schwarmstädte werden Wohnorte bezeichnet, die aufgrund beliebter Merkmale eine besonders hohe Anziehungskraft besitzen. Ein schöner Stadtkern mit angebundener Natur, eine ausgeprägte Infrastruktur oder eine renommierte Universität können auf dem Wohnungsmarkt schnell zu einer überproportionalen Nachfrage führen. Zu den bekannten Schwarmstädten in Deutschland gehören München, Hamburg – oder auch Münster. erwerben. Vorzugsweise ehemalige Sozialwohnungen zum Schnäppchenpreis.

Und damit wären wir im Jahr 2004 angekommen. In dieser Zeit häuften sich Fälle wie diese: Der damalige Finanzsenator Berlins, Thilo Sarrazin, verkaufte auf einen Schlag 65.000 Wohnungen der damals noch staatlichen GSW Immobilien AG an den Die Berliner Zeitung über den Verkauf der größten landeseigenen Berliner Wohnungsbaugesellschaft GSW (2004) US-Investor Cerberus. Stückpreis: 32.040 Euro. Für eine Wohnung in Berlin eine lächerlich geringe Summe. Zum Vergleich: Heute zahlt man für eine kleine 3-Zimmer-Wohnung in Berlin-Wedding ohne große Ansprüche im günstigsten Fall 200.000 Euro – die Skala ist nach oben offen.

Das ist kein Einzelfall. Durch diverse Deals wie diesen hatten viele Kommunen überall in der Republik die Kontrolle über die eigene Stadt verloren: Je weiter die Zahl der eigenen Sozialwohnungen und öffentlichen Grundstücke zurückging, umso weniger Einfluss konnten sie auf die Entwicklung nehmen.

Sozialwohnungen: Weniger statt mehr

Die Zahl der sogenannten belegungsgebundenen Sozialwohnungen nimmt seit 30 Jahren kontinuierlich immer weiter ab. Schuld am Schwung sind in erster Linie der Verkauf an private Investoren und das Auslaufen der befristeten Belegbindungen. Daher sinkt der Bestand weiter, obwohl auch neue Sozialwohnungen geschaffen werden sollen.

Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.

Auf diese Weise schrumpfte der Bestand von Sozialwohnungen in den letzten 30 Jahren von 3 Millionen auf heute gerade noch Entwicklung der Zahl von Sozialwohnungen in der Bundesrepublik 1,14 Millionen. Bundesweit. Währenddessen steigen die Renditen der privaten Immobilienunternehmen durch Mietpreis-Steigerungen In den mittelgroßen und großen deutschen Städten sind die Mieten seit dem Jahr 2012 teilweise um mehr als 30% gestiegen. In einigen Berliner Kiezen hat sich die Durchschnittsmiete in den vergangenen Jahren sogar verdoppelt. In München sind Kaltmieten bei kleinen Wohnungen von 25 Euro pro Quadratmeter nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. und Beitrag in der rbb-Abendschau mit dem Thema »Angst vor Modernisierung bei Vonovia-Wohnungen« Luxussanierungen, deren Kosten auf die Bewohner umgelegt werden, bis heute Der NDR berichtet über Mieterhöhungen nach Sanierung in immer neue Höhen.

Ein lohnendes Geschäft, bei dem nicht nur die Mieter verlieren, sondern auch die Staatskasse. So gab die öffentliche Hand bereits vor dem massiven Anstieg der Zuwanderung im Jahr 2014 jährlich etwa 16,5 Milliarden Euro für Mietförderungen im Rahmen von Neue Wohnungsgemeinnützigkeit – Rosa-Luxemburg-Stiftung (2018) Grundsicherung und Wohngeld aus. Allein in den Jahren 1980–2014 kamen so etwa 112 Milliarden Euro zusammen. Steuergelder, die vor allem Löcher stopfen, die der versagende Markt erst gerissen hat.

Eine finanzielle Einbahnstraße: öffentliche Mittel, um Renditeerwartungen zu befriedigen

Davon profitieren auch diejenigen, die maßgeblich für das Problem verantwortlich sind: die großen Immobilienunternehmen. Steigen die Mieten aufgrund ihrer Aktivitäten, muss der Staat noch mehr Wohngeld aus Steuermitteln zahlen. Ein willkommenes »Perpetuum mobile« Der Begriff »Perpetuum mobile« kommt aus dem Lateinischen und steht für »sich ständig Bewegendes«. Gemeint ist ein fiktives Gerät, das – einmal aktiviert – ewig in Bewegung bleibt und – je nach Konstruktion – Arbeit verrichten kann. aus Preissteigerung, Einfahren öffentlicher Gelder und immer neuen Gewinnzuwächsen.

Doch das reicht vielen Immobilien-Investoren noch nicht. Viele bezahlen auch eher ungern Steuern auf ihre Renditen: Ein Gutteil der Gewinne fließt durch dubiose Kanäle in Steueroasen wie zum Beispiel Wie die Steuertricks von großen Konzernen funktionieren, erkläre ich hier die Niederlande. Im Jahr 2017 betrug allein Vonovias Reingewinn Geschäftsbericht Vonovia 2017 (2018) 2,567 Milliarden Euro. Profit aus dem Ganzen gibt es also hauptsächlich für die Aktionäre, Der große Ausverkauf – Verdi (2018) unter ihnen die Finanzkonzerne Blackrock, Barclays Capital und die Citigroup. Sie sind damit mitverantwortlich, dass es seit dem Jahr 2008 mit dem bezahlbaren Wohnraum in Deutschland wieder bergab geht.

Haben die verantwortlichen Politiker in der Zeit neuer Geflüchteter und explodierender Wohnungspreise ihre Lektion gelernt?

Reisen wir mit unserer Zeitmaschine in die Gegenwart und finden es heraus. Nächster Halt: Wohngipfel 2018!

Kanzlerin Merkel hat die Wohnungspolitik wieder zur Chefsache erklärt – mit Erfolg? – Quelle: Tobias Kaiser copyright

Bauen, bauen, bauen? – der Wohngipfel 2018

Kanzlerin Angela Merkel will die Wohnpolitik wieder zur Chefsache machen. Zusammen mit Innen-, Heimat- und Bauminister Horst Seehofer Mitte September kamen Zweifel an der Prioritätensetzung Seehofers auf. So plante er kürzlich, den ausgewiesenen Wohnungspolitik- Experten und Staatssekretär Gunther Adler (SPD) zugunsten des ehemaligen Präsidenten des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen in den Vorruhestand zu schicken. Nach einigem politischen Hin und Her bleibt Adler aber nun doch im Amt. Nach aktuellem Stand wird Maaßen eine andere Stelle im Innenministerium einnehmen. lud die Bundeskanzlerin daher am vergangenen Freitag zum Wohngipfel in die Hauptstadt, um sich zu beraten.

Wer profitiert von einem Wohnungsgipfel (fast) ohne Wohnungssuchende?

Bereits vorab versprach die Kanzlerin, nicht zu kleckern, sondern beim Wohnraum zu klotzen. 1,5 Millionen neue Wohnungen sollen bis zum Ende der Legislaturperiode entstehen. Auch der Bauminister favorisiert eine Lösung besonders: bauen.

Das klingt zunächst vielversprechend. Allerdings ist es nicht uninteressant, wer beim Wohnungsgipfel nicht mitreden durfte: die Wohnungssuchenden. Sehen wir also genauer hin, was genau wie und für wen gebaut werden soll.

  • Wer entscheidet?

    Auf dem Wohnungsgipfel waren die Immobilienunternehmen Vonovia und Co. vertreten, ebenso wie die Verbände der Bauwirtschaft – sie unterhalten beste Kontakte zur Politik. Als Vertreter derer, die betroffen sind und in den Wohnungen wohnen sollen, war einzig der Mieterbund geladen. David gegen Goliath also, denn ganz draußen bleiben mussten die zahlreichen Bürgerinitiativen für bezahlbaren Wohnraum, unabhängige Mietvereine und Vertreter der Wohnungslosen.
  • Was soll gebaut werden?

    1.500.000 neue Wohnungen klingen gut, das macht 375.000 pro Jahr. Nach dem ersten Regierungsjahr sind bisher aber nur 300.000 fertig. Das entspricht lediglich dem steigenden Bedarf, am grundsätzlichen Wohnungsmangel ändert sich dadurch nichts.

    Schon vorab nannte Bauminister Horst Seehofer Deregulierung und Entbürokratisierung als Mittel der Wahl, um die ambitionierten Bauziele zu erreichen. Außerdem wurden erhebliche Steuervergünstigungen für Investoren beschlossen, um sie zum Bauen anzureizen. Auch nach dem Gipfel bleibt offen, ob der Bau von Luxuswohnungen, die für die Immobilienunternehmen besonders lukrativ sind, von den dafür versprochenen Förderungen und Steuerentlastungen ausgenommen oder reduziert sind.

    Experten für Wohnen und Stadtentwicklung bewerten diesen Weg, ähnlich wie das umstrittene Hier kommentiere ich, warum das Baukindergeld eine Mogelpackung ist Baukindergeld, als kostspielig und Artikel in der Zeitschrift für kritische Stadtforschung (2018, PDF) wenig effektiv.
  • Für wen wird gebaut?

    Auch wenn die Anreize zu mehr Baustellen im Land führen: Für den so dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum sieht es besonders düster aus. So verkündete die Kanzlerin, dass 100.000 neue Sozialwohnungen gebaut werden sollen. Was sie nicht sagte: Das sind weniger als bisher – und bei weitem nicht genug, um dem Schwund entgegenzuwirken. Denn die genannte Zahl bezieht sich auf den Zeitraum bis zum Ende der Legislaturperiode. Im Jahr 2017 wurden zuletzt noch 27.000 Sozialwohnungen fertiggestellt.

    Dementsprechend hat der Bund die bisherige Fördersumme von 1,5 Milliarden Euro sogar noch um 33% auf 1 Milliarde Euro reduziert. Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins e. V., findet dafür deutliche Worte: »Ein größeres Armutszeugnis kam man sich selbst gar nicht ausstellen. Es ist gelungen, die Öffentlichkeit zu blenden. Das hat nichts mit der Beseitigung der Engpässe bei preisgünstigen Wohnungen zu tun.«

Fazit:

Soziale Wohnungspolitik gab es auf dem Wohngipfel nicht. Mietsteigerungen werden nicht verhindert, und schon gar keine neuen, bezahlbaren Wohnungen geschaffen. – Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins e. V.

Die Devise »Einfach mehr bauen!« wird die Wohnungskrise also nicht lösen – zumindest solange private Wirtschaftsinteressen mitdiktieren, wer in den neuen Wohnungen leben darf, Gastautorin Laura Kingston zeigt in ihrer Reportage aus Berlin, wie das funktioniert welche Mitbestimmungsrechte die Bewohner haben und ob es Grenzen für die Preisentwicklungen gibt.

Eine echte Lösung liegt heute auf der Hand – ganz ohne Zeitmaschine.

Sozialer Wohnungsbau kann gelingen, wenn er richtig angegangen wird. – Quelle: Tobias Kaiser copyright

3 Punkte, um Wohnen wieder zum Sozialgut zu machen

Anstatt den privaten Wohnungsmarkt endgültig von der Leine zu lassen, sollten wir ihm lieber einen Maulkorb anlegen – er hat schließlich in der Vergangenheit bewiesen, dass er ohne Aufsicht nicht kann. Das sehen auch die 200 Wissenschaftler so, die sich in einem Appell in der Zeitschrift suburban für eine »wirklich soziale Wohnungspolitik aussprechen«, Wissenschaftler fordern Schutz der Bestandsmieten, Gemeinnützigkeit und Demokratisierung für eine soziale Wohnungspolitik (2018, PDF) die sich entschlossen gegen »die soziale Blindheit des Marktes« stellt. Sie stammen aus den verschiedensten Feldern der Städteforschung, der Sozialwissenschaften sowie der Ökonomie und versuchen, die Regierung zum Handeln für die wohnungssuchenden Menschen und gegen Unternehmensprofite zu bewegen.

Mit diesem Plan können wir Wohnen für uns und künftige Generationen bezahlbar machen – und dauerhaft profitieren:

  1. Wohnungen klotzen, aber die richtigen:

    Hier darf nicht gespart werden, auch wenn die anfänglichen Investitionen für Kommunen und Bund hoch sind. Wie sehr sich das lohnt, sieht man am Beispiel von Wien. Durchschnittsmiete: 5,68 Euro pro Quadratmeter. Das ist in etwa die Hälfte von dem, was in München fällig wird. Wie das geht? Nur 1/3 der Website der Stadt Wien zum Thema »Soziales Wohnen« Wohnungen in Wien unterliegen dem freien Markt, die Stadt hingegen verfügt über 900.000. 220.000 als direkte Gemeindewohnungen, 200.000 Wohnungen in gemeinnützigen Wohnungsunternehmen und der Rest öffentlich gefördert mit dauerhafter Mietbindung. Damit hat sich die österreichische Landeshauptstadt in den letzten Jahrzehnten einen Schatz zugelegt, statt die vorhandenen öffentlichen Güter unter Wert an Investoren zu verkaufen.

    Gleiches gilt für wertvolles Bauland: Hier schlägt der Deutsche Gewerkschaftsbund vor, dies nicht länger einfach an die Höchstbietenden zu verkaufen, sondern nur an gemeinwohlorientierte Wohnungsunternehmen mit sozial Pressemitteilung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (2018) nachhaltigen Konzepten.

    Mehr Wohnraum in öffentlicher Hand Öffentliche Investitionen und inklusives Wachstum in Deutschland – Bertelsmann-Stiftung (2017) spart so auf Dauer eine Menge Geld, denn dann bräuchte es weniger individuelle Förderung für Mieter, die 18 Milliarden Euro pro Jahr würden in die Tasche von Vermietern umverteilt. Die Wiener haben das verstanden: Dort gibt es kein Wohngeld.
  2. Gemeinnützigkeit stärken:

    Wer hier Mieter ist, hat das große Los gezogen: In Regionen mit Wohnungsmangel sind es häufig gemeinnützige Wohnungsunternehmen und Genossenschaften, die noch bezahlbare Wohnungen für Geringverdiener, Studenten und Rentner anbieten. Bund und Kommunen müssen also nicht alles allein machen, sondern können einen Teil der Förderungen und Subventionen hier nachhaltig anlegen.

    Zudem gibt es viele Bürgerinitiativen wie das Mietshäuser Syndikat oder die Recht auf Stadt-Bewegungen, die sich bereits heute gegen die Herrschaft des Marktes stemmen.

    Die Förderung dieser Zusammenarbeit ließe sich in ein Gesetz gießen, in dem die im Jahr 1988 abgeschaffte sogenannte Studie mit Details zu Voraussetzungen, Modellen und erwarteten Effekten einer »Neuen Wohnungsgemeinnützigkeit« (2017, PDF) Wohngemeinnützigkeit wiedereingeführt würde. Antrag: Die neue Wohngemeinnützigkeit – Bündnis 90/Die Grünen (2016, PDF) Grüne sowie Antrag: Bundesweiten Aktionsplan für eine gemeinnützige Wohnungswirtschaft auflegen – Die Linke (2016, PDF) Linke hatten das bereits im Jahr 2016 gefordert. Der Vorstoß scheiterte damals maßgeblich am Widerstand der Union, die die Anträge als »Panikmache« bezeichnete und darauf beharrte, Mitschnitt der ersten Lesung »Aktionsplan für gemeinnützige Wohnwirtschaft« – Deutscher Bundestag (2016) der Markt funktioniere »im Großen und Ganzen«.
  3. Wohnen neu denken:

    Schon die 3 kleinen Schweinchen wussten: Wer ein stabiles Haus bauen will, der braucht Steine. Wer viele bauen will, braucht eine ganze Menge Steine, zusätzlich Holz, Beton, Eine aktuelle Studie zeigt: Energieeffizient bauen ist nicht so viel teurer, wie häufig behauptet wird (2018, PDF) Dämmmaterial und noch vieles mehr. Dazu noch qualifiziertes Personal, das alles zusammensetzt – und genügend Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, die die Anträge effizient bearbeiten können. Denn auch hier hakt es, da in den Jahren 1991–2010 jeder dritter Arbeitsplatz für Baugenehmigungen in den Rathäusern gestrichen wurde. Wohnungsbau ist kein Propeller, den man mal eben anwerfen kann

    Bei allen ambitionierten Plänen darf also nicht vergessen werden, dass es bereits beim heutigen Bauvolumen zu Fachkräftemangel im Handwerk führt zu Auftragsabsagen (2018) Ressourcen-Engpässen kommt. Umso wichtiger ist es daher, Alternativen zum klassischen Neubau und neue Wohnkonzepte mitzudenken. Beispiele gibt es viele: Tiny houses: Das Wohnen der Zukunft? – NDR (2018) Tiny houses, David Ehl berichtet über Lösungen durch Architektur und fordert »City Lofts« für alle! City-Lofts und umgestaltete Immobilien wie ungenutzte Kirchen.

    Das ist in jedem Fall nachhaltiger, als unnötig neue Flächen mit den falschen Wohnungen zuzupflastern. Felix Austen zeigt am Beispiel der Wärmepumpe Vorteile des nachhaltigen Bauens auf Die Umwelt freut sich nämlich über jede Felix Austen erklärt, warum sich Flächenversiegelung durch den Menschen negativ auf die Natur auswirkt Grünfläche, die nicht mit Beton versiegelt wird.

Titelbild: Tobias Kaiser - copyright

von Chris Vielhaus 
Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

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